Nazis schlagen

Im letzten Jahr wurde von einigen Menschen in meiner Filterblase ein Video geteilt, auf dem Nazis von der Polizei in Luxemburg verprügelt werden, als sie dort eine Kundgebung veranstalten. Das Verhalten der Polizei wurde goutiert und oft mit „So muss man mit Nazis umgehen“ abgenickt. Ich habe nirgendwo etwas gefunden, was den Ausschnitt in einen Kontext stellt, der Gewalt in der gezeigten Form legitimiert.

Im Rahmen von Gegenprotesten zur Vereidigung von Donald Trump wurde Richard Spencer, der die USA zu einer arischen Nation machen möchte, von einem Demonstranten geschlagen.

Es ist nicht so, dass ich nicht emotional nachvollziehen kann, warum man sich darüber freut, wenn Faschisten vermöbelt werden. Besonders wenn sie öffentlich auftreten. Ich kann sogar das rationale Argument nachvollziehen, dass Faschisten wissen sollen, dass sie eine Preis zahlen müssen, wenn sie ihre Ansichten öffentlich vertreten. Und doch bin ich dagegen, Nazis zu schlagen. Ich bin dagegen irgendjemanden zu schlagen weil er bestimmte politische Ansichten hat.

„Gewalt ist die letzte Zuflucht der Unfähigen.“

Isaac Asimov

So befriedigt der nackte Affe in mir durch diese Impulsdurchbrüche meiner Artgenossen auch sein mag, so sehr bezweifelt der Humanist in mir, damit meinem Ziel näher gekommen zu sein. Eher im Gegenteil. Durch Gewalt gegen Nazis, erreichen sie viel mehr ihre Ziele als „wir“ unsere.

Wann ist es ok einen Nazi zu schlagen? Die beiden oben verlinkten Videos verschaffen dem nackten Affen Befriedigung. Was wäre, wenn Spencer vom nächsten Demonstranten geschlagen worden wäre und vom nächsten und vom nächsten? Wäre ein Tritt auch ok? Dürften Knochen brechen oder offene Wunden entstehen? Wäre die Grenze erreicht, wenn er ins Krankenhaus gemusst hätte oder wäre auch eine Reha im Anschluss noch angebracht gewesen?

Reicht es, einen rassistischen Witz zu erzählen, um es verdient zu haben, geschlagen zu werden? Oder muss man auch der NPD angehören? Ab welchem Alter darf man Nazis schlagen? Müssen sie volljährig sein oder ist es auch bei Jugendlichen ok? Wie ist es mit Menschen die Aufseher im KZ waren? Sind die zu alt um geschlagen zu werden? Ist es ok, wenn sie am Schlag sterben? Wie sieht es aus, wenn sie bereuen, was sie getan haben?

Ich habe bei Reddit einen Kommentar gelesen, in dem eine Dame, die schrieb, sie sei früher Nazi gewesen, sie wünscht sich heute, jemand hätte sie damals geschlagen. Dann wäre sie früher „da rausgekommen“.

Machen wir unsere Zustimmung, ob man Nazis schlagen darf vom Ergebnis abhängig? Wie lange darf man einen Nazi verprügeln, bis man aufgibt, weil man es nicht schafft in „da rauszubringen“ (oder sie)? Und wie weit nach links muss er gewandert sein, damit man aufhören kann?

Ich habe gezweifelt, ob ich es nicht doch ok finde, Nazis zu schlagen. Insbesondere, wenn ich an einen Abend vor einigen Wochen zurückdenke, als ein Mann laut grölend an unserer Wohnung vorbeilief und übelste rassistische Parolen von sich gab. Als er merkte, dass er beobachtet wird, entfernte er sich und drohte, unsere Wohnung anzuzünden. Danach rief er, die SA und die SS würden bald marschieren und dann…

Das macht mich ängstlich und wütend. Das ruft niedere Instinkte in mir wach. Das macht mich ihm ähnlicher. Das will ich nicht. Das sollten wir nicht wollen.

Es ist nicht richtig, Nazis zu schlagen. Es ist richtig sich gegen Nazis zu wehren, ihnen zu widersprechen, sich ihnen in den Weg zu stellen und zu setzen und ihnen das Leben und vor allem die politische Aktivität schwer zu machen. Doch es ist nicht richtig, sie zu schlagen, egal wie schön das Gefühl ist, wenn man sich das wieder und wieder ansieht.

Anmerkung I:

Im Rahmen von legitimer Selbstverteidigung sieht das natürlich anders aus, nur um Missverständnisse zu vermeiden. Ich bin weder Gandhi noch Märtyrer.

