BH Verbot – Was nach der Burka kommt

[In diesem Text geht es nicht um die politische Bedeutung der Vollverschleierung. Es geht nicht um ihren symbolischen und tatsächlichen Stellenwert in Bezug auf die Gleichstelltung der Rechte von Frauen. Es geht um Menschen und deren Bedürfnisse.]

Prolog:
Vor 20 Jahren ging ich durch die Fußgängerzone einer norddeutschen Kleinstadt. Als mir ein paar junge Männer entgegenkamen und abwertende sowie drohende Gesten in meine Richtung machten, versuchte ich, meine Verunsicherung hinter ein paar Scherzen zu verbergen und mutiger zu wirken, als ich mich fühlte. Ein paar Monate spater versuchte ich in einer Diskothek in einer Kleinstadt in Westfalen zu tanzen, während mich der düstere Blick eines Hünen fixierte, der wohl nur deshalb keine Auseinandersetzung suchte, weil ich kein Gegner für ihn gewesen wäre. Auf der Abschlussfeier meiner Schullaufbahn spürte ich den Frust meines Vaters, der sich von seinem Sohne etwas anderes gewünscht hätte. Mich unterschied von meinen Geschlechtsgenossen,dass ich keine Hose trug. Ich trug einen Rock. Keinen „Schottenrock“ oder ein langes Lederteil auf einer Szeneparty, sondern ein modisches Kleidungsstück (oder was ich dafür hielt), wie es auch einen weiblichen Unterleib verhüllen könnte.

Heute
Im Sommer 2016 wird in Deutschland darüber debattiert, ein Kleidungsstück zu illegalisieren. Denn, so heißt es, dieses Kleidungsstück gefährde unsere freie, offene Gesellschaft. Es stehe nicht für die Werte unserer Gesellschaft. Menschen aus ideologischen oder kulturellen Gründen dazu zu zwingen, sich einem bestimmten Kleidungskodex zu unterwerfen, ist nicht, was wir uns in Deutschland wünschen. Natürlich wird nicht in solch abstrakter Form diskutiert, sonder man diskutiert über die Burka. Oder das, was wir dafür halten.

Einige JournalistInnen haben Menschen interviewt, die Kleidungsstücke tragen, welche die Kriterien von Vollverschleierung erfüllen. Einige dieser Menschen haben angegeben, es würde ihnen Sicherheit geben, sich nicht allen Blicken aussetzen zu müssen. Es dauerte nicht lange, bis hämische Kommentare abgesetzt wurden. Von „ausgedacht“ bis „die wissen es halt nicht besser“ war alles dabei. Es scheint für einige Menschen schwer vorstellbar zu sein, dass ein Kleidungsstück Sicherheit geben kann.
Das Gefühl von Sicherheit ist eines der Grundbedürfnisse von Menschen. Dabei können der subjektive Eindruck von Sicherheit und die tatsächliche Sicherheit durchaus im Missverhältnis stehen. So ist Autofahren deutlich weniger sicher als fliegen, doch deutlich mehr Menschen haben Angst davor zu fliegen, als Angst davor Auto zu fahren. Wenn Menschen Auto fahren, haben sie die Illusion von Kontrolle und fühlen sich sicher.

Wie dieses Grundbedürfnis befriedigt wird, ist individuell sowiedurch unsere Kultur geprägt. So ist es möglich, dass ein Kleidungsstück, welches mit einer unemanzipatorischen Intention eingeführt wurde, einem Menschen das Gefühl von Sicherheit gibt. ‚Die Burka‘ kann ein menschliches Grundbedürfnis erfüllen. Wenn wir als Gesellschaft dieses Kleidungsstück verbieten, bleibt das Bedürfnis nach Sicherheit trotzdem bestehen. Wenn wir als Gesellschaft die Bedürfnisse von Menschen ignorieren werden wir als Bedrohung wahrgenommen. Dabei sind unsere Intentionen (aufklärerisch oder rassistisch) egal. Zumindest aus Sicht der Menschen, denen wir das Gefühl von Sicherheit nehmen

Es gibt Menschen, die eigene Gewohnheiten so wenig hinterfragen, dass sie gar nicht auf die Idee kommen, diese könnten ebenfalls nicht in den kühlen Höhlen der Ratio entstanden sein. Schauen wir uns mal so ein Kleidungsstück an, welches ein Gefühl von Sicherheit geben kann.

Der Büstenhalter oder BH erfüllt, schenkt man Studien glauben, seinen Zweck nicht. Anstatt dafür zu sorgen, die Brüste von Frauen für Männer möglichst ansehnlich und die Folgen von Schwangerschaft und Schwerkraft klein zu halten, scheint er das Gegenteil zu bewirken. Trotzdem entscheiden die meisten Frauen sich dafür, dieses Kleidungsstück zu tragen. Die Motivation mag unterschiedlich sein. Eine Motivation dürfte sein, dass viele Frauen sich wohler fühlen, wenn sie einen BH tragen. Auch wenn sie darüber schimpfen, dass diese unbequem, warm und teuer sind.

In unserer Kultur ‚gehört es sich‘ heute einfach für Frauen, einen BH zu tragen. Entscheiden Frauen sich dagegen, wird das bemerkt. Man(n) spricht darüber oder – wenn ich an meine Schulzeit denke – macht sich darüber lustig. Frauen, die sich entscheiden, keinen BH zu tragen, zahlen einen Preis. Der mag, so weit sind wir als Gesellschaft immerhin, gering sein, doch er ist vorhanden.

Ein Kleidungsstück, welches seinen Sinn nicht erfüllt, wird aufgrund kultureller Normen getragen. Bei den aktuellen Temperaturen gilt das für so ziemlich jedes Kleidungsstück. Wieso trägt noch jemand Kleidung, bei Temperaturen jenseits der 30°C? Weil wir uns als Gesellschaft darauf geeinigt haben. Wir sind kulturell so geprägt, dass wir uns unwohl fühlen, wenn wir nackt durch die Straßen laufen, egal wie schön das wäre. Ich weiß nicht, ob es Gesetze gibt, die das verbieten, ich bin aber sicher, dass sie für die meisten Menschen nicht nötig wären.

