Maulwurf gräbt im Verfassungsschmutz

Ich setze mal meinen Aluhut auf.

Ist es vorstellbar, dass der „Maulwurf“ beim Verfassungsschutz, der einer islamistischen Ideologie angehangen haben soll, gezielt dort platziert wurde? Vom Verfassungsschutz? Immerhin häufen sich die Aufforderungen an die Behörde, sich intensiver mit dem rechtsextremen Rand der Gesellschaft zu beschäftigen. Traditionell scheinen die Schnittmengen der Rechtsextremisten und der Schlapphütte besorgniserregend groß zu sein. Die NSU-Morde sind dafür nur der letzte Beleg.

So kommt der Maulwurf zur passenden Zeit. Gerade wurde der Verfassungsschutz angewiesen, die „Reichsbürgerbewegung“ zu beobachten, was man dort bisher nicht für notwendig erachtet hatte. In den nächsten Monaten dürften wir wieder mehr über die Gefahr „des Islam“ und weniger über die Gefahr nationaler Faschisten hören. So wird der Verfassungsschutz die rechtsextreme Szene weiter „führen“ und die radikalen Islamisten bekämpfen. Die Folgen dieser Politik versucht man gerade am Oberlandesgericht München aufzuklären. Er könnte mindestens 10 Menschen das Leben gekostet haben.

Jetzt setze ich den Aluhut wieder ab.

Das Problem an dem Gedanken ist, dass es bisher keiner Möglichkeit zu geben scheint, wie der Verfassungsschutz zu transparentem Handeln gezwungen werden kann. Er verweigert sich bisher erfolgreich demokratischer Kontrolle. Das hat er den Reichsbürgern voraus. Es liegt in der Natur eines Geheimdienstes, nicht alles öffentlich zu machen. Bisher hat sich der Verfassungsschutz jedoch auch einer parlamentarischen Kontrolle weitgehend entzogen. Wäre der Verfassungsschutz eine demokratische Behörde, könnten Abgeordnete seine Arbeit überprüfen, vor die Presse treten und uns mitteilen, ob es ein Problem gegeben hat oder nicht. Ob dieses Problem öffentlich diskutiert und gelöst werden sollte, hängt vom Einzelfall ab. Diesem Vorgehen entzieht sich der Verfassungsschutz jedoch, indem er Akten vernichtet und Ermittlungen behindert.

Als Freund unserer Verfassung müsste ich eigentlich auch Freunde einer Behörde sein, deren Name angibt die Verfassung zu schützen. Im Moment scheint der Name aber eher eine Form von orwellschem Neusprech zu sein. Oh, jetzt hatte ich aus Versehen den Aluhut wieder aufgesetzt.

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Herrenwitze

Wahrscheinlich im Grundschulalter habe ich das erste mal gehört, dass die ersten Siedler die „Indianer“ mit Glasperlen bezahlt haben. Irgendwie habe ich nicht gedacht, wie doof die „Indianer“ gewesen sein müssen, sondern hatte eher das Gefühl, mir fehlt ein Stück Information. So könnte es auch Harald Lesch und David Precht in „Herrschaft der Zahlen“ gegangen sein“ als sie unter anderem über Geld sprachen und an der falschen Stelle lachten.

Ich lese gerade „Schulden“  von David Graeber. Leider bin ich weit davon entfernt, alle von ihm vorgestellten Konzepte durchdrungen zu haben. Aber das Rätsel mit den Glasperlen hat sich aufgelöst. Es gab viele Gesellschaften in der Geschichte, in denen Objekte als „Währung“ genutzt wurden, die keinen anderen Zweck erfüllen konnten. Diese Währungen wurden nicht im Alltag benutzt sondern für besonders wichtige Ereignisse. Ein sinnloses Objekt wie eine Glasperle als Zahlungsmittel anzuerkennen, ist demnach nicht so weit hergeholt wie es sich für einen mitteleuropäischen Grundschüler anhören mag.

Harald Lesch spricht darüber, dass Geld heute nur noch aus Nullen und Einsen besteht, nur noch virtuell vorhanden ist. Es sei nicht genug Geld da, um all das virtuelle Geld auszuzahlen. Lesch und Precht sind sich darüber einig, dass das total lächerlich ist, mit dem virtuellen Geld. Eine Tollheit der Moderne.

Geld hatte in der großen Mehrzahl der Gesellschaften in denen es genutzt wurde auch einen virtuellen Wert. In den wenigsten Fällen war eine Münze soviel Wert, wie das Material aus dem sie gemacht wurde. Das Geld war soviel Wert, wie die Gesellschaft gemeinsam beschloss, dass es Wert war. Lesch und Precht sind sich in ihrer Lustigkeit einig, dass Bargeld etwas wert ist, virtuelles Geld, also die Nullen und Einsen auf unseren Konten hingegen nicht.

Dabei ist der Wert eines 500 Euroscheines fast nur virtuell. Denn es handelt sich um ein Stück aufwendig verarbeitetes Papier, dessen Materialwert sich nur darum rechtfertigen lässt, weil sein virtueller Wert so hoch ist.

Herr Precht und Herr Prof. Lesch waren sich einig. Unsinn überall Unsinn. Ich bin mir uneins, immer noch, ob ich den Herrn Prof. Lesch vor allem langweilig oder vor allem pastoral finde.

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Doch, es war auch Sexismus

Es gibt die Hypothese, dass ein Teil der Ursache für die Wahlniederlage Hillary Clintons Sexismus war. Um diese Hypothese zu widerlegen wird dann gesagt, Hillary wäre nicht eine so schlimme Politikerin, weil sie eine Frau ist, sondern weil so furchtbare Sachen gemacht hat. Schaut man sich diese „Sachen“ aber genauer an, erscheinen sie als relativ undramatische Ereignisse in einem Politikerleben. Das entschuldigt sie nicht, das heißt nur, sie gehören zum Geschäft. Ich glaube den meisten Menschen, dass sie tatsächlich meinen, wenn sie sagen, dass sie Hillary im Prinzip wählen würden, wenn sie eben nicht so schrecklich wäre.