Anmerkung II:

Wer im Einsatz für eine demokratische und offene Gesellschaft die Grenze zur Gewalt überschreitet und Konsequenzen (rechtlich, körperlich) zu tragen hat, hat meine Solidarität ohne, dass ich mit seiner oder ihrer Handlung einverstanden sein muss.

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Danke Merkel

Mein Weltbild ist wieder intakt. Das ist ein gutes Gefühl! Als Merkel ihren Parteigenossen und dem Rest der Bevölkerung ihr „Wir schaffen das!!!“ entgegenschleuderte sowie im Zuge einiger Äußerungen, die sie danach machte, erwischte ich mich immer wieder dabei, Frau Merkel zuzustimmen. Das ging so weit, dass ich mir in den letzten Wochen hatte vorstellen können, der CDU bei der Bundestagswahl unter bestimmten Umständen meine Stimme zu geben. Das wäre vor allem eine Stimme für Merkel gewesen. Für ihre Geste der Humanität (vielleicht war es auch nur Realpolitik, doch ich will ihr mal das Beste unterstellen), für ihr Einstehen für die Menschenrechte gegen das Parteiestablishment. Sogar dem Herrn de Maizière musste ich in den letzten Monaten dann und wann zustimmen. Ich hatte bereits Angst, zu werden, wie mein Vater!!1!!

Doch jetzt ist alles wieder gut. Die von Angela Merkel geführte Bundesregierung hat Afghanistan zum sicheren Herkunftsland erklärt und damit die Abschiebung von 1000en Menschen afghanischer Herkunft ermöglicht. Das ist eine Doppelstrategie. Nicht nur kann sich Christenunion mit dieser Form der Law-And-Order Politik auf dem Rücken unserer Mitmenschen bei den Anhängern der AfD anbiedern. Sie machen sich mit der Einschätzung Afghanistans als „sicher“ auch fit für das postfaktische Zeitalter. Da hatte die Union noch großen Nachholbedarf. Die SPD verkauft die Hartz-Reformen und die Riester-Rente als sozial gerecht. Die Grünen halten genetisch modifizierte Organismen für gefährlich. Die Linke sagt, sie geht angemessen mit den Querfronttendenzen in den eigenen Reihen um. Die FDP sagt, sie sei liberal.

Vielen Dank Frau Merkel, dass mein Weltbild wieder intakt ist. Irgendwie hält sich meine Freude aber in Grenzen. Ich frage mich, warum.

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Sinupret in der Kritik

Das pflanzliche Arzneimittel Sinupret® ist bei akuter und chronischer Entzündung der Nasennebenhöhlen zugelassen. Die meisten Menschen nehmen es, wenn sie „Schnupfen“ haben. Ich habe als Kind auch so einiges an Sinupret® verstoffwechselt, geschadet hat es mir (wahrscheinlich) nicht.

Der Nutzen von Sinupret® ist laut „arznei-telegramm“ nicht belegt. Sinupret® warb vor einigen Jahren mal mit einer Reihe von Studien, deren Methoden eher fragwürdig waren.

Für mich gehört Sinupret® zu den Arzneimitteln, die im Rahmen einer Krankheitskultur bei banalen Infekten und Männergrippe eingenommen werden können. So eine Art „Placebo-Plus“: Es ist ein Arzneimittel mit schwacher Evidenz, dass seine Wirkung aber nicht mit Magie begründet. Also ein „normales“, wahrscheinlich nicht wirksames Mittel. Eigentlich gehört es vom Markt genommen, aber es gibt andere Medikamente, die deutlich mehr Schaden anrichten. Zumindest sah es bisher so aus.

In der aktuellen Ausgabe des „arznei-telegramm“ (11/16) wird von einer Überempfindlichkeitsreaktion nach der Einnahme von Sinupret Extract ® berichtet. Bei der Patientin mit einem bekannten Asthma bronchiale führte das zu einem schweren Asthmaanfall (Status asthmaticus).

Pflanzliche Arzneimittel haben bei vielen Menschen einen guten Ruf, weil sie „natürlich“ sind. Dass viele Pflanzen „natürliche“ Abwehrstoffe gegen Fraßfeinde (dazu gehört auch der Mensch) produzieren, die auch tödlich sein können, wird dabei gern vergessen. Nebenwirkungen sprechen nicht grundsätzlich gegen die Einnahme eines Medikamentes, sie müssen jedoch durch die positive Wirkung aufgehoben werden.