Wenn es jedoch um die Verschleierung des Gesichtes geht, gestehen wir Menschen nicht zu, dass sie kulturell so geprägt sind, sich mit mehr oder weniger ausgeprägter Verschleierung wohler fühlen. In den letzten zwei Jahren scheint mir der Kampf für eine humanistische Gesellschaft dadurch geprägt zu sein, dass ich für die Rechte der Menschen eintreten muss, die Ideen anhängen, die, konsequent zuende gedacht, nicht mit einer humanistischen Gesellschaft vereinbar wären. Dabei muss ich mich gegen Menschen stellen, die angeben, für diese humanistische Gesellschaft einzutreten. In ihrem Eifer vergessen sie dabei immer öfter, was eine humanistische Gesellschaft so lebenswert macht: die Menschen darin und deren unterschiedliche Sicht auf die Welt.

Epilog

Mein Vater hatte sich bereits seit den 80er Jahren mit dem Klimawandel und dem Ozonloch beschäftigt. Im Fernsehen wurde über die Zuhnahme von Hautkrebs in Australien berichtet. Neben dem Ozonloch, so die Hypothese meines Vaters, gebe es einen weiteren Grund für den Anstieg. Ein Rückgang der prüden Kleidungsvorschriften die in britisch geprägten Gesellschaften lange vorherrschten. Es ist noch nicht so lange her, dass es in ‚unserem‘ Kulturkreis angemessen war sich bedeckt zu halten. Und nicht jeder fühlt sich heute wohl, sich ausführlich zu zeigen.

Ich hatte befürchtet, im Falle eines Verbotes aus Protest selbst einen Burkini tragen zu müssen. Doch meine wunderbare Familie war mir einen Schritt vorraus. Einige Mitglieder erkannten im Burkini eine Möglichkeit sich an öffentlichen Badeplätzen aufzuhalten, ohne den eigenen Körper öffentlich zur Schau zu stellen. In meiner Familie trägt man Burkini und das macht mich stolz.

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PEGIDA und die schützende Hand

Obwohl ich seit einige Monaten selbst nicht mehr auf der Gegendemo war, verfolge ich das Geschehen medial regelmäßig mit. Über den routiniert ablaufenden Marsch der Besorgten in Dresden lohnt es sich nicht wirklich, Worte zu verlieren. Abgesehen von bewährter verbaler Eskalation und erneutem Streit im PEGIDA Führungsteam (diesmal mit Frau Festreling – der Lutz und seine Damen, was läuft da nur falsch?), handelt es sich um rassistische Routine in Dresden.

Aber manchmal gibt es schon Vorkommnisse, die schön vor Augen führen, wie dünn der demokratische Putz ist, in den sich Institutionen in Sachsen hüllen. Am Montag war wieder die Polizei Sachsen an der Reihe das zu zeigen.

Dem Marsch der Besorgten stellten sich auf der Prager Straße (eine breite Einkaufsstraße) 26 Personen entgegen und hielten ein Plakat hoch auf dem „Rassismus tötet“ zu lesen war. Die Polizei war sofort zur Stelle und setzte die Störer fest. Dabei gingen die Beamten gewohnt sächsisch, handfest vor.

Nun könnte man einwenden, auch die Besorgten hätten ein Recht auf Versammlung und Demonstration und die Aufgabe der Polizei bestünde darin, dieses Recht durchzusetzen. Und diesem Einwand würde ich, zähneknirschend, nicht widersprechen.
Nur ist es, man sieht es auf den Videos, nicht so, als hätten die 26 Menschen an dieser Stelle, in dieser Formation, den Marsch der PEGDIA aufhalten können. Die Demo wäre gut an den Menschen vorbei gekommen. Ob es also notwendig war, die Gegendemonstranten derart anzugehen, bezweifle ich stark.

Allerdings begnügete sich die Einsatzleitung nicht damit, die Protestierenden rabiat aus dem Weg räumen zu lassen. Sie hielt es auch für notwendig, sie „erkennungsdienstlich“ zu behandeln.

So wird jungen Menschen klar gemacht, dass ihr Protest nicht nur nicht erwünscht ist, sie werden aktiv eingeschüchtert. Die Polizei Sachsen macht sich durch ihr Verhalten zum Büttel der PEGIDA, zum Erfüllungsgehilfen einer faschistisch, völkischen Protestbewegung. Die Polizei Sachsen schützt nicht unserer Demokratie, sie schaufelt ihr Grab.

Ich übertreibe? Ja, das würde ich selbst auch denken, wenn ich diesen Text bis hierhin gelesen hätte. Das Verhalten der Einsatzkräfte, beschränkt auf diesen Fall mag meine Bewertung nicht rechtfertigen. Der Vergleich des Verhaltens der Kommunal- und Landesbehörden gegenüber den PEGIDA und dem bürgerlichen Gegenprotest hingegen schon.

Da ist zum Beispiel der Herr, der versucht, den 26 Protestierenden ihr Plakat zu entreißen. Dieser Herr konnte in aller Seelenruhe an den Polizeibeamten, die die Demonstranten festgesetzt hatten, vorbeimarschieren und nach dem Plakat greifen. Als das misslang, ging er ungehindert wieder zurück, träge beobachtet von den Ordnungshütern. Stellen wir uns einmal vor, ähnliches wäre durch jüngere Menschen aus „dem linken Spektrum“ passiert. In Dresden wurden junge Menschen wegen geringerer Vergehen schikaniert. Wir können die Reaktionen mit der Reaktion in diesem Video vergleichen (zugegeben, es handelt sich nich um die Polizei Sachsen und die beiden jungen Herren gehen energischer vor und sind erfolgreich…zumindest kurz).

Die Beispiele für das unterschiedliche Verhalten von Polizei Sachsen gegenüber den PEGIDA und deren Gegendemonstranten sind zahlreich. Im Herbst letzten Jahres gab die Stadt ein „Vollzugsdefizit“ bei PEGIDA zu. Lakonisch wurde das mit der hohen Teilnehmerzahl begründet. Ein Zustand an dem sich bis heute nichts geändert hat. Ich selbst stand neben Menschen auf der PEGIDA-Demo, die, nachdem sie keine 10m von Polizisten entfernt waren, Teleskopfahnenstangen von 3m und mehr auszogen, während die Auflagen verlesen wurden, nach denen nur 1,5m erlaubt waren. Den Alkoholkonsum muss ich sicher nicht erwähnen. Das Bündnis Herz statt Hetze hat dutzende Vorfälle vom PEGIDA-Geburtstag dokumentiert und veröffentlicht.

