Monatsarchiv: Mai 2013

Zecken übertragen keinen Autismus

Alberne Überschrift? Nur im ersten Moment. Bei meinen Recherchen zu den Ansichten von Luc Montagnier zum Thema Autismus bin ich auf eine Szene gestoßen, in der man die Ansicht vertritt, Lyme-Borreliose würde zu Autismus führen. Als Therapie wird dort auch, Überraschung Langzeittherapie mit Antibiotika gefordert. Damit liegen sie auf einer Linie mit Montagnier.

Wenn diese Annahme zuträfe, müssten Kinder mit Autismus Antikörper gegen Borrelien aufweisen und zwar häufiger als Kinder ohne Autismus. Juhu! Eine falsifizierbare Aussage!

„It has been proposed that Borrelia burgdorferi infection is associated with ∼25% of children with autism spectrum disorders. Here antibodies against Borrelia burgdorferi were assessed in autistic (n=104), developmentally delayed (n=24) and healthy control (n=55) children. No seropositivity against Borrelia burgdorferi was detected in the children with and without autism. There was no evidence of an association between Lyme disease and autism.“

Left Brain Right Brain berichtet ausführlich und weißt darauf hin, dass selbst die Organisation nicht behauptet alle Fälle von Autismus seien auf Borreliose zurückzuführen:

„A subset a children on the autism spectrum also have active Borreliosis, we don’t know how large of a subset this is, we do know from informal studies that it is AT LEAST 20-30% which would be over 200,000 children in the United States alone.“

Glücklicherweise hat man dort vorgesorgt, so dass die Ergebnisse der Studie nicht das Ende ihrer Idee bedeuten, es wäre doch so schade um den  ganzen Webspace.

„Children with a family history for auto-immune disorders, genetic predispositions to neurotoxins may be subject to a false negative result.“

Bestens, dann muss man nur noch Argumentieren, alle Kinder in der Studie, hätten einen Immundefekt. Ich gehe mal eben die Torpfosten verschieben.

[Vorsicht, in diesem Text können Spuren von Ironie oder ironieähnliche Satzteile versteckt sein]

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Autisten an die Rechner

Wenn ich mir anschaue, wie viele Medien in den letzten 48 Stunden über den Plan von SAP berichtet haben, muss ich leider als Erstes an eine PR-Aktion denken. Das Thema quillt aus allen Newstickern. Es wäre natürlich toll, in erster Linie für Menschen mit einer Autismusspektrumsstörung, wenn SAP tatsächlich 650 von ihnen einstellen würde. Trotzdem lässt mich diese Ankündigung ein wenig skeptisch zurück.

Ob sich SAP der Verantwortung bewusst, ist, die ein solcher Schritt bedeutet? Kai Vogeley gibt im Ärzteblatt 5 Antworten zum Thema Autismus und SAP.

Die Patienten brauchen in meiner Einschätzung eine persönliche Betreuung auf zwei Ebenen: Nötig sind einmal Jobcoaches oder Arbeitstrainer, die in der Lage sind, konkrete Schwierigkeiten im Arbeitsalltag konkret aufzulösen. Das können auch Psycho­logen oder Sozialarbeiter sein. Außerdem brauchen die Patienten eine psychiatrische Betreuung, um die möglichen Belastungssituationen am Arbeitsplatz zu begleiten und um Begleiterkrankungen zu erkennen und zu behandeln. Viele Autisten leiden zum Beispiel zusätzlich unter Depressionen.

Natürlich sind die SAP-Spezialisten dann in erster Linie Arbeitnehmer und nicht Patienten. Doch es sind Arbeitnehmer mit besonderen Bedürfnissen, die besondere Rahmenbedingungen benötigen. Ist SAP bereit diese Rahmenbedingungen zu schaffen und, was entscheidend ist, dafür zu zahlen?

In der Berichterstattung zu dem Thema und auch in der Pressemitteilung fällt auf, dass mit Klischees nur so um sich geworfen wird. SAP schreibt von „einzigartigen Talenten von Menschen mit Autismus“ als seien die „ein Prozent der Weltbevölkerung“ mit Autismus damit ausreichend beschrieben. Folgt man Simon Baron Cohen, haben Menschen mit Autismus ein besonderes Talent zu systematisieren. Also müssen (!) sie einfach ideal für Informatik und Zahlen sein. Doch ob man es glaubt oder nicht, es gibt Menschen mit Autismus, die haben keine Interesse an und keinen Sinn für Zahlen. Viele können nicht einmal rechnen*…das heißt natürlich nicht, dass sie nicht trotzdem besondere Fähigkeiten hätten, nur ist SAP an denen wahrscheinlich nicht interessiert.