Bei Sinupret® scheint die positive Wirkung überwiegend subjektiver Natur zu sein. Man muss also entscheiden, ob dieser Nutzen die Gefahr von Schadwirkung aufhebt. Leider gibt es immer noch nicht die Transparenz, von Seiten der Pharmaindustrie, auf die Patienten ein Recht haben. Im Gegenteil. In derselben Ausgabe des „Arznei-telegramm“ wird davon berichtet, dass die chinesische Behörde, die die Pharmaindustrie überwachen soll, 80% (!) der Studienergebnisse in China als Fälschung nachweisen konnte. Wir brauchen ALLE DATEN!!!

Weiterlesen:

Tod durch Intransparenz – 1:0 für die Pharmariesen

The Heat Is On For The Chinese Pharmaceutical Industry

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Achtsamkeit am Sonntag

[Alternativer Titel: Die sieben Höllen der Achtsamkeit]

Es gibt nur wenige Momente in denen ich nicht mit irgendwas beschäftigt bin. Ich habe einen recht unruhigen Geist und neige dazu, schnell angespannt zu sein. Das nervt mich bisweilen sehr und manchmal spiele ich mit dem Gedanken, ob ich vielleicht eine AD(H)S haben könnte. Das würde mich aber zum einen noch mehr nerven und zum andere habe ich ein ausreichend hohes Funktionsniveau, also verwerfe ich diesen Gedanken wieder und entscheide mich für „Ist halt so“. Es wäre aber schon schön, wenn ich mal (EINMAL!) zur Ruhe kommen könnte: „Ist halt so, muss aber nicht“.

Als Sohn von Hippie-Eltern fand ich buddhistische Mönche (gemeint ist die Idee von buddhistischen Mönchen, die jungen Menschen typischerweise in einem kleinen norddeutschen Dorf vermittelt werden) immer toll. Diese Ruhe, diese Ausgeglichenheit, dieses achtsame Sein. Achtsamkeit! Das ist der Begriff der Zeit. Alle wollen achtsam sein: achtsam essen, sitzen, liegen, schlafen. Achtsam kaufen, investieren, traden. Mindfullness ist ein anderer Begriff für Achtsamkeit. Wir. Alle. Sind. Nicht. Achtsam. N.O.T. M.I.N.D.F.U.L.L.

Das sei, so höre ich immer wieder, eine Krankheit unserer Zeit, auf uns prasselten so viele Informationen ein, da könne ja niemand zur Ruhe kommen. Wir Armen! Wir wünschen uns in eine Zeit zurück, in der wir, frei von Smartphone und Email, durch stille Wälder streichen, auf der Suche nach Nahrung und Unterschlupf. In der wir, auf der Fährte eines Tieres durch die Savanne wandern und nur das rascheln des Grases hören. Lauschen auf jedes Geräusch, entscheiden blitzschnell, ob es eine Bedrohung unserer materiellen Existenz bedeutet oder die nächste Mahlzeit. In letzterem Fall müssen wir blitzschnell dafür sorgen, die Beute nicht zu verscheuchen und die richtige Taktik anwenden, sie zu erlegen, ohne dass sie dabei unsere materielle Existenz bedroht. Wenn wir sie erlegt haben, verspeisen wir sie am Feuer, immer ein Auge und ein Ohr in der Umgebung, um Futterneidern gewahr zu werden, die unsere materielle Existenz bedrohen könnten. Um dann, wenn wir satt sind, in einen unruhigen Schlaf zu fallen. Was wären wir achtsam!

Am heutigen Sonntag, während der körperlichen Ertüchtigung im Freien, schalt ich mich: „Du bist noch immer nicht achtsam! Schäme Dich dieses Mangels!“ Und plötzlich war ich trotz des schönen Wetters und der prächtigen Umgebung angespannt und unzufrieden mit mir. Da war er wieder, der mindfull Stress.

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Maulwurf gräbt im Verfassungsschmutz

Ich setze mal meinen Aluhut auf.

Ist es vorstellbar, dass der „Maulwurf“ beim Verfassungsschutz, der einer islamistischen Ideologie angehangen haben soll, gezielt dort platziert wurde? Vom Verfassungsschutz? Immerhin häufen sich die Aufforderungen an die Behörde, sich intensiver mit dem rechtsextremen Rand der Gesellschaft zu beschäftigen. Traditionell scheinen die Schnittmengen der Rechtsextremisten und der Schlapphütte besorgniserregend groß zu sein. Die NSU-Morde sind dafür nur der letzte Beleg.