Passiert ist nichts. Die kleine Gegenbewegung die sich in Dresden gegen PEGIDA auflehnt, wird von behördlicher Seite aktiv behindert und kriminalisiert, während bei den PEGIDA die Augen zugedrückt werden. So baut man eine Bewegung auf, die die eigene Abschaffung fordert. Das lässt den Eindruck zurück als verhülle der demokratische Putz der sächsischen Behörden ein Fundament, in dem der Rost den Stahlbeton langsam braun färbt. Doch die DresdnerInnen haben andere Probleme, sie sorgen sich um ihr Image. Die Stadt nutzt lieber Putz als am Fundament zu arbeiten, Hauptsache das sieht keiner.

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AIDS, Abstinenz und Yoda

Schwerer Rückschlag für Moral und Glauben! Die Wissenschaft straft Aussagen von Papst und Evangelikalen (und EvangeligalInnen?) lügen. Wieder einmal.

Eine Infektion mit HIV und dem, in Entwicklungs- und Schwellenländern fast sicher darauf folgenden AIDS, sei durch Abstinenz und Treue zu verhindern. So predigen Glaubensvertreter seit Jahrzehnten von ihren Kanzeln und dem Petersplatz. In den USA gerne ergänzt durch einen ähnlichen Tipp, um ungewollte Schwangerschaften zu vermeiden. Auch wenn diese Aussage natürlich faktisch richtig ist, verhindert der Tipp nicht eine HIV-Infektion (oder Schwangerschaft). Das zumindest war meine Meinung und die Meinung vieler Menschen, die menschliche Triebe weltlich betrachten.

Und nun hat eine Studie genau diese Alltagsweisheit bestätigt. Auch das gibt es. Im Gegensatz zur Alltagsweisheit, die Erde sei flach, die weiterhin falsch ist (und bleibt, sorry Xavier). Der Rat an uns kaum behaarte Primaten, keinen Sex zu haben oder treu zu bleiben, um die Verbreitung von HIV zu verhindern und ungewollte Schwangerschaften zu verhindern, führt zum Gegenteil.

Die Studie sollte einen Teil von PEPFAR evaluieren. PEPFAR ist ein von George W. Bush initiiertes Programm gegen die Ausbreitung von HIV in Entwicklungsländern. Ein Teil der Gelder aus diesem Programm wurde für die Propagierung von Abstinenzprogrammen genutzt. Als wiedergeborener Christ war das George W. sicher eine Herzensangelegenheit. Nun, das Geld hätte er sich sparen können. Wenn es zu Beginn des Programm noch keine Belege für die oben genannte Alltagsweisheit gab (?), so gibt es sie jetzt. Nun kann das Geld also sinnvoll eingesetzt werden. Auch gegen Teenagerschwangerschaften in den USA wirken übrigens Abstinenzratschläge nicht.

Insgesamt war übrigens PEPFAR ein Erfolg und konnte, durch die sinnvollen Interventionen Leben retten und verbessern. Natürlich wirkt Abstinenz gegen die Infektion mit HIV und ungewollte Schwangerschaften. Leider sehen viele, spirituell sehr fähige, in der Lebenswirklichkeit ihrer Artgenossen jedoch eher unbeleckte, ältere Herren nicht, dass zwischen Abstinenzratschlag und Abstinenz etwas steht. Für den auch weiterhin dogmatisch sprechenden Papst und seine Freunde vom anderen Ufer sei dies, in Anlehnung an Meister Yoda, wie folgt illustriert: „Big, the urge to fuck is in this one. And this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one. But not this one. But this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one, and this one…

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Das Menschenmaterial von Öderland

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Die Wölfe besuchen den Neumarkt

Ich hätte mehr Publikum erwartet, im Schauspielhaus Dresden. Unter anderem, weil das Stück „Graf Öderland – Wir sind das Volk“ nach dieser Vorstellung nur noch zweimal aufgeführt werden wird. Außerdem bietet das Stück die Gelegenheit, sich kritisch mit PEGIDA auseinanderzusetzen, ohne sich mit „den Linken“ gemein machen zu müssen. Eine Angst, die das demokratische Engagement vieler Dresdner zu behindern schein. Mit den bekannten Konsequenzen. Wen man in Sachsen mit „den Linken“ meint, ist mir bis heute nicht ganz klar. Die tiefe Aversion für alles, was irgendwie „links“ dünkt, scheint aber auch zu verhindern, sich für Menschenrechte einzusetzen. So ist jeder leere Stuhl an diesem Abend ein weiteres Symptom für die Trägheit der Dresdner Bürgergesellschaft.

Ich gehe nicht so gerne ins Theater, ich habe oft das Gefühl, nicht zu verstehen, was auf der Bühne passiert und oft (bezogen auf die wenigen Male, die ich das Theater besuchte) berührt es mich nicht. Das war bei Graf Öderland anders. Die SchauspielerInnen erweckten die Kommentarspalten zum Leben. Es wurde von Anfang an viel Geschrien auf der Bühne. So wird den, aus Facebookkommentaren, Reden und Interviews gesammelten, Absonderungen der PEGIDA in einem neuen Kontext der ganze Hass entzogen und dem Publikum entgegengeschleudert. Es war schwer, ruhig auf dem Sitz zu sitzen und diesen Hass zu ertragen. Wie muss es den Menschen gehen, für die der Hass ursprünglich gemeint war? Ich könnte mich dem Hass durch wohlfeiles Benehmen gegenüber den VolkgenossInnen entziehen. Vielen Menschen ist das nicht möglich, sie sind aufgrund des Phänotyps oder tief verwurzelter kultureller Merkmale Hassobjekte.