Aber warum erscheint sie so schrecklich, obwohl sie eine normale Politikerin ist? Sexismus. Es gibt kaum einen Politiker (!), der seit Jahrzehnten dermaßen angegriffen wurde, für im Grunde alles. Bevor ich das selbst versuche zu erklären, werde ich ein paar Videos und Texte verlinken, die meine Hypothese stützen.

Video: Let Hillary be Hillary – Wie wurde aus Hillary Rodham Hillary Clinton. Der zweite Teile lohnt sich auch (Emails!!!)

Video: Scandals – John Oliver über den Unterschied zwischen Clinton und Trump

Text: How Hillary became Hillary

Text: „War on“ – Trumps schrille und stille Helfer – Schön herausgearbeitet wie subtil Sexismus in dieser Kampagne gewirkt hat.

Text: How Hillary Clinton met Satan

 

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Trump. We have to talk.

Zu viel Politik. Stephen Colbert hat es gesagt. Zu einem Zeitpunkt als noch nicht definitiv war, dass Donald Trump US-Präsident wird, es jedoch schon ziemlich danach aussah. Vielleicht beschäftigen „wir“ (wer auch immer das ist) uns zuviel mit Politik und nicht zuwenig. Eigentlich hatte ich mir diese Worte zu Herzen genommen und mir vorgenommen meinen Konsum von Texten und Videos über die Folgen der Wahlen in den USA zu meiden. Leider habe ich dafür die falschen Freunde in sozialen Netzwerken.

Mit den Folgen der Wahlen in den USA müssen jetzt die Bürger dort fertig werden. Leider zeichnet sich ab, dass, um Stephanie zu zitieren „Frauen, LGBTI, brown/black/Latino, immigrants, Muslime“ die ersten sind die direkte Folgen zu tragen haben. Ähnlich wie es nach dem Brexit in Großbritannien war. Es bleibt zu hoffen, dass das nur ein Phase ist. Und zwar aus individueller und nicht aus historischer Perspektive. Trotzdem fällt es schwer, die Augen von den USA zu nehmen. Es ist wie ein Unfall, man kann einfach nicht wegschauen.

Dabei haben wir in Europa ähnliche Probleme. In Frankreich hat Frau Le Pen Chancen gewählt zu werden und die AfD schlägt sich bei uns auch wacker. „Wir“ haben jetzt die Aufgabe aus den Fehlern der Amerikaner zu lernen. Zumindest sollten wir es versuchen.

Mir kam dazu folgender Gedanke:

Als Mensch der für sich in Anspruch nimmt, kritisch zu denken, muss ich zumindest in Betracht ziehen, dass Mr. Trump nicht die Katastrophe ist, für die ihn halte. Ich muss in Betracht ziehen, dass Meine Wahrnehmung seiner Aussagen durch mein Weltbild, meine Ideologie verzerrt ist. Es gibt Millionen Menschen die genauso überzeugt Davon sind, dass er ein guter Präsident wird. Ich denke, dass sie sich irren. Ich hoffe allerdings, dass ich mich geirrt habe.

Kritik kam von Johannes:

Dann muss man aber erst mal bei der Ideologie des Rassenwahns, des Nationalismus, des Kreationismus und dem ganzen Kram anfangen, den Trump so raushaut.

Der Einwand zeigt, dass meine Äußerung sich vielleicht nett anhört, aber völlig unklar ist, was das konkret für meine Handeln bedeutet. Man könnte es als leeres Gewäsch bezeichnen. Was ist also mein Ziel?

Heute morgen schrieb ich, dass es nicht unwichtig ist, zumindest in Betracht zu ziehen, dass die eigene Ansicht nicht die richtige ist. Wäre die Wahl anders ausgefallen, wären fast genausoviele Menschen in Amerika traurig und verzweifelt und genauso viele würden triumphieren. Es wären nur andere. Und beide Gruppen wären genauso überzeugt, dass der Sieg verdient und die Zukunft gut oder die Niederlage ungerecht und die Zukunft dunkel sein würde.
Natürlich halte ich den Sieg Trumps für eine Katastrophe, insbesondere aufgrund der Werte die ihm fehlen. Aber eben weil ich das für eine Katastrophe halte, muss ich mir die Frage stellen, wie ein ähnliches Szenario für Deutschland (Le Pen gratuliert dem designierten Kanzler Höcke) verhindern lässt. Und das geht nur, wenn „wir“ Menschen davon überzeugen, dass „unsere“ Idee (Humanismus, Aufklärung, Demokratie, Menschenrechte und so) die besseren sind. Und dafür muss ich mit anderem Menschen sprechen, Menschen, die nicht meiner Meinung sind. Das ist aber nicht möglich, wenn ich nicht wenigstens in Betracht ziehe, dass ich mich irre.

Seit Tagen denke ich darüber nach, was für mich nicht verhandelbar ist. Bei welcher Ansicht ziehe ich nicht in Betracht mich evtl. zu irren. Welche Ansicht die ich habe, ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit richtig, wahr, ein Dogma. Im Moment sind das die Menschenrechte. Die Menschenrechte sind meine Rote Linie. Die Menschenrechte sind das Fundament auf dem ich bereit bin mit jeder und jedem zu diskutieren. Jemand der die Menschenrechte in Frage stellt, macht es schwer mit ihm oder ihr eine gemeinsame Basis zu finden.