So kommt der Maulwurf zur passenden Zeit. Gerade wurde der Verfassungsschutz angewiesen, die „Reichsbürgerbewegung“ zu beobachten, was man dort bisher nicht für notwendig erachtet hatte. In den nächsten Monaten dürften wir wieder mehr über die Gefahr „des Islam“ und weniger über die Gefahr nationaler Faschisten hören. So wird der Verfassungsschutz die rechtsextreme Szene weiter „führen“ und die radikalen Islamisten bekämpfen. Die Folgen dieser Politik versucht man gerade am Oberlandesgericht München aufzuklären. Er könnte mindestens 10 Menschen das Leben gekostet haben.

Jetzt setze ich den Aluhut wieder ab.

Das Problem an dem Gedanken ist, dass es bisher keiner Möglichkeit zu geben scheint, wie der Verfassungsschutz zu transparentem Handeln gezwungen werden kann. Er verweigert sich bisher erfolgreich demokratischer Kontrolle. Das hat er den Reichsbürgern voraus. Es liegt in der Natur eines Geheimdienstes, nicht alles öffentlich zu machen. Bisher hat sich der Verfassungsschutz jedoch auch einer parlamentarischen Kontrolle weitgehend entzogen. Wäre der Verfassungsschutz eine demokratische Behörde, könnten Abgeordnete seine Arbeit überprüfen, vor die Presse treten und uns mitteilen, ob es ein Problem gegeben hat oder nicht. Ob dieses Problem öffentlich diskutiert und gelöst werden sollte, hängt vom Einzelfall ab. Diesem Vorgehen entzieht sich der Verfassungsschutz jedoch, indem er Akten vernichtet und Ermittlungen behindert.

Als Freund unserer Verfassung müsste ich eigentlich auch Freunde einer Behörde sein, deren Name angibt die Verfassung zu schützen. Im Moment scheint der Name aber eher eine Form von orwellschem Neusprech zu sein. Oh, jetzt hatte ich aus Versehen den Aluhut wieder aufgesetzt.

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Herrenwitze

Wahrscheinlich im Grundschulalter habe ich das erste mal gehört, dass die ersten Siedler die „Indianer“ mit Glasperlen bezahlt haben. Irgendwie habe ich nicht gedacht, wie doof die „Indianer“ gewesen sein müssen, sondern hatte eher das Gefühl, mir fehlt ein Stück Information. So könnte es auch Harald Lesch und David Precht in „Herrschaft der Zahlen“ gegangen sein“ als sie unter anderem über Geld sprachen und an der falschen Stelle lachten.

Ich lese gerade „Schulden“  von David Graeber. Leider bin ich weit davon entfernt, alle von ihm vorgestellten Konzepte durchdrungen zu haben. Aber das Rätsel mit den Glasperlen hat sich aufgelöst. Es gab viele Gesellschaften in der Geschichte, in denen Objekte als „Währung“ genutzt wurden, die keinen anderen Zweck erfüllen konnten. Diese Währungen wurden nicht im Alltag benutzt sondern für besonders wichtige Ereignisse. Ein sinnloses Objekt wie eine Glasperle als Zahlungsmittel anzuerkennen, ist demnach nicht so weit hergeholt wie es sich für einen mitteleuropäischen Grundschüler anhören mag.

Harald Lesch spricht darüber, dass Geld heute nur noch aus Nullen und Einsen besteht, nur noch virtuell vorhanden ist. Es sei nicht genug Geld da, um all das virtuelle Geld auszuzahlen. Lesch und Precht sind sich darüber einig, dass das total lächerlich ist, mit dem virtuellen Geld. Eine Tollheit der Moderne.

Geld hatte in der großen Mehrzahl der Gesellschaften in denen es genutzt wurde auch einen virtuellen Wert. In den wenigsten Fällen war eine Münze soviel Wert, wie das Material aus dem sie gemacht wurde. Das Geld war soviel Wert, wie die Gesellschaft gemeinsam beschloss, dass es Wert war. Lesch und Precht sind sich in ihrer Lustigkeit einig, dass Bargeld etwas wert ist, virtuelles Geld, also die Nullen und Einsen auf unseren Konten hingegen nicht.

Dabei ist der Wert eines 500 Euroscheines fast nur virtuell. Denn es handelt sich um ein Stück aufwendig verarbeitetes Papier, dessen Materialwert sich nur darum rechtfertigen lässt, weil sein virtueller Wert so hoch ist.

Herr Precht und Herr Prof. Lesch waren sich einig. Unsinn überall Unsinn. Ich bin mir uneins, immer noch, ob ich den Herrn Prof. Lesch vor allem langweilig oder vor allem pastoral finde.