Als Ben Daniel Jöhnk und Lea Ruckpaul, vor dem Vorhang stehend, Lutz Bachmann und Tatjana Festerling zur Kenntlichkeit erstellt zum Leben erwachen ließen oder die Horde der Frustrierten mit Fackeln und Fahnen hysterisch ihrer Angst Luft machten, fühlte es sich an, wie auf dem Theaterplatz. Wenn dort aus 1000en Kehlen „Widerstand“ zur Elbe schallt. Nur die Intensitäten von Angst und Scham kehrten sich um. Das, was hier dargestellt wird, passiert wöchentlich in Dresden und anderen Orten in Sachsen. Nur in Echt. Der Bürgerkrieg, im Schauspielhaus von Max Frisch geborgt, wird von den Besorgten auf dem Theaterplatz erdacht, nein, herbeigesehnt. Über die Lust auf Gewalt können dort viele PEGIDA nur mühsam den Mantel der Zivilisation zerren.

Zu den Monologen der SchauspielerInnen, wurde an anderer Stelle bereits geschrieben, dass sie durch ihre Authentizität eine Kraft entwickeln, die einen umhaut. In manchen Momenten hatte ich jedoch den bedrückenden Eindruck, als sei das Schauspielhaus Dresden, der letzte Ort, an dem man demokratische, humanistische und aufklärerische Gedanken und Ideen noch offen ausgesprochen werden können. Zumindest, ohne sich als Gutmensch oder Zecke beschimpfen zu lassen. Im besseren Fall. Dabei sollten diese Gedanken und Ideen eigentlich selbstverständlich sein in Deutschland im Jahre 2016.

Sind sie aber nicht. Verantwortung dafür trägt unter anderem die CDU-Sachsen. Auch das hatte Platz auf der Bühne und was für einen! Annedore Bauer las der Politik in Sachsen die Leviten und machte dabei nicht bei den Besorgten halt, sondern zeichnete ein Bild des umfassenden Versagens. Man könnte ihre These vielleicht zusammenfassen in der Aussage, dass für die sächsische Regierung, die Bevölkerung nichts mehr ist als im Dienste des Wirtschaftswachstums eingesetztes Menschenmaterial. Was ich besonders interessant fand, war die Aussage zum „Burnout“ bei SchülerInnen, aufgrund des massiven Leistungsdrucks. Anekdotisch kann ich das aus meiner Arbeit bestätigen, wäre aber an empirischen Belegen interessiert. In der CDU-Sachsen hat man sich den Mantel der Demokratie umgeworfen um den autokratischen Stil der Vergangenheit in die Zukunft zu retten. Diesmal jedoch nicht im Dienst des Sozialismus sondern des Kapitalismus. Leider haben die Sachsen das noch nicht gemerkt. Oder es stört sie nicht.

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Wenn die Bühnenbesorgten sich im Zuschauerraum verteilen und die Hetze von allen Seiten kommt, wird im Theater das Lebensgefühl, welches jedeN DemokratIn in Dresden seit Oktober 2014 subtil begleitet, so greifbar, dass ich mich frage, wie wir das ertragen. Es ist schon komisch, warum nicht schon viel mehr Menschen dieser Stadt den Rücken gekehrt haben. Nicht, dass das nicht bei vielen bereits eine Option ist. Vielleicht bekommen die stolzen und furchtsamen Sachsen ja noch, was sie wollen und man lässt sie allein. Be careful what you wish for.

Weiterlesen:

PEGIDA auf diaphanoskopie.

PEGIDA, zieh Dich warm an auf nachtkritik.de

Brand-Sätze auf der Bühne auf zeit.de

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Mein Energiefeld – Aktiv und Vital

Eines meiner Ziele im Leben ist es, mich vollumfänglich ganzheitlich, metaganzheitlich sozusagen, untersuchen zu lassen. Dazu war ich erneut auf der „aktiv und vital Messe“ in Dresden. Dort hatte ich letztes Jahr eine Irisdiagnostik machen lassen. Dieses Mal war mein Energiefeld an der Reihe! Dazu wurde die GDV Methode benutzt. Niemand am Messestand , an dem die Abkürzung in großen weißen Buchstaben als Methode angepriesen wurde, wusste, wofür „GDV“ steht. Aber dafür wusste man, wie ich das Problem lösen kann „googeln Sie doch mal“. Kompetenz! Das mag ich in meinen Heilern.

Bei diesem Verfahren werden die Fingerkuppen auf ein Gerät gelegt und das den Körper umgebene Energiefeld wird gemessen. Eine nette Dame am Computer sagt einem, welchen Finger man wann auf das Messfeld, welches unter einem schwarzen Tuch liegt, drücken soll. Das funktioniert, weil die Meridiane der Fingerkuppen durch das Messgerät gemessen werden. So klärte man mich auf Nachfrage auf.

Da eine Messung mit Ausdruck genauso viel kostete, wie eine Messung, eine bioenergetische Massage nach Viktor Philippi und eine erneute Messung, habe ich die bioenergetische Massage gleich mitgenommen. Also Messung, Massage, Messung.

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Im Bereich der unteren Extremitäten zeigen sich bei frontaler und rechtslateraler Ansicht deutliche heterogen verteilte hypokirlianische Bereiche.

Die Massage beschränkt sich darauf, dass jemand erst neben und dann hinter mir stand und seiner Hände entweder auf den Brustkorb und zwischen die Schulterblätter legte oder auf meine Schultern. Jeweils für 7 Minuten. Nach der ganzen Prozedur wurden meine Messungen ausgewertet. Toll, was da raus kam!

Der Herr, der die Auswertung machte, gab sich alle Mühe freundlich zu sein, wirkte aber irgendwie…wie eine leere Hülle, fahl. Das mag daran gelegen haben, dass der Messetag fast vorbei war. Trotzdem gab er sich alle Mühe durch Cold Reading Informationen aus mir herauszubekommen, um seine Aussagen zu meinem Energiefeld auf mich abstimmen zu können. Er stürzte sich auf jede konkrete Information die ich ihm gab. So interpretierte er die Lücken des Energiefeldes an den Beinen als Ausdruck von Problemen mit meiner Familie (ich hatte energisch genickt, als er „Probleme mit der Familie“ zur Auswahl gab). Denn, so seine Erklärung, so wie die Beine uns stützen, stützt uns auch die Familie.