Dabei ist für mich wichtig, nicht jeder Person, die für Trump, AfD oder Le Pen wählt zu unterstellen, sie würde dies tun. Michael Moore hat in einer amerikanischen Frühstücksshow sehr nachvollziehbar erklärt (das Video ist 44 Minuten lang), warum so viele Menschen für Trump gewählt haben, die vor vier Jahren für Obama gestimmt haben und warum so viele Menschen nicht wählen gegangen sind. An der Art, wie Moore versucht hat Trump-Anhänger von Hillary Clinton zu überzeugen, können „wir“ uns eine Scheibe abschneiden. In „Michael Moore in Trumpland“ war er emphatisch für die Bedürfnisse der Menschen und trotzdem leidenschaftlich für seine Position ohne belehrend zu sein (meistens zumindest). Dass er gegen GMO polemisiert verzeihe ich ihm dann auch.

…Fortsetzung folgt.

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Wahn oder nicht Wahn?

In der Zeit gibt es diese Woche ein Sonderheft zum Thema Psychotherapie. Da habe ich qua Profession zugegriffen. Den allgemeinen Text über Psychotherapie finde ich insgesamt gelungen, gestolpert bin ich jedoch über folgenden Absatz:

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In meinem Text zu den Reichsbürgern habe genau das Gegenteil behauptet und mich gegen eine Pathologisierung politischer Ansichten gewandt. Auch in meinem Vortrag zum Zusammenhang zwischen der Zustimmung zu irrationalen Glaubenssystemen und psychischer Gesundheit, habe ich die Ansicht vertreten, dass es ein Zeichen psychischer Gesundheit sein kann, irrational sein handeln oder denken.

Nun würden mich die Quelle dieser „Erkenntnisse“ interessieren und was KollegInnen zu dieser Aussage denken. Ich halte die Aussage für Quatsch. Damit will ich nicht ausschließen, dass ein Mensch, der an einem Wahn leidet dies durch krude politische Ansichten zeigt. Aber nur weil ein Mensch nicht zu überzeugen ist (von den Argumenten, die ihm präsentiert werden, in der Form in der sie ihm präsentiert werden), ihm oder ihr einen Wahn anzudichten, erscheint mir doch als sehr psychiatrische Perspektive. Psychologische Faktoren werden dabei ignoriert. Oder irre ich mich und halte an einer irrationalen Überzeugung fest?

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Ich im Trumpland

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Vor 200 Jahren muss die Straße, die ich gerade mit meinem Mietwagen entlangfahre, schwer vorstellbar gewesen sein. Links der Straße fällt die Küste steil ab, geformt von flüssigem Gestein, welches auf dem Weg zum Pazifik erkaltete. Rechts dicht bewachsene Hänge, die ebenso steil in den Himmel ragen. Dazwischen, ein dünner Streifen Zivilisation, die Straße. Auch die Geschwindigkeit mit der ich das Land bereise, dürften auf Menschen, die hier vor 200 Jahren lebten, unrealistisch wirken. Ganz zu schweigen von der unanständigen Menge an Energie, die benötigt wurde, mich hierher zu bringen. Liebe Enkel, die Dörfer auf den Nordseeinseln mögen nur noch bei Ebbe sichtbar sein, aber meine Reise war wirklich ein tolles Erlebnis.

In diesen Wäldern soll Bigfoot wohnen. Doch zur Zeit wohnt hier ein anderes Schreckgespenst. Seine Anhängerschaft ist mindestens so Leidenschaftlich, wie die des mythischen Affenmenschen der pazifischen Regenwälder. Und genauso in der Realität verhaftet. Oregon ist ein „blauer Staat“, relativ fest in der Hand der Demokraten, doch Schilder auf auf dem Land werben ausschließlich für „Trump Pence 2016“. Hillary findet kaum statt, nur in den Städten sind vereinzelt „Stronger Together“ Schilder zu sehen. Die einzige rationale und demokratische Kandidatin in diesem Rennen bekommt weniger Werbung als Bigfoot. Weibliche Ambitionen sind uns immer noch suspekt: „What is she up to?“

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Lewis und Clark erschlossen vor 200 Jahren den pazifischen Nordwesten der USA und machten damit den Rest des amerikanischen Kontinents der Zivilisation -damals „dem weißen Mann“- zugänglich. Vorher waren einige unzivilisierte Taten notwendig, deren Echo noch widerhallt. Die Eroberung des Kontinents durch den Menschen haben Narben hinterlassen. Sie erzählen, wie überall auf diesem Planeten, die Geschichte unserer Spezies. Den Pfad von Lewis und Clark können wir noch heute nachvollziehen, wenn wir das Quecksilber nachweisen, welches sie als Medikament einnahmen und als Sondermüll ausschieden.

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Hinter mir liegt meine erste direkte Beobachtung von Grauwalen und ein regnerischer Abend an der unruhigen Pazifikküste. Geschlafen habe ich in einem Motel in der Tsunamizone. Der politische Tsunami der auf die USA in Form der Kandidatur Donald Trumps zurollt, hinterlässt im Alltag bisher wenige sichtbare Spuren, in Oregon. Die Schilder am Rande der Straße wirken wie Menetekel. Kaum vorstellbar, wer die aufgestellt hat. Bisher bringt sich niemand in Sicherheit. Wohin auch? Dies ist „the greatest country on earth.“

Überall in den USA werden Menschen am 8.11.16 nicht nur über ihr nächstes Staatsoberhaupt abstimmen, sondern auch über Gesetze in ihren Bundesstaaten. Was in Amerika „Wahl“ genannt wird, heißt bei uns „direkte Demokratie“, als wäre es etwas Besonderes. Im Vorfeld erhalten die BürgerInnen dafür ein Heft, in dem Gegner und Befürworter ihre Argumente darlegen können. In Wahlkampfzeiten ist spürbar, wie tief die Demokratie in den USA verwurzelt ist. So unperfekt ihre Ergebnisse zuweilen auch sein mögen. So unperfekt wie die Menschen, die sie hervorbringen. Donald Trump ist so ein Ergebnis. So wie das Bild von Hillary Clinton als eine besonders verlogene und korrupte Politikerin: „What is she up to?“

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Illegaler Import aus Japan. Nicht in Trumps AMERICA!!!