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Eingeordnet unter Fragment, Lachhaft, MEINung

Doch, es war auch Sexismus

Es gibt die Hypothese, dass ein Teil der Ursache für die Wahlniederlage Hillary Clintons Sexismus war. Um diese Hypothese zu widerlegen wird dann gesagt, Hillary wäre nicht eine so schlimme Politikerin, weil sie eine Frau ist, sondern weil so furchtbare Sachen gemacht hat. Schaut man sich diese „Sachen“ aber genauer an, erscheinen sie als relativ undramatische Ereignisse in einem Politikerleben. Das entschuldigt sie nicht, das heißt nur, sie gehören zum Geschäft. Ich glaube den meisten Menschen, dass sie tatsächlich meinen, wenn sie sagen, dass sie Hillary im Prinzip wählen würden, wenn sie eben nicht so schrecklich wäre.

Aber warum erscheint sie so schrecklich, obwohl sie eine normale Politikerin ist? Sexismus. Es gibt kaum einen Politiker (!), der seit Jahrzehnten dermaßen angegriffen wurde, für im Grunde alles. Bevor ich das selbst versuche zu erklären, werde ich ein paar Videos und Texte verlinken, die meine Hypothese stützen.

Video: Let Hillary be Hillary – Wie wurde aus Hillary Rodham Hillary Clinton. Der zweite Teile lohnt sich auch (Emails!!!)

Video: Scandals – John Oliver über den Unterschied zwischen Clinton und Trump

Text: How Hillary became Hillary

Text: „War on“ – Trumps schrille und stille Helfer – Schön herausgearbeitet wie subtil Sexismus in dieser Kampagne gewirkt hat.

Text: How Hillary Clinton met Satan

 

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Trump. We have to talk.

Zu viel Politik. Stephen Colbert hat es gesagt. Zu einem Zeitpunkt als noch nicht definitiv war, dass Donald Trump US-Präsident wird, es jedoch schon ziemlich danach aussah. Vielleicht beschäftigen „wir“ (wer auch immer das ist) uns zuviel mit Politik und nicht zuwenig. Eigentlich hatte ich mir diese Worte zu Herzen genommen und mir vorgenommen meinen Konsum von Texten und Videos über die Folgen der Wahlen in den USA zu meiden. Leider habe ich dafür die falschen Freunde in sozialen Netzwerken.

Mit den Folgen der Wahlen in den USA müssen jetzt die Bürger dort fertig werden. Leider zeichnet sich ab, dass, um Stephanie zu zitieren „Frauen, LGBTI, brown/black/Latino, immigrants, Muslime“ die ersten sind die direkte Folgen zu tragen haben. Ähnlich wie es nach dem Brexit in Großbritannien war. Es bleibt zu hoffen, dass das nur ein Phase ist. Und zwar aus individueller und nicht aus historischer Perspektive. Trotzdem fällt es schwer, die Augen von den USA zu nehmen. Es ist wie ein Unfall, man kann einfach nicht wegschauen.

Dabei haben wir in Europa ähnliche Probleme. In Frankreich hat Frau Le Pen Chancen gewählt zu werden und die AfD schlägt sich bei uns auch wacker. „Wir“ haben jetzt die Aufgabe aus den Fehlern der Amerikaner zu lernen. Zumindest sollten wir es versuchen.

Mir kam dazu folgender Gedanke:

Als Mensch der für sich in Anspruch nimmt, kritisch zu denken, muss ich zumindest in Betracht ziehen, dass Mr. Trump nicht die Katastrophe ist, für die ihn halte. Ich muss in Betracht ziehen, dass Meine Wahrnehmung seiner Aussagen durch mein Weltbild, meine Ideologie verzerrt ist. Es gibt Millionen Menschen die genauso überzeugt Davon sind, dass er ein guter Präsident wird. Ich denke, dass sie sich irren. Ich hoffe allerdings, dass ich mich geirrt habe.

Kritik kam von Johannes:

Dann muss man aber erst mal bei der Ideologie des Rassenwahns, des Nationalismus, des Kreationismus und dem ganzen Kram anfangen, den Trump so raushaut.

Der Einwand zeigt, dass meine Äußerung sich vielleicht nett anhört, aber völlig unklar ist, was das konkret für meine Handeln bedeutet. Man könnte es als leeres Gewäsch bezeichnen. Was ist also mein Ziel?