Wenn von einem Prozent an Menschen mit Autismus gesprochen wird, erfüllt davon nur der geringste Teil überhaupt die Grundvorraussetzungen für eine Tätigkeit bei einem Unternehmen. Meine Befürchtung ist, dass SAP hier einen PR-Coup landet und vielen Menschen Hoffnungen macht, die nicht erfüllt werden.

Was ist, wenn SAP mit diesen „besonderen Fähigkeiten“ einem Mythos aufsitzt. Dem Mythos vom genialen Autisten, dessen Talent nur nicht in richtige Bahnen gelenkt wurde. Das vermittelt ein sehr einfaches Bild von Autismus und Menschen die eine Autismusspektrumsstörung haben. So als wäre das einzige Problem, dass noch niemand auf die Idee gekommen ist, die Besonderen Fähigkeiten von Menschen mit Autismus zu nutzen.

Und beim „nutzen“ bekomme ich auch ein wenig Bauchschmerzen. Natürlich nutzt jeder Arbeitgeber die Fähigkeiten seiner Angestellten. Nur kann es bei Menschen mit einer ASS dazu führen, dass andere Bereiche darunter leiden. Natürlich kann sich SAP nur Angestellte wünschen, die sich 16 Stunden am Tag in ihre Arbeit vertiefen und nichts anderes machen**. Ob das für die langfristige Entwicklung der Autonomie seiner Angestellten hilfreich ist, sei einmal dahingestellt.

[Edit: 26.05.2013 12 Uhr]

Vielleicht bin ich doch zu pessimistisch? Bei RP-online ist gestern eine Meldung veröffentlicht worden. Darin wird über Menschen mit einer ASS berichtet, die bei Vodafone arbeiten. Besonders der letzte Absatz ist sehr positiv:

Das erste Fazit hat alle Beteiligten verblüfft. Marc Ruckebier beobachtet, wie sich das soziale Klima in den Abteilungen, in denen Autisten eingesetzt werden, verbessert hat. Fabian Hoff berichtet, seine Zukunftsängste hätten sich in Luft aufgelöst. Nina Dohle war letztes Wochenende mit Kollegen auf der Jazz-Rallye – mit einigen tausend anderen Gästen. Allein der Gedanke wäre ihr vor ein paar Monaten unerträglich gewesen. Die Kooperationspartner von Vodafone und Auticon möchten die Erkenntnis weiter geben, „dass nur ein bisschen Umdenken notwendig ist, um eine Situation grundlegend zu verbessern“. Nach ihrer Einschätzung stehen alle Zeichen dafür, dass dies eine Erfolgsgeschichte „made in Düsseldorf“ wird.

Ein schaler Beigeschmack bleibt, denn das Timing erweckt bei mir den Eindruck einer Werbeaktion „Wir haben auch Autisten“. Es bleibt zu hoffen, dass bei all der Berichterstattung über Menschen mit hochfunktionalem Autismus die anderen nicht vergessen werden.

*Zwischen 25 und 50% von Menschen mit einer ASS weisen eine geistige Behinderung auf, also einen IQ unter 70.

** Klischees kann ich auch.

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Mehr Autismus aus dem Darm

Es ist gerade mal eine Woche her, dass ich auf der GWUP-Konferenz über Pseudomedizin und Autismus gesprochen habe. Den Schwerpunkt habe ich dabei auf eine postulierte „Darm-Hirn-Achse“ gelegt. Und gestern lese ich bei sciencebasedmedicine von der „GAPS Diet„. GAPS steht für „Gut and Psychology Syndrome“ und ist damit ein noch weitreichenderes Konzept als Prof. Montagnier und andere postulieren. Aber es schließt Autismus mit ein, was die Quarks sicher beruhigen wird. Die „Therapie“ besteht, in groben Zügen aus hungern, Eigelb (roh) und Entgiftung. Entgiftet wird u.a. mit Saft, Bädern und Pro-Biotika.

Das Konzept passt zu einem Thema, welches mir in letzter Zeit immer öfter auffällt. Neue Erkenntnisse zeigen, dass wir die Rolle der Darmflora auf unsere Gesundheit in der Vergangenheit unterschätzt haben und die Riege der Pseudotherapeuten fängt an, sie zu überschätzen. Immerhin können sie sich auf Hippokrates berufen, der hat auch schon gesagt, alle Krankheit komme aus dem Bauch, na dann!