Dass ich ein leichtes Druckgefühl spürte, als mir der bioenergetische Masseur die Hände auf die Brust legte, interpretierte der Herr als Angst. Weil, so seine vulgärpsychosomatische Erklärung, einem Angst die Kehle zuschnürt. Nur, dass die Kehle sehr weit vom Brustkorb entfernt liegt, anatomisch betrachtet.

Angst. Angst? Angst! Das war die Diagnose, ich habe Angst. Eine Angst, die ich selbst nicht spüre, die erst durch die fragwürdige Interpretation eines erwartbaren Symptoms im Rahmen einer bioenergetischen Massage erkennbar wird. Doch bevor ich das jetzt auf die leichte Schulter nahm, wurde mir deutlich gemacht, dass alle Erkrankungen durch seelische Probleme verursacht werden. „Alle?“ frage ich, „auch Krebs!?“. „Auch Krebs!“ sagt er, sanft lächelnd. Großer Hamer bewahre! Kann man da nicht was gegen machen?
Kann man! Eine Heilung könne er natürlich nicht versprechen – Zwinker, Zwinker – aber man könne da was machen. Und dass müsse man auch, denn Angst, bewusst oder unbewusst, mache krank.

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Die Behandlung hat die Symmetrisierung um 14% erhöht, jedoch deutliche Lücken im Bereich des Wurzelchakras aufgezeigt.

Ich bin gespannt auf die Behandlung. Psychotherapie? Exposition? Geburtstrauma verarbeiten? Reinkarnationstherapie? Öfter mal eine bioenergetische Massage?
Nein, eine Kerze. Ein Teelicht um genau zu sein. Das soll ich jeden Abend in der Wohnung anzünden und ausbrennen lassen. Denn Angst „geht ins Feuer“ und ist dann weg.
Also entweder macht mir meine unbewusste Angst Krebs oder ich zünde ein Teelicht an. Da fällt mir die Wahl nicht schwer. Doch vorher sollte ich vielleicht noch etwas über diese GDV Methode erfahren, vielleicht ist das ja alles Bullshit.

Das GDV Verfahren wurde von Dr. Konstantin Korotkov, einem Spezialisten des menschlichen Energiefeldes erfunden. Das Verfahren diene der „wissenschaftlichen Untersuchung“ des Energiefeldes und beruhe auf dem Kirlian-Effekt. Das GDV-Verfahren „erlaubt direkte, Echtzeitaufnahmen von Veränderungen“ im Energiefeld. Die „Information der Fingerspitzenkorona wird gemessen, sichtbar gemacht“ und mit einer Software analysiert. GDV demonstriere „den objektiven Einfluss mentaler und physischer Aktivität auf des menschliche Energiefeld.“

Ein tolles Verfahren. Irgendwie hat aber niemand gemerkt, dass ich meine Finger in der falschen Reihenfolge auf das Messfeld gedrückt hatte.

 

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Alter Käse – Die lieben Kollegen

Die lieben Kollegen. Immer auf das Wohl der Patienten bedacht. Darum ist es ihnen auch so wichtig, das medizinische Wissen durch Forschung zu vermehren. Wissenschaft! Um so besser, wenn man das auch noch bezahlt bekommt. Während das akademische Prekariat mit Erdnüssen und Zeitverträgen abgespeist wird, klotzen die Pharmaunternehmen bei den niedergelassenen KollegInnen richtig ran. 100 000 000 Euro haben sie sich beispielsweise „Anwendungsbeobachtungen“ kosten lassen. Die Aufregung der Presse ist mal wieder groß. Man wirft Medizinern und Industrie vor, diese nur als Tarnung zum Verschreiben unnützer und/oder überteuerter Medikamente zu verwenden. Das wäre im besten Fall kreatives Marketing und im schlechtesten Falle nicht justiziable Bestechung.

Dabei ist es doch logisch, warum Verschreiber und Hersteller hier eng zusammenarbeiten müssen! Dass es keine (Zusatz-)Nutzen gibt, liegt doch nur daran, dass BISHER noch niemand den Nutzen der Medikamente bei bestimmten Erkrankung herausgefunden hat! Darum nehmen Hersteller und Verschreiber die mühsame Arbeit auf sich und machen aus jeder Behandlung ein Experiment. Das ist gelebter Altruismus auf Seiten der Patienten. Die Patienten wären stolz auf sich, wenn sie denn wüssten, was da mit Ihnen passiert.

Und es ist immerhin besser, wenn man ein bereits am Menschen erprobtes Medikament nimmt, als ein vollkommen Unbekanntes. Denn trotz (mindestens) zweier katastrophal verlaufender Phase-I Tests von Wirkstoffen in Industrieländern, schaffen es die Regulierungsbehörden nicht, die Unternehmen dazu zu bringen, alle Daten herauszurücken. So weiß manchmal das eine Unternehmen nicht, was das andere schon herausgefunden hat, Probanden riskieren unnötig ihre Gesundheit oder ihr Leben.

Und deswegen sollte man die niedergelassenen KollegInnen auch verstehen! Wenn nicht mal führende Pharmaunternehmen sich human verhalten, wieso sollten sie dann mit gutem Beispiel voran gehen und sich an eigene ethische Standards halten? Noch dazu, wenn der Status Quo so gut bezahlt wird.

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Humorzone Dresden – Das weinende Auge

„Ich gebe zu, wir hatten auch unsere Vorurteile aber Ihr wart ein geiles Publikum!“
Khalid Bounouar

Viel zu Lachen gibt es in Dresden in den letzten eineinhalb Jahren nicht. PEGIDA hat, gemeinsam mit dem völkendenden Haufen von der AfD die braune Suppe in Sachsen, über dem von der Landes-CDU geschürten Feuer, richtig zum Kochen gebracht. Und so richtig schlimm scheint das hier niemand zu finden. Zumindest, wenn ich mir viele der Reaktionen im Alltag anschaue.

Darum habe ich mich auf die Humorzone Dresden gefreut. Ich hatte Tickets für vier Veranstaltungen gekauft, in der Erwartung, mich dort mit körpereigenen Endorphinen in den Pointen-Orbit schießen zu können und die Welt wieder etwas leichter zu nehmen. Pustekuchen.