Heute morgen schrieb ich, dass es nicht unwichtig ist, zumindest in Betracht zu ziehen, dass die eigene Ansicht nicht die richtige ist. Wäre die Wahl anders ausgefallen, wären fast genausoviele Menschen in Amerika traurig und verzweifelt und genauso viele würden triumphieren. Es wären nur andere. Und beide Gruppen wären genauso überzeugt, dass der Sieg verdient und die Zukunft gut oder die Niederlage ungerecht und die Zukunft dunkel sein würde.
Natürlich halte ich den Sieg Trumps für eine Katastrophe, insbesondere aufgrund der Werte die ihm fehlen. Aber eben weil ich das für eine Katastrophe halte, muss ich mir die Frage stellen, wie ein ähnliches Szenario für Deutschland (Le Pen gratuliert dem designierten Kanzler Höcke) verhindern lässt. Und das geht nur, wenn „wir“ Menschen davon überzeugen, dass „unsere“ Idee (Humanismus, Aufklärung, Demokratie, Menschenrechte und so) die besseren sind. Und dafür muss ich mit anderem Menschen sprechen, Menschen, die nicht meiner Meinung sind. Das ist aber nicht möglich, wenn ich nicht wenigstens in Betracht ziehe, dass ich mich irre.

Seit Tagen denke ich darüber nach, was für mich nicht verhandelbar ist. Bei welcher Ansicht ziehe ich nicht in Betracht mich evtl. zu irren. Welche Ansicht die ich habe, ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit richtig, wahr, ein Dogma. Im Moment sind das die Menschenrechte. Die Menschenrechte sind meine Rote Linie. Die Menschenrechte sind das Fundament auf dem ich bereit bin mit jeder und jedem zu diskutieren. Jemand der die Menschenrechte in Frage stellt, macht es schwer mit ihm oder ihr eine gemeinsame Basis zu finden.

Dabei ist für mich wichtig, nicht jeder Person, die für Trump, AfD oder Le Pen wählt zu unterstellen, sie würde dies tun. Michael Moore hat in einer amerikanischen Frühstücksshow sehr nachvollziehbar erklärt (das Video ist 44 Minuten lang), warum so viele Menschen für Trump gewählt haben, die vor vier Jahren für Obama gestimmt haben und warum so viele Menschen nicht wählen gegangen sind. An der Art, wie Moore versucht hat Trump-Anhänger von Hillary Clinton zu überzeugen, können „wir“ uns eine Scheibe abschneiden. In „Michael Moore in Trumpland“ war er emphatisch für die Bedürfnisse der Menschen und trotzdem leidenschaftlich für seine Position ohne belehrend zu sein (meistens zumindest). Dass er gegen GMO polemisiert verzeihe ich ihm dann auch.

…Fortsetzung folgt.

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Wahn oder nicht Wahn?

In der Zeit gibt es diese Woche ein Sonderheft zum Thema Psychotherapie. Da habe ich qua Profession zugegriffen. Den allgemeinen Text über Psychotherapie finde ich insgesamt gelungen, gestolpert bin ich jedoch über folgenden Absatz:

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In meinem Text zu den Reichsbürgern habe genau das Gegenteil behauptet und mich gegen eine Pathologisierung politischer Ansichten gewandt. Auch in meinem Vortrag zum Zusammenhang zwischen der Zustimmung zu irrationalen Glaubenssystemen und psychischer Gesundheit, habe ich die Ansicht vertreten, dass es ein Zeichen psychischer Gesundheit sein kann, irrational sein handeln oder denken.

Nun würden mich die Quelle dieser „Erkenntnisse“ interessieren und was KollegInnen zu dieser Aussage denken. Ich halte die Aussage für Quatsch. Damit will ich nicht ausschließen, dass ein Mensch, der an einem Wahn leidet dies durch krude politische Ansichten zeigt. Aber nur weil ein Mensch nicht zu überzeugen ist (von den Argumenten, die ihm präsentiert werden, in der Form in der sie ihm präsentiert werden), ihm oder ihr einen Wahn anzudichten, erscheint mir doch als sehr psychiatrische Perspektive. Psychologische Faktoren werden dabei ignoriert. Oder irre ich mich und halte an einer irrationalen Überzeugung fest?

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Ich im Trumpland

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Vor 200 Jahren muss die Straße, die ich gerade mit meinem Mietwagen entlangfahre, schwer vorstellbar gewesen sein. Links der Straße fällt die Küste steil ab, geformt von flüssigem Gestein, welches auf dem Weg zum Pazifik erkaltete. Rechts dicht bewachsene Hänge, die ebenso steil in den Himmel ragen. Dazwischen, ein dünner Streifen Zivilisation, die Straße. Auch die Geschwindigkeit mit der ich das Land bereise, dürften auf Menschen, die hier vor 200 Jahren lebten, unrealistisch wirken. Ganz zu schweigen von der unanständigen Menge an Energie, die benötigt wurde, mich hierher zu bringen. Liebe Enkel, die Dörfer auf den Nordseeinseln mögen nur noch bei Ebbe sichtbar sein, aber meine Reise war wirklich ein tolles Erlebnis.