Für die erste Debatte der beiden BewerberInnen bin ich in Deutschland noch am frühen Morgen aufgestanden. Ich sah ein souveräne Kandidatin, die ihren Widersacher dahin lockte, wo sie ihn haben wollte. Eine Woche ging Trump danach mithilfe von Tweets und Interviews auf Alicia Machado los. Die zweite Debatte sah ich bei Burger und Bier in einer Bar mit dunklem Holz und tiefen Decken. Am Tisch neben uns saß ein Musiker, der schon mal in Chemnitz gespielt hatte und nach der Debatte hier das Publikum unterhalten sollte. Auch hier Ratlosigkeit und Fatalismus. In Oregon wohnen auf ⅔ der Fläche von Deutschland knapp 4 Millionen Menschen. Da kann man sich auch 4 Jahre im Wald verstecken. Bigfoot gelingt das seit Jahrzehnten.

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Einem Tsunami gehen ein oder mehre Erdbeben voraus. Die Erdbebenserie der Stärke „Trump“ auf der nach rechts offenen Faschismusskala entstand aus einer gemeinsamen Anstrengung führender Vertreter der republikanischen Partei. Die hatten vermutlich nicht damit gerechnet, selbst von der Wucht der Welle weggespült zu werden drohen. Im Gegensatz zu den Bürgern, die das mögliche Unheil mit stoischer Ruhe und Sarkasmus erwarten, laufen die Parteioberen Hügel hinauf, halten Ausschau, kommen wieder herunter, versuchen Alltag zu spielen und können sich nicht entscheiden, ob es auf dem Hügel nicht doch besser ist.

Mein Vater hat auf die amerikanische „Kultur“ (seine Anführungszeichen, nicht meine) geschimpft und für meine „Comicsprache“ (meine Anführungszeichen, nicht seine) verantwortlich gemacht. Als ich in der 5. Klasse war, haben 4 Klassenkameraden und ich zu fünft gegen den 1. Irakkrieg demonstriert. Ich bin, aus heutiger Sicht, mit latentem Antiamerikanismus aufgewachsen und so war es beinahe ein Schock, wie deutlich dieses Land aus jeder Pore Demokratie ausdünstet. In Deutschland wird Wahlkampf für die Bürger gemacht. In den USA machen die Bürger Wahlkampf. Bei uns kommt davon nur die Pompöse Getöse der Wahlkampfmaschinerie der Präsidentschaftskandidaten an. Hier stehen in „jedem“ Vorgarten Schilder, mit denen die jeweiligen Menschen ihre Meinung deutlich machen. Nicht nur für Kandidaten (Bürgermeister, Senat, Präsident), sondern auch für Gesetze.

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Mount St. Helens

Am Morgen des 18.05.1980 rutschte in Washington der Berghang des Mount St. Helens erst ab und explodierte dann. Ich stehe auf einem Hügel, dessen Hänge noch heute kahl sind. Der spärliche Bewuchs duckt sich unter dem kalten, trocken Wind, der hier weht. Der Explosion war eine Serie von Erdbeben vorangegangen. Die Gegend war zur Sicherheit evakuiert worden. Soweit man schauen kann, sind nur die Überreste des Waldes zu sehen, der diese Hügel bis vor fast 40 Jahren bedeckt hatte. In den Wochen vor der Explosion hatte sich reger Tourismus um den Berg gebildet. Wir Menschen haben manchmal Schwierigkeiten, die langfristigen Folgen unserer Handlungen abzusehen. Tragen müssen wir sie trotzdem. Der Hügel auf dem ich stehen, befindet sich in der „Todeszone“. Der Berghang, der ca. 6 Km vor mir abgerutscht war, hatte genug Geschwindigkeit, um meinen sicheren Hügel hochzurutschen. Mount St. Helens ist noch immer nicht zur Ruhe gekommen. Im Krater bildet sich bereits eine neue Bergspitze, die von glühendem Gestein aus dem inneren der Erde gespeist wird.

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Reste eines umgeknickten Baumes am Mt. St. Helens.

Trump ist überall und reißt sicher Geglaubtes hinweg. Trump fördert Dinge zutage, über die seit Jahren Gras wachsen soll. Wenn es etwas gutes am Tsunami Trump gibt, dann, dass er zeigt, wie weit der Weg zu einer inklusive Gesellschaft noch ist. Wie tief Ressentiments z. T. sitzen. Das hat er mit der AfD gemeinsam. Auch wenn der Tsunami nicht auf die Küste treffen sollte, wird das Erdbeben eine Trümmerlandschaft hinterlassen. Es bleibt zu hoffen, dass „die Amerikaner“ den Neuaufbau klug gestalten. Die Ressourcen dafür sind da. Und mit dem „Big One“ rechnet man seit Jahren. Nach dem 8. November wird die Welt sehen, wie gut die Amerikaner vorbereitet waren.

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Viele Menschen die ich treffen durfte, wirkten, auf Trump angesprochen, wie in einem Zustand zwischen Schock und Fatalismus. Eine Art demokratischer Fatalismus, mit dem vollen Bewusstsein, dass wenn die Amerikaner Trump wollen, sie Trump bekommen. Im Zuge der Weigerung Frankreichs, dem 2. Irakkrieg zuzustimmen, sollten French Fries, Freedom Fries genannt werden. Als eurozentrischer Pazifist fand ich das damals zum einen anmaßend und zum anderen albern. Heute stimme ich mir von 2003 zu, kann aber mittlerweile nachvollziehen, welche Einstellung dahintersteht. Ich denke, die USA sind „The Greatest Contra On Earth“. Und damit zeigen sie uns, wie weit die Menschheit gekommen ist, und dass unsere Spezies noch einen langen Weg vor sich hat, bis wir stolz auf unsere Zivilisation sein können.