Donnerstag begann das Festival für mich mit Kay Ray. Zu Kay Ray geht man eigentlich um Tabubrüche zu erleben, die auch den Rahmen „normaler“ Comedy sprengen. Weil er Witze erzählt, die sich sonst keiner zu erzählen traut. Gerne über Minderheiten. Kay Ray sagt, Minderheiten werden nur wirklich integriert, wenn sie ernst genommen werden. Dann macht man auch Witze über sie, wie über alle anderen Gruppen. Soweit so plausibel.
Nun scheint Kay Ray geläutert; kein Rauchen auf der Bühne, kein Alkohol auf der Bühne, keine Figuren mit dem Penis.

Dafür gab es intime Einsichten in die dunklen Zeiten eines Menschen. Und ein paar harte Wahrheiten über unser Gesundheitssystem und wie es Menschen behandelt. Kay Ray hatte einige Anekdoten aus der Kur mitgebracht und die Banalität des dortigen Alltags schmerzhaft zutage gefördert. Wird es eigentlich erst auf der Bühne deutlich, wie grotesk es ist, einem erwachsenen Menschen als Freizeitbeschäftigung „Stricken“ anzubieten? Wenn man in Bad Wildung die Patienten so ernst nehmen würde, wie Kay Ray Menschen mit Behinderung in seinen Witzen, wäre viel gewonnen.

„Die haben mich nicht entlassen, ich habe das Gefühl, ich bin entkommen“ Kay Ray

Leider hat sich Kay Ray in seiner Fundamentalopposition etwas verrannt. Nur weil er nicht in „die rechte Ecke“ gehört, wenn er „politisch unkorrekte“ Dinge sagt, heißt dass nicht, dass es nicht Menschen gibt, die politisch unkorrekte Dinge sagen, die dort hervorragend hinpassen. Und gerade Eva Herrmann als Kronzeugin heranzuziehen, wie fies der Mainstream mit Abweichlern umgeht, ist hoffentlich mangelnder Information über ihre völkischen Äußerungen geschuldet und nicht Überzeugung. Dann müsste ich den zweiten Satz in diesem Absatz nämlich nochmal überdenken.

Kay Ray mach Witze über den Islam aber nicht über Moslems. Mir ist unklar ob allen im Publikum der Unterschied klar ist. Das lässt jede Pointe bitter im Hals zurück. Wer sich als „Menschenrechtspopulist“ bezeichnet kann eigentlich von PEGIDA-Apologeten keinen Applaus bekommen wollen. Andererseits meint Kay Ray die Aussage, „wenn nichts mehr verboten wäre, hätte ich hier oben nichts mehr zu tun“ wahrscheinlich sehr ernst.
Brüche im Programm waren die Lieder. Keine Interpretationen bekannter Hits, sondern Lieder, die wie der Versuch klangen, einem Schmerz Ausdruck zu verleihen, der – ohne Alkohol, Zigaretten und Nacktheit – im Rest des Programms keinen Platz mehr findet.

Am Freitag Abend durfte Olaf Schubert, der Schirmherr der Veranstaltung, gemeinsam mit Klaus Weichelt „Eine ganz normale Freakshow“ in der Schauburg improvisierend moderieren. Untertitelt was das Ganze mit „The dark side of Olaf Schubert und Klaus Weichelt“. Dark side indeed!

Johnny Armstrong, Carl-Einar Häckner, Der Tod und Matthias Egersdörfer lieferten solide Comedy ab. Doch was für mich den Abend überschattete waren die sächsischen Verhältnisse.

Olaf Schubert zitierte in einem Witz die Zeichnung des ertrunkenen Jungen am Mittelmeerstrand in Charlie Hebdo. Er hatte ein Foto mit zwei dunkelhäutigen Kindern und sagte etwas in der Art: „Hier, das sind die Kanackenkinder, wenn die klein sind, sind die ja ganz süß…aber wenn die groß werden…“. Lachen im Publikum. Den beiden Herren vor mir gefiel dieser Scherz ganz besonders gut. Es waren dieselben Herren, die in der Pause die meiste Zeit damit verbrachten auf einer Bautzner Nazi-Seite auf Facebook zu surfen.

So wusste ich spätestens nach der Pause, wer da mit mir lachte. Wobei mein Lachen immer öfter auf dem Weg zum Kehlkopf stecken blieb. Spätestens als Olaf Schubert über die Herkunft von schlechten Zigaretten sinnierte, war klar, dass es sich bei ihm auch um ein sächsisches Urgestein handelt. Denn, so klärte er auf, Zigaretten gebe es bei den „Tschechenfidschis“, den „Polenfidschis“ und den „Rumänienfidschis“. Keine Pointe. Trotzdem ein brüllender Saal. Willkommen in Sachsen.

Dass „der Tod“ mit seinem Scherz, PEGIDA-Demonstranten gerne auf Arabisch begrüße, nur vereinzelten Applaus erntete, war da nur das i-Tüpfelchen dieses peinlichen Stelldicheins sächsischen Kleingeists.

Am Samstag war Zeit für Jochen Malmsheimer und Uwe Rössler, dem riskantesten Kartenkauf. Was soll ich sagen, „Zwei Füße für ein Halleluja – Mit einem Regenten unterwegs.“ war großartig! Malmsheimer hatte sichtlich Spaß am gemeinsamen Spiel mit Uwe Rössler, der musikalische Pointen setzte. Dabei schaffte es Malmsheimer, Heinrich IV. zum Leben zu erwecken, in die heutige Sprache zu überführen und meine Abdominalmuskulatur an ihre Kapazitätsgrenze zu bringen. Anschauen!

Am Sonntag sagte meine Begleitung „Nicht das typische Scheunenpublikum…“. Ja, das stimmte, so unkaukasisch wie am Sonntag Abend habe ich es in der Scheune, ja irgendwo in Dresden, noch nicht erlebt. Als wäre ich zurück in Aachen, herrlich!
Aus dem Saal drang lauter Bass. Dass ich nicht mehr zur „jungen Generation“ gehöre, wurde an der Entscheidung deutlich, vor „dem Lärm“ zu flüchten, bis die Show beginnt. In fünf Jahren gehe ich dann zum DJ und frage, ob das wirklich so laut sein muss?