In diesen Wäldern soll Bigfoot wohnen. Doch zur Zeit wohnt hier ein anderes Schreckgespenst. Seine Anhängerschaft ist mindestens so Leidenschaftlich, wie die des mythischen Affenmenschen der pazifischen Regenwälder. Und genauso in der Realität verhaftet. Oregon ist ein „blauer Staat“, relativ fest in der Hand der Demokraten, doch Schilder auf auf dem Land werben ausschließlich für „Trump Pence 2016“. Hillary findet kaum statt, nur in den Städten sind vereinzelt „Stronger Together“ Schilder zu sehen. Die einzige rationale und demokratische Kandidatin in diesem Rennen bekommt weniger Werbung als Bigfoot. Weibliche Ambitionen sind uns immer noch suspekt: „What is she up to?“

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Lewis und Clark erschlossen vor 200 Jahren den pazifischen Nordwesten der USA und machten damit den Rest des amerikanischen Kontinents der Zivilisation -damals „dem weißen Mann“- zugänglich. Vorher waren einige unzivilisierte Taten notwendig, deren Echo noch widerhallt. Die Eroberung des Kontinents durch den Menschen haben Narben hinterlassen. Sie erzählen, wie überall auf diesem Planeten, die Geschichte unserer Spezies. Den Pfad von Lewis und Clark können wir noch heute nachvollziehen, wenn wir das Quecksilber nachweisen, welches sie als Medikament einnahmen und als Sondermüll ausschieden.

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Hinter mir liegt meine erste direkte Beobachtung von Grauwalen und ein regnerischer Abend an der unruhigen Pazifikküste. Geschlafen habe ich in einem Motel in der Tsunamizone. Der politische Tsunami der auf die USA in Form der Kandidatur Donald Trumps zurollt, hinterlässt im Alltag bisher wenige sichtbare Spuren, in Oregon. Die Schilder am Rande der Straße wirken wie Menetekel. Kaum vorstellbar, wer die aufgestellt hat. Bisher bringt sich niemand in Sicherheit. Wohin auch? Dies ist „the greatest country on earth.“

Überall in den USA werden Menschen am 8.11.16 nicht nur über ihr nächstes Staatsoberhaupt abstimmen, sondern auch über Gesetze in ihren Bundesstaaten. Was in Amerika „Wahl“ genannt wird, heißt bei uns „direkte Demokratie“, als wäre es etwas Besonderes. Im Vorfeld erhalten die BürgerInnen dafür ein Heft, in dem Gegner und Befürworter ihre Argumente darlegen können. In Wahlkampfzeiten ist spürbar, wie tief die Demokratie in den USA verwurzelt ist. So unperfekt ihre Ergebnisse zuweilen auch sein mögen. So unperfekt wie die Menschen, die sie hervorbringen. Donald Trump ist so ein Ergebnis. So wie das Bild von Hillary Clinton als eine besonders verlogene und korrupte Politikerin: „What is she up to?“

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Illegaler Import aus Japan. Nicht in Trumps AMERICA!!!

Für die erste Debatte der beiden BewerberInnen bin ich in Deutschland noch am frühen Morgen aufgestanden. Ich sah ein souveräne Kandidatin, die ihren Widersacher dahin lockte, wo sie ihn haben wollte. Eine Woche ging Trump danach mithilfe von Tweets und Interviews auf Alicia Machado los. Die zweite Debatte sah ich bei Burger und Bier in einer Bar mit dunklem Holz und tiefen Decken. Am Tisch neben uns saß ein Musiker, der schon mal in Chemnitz gespielt hatte und nach der Debatte hier das Publikum unterhalten sollte. Auch hier Ratlosigkeit und Fatalismus. In Oregon wohnen auf ⅔ der Fläche von Deutschland knapp 4 Millionen Menschen. Da kann man sich auch 4 Jahre im Wald verstecken. Bigfoot gelingt das seit Jahrzehnten.