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Stresstest beim Psychiater

Der neue Psychcast ist da (schon etwas länger, aber ich habe ihn gerade erst zeitsouverän gehört). Jan Dreher und Alexander Kugelstadt stellen ihre beliebtesten Psychomythen vor. Spaß haben die beiden an Geräuscheffekten, mit der sie ihre Aussagen untermalen. Ich auch. Eine sehr kurzweilige Sendung, auch für Menschen, die keine Psyche haben.

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Verrückte Reichsbürger

Vor einigen Tagen hat ein Mitglied der sogenannten Reichsbürgerbewegung einen Polizisten so schwer verletzt, dass dieser seinen Verletzungen erlag. Zur Konfrontation kam es, weil der „Reichsbürger“ keine Steuern zahlen wollte. Reichsbürger sind nicht neu. Bereits in der Dokumentation „Deckname Dennis“ von 1997 treten Menschen auf, die eigene Dokumente eines Phantasiestaates präsentieren. In letzter Zeit höre ich vermehrt Aussagen, in denen die Gedankenwelt von Menschen aus neurechte Bewegungen mit „Wahnhaft“, „verrückt“ oder auf andere Weise in die Nähe von psychischen Erkrankungen gerückt wird. Das halte ich für nicht nur falsch sondern für gefährlich und verharmlosend (ganz abgesehen davon, dass es zur Stigmatisierung von psychsich erkrankten Menschen beiträgt). Um es vorweg zu sagen: Natürlich kann man eine psychische Erkrankung haben und gleichzeitig der Reichsbürgerbewegung angehören. Das ist aber weder eine notwendige noch eine hinreichende Bedingung.

Um das anschaulich zu machen, schlage ich eine kleine Reise vor, ein Gedankenexperiment sozusagen.
Wir stellen uns vor, wir würden aus unserer Herkunft, unserer Nationalität, unserer Zugehörigkeit zur „deutschen Nation“ einen großen Teil unserer Identität schöpfen. Jeder von uns hat bestimmte Dinge, die sie oder ihn als Person definieren, Dinge, die sich jedeR selbst aussucht (Sportverein, Hobby, Arbeit, Eltern sein, Glaube/Nichtglaube etc.). Für unser Gedankenexperiment nehmen wir „die Nation“ dazu, verweben sie mit den anderen Teilen, die uns ausmachen und messen ihr einen hohen Wert zu. „Die Nation“ ist uns so wichtig, dass wir bereit sind, unser Leben für ihr Wohlergehen zu riskieren. Eltern würden in ein brennendes Haus laufen um die eigenen Kinder zu retten. In unserem Gedankenexperiment ist uns die Nation so wichtig wie ein Kind.

Eines Tages erfahren wir, dass unsere Nation gar nicht existiert. Zumindest nicht in der Form, wie wir immer dachten. Wir lernen Menschen kennen, die uns darüber aufklären, dass Deutschland noch immer besetzt ist. Wir haben viel mit diesen Menschen gemeinsam. Auch sie sind stolz auf „ihre Nation“ und erleben ihr deutschsein als Identitätsstiftend. Wir mögen diese Menschen, wir treffen uns mit ihnen, grillen mit Ihnen, es werden Bekannte und Freunde. Sie gehören mehr und mehr zu unserem sozialen Netzwerk. Sie werden uns immer wichtiger, einige „gehören zur Familie“.

Anfangs sind wir skeptisch, wenn sie uns erzählen, dass Deutschland kein Staat ist, dass das dritte Reich noch besteht und Deutschland von den Alliierten nicht nur besetzt, sondern kontrolliert wird. Unsere Freunde geben uns Bücher und schicken uns Links zu Blogs und Videos. Überall wird erklärt, dass alles, was man so in der Schule lernt, nicht stimmt. Sogar „Völkerrechtler“ erklären, dass es die BRD nicht gibt.

Irgendwann wandelt sich die Skepsis in Überzeugung. Aus der Überzeugung erwächst Wut. Wut darüber, dass „die Politikerkaste“ das „deutsche Volk“ belügt und alles daran setzt die „deutsche Nation“ zu zerstören. Und damit bedrohen diese „Volksverräter“ nicht ein abstraktes Konstrukt, sondern einen Kern unserer Identität sowie der Identität unserer Freunde. Natürlich sind wir nicht für Gewalt. Wir wollen uns aber wehren, wir müssen uns wehren, gegen die Bedrohung, die von der BRD und ihren Organen ausgeht. Also bereiten wir uns vor und kaufen Waffen, um uns zu verteidigen.

Eines Abends erzählt einer unserer Freunde, er haben aufgehört Steuern zu zahlen, weil er mit seinen Steuern nicht mehr diesen Unrechtsstaat, der ja kein Staat ist, unterstützen wolle. Dieser Freund hat zwar jetzt ziemlich viel Papierkram am Hals aber er scheint damit durchzukommen. Und er zeigt diesem Staat, dass er sich nicht alles bieten lässt. Er erzählt von den Briefwechseln, in denen er die Legitimität der Beamten anzweifelt und freut sich über ihre Hilflosigkeit.

Es entsteht ein Gefühl von Gemeinschaft. Der Kampf für eine gemeinsame Sache schweißt zusammen. Das Gefühl von Wut, gemischt mit Hilflosigkeit gegenüber dieser BRD und der „blinden Gesellschaft“ verwandelt sich in Zorn und Handlungsdrang. Am nächsten Tag hören auch wir auf, Steuern zu zahlen.