Auf dem Programm stand „Rebell Comedy„! Und was in NRW vielleicht normaler Bühnenalltag ist, kam in Dresden einem Erdbeben gleich. Die Souveränität mit der die Künstler aus verschieden Kulturen schöpfend vor den Augen des Dresdner Publikums etwas Neues erschufen, war Balsam auf meine neusächsische Seele. Und dem Rest des Publikums schien es ähnlich zu gehen. Lachen und Applaus wirkten befreit: so also kann sich Normalität in Deutschland anfühlen. So ist das, wenn „die anderen“ zum „wir“ werden, weil wir alle gleich sind. So wie der 13 Jahre alte Junge, der bei seinem ersten Urlaub im Iran erfahren muss, dass er „deutscher“ ist, als er angenommen hatte. Oder der Sohn, der sich beim Elternsprechtag über die sprachlichen Unzulänglichkeiten seines Vaters lustig macht. Wie es sich für Jugendliche gehört, die Autonom werden. Gleichzeitig erklärt er jedoch etwas über die Unterschiede deutscher und arabischer Grammatik und plötzlich wird klar, warum „die“ so komisch sprechen.

Es ist nämlich gar nicht so, dass „man nichts mehr sagen darf“ oder „gleich in die Rechte Ecke“ gestellt wird, wenn man etwas „politisch nicht korrektes“ äußert. Nur wenn man etwas politisch unkorrektes sagt, weil man Rechts ist, passiert einem das. Der Unterschied liegt nicht immer in den Worten aber immer in der zu Haltung.

Mir haben Benaissa Lamroubal, Ususmango, Pu, Khalid Bounouar, Hany Siam, Alain Frei und Özcan Cosar (leider war die einzige auf dem Plakat sichtbare Dame, Anissa Amani, in Dresden nicht anwesend. Typisch Moslems!!!elf1!) neben vielem Lachen, ein paar Stunden mit dem Gefühl verschafft, wie schön das Zusammenleben in diesem Land sein kann. Rebell Comedy zeigte im Tal der Ahnungslosen das Potential der real existierenden Demokratie in Deutschland. Danke dafür!

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Deeskalation a la Sachsen

 So schnell sind sie dahin, die guten Vorsätze. Immerhin bieten die erschütternden Bilder aus Clausnitz die Gelegenheit, meinen Fachbereich wenigstens am Rand in diesen Blog zu bringen. Das ist dann aber auch schon der letzte Lichtblick in diesem Beitrag.

Als ich gestern die pöbelnde, grölende Maße sächsischer Männer im Video auf Spiegel-Online sah, setzte meine sächsische Schamroutine ein und ich hakte dieses, zur Zeit mein zu Hause genannte, Bundesland wieder ein Stückchen ab. Frankfurt am Main ist auch ganz schön. Eigentlich jede größere Stadt Deutschlands außerhalb Sachsens. Am Rande sei bemerkt, wie erschreckend die eigene emotionale Verrohung in Angesicht des Schreckens ist, den meine -da führt kein Weg dran vorbei- Mitbürger unter geflüchteten Menschen in Deutschland verbreiten.

Heute morgen sah ich dann einen Post auf Facebook zu dem zweiten Video, auf dem zu sehen ist, wie ein Vertreter des Gewaltmonopols einen höchstens neun Jahre alten Jungen unter dem Johlen der umstehenden Faschisten gegen dessen Willen aus dem Bus zerrt. Zwei Dinge an diesem Video haben es durch meine sächsische Schamroutine geschafft und mich bis ins Mark erschüttert. Zum einen ist deutlich, dass der umstehende Pöbel die Beamten der sächsischen Polizei als Vollstrecker des hausgegrölten Volkswillens sieht. Zwar widersprechen sich die Willensäußerungen diametral („Fahrt nach Hause!“ vs „Hol ihn raus!“), doch die Sympathien zwischen Polizei und Folg scheinen in Sachsen so tief zu gehen, dass die gegenseitige Liebe auch in schweren Gewässern hält.

Wenn es sich dabei um den ersten Vorfall dieser Art in Sachsen handeln würde, könnte man von einem Ausreißer sprechen. Vieles spricht jedoch für ein, wie Sebastian Bartoschek schrieb, „strukturelles Problem“. Ich bin froh, dass ich mittlerweile ein sächsische Schamroutine entwickelt habe, so werde ich die kommende Zeit emotional überstehen. Die geflüchteten Menschen in Sachsen haben da weniger Glück.

Der zweite Aspekt in dem Video ist die zur Schau gestellte Unprofessionalität der Polizei. Gibt es so etwas wie eine Einsatzleitung, die, abseits vom direkten Geschehen einen kühlen Kopf bewahrend, die Situation überschaut? Gibt es Deeskalationsausbildung? Ist der Begriff bekannt?

In der Kinder- und Jugendpsychiatrie gibt es immer wieder Situationen in denen körperliche Gewalt (ich nenne es so, weil es vom Empfänger so empfunden wird, nicht weil es vom Ausübenden so intendiert ist!) im Rahmen von Zwangsmaßnahmen notwendig sein kann, um einen Menschen vor sich oder andere vor ihm zu schützen. Durch Deesekalationsstrategien lässt sich die Fequenz dieser Maßnahmen jedoch auf Einzelfälle reduzieren. Mir ist klar, dass ein Polizeieinsatz andere Bedingungen hat als eine psychiatrische Behandlung. Die Prinzipien sollten sich aber in beiden Fällen aus den Menschenrechten herleiten lassen.

So muss es die Abwägung geben, ob die ausgeübte Zwangsmaßnahme im Verhältnis zu dem steht, was ich durchsetzen will oder ob es mildere Mittel gibt. In Clausnitz war das Ziel (?), Menschen aus einem Fahrzeug in ein Gebäude zu bringen. Diese Menschen haben sich, aus einer nicht unberechtigten Angst, geweigert oder gesträubt, diesen Bus zu verlassen. Denn sie sahen durch sächsische Männer ihr Recht auf körperliche Unversehrtheit gefährdet. Und offensichtlich waren sie der Ansicht, das die sächsische Polizei in der anwesenden Personaldecke und der gezeigten Haltung ihnen gegenüber nicht in der Lage war oder sein wollte, sie adäquat zu schützen.