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Einem Tsunami gehen ein oder mehre Erdbeben voraus. Die Erdbebenserie der Stärke „Trump“ auf der nach rechts offenen Faschismusskala entstand aus einer gemeinsamen Anstrengung führender Vertreter der republikanischen Partei. Die hatten vermutlich nicht damit gerechnet, selbst von der Wucht der Welle weggespült zu werden drohen. Im Gegensatz zu den Bürgern, die das mögliche Unheil mit stoischer Ruhe und Sarkasmus erwarten, laufen die Parteioberen Hügel hinauf, halten Ausschau, kommen wieder herunter, versuchen Alltag zu spielen und können sich nicht entscheiden, ob es auf dem Hügel nicht doch besser ist.

Mein Vater hat auf die amerikanische „Kultur“ (seine Anführungszeichen, nicht meine) geschimpft und für meine „Comicsprache“ (meine Anführungszeichen, nicht seine) verantwortlich gemacht. Als ich in der 5. Klasse war, haben 4 Klassenkameraden und ich zu fünft gegen den 1. Irakkrieg demonstriert. Ich bin, aus heutiger Sicht, mit latentem Antiamerikanismus aufgewachsen und so war es beinahe ein Schock, wie deutlich dieses Land aus jeder Pore Demokratie ausdünstet. In Deutschland wird Wahlkampf für die Bürger gemacht. In den USA machen die Bürger Wahlkampf. Bei uns kommt davon nur die Pompöse Getöse der Wahlkampfmaschinerie der Präsidentschaftskandidaten an. Hier stehen in „jedem“ Vorgarten Schilder, mit denen die jeweiligen Menschen ihre Meinung deutlich machen. Nicht nur für Kandidaten (Bürgermeister, Senat, Präsident), sondern auch für Gesetze.

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Mount St. Helens

Am Morgen des 18.05.1980 rutschte in Washington der Berghang des Mount St. Helens erst ab und explodierte dann. Ich stehe auf einem Hügel, dessen Hänge noch heute kahl sind. Der spärliche Bewuchs duckt sich unter dem kalten, trocken Wind, der hier weht. Der Explosion war eine Serie von Erdbeben vorangegangen. Die Gegend war zur Sicherheit evakuiert worden. Soweit man schauen kann, sind nur die Überreste des Waldes zu sehen, der diese Hügel bis vor fast 40 Jahren bedeckt hatte. In den Wochen vor der Explosion hatte sich reger Tourismus um den Berg gebildet. Wir Menschen haben manchmal Schwierigkeiten, die langfristigen Folgen unserer Handlungen abzusehen. Tragen müssen wir sie trotzdem. Der Hügel auf dem ich stehen, befindet sich in der „Todeszone“. Der Berghang, der ca. 6 Km vor mir abgerutscht war, hatte genug Geschwindigkeit, um meinen sicheren Hügel hochzurutschen. Mount St. Helens ist noch immer nicht zur Ruhe gekommen. Im Krater bildet sich bereits eine neue Bergspitze, die von glühendem Gestein aus dem inneren der Erde gespeist wird.

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Reste eines umgeknickten Baumes am Mt. St. Helens.

Trump ist überall und reißt sicher Geglaubtes hinweg. Trump fördert Dinge zutage, über die seit Jahren Gras wachsen soll. Wenn es etwas gutes am Tsunami Trump gibt, dann, dass er zeigt, wie weit der Weg zu einer inklusive Gesellschaft noch ist. Wie tief Ressentiments z. T. sitzen. Das hat er mit der AfD gemeinsam. Auch wenn der Tsunami nicht auf die Küste treffen sollte, wird das Erdbeben eine Trümmerlandschaft hinterlassen. Es bleibt zu hoffen, dass „die Amerikaner“ den Neuaufbau klug gestalten. Die Ressourcen dafür sind da. Und mit dem „Big One“ rechnet man seit Jahren. Nach dem 8. November wird die Welt sehen, wie gut die Amerikaner vorbereitet waren.

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Viele Menschen die ich treffen durfte, wirkten, auf Trump angesprochen, wie in einem Zustand zwischen Schock und Fatalismus. Eine Art demokratischer Fatalismus, mit dem vollen Bewusstsein, dass wenn die Amerikaner Trump wollen, sie Trump bekommen. Im Zuge der Weigerung Frankreichs, dem 2. Irakkrieg zuzustimmen, sollten French Fries, Freedom Fries genannt werden. Als eurozentrischer Pazifist fand ich das damals zum einen anmaßend und zum anderen albern. Heute stimme ich mir von 2003 zu, kann aber mittlerweile nachvollziehen, welche Einstellung dahintersteht. Ich denke, die USA sind „The Greatest Contra On Earth“. Und damit zeigen sie uns, wie weit die Menschheit gekommen ist, und dass unsere Spezies noch einen langen Weg vor sich hat, bis wir stolz auf unsere Zivilisation sein können.

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