Eines Tages, nach Monaten, wenn nicht Jahren von Schriftwechseln, Gerichtsterminen und heftigen persönlichen Auseinandersetzungen, steht ein Gerichtsvollzieher gemeinsam mit dem SEK vor der Tür. Wir wussten dass es so kommen würde und haben uns vorgenommen, uns nicht mehr verarschen zu lassen. Wir werden diese unsere Nation verteidigen. Natürlich haben wir Angst! Maskierte, schwer bewaffnete Schergen einer fremden Macht wollen uns unser Eigentum wegnehmen. Sie berauben das „deutsche Volk“! Wir sind das Volk! Wir lassen uns nicht berauben! In diesem Kampf geht es um etwas Größeres als uns, unser Eigentum oder unser Leben. Es geht um die Zukunft unserer Freunde, unserer Famielie, unserer Nation! Wir haben kaum etwas zu verlieren aber viel zu gewinnen.

Wir zielen und drücken ab. Für Volk und Vaterland. Aus freien Stücken.

Damit endet unser Gedankenexperiment. Schauen wir uns an, was passiert ist. Alle Entscheidungen, die „wir“ auf diesem Weg getroffen haben, haben wir freiwillig getroffen. Alle Entscheidungen haben wir Aufgrund der Wirklichkeit getroffen, die uns umgibt. Unsere Freunde, die Bücher die sie uns empfehlen, die Blogs die wir lesen. Experten! Wir finden an jeder Ecke Belege dafür, dass unsere Meinung korrekt ist. Alles was unserer Meinung nicht entspricht, nehmen wir nicht ernst, entwerten es als Teil der Verschwörung eines übermächtigen Gegners. Jeder Schritt, den wir gegangen sind, baut logisch auf dem Vorherigen auf. Wir sind immer „Herr unserer Sinne“. Wir haben jederzeit die Kontrolle über unsere Gedanken und Gefühle und unsere Taten (Kontrolle meint hier das „normale“ Maß an Kontrolle, welches psychisch gesunde Menschen haben). An keine Stelle war ein Wahn notwendig, um unsere Handlungen zu lenken.

Hätten wir einen Wahn, könnten wir alle diese Dinge zwar ebenfalls denken, doch sie hätten sich uns aufgedrängt, unabhängig davon, was in unserer Umgebung vorgeht. Und wenn es sich um eine psychische Erkrankung handeln würde, wären wahrscheinlich noch andere Symptome vorhanden. Wir würden hören, was Angela Merkel denkt. Wir hätten Angst, Beamte hätten uns Gedanken eingepflanzt und könnten uns beeinflussen. Wir würden mehr und mehr Schwierigkeiten bekommen, unseren Alltag zu bewältigen. Normale Gespräche wären unter Umständen schwierig zu führen. Einen Wahn kann man nur schwer verstecken. Der Mensch aus unserem Gedankenexperiment kann sich jederzeit entscheiden, nicht über sein Reichsbürgertum zu sprechen, wenn der Kontext es verlangt. Einem Menschen mit einer psychischen Erkrankung würde das sehr schwer fallen.

Ich kann und will nicht sage, ob die Person, die den Polizisten erschossen hat, psychisch erkrankt war oder nicht. Das ist auch nicht wichtig. Wichtig ist, dass Menschen, gesunde Menschen, sehr verrückt erscheinende Dinge glauben können, ohne „verrückt“ zu sein. Es ist sogar möglich, dass Menschen gesünder bleiben, WEIL sie an verrückt erscheinende Dinge glauben. Und wir alle müssen aufhören, zu implizieren, dass Menschen verrückt sind, weil sie uns unverständliche Dinge tun. Gerade wenn es sich um Feinde der Demokratie handelt.

Wären alle „Reichsbürger“ verrückt, wäre diese Bewegung kein Problem! Sie sind aber alle bei Sinnen. Sie wissen genau, was sie tun, sie haben sich dazu ENTSCHIEDEN, unsere Gesellschaft zu bekämpfen. Und darum müssen wir uns wehren. Gegen Menschen mit psychischen Erkrankungen müssen wir uns nicht wehren. Menschen mit psychischen Erkrankungen haben ein Anrecht auf eine Behandlung. Zumindest solange, bis die Reichsbürger den Laden übernehmen.

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BH Verbot – Was nach der Burka kommt

[In diesem Text geht es nicht um die politische Bedeutung der Vollverschleierung. Es geht nicht um ihren symbolischen und tatsächlichen Stellenwert in Bezug auf die Gleichstelltung der Rechte von Frauen. Es geht um Menschen und deren Bedürfnisse.]

Prolog:
Vor 20 Jahren ging ich durch die Fußgängerzone einer norddeutschen Kleinstadt. Als mir ein paar junge Männer entgegenkamen und abwertende sowie drohende Gesten in meine Richtung machten, versuchte ich, meine Verunsicherung hinter ein paar Scherzen zu verbergen und mutiger zu wirken, als ich mich fühlte. Ein paar Monate spater versuchte ich in einer Diskothek in einer Kleinstadt in Westfalen zu tanzen, während mich der düstere Blick eines Hünen fixierte, der wohl nur deshalb keine Auseinandersetzung suchte, weil ich kein Gegner für ihn gewesen wäre. Auf der Abschlussfeier meiner Schullaufbahn spürte ich den Frust meines Vaters, der sich von seinem Sohne etwas anderes gewünscht hätte. Mich unterschied von meinen Geschlechtsgenossen,dass ich keine Hose trug. Ich trug einen Rock. Keinen „Schottenrock“ oder ein langes Lederteil auf einer Szeneparty, sondern ein modisches Kleidungsstück (oder was ich dafür hielt), wie es auch einen weiblichen Unterleib verhüllen könnte.