Doch Anstatt die Ursache für die Angst der Menschen zu beseitigen und dafür zu sorgen, dass der Pöbel gebührenden Abstand hält, zwingt man die Menschen, sich diesem Pöbel auszusetzen. Hat der junge Mensch, der von einem sächsischen Polizisten mit Gewalt aus dem Bus gezerrt wird*, den Krieg, die Reise über das Mittelmeer, die Reise durch das winterliche (klimatisch und emotional) Europa und die Zeit in den Erstaufnahmestellen ohne ein Trauma überstanden, sorgt sächsische Polizei fürsorglich für Abhilfe. Weiß sie doch, dass PEGIDA & Co nur traumatisierte Geflüchtete akzeptieren. Man hilft ja, wo man kann. Danke Polizei.

Eine weitere Möglichkeit wäre gewesen, einfach zu warten. Die Menschen auf der Straße wären nicht ewig dort geblieben. Man hätte den Menschen sagen könne, dass man sie schützen wird, Präsenz zeigen und wenn die Lage sich beruhigt hat, die Menschen aussteigen lassen.

Oder man hätte, den Bus umdrehen lassen können und am nächsten Tag einen erneuten Anlauf starten können, besser vorbereitet und mit einem neuen Heimleiter.

Oder, mein Favorit, man hätte die Personalien der Pöbler feststellen sollen, den Bus zum nächsten hochklassigen Hotel bringen lassen und die Menschen darin solange unterbringen, bis eine sichere Ankunft in Clausnitz möglich wäre. Die Hotelrechnung wäre dann den Pöblern zugestellt worden.

*Es ist natürlich möglich, dass die Art zu handeln aus der immer noch weit verbreiteten Ansicht resultiert, es sei kein Problem, Kinder mit körperlicher Gewalt zu etwas zu zwingen. In dem Fall könnte die Polizei gleich zwei Probleme in den eigenen Reihen angehen.

Weiterlesen:

Mehr Texte zu PEGIDA und den sächsischen Verhältnissen aus Sicht eines Wirtschaftsflüchtlings (das bin ich) auf Diaphanoskopie.

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Dresdner Frust

 

Blick von der Augustusbrücke auf das Terrassenufer

 
13 000 Menschen waren am 13.02.2016 bei der Menschenkette, welche die Dresdner Altstadt symbolisch schützen soll. 13 000 meiner MitbürgerInnen, die sonst jeden Montag zentrale Plätze ihrer Altstadt einem rassistischen Mob überlassen, haben sich an einem Samstag Abend im Februar an den Händen gehalten und durften sich dem warmen Gefühl hingeben…? Tja das weiß ich auch nicht, welches Gefühl da transportiert werden sollte. Im besten Fall eines, die offene Gesellschaft vor denen zu schützen, die sie bedrohen (in Sachsen wohl am ehesten „Linksfaschisten“). Im schlechtesten Fall ein Gefühl von, in lokaler Tradition verbundener, Gemeinschaft. Ein Gefühl, dass im sächsischen Alltag ohnehin schon aus jeder Pore trieft. Der Lokalpatriotismus in diesem Bundesland ist schwer zu ertragen, vor allem im Hinblick auf den Preis, den er mit sich bringt.

Ich weiß gar nicht, was mich seit Oktober 2014 mehr zermürbt hat. Zu demonstrieren, ohne einen relevanten Effekt zu sehen, mal davon abgesehen, dass viele der Forderungen von PEGIDA im politischen Mainstream angekommen sind. Oder von Gesellschaft und Politik in Dresden und Sachsen das Gefühl vermittelt zu bekommen, mit dem Protest gegen eine faschistische Bewegung, zu den eigentlichen Störern zu gehören.

Ich weiß nicht mehr, wie oft ich hörte oder las, dass demokratischer Gegenprotest in Sachsen mit Gewalt und Aggression gleichgesetzt wurde. Wie oft ich mich fragte, wieso die Dresdnerinnen und Dresdner solche Abneigung gegen die pflegen, die für Demokratie und humanistische Werte eintreten?

Mich hat das zermürbt und müde gemacht. Ich verlor die Lust am Schreiben und den Glauben an Dresden. Darum mache ich jetzt Pause. Der Täterspuren Mahngang wird für die nächste Zeit meine letzte Demo gewesen sein. Ich habe Lust, mich wieder mehr dem eigentlichen Thema dieses Blogs zu widmen. Mal schauen, ob das klappt🙂

Es ist ein bisschen so, als würden die Emotionen, die besorgte Bürger bei PEGIDA vereint, aus mir herausgesaugt. Als am 06.02.16 PEGIDA am Königsufer brüllte und der beschämend kleine Rest der Dresdner Zivilgesellschaft demonstrierte, war ich vor allem resigniert. Das liegt auch daran, dass Gegenprotest in dieser Stadt einfach nicht willkommen ist, das sind alles Unruhestifter. Ich kann jetzt verstehen, wie man in dieser Stadt phlegmatisch wird und lange auch Horden von Nazis mit einem Schulterzucken hinnahm.

Es ist fast, als wäre der Lebenswille, Mut dieser Stadt am 13.02.1945, in den letzten Tagen des faschistischen Terrorregimes, verbrannt. Doch man hat nicht verstanden, dass man große Teile des Weges, der zur Katastrophe vom 13.2. geführt hat, mitgegagengen war. Das man, so wie man Opfer wurde auch Täter war. Anstatt aus der Asche zu steigen, geht man in ihr und begnügt sich darin, Opfer zu sein. Opfer der Stasi, Opfer der Wessis, Opfer der PEGIDA. Armes Dresden.

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Ich bin kein Nazi

Wenn Du Dinge sagst, die Nazis sagen,

Wenn Du applaudierst, wenn Nazis applaudieren,

Wenn Du hingehst, wo Nazis hingehen,

Wenn Du Zeichen trägst, die Nazis tragen,

Wenn Du Werte vertrittst für die Nazis treten,

Und Dich nicht für einen Nazi hältst, 

Kann ich Dich beruhigen.

Denn dann gibt es keine Nazis.

Dann hat Nazis nie gegeben.

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