Heute
Im Sommer 2016 wird in Deutschland darüber debattiert, ein Kleidungsstück zu illegalisieren. Denn, so heißt es, dieses Kleidungsstück gefährde unsere freie, offene Gesellschaft. Es stehe nicht für die Werte unserer Gesellschaft. Menschen aus ideologischen oder kulturellen Gründen dazu zu zwingen, sich einem bestimmten Kleidungskodex zu unterwerfen, ist nicht, was wir uns in Deutschland wünschen. Natürlich wird nicht in solch abstrakter Form diskutiert, sonder man diskutiert über die Burka. Oder das, was wir dafür halten.

Einige JournalistInnen haben Menschen interviewt, die Kleidungsstücke tragen, welche die Kriterien von Vollverschleierung erfüllen. Einige dieser Menschen haben angegeben, es würde ihnen Sicherheit geben, sich nicht allen Blicken aussetzen zu müssen. Es dauerte nicht lange, bis hämische Kommentare abgesetzt wurden. Von „ausgedacht“ bis „die wissen es halt nicht besser“ war alles dabei. Es scheint für einige Menschen schwer vorstellbar zu sein, dass ein Kleidungsstück Sicherheit geben kann.
Das Gefühl von Sicherheit ist eines der Grundbedürfnisse von Menschen. Dabei können der subjektive Eindruck von Sicherheit und die tatsächliche Sicherheit durchaus im Missverhältnis stehen. So ist Autofahren deutlich weniger sicher als fliegen, doch deutlich mehr Menschen haben Angst davor zu fliegen, als Angst davor Auto zu fahren. Wenn Menschen Auto fahren, haben sie die Illusion von Kontrolle und fühlen sich sicher.

Wie dieses Grundbedürfnis befriedigt wird, ist individuell sowiedurch unsere Kultur geprägt. So ist es möglich, dass ein Kleidungsstück, welches mit einer unemanzipatorischen Intention eingeführt wurde, einem Menschen das Gefühl von Sicherheit gibt. ‚Die Burka‘ kann ein menschliches Grundbedürfnis erfüllen. Wenn wir als Gesellschaft dieses Kleidungsstück verbieten, bleibt das Bedürfnis nach Sicherheit trotzdem bestehen. Wenn wir als Gesellschaft die Bedürfnisse von Menschen ignorieren werden wir als Bedrohung wahrgenommen. Dabei sind unsere Intentionen (aufklärerisch oder rassistisch) egal. Zumindest aus Sicht der Menschen, denen wir das Gefühl von Sicherheit nehmen

Es gibt Menschen, die eigene Gewohnheiten so wenig hinterfragen, dass sie gar nicht auf die Idee kommen, diese könnten ebenfalls nicht in den kühlen Höhlen der Ratio entstanden sein. Schauen wir uns mal so ein Kleidungsstück an, welches ein Gefühl von Sicherheit geben kann.

Der Büstenhalter oder BH erfüllt, schenkt man Studien glauben, seinen Zweck nicht. Anstatt dafür zu sorgen, die Brüste von Frauen für Männer möglichst ansehnlich und die Folgen von Schwangerschaft und Schwerkraft klein zu halten, scheint er das Gegenteil zu bewirken. Trotzdem entscheiden die meisten Frauen sich dafür, dieses Kleidungsstück zu tragen. Die Motivation mag unterschiedlich sein. Eine Motivation dürfte sein, dass viele Frauen sich wohler fühlen, wenn sie einen BH tragen. Auch wenn sie darüber schimpfen, dass diese unbequem, warm und teuer sind.

In unserer Kultur ‚gehört es sich‘ heute einfach für Frauen, einen BH zu tragen. Entscheiden Frauen sich dagegen, wird das bemerkt. Man(n) spricht darüber oder – wenn ich an meine Schulzeit denke – macht sich darüber lustig. Frauen, die sich entscheiden, keinen BH zu tragen, zahlen einen Preis. Der mag, so weit sind wir als Gesellschaft immerhin, gering sein, doch er ist vorhanden.

Ein Kleidungsstück, welches seinen Sinn nicht erfüllt, wird aufgrund kultureller Normen getragen. Bei den aktuellen Temperaturen gilt das für so ziemlich jedes Kleidungsstück. Wieso trägt noch jemand Kleidung, bei Temperaturen jenseits der 30°C? Weil wir uns als Gesellschaft darauf geeinigt haben. Wir sind kulturell so geprägt, dass wir uns unwohl fühlen, wenn wir nackt durch die Straßen laufen, egal wie schön das wäre. Ich weiß nicht, ob es Gesetze gibt, die das verbieten, ich bin aber sicher, dass sie für die meisten Menschen nicht nötig wären.

Wenn es jedoch um die Verschleierung des Gesichtes geht, gestehen wir Menschen nicht zu, dass sie kulturell so geprägt sind, sich mit mehr oder weniger ausgeprägter Verschleierung wohler fühlen. In den letzten zwei Jahren scheint mir der Kampf für eine humanistische Gesellschaft dadurch geprägt zu sein, dass ich für die Rechte der Menschen eintreten muss, die Ideen anhängen, die, konsequent zuende gedacht, nicht mit einer humanistischen Gesellschaft vereinbar wären. Dabei muss ich mich gegen Menschen stellen, die angeben, für diese humanistische Gesellschaft einzutreten. In ihrem Eifer vergessen sie dabei immer öfter, was eine humanistische Gesellschaft so lebenswert macht: die Menschen darin und deren unterschiedliche Sicht auf die Welt.

Epilog

Mein Vater hatte sich bereits seit den 80er Jahren mit dem Klimawandel und dem Ozonloch beschäftigt. Im Fernsehen wurde über die Zuhnahme von Hautkrebs in Australien berichtet. Neben dem Ozonloch, so die Hypothese meines Vaters, gebe es einen weiteren Grund für den Anstieg. Ein Rückgang der prüden Kleidungsvorschriften die in britisch geprägten Gesellschaften lange vorherrschten. Es ist noch nicht so lange her, dass es in ‚unserem‘ Kulturkreis angemessen war sich bedeckt zu halten. Und nicht jeder fühlt sich heute wohl, sich ausführlich zu zeigen.

Ich hatte befürchtet, im Falle eines Verbotes aus Protest selbst einen Burkini tragen zu müssen. Doch meine wunderbare Familie war mir einen Schritt vorraus. Einige Mitglieder erkannten im Burkini eine Möglichkeit sich an öffentlichen Badeplätzen aufzuhalten, ohne den eigenen Körper öffentlich zur Schau zu stellen. In meiner Familie trägt man Burkini und das macht mich stolz.

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PEGIDA und die schützende Hand

Obwohl ich seit einige Monaten selbst nicht mehr auf der Gegendemo war, verfolge ich das Geschehen medial regelmäßig mit. Über den routiniert ablaufenden Marsch der Besorgten in Dresden lohnt es sich nicht wirklich, Worte zu verlieren. Abgesehen von bewährter verbaler Eskalation und erneutem Streit im PEGIDA Führungsteam (diesmal mit Frau Festreling – der Lutz und seine Damen, was läuft da nur falsch?), handelt es sich um rassistische Routine in Dresden.

Aber manchmal gibt es schon Vorkommnisse, die schön vor Augen führen, wie dünn der demokratische Putz ist, in den sich Institutionen in Sachsen hüllen. Am Montag war wieder die Polizei Sachsen an der Reihe das zu zeigen.

Dem Marsch der Besorgten stellten sich auf der Prager Straße (eine breite Einkaufsstraße) 26 Personen entgegen und hielten ein Plakat hoch auf dem „Rassismus tötet“ zu lesen war. Die Polizei war sofort zur Stelle und setzte die Störer fest. Dabei gingen die Beamten gewohnt sächsisch, handfest vor.

Nun könnte man einwenden, auch die Besorgten hätten ein Recht auf Versammlung und Demonstration und die Aufgabe der Polizei bestünde darin, dieses Recht durchzusetzen. Und diesem Einwand würde ich, zähneknirschend, nicht widersprechen.
Nur ist es, man sieht es auf den Videos, nicht so, als hätten die 26 Menschen an dieser Stelle, in dieser Formation, den Marsch der PEGDIA aufhalten können. Die Demo wäre gut an den Menschen vorbei gekommen. Ob es also notwendig war, die Gegendemonstranten derart anzugehen, bezweifle ich stark.

Allerdings begnügete sich die Einsatzleitung nicht damit, die Protestierenden rabiat aus dem Weg räumen zu lassen. Sie hielt es auch für notwendig, sie „erkennungsdienstlich“ zu behandeln.

So wird jungen Menschen klar gemacht, dass ihr Protest nicht nur nicht erwünscht ist, sie werden aktiv eingeschüchtert. Die Polizei Sachsen macht sich durch ihr Verhalten zum Büttel der PEGIDA, zum Erfüllungsgehilfen einer faschistisch, völkischen Protestbewegung. Die Polizei Sachsen schützt nicht unserer Demokratie, sie schaufelt ihr Grab.

Ich übertreibe? Ja, das würde ich selbst auch denken, wenn ich diesen Text bis hierhin gelesen hätte. Das Verhalten der Einsatzkräfte, beschränkt auf diesen Fall mag meine Bewertung nicht rechtfertigen. Der Vergleich des Verhaltens der Kommunal- und Landesbehörden gegenüber den PEGIDA und dem bürgerlichen Gegenprotest hingegen schon.

Da ist zum Beispiel der Herr, der versucht, den 26 Protestierenden ihr Plakat zu entreißen. Dieser Herr konnte in aller Seelenruhe an den Polizeibeamten, die die Demonstranten festgesetzt hatten, vorbeimarschieren und nach dem Plakat greifen. Als das misslang, ging er ungehindert wieder zurück, träge beobachtet von den Ordnungshütern. Stellen wir uns einmal vor, ähnliches wäre durch jüngere Menschen aus „dem linken Spektrum“ passiert. In Dresden wurden junge Menschen wegen geringerer Vergehen schikaniert. Wir können die Reaktionen mit der Reaktion in diesem Video vergleichen (zugegeben, es handelt sich nich um die Polizei Sachsen und die beiden jungen Herren gehen energischer vor und sind erfolgreich…zumindest kurz).

Die Beispiele für das unterschiedliche Verhalten von Polizei Sachsen gegenüber den PEGIDA und deren Gegendemonstranten sind zahlreich. Im Herbst letzten Jahres gab die Stadt ein „Vollzugsdefizit“ bei PEGIDA zu. Lakonisch wurde das mit der hohen Teilnehmerzahl begründet. Ein Zustand an dem sich bis heute nichts geändert hat. Ich selbst stand neben Menschen auf der PEGIDA-Demo, die, nachdem sie keine 10m von Polizisten entfernt waren, Teleskopfahnenstangen von 3m und mehr auszogen, während die Auflagen verlesen wurden, nach denen nur 1,5m erlaubt waren. Den Alkoholkonsum muss ich sicher nicht erwähnen. Das Bündnis Herz statt Hetze hat dutzende Vorfälle vom PEGIDA-Geburtstag dokumentiert und veröffentlicht.

Passiert ist nichts. Die kleine Gegenbewegung die sich in Dresden gegen PEGIDA auflehnt, wird von behördlicher Seite aktiv behindert und kriminalisiert, während bei den PEGIDA die Augen zugedrückt werden. So baut man eine Bewegung auf, die die eigene Abschaffung fordert. Das lässt den Eindruck zurück als verhülle der demokratische Putz der sächsischen Behörden ein Fundament, in dem der Rost den Stahlbeton langsam braun färbt. Doch die DresdnerInnen haben andere Probleme, sie sorgen sich um ihr Image. Die Stadt nutzt lieber Putz als am Fundament zu arbeiten, Hauptsache das sieht keiner.

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