Wenn ich mir vorstelle, wie ein Kind mit Autismus auf so eine Hunger-Kur reagiert, wird mir ganz anders. Perfekt ist natürlich, dass eine Verhaltensverschlechterung (die ziemlich sicher eintreten wird) zeigt, dass die Therapie wirkt. Das schlechte muss eben erst raus und richtet dabei allerlei Schaden an. Hört sich an wie Säftelehre mit iPhone-App (kein Link!)

Und soeben sehe ich, dass der Kram auch in Deutschland schon Fuß gefasst hat (ebenfalls kein Link). Argh!

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Weniger Tod Durchfall

In Indien sterben jedes Jahr 100 000 Kinder an einer Infektion mit Rota-Viren. In Deutschland liegt diese Zahl im ein bis zweistelligen Bereich, wenn überhaupt. Darum hat die Einführung eines Impfstoffes gegen Rotaviren hier auch wenig Begeisterung ausgelöst. Der Impfstoff könnte bei uns vor allem Kosten senken (ich weiß nicht, ob es dazu schon Zahlen gibt). In Entwicklungs- und Schwellenländern geht es hingegen um Leben und Tod. Bisher waren Impfungen gegen das Rotavirus noch ziemlich teuer (30-40€/Dosis), zu teuer für viele Menschen, die davon hätten profitieren können. Nun hat jedoch ein Biotechnologie-Unternehmen aus Indien einen Impfstoff entwickelt, der weniger als 1€/Dosis kostet. Das könnte 100 000en Kindern das Leben retten.

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HPV-Impfung erfolgreich

Im BMJ ist Mitte April eine Studie erschienen, in der die Rate an Infektionen mit dem Humanen Pappiloma Virus (HPV) untersucht wurde. Diese ist bei den geimpften Frauen ( unter 30 Jahre) von 11% auf 0,85% zurückgegangen. Wenn sich das, zumindest ungefähr, auf die Rate der Erkrankungen von Gebärmutterhalskrebs überträgt, wäre das ziemlich beeindruckend. In Australien sind 87% der Zielgruppe geimpft, Deutschland hängt mit 30% ziemlich zurück. Das könnte auch mit der zum Teil aggressiven Werbung zusammen hängen, mit der die Impfung eingeführt wurde und die misstrauisch machte. Die Gemeinde der Impfgegner hatte leichtes Spiel.

Interessant an der Studie ist ein Anstieg der Infektionen mit Clamydien. Das könnte auf eine falsches Sicherheitsgefühl bei Geimpften hinweisen, was sie dazu verleitet ungeschützt Sex zu haben.

Auch in der SZ wird berichtet.

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Autismus und Pseudomedizin – Notizen und Links

Schön, dass Sie hergefunden haben. Unten finden Sie die Notizen und Links zu meinem Vortrag auf der GWUP-Konferenz am 11.5.13. Da im nächsten „Skeptiker“ ein Text zum Thema erscheinen soll, erscheint hier vorerst nur eine grobe und unbearbeitete Version. Den „Skeptiker“ gibt es hier.

Die CEASE-Therapie wird bei Psiram ganz gut beschrieben:

CEASE ist ein Akronym für Complete Elimination of Autistic Spectrum Expression[1] und wurde vom niederländischen Homöopathen Tinus Smits (29. Dezember 1946 – 1. April 2010) als Therapie bei tiefgreifenden Entwicklungsstörungen, insbesondere Autismusspektrumsstörungen, erdacht. Smits behauptete, mit seiner Methode über 300 Kinder von Autismus geheilt zu haben. Nach aktuellem wissenschaftlichem Stand ist Autismus nicht heilbar, mit verhaltenstherapeutischen Maßnahmen lassen sich jedoch deutliche Besserungen in der Symptomatik erreichen. Seine Methode veröffentlichte Smits 2010 in einem Buch, dessen Vorwort von J.B. Handley stammt, einem Mitbegründer von Generation Rescue, einer von der Impfgegnerin Jenny McCarthy gegründeten Organisation.[2]

Zu Andrew Wakefield gibt es natürlich auch etwas bei die Psiramern. Der Journalis Brian Deer hat sich intensiv mit Wakefield auseinander gesetzt und zu dessen „Fall“ sicher beigetragen. Unter anderem im British Medical Journal hat er ausführlich über den Fall berichtet.

Ausführliche Informationen zur Wirkungslosigkeit von Sekretin bei Autismus gibt es bei quackwatch. Die Geschichte ist auch zu finden in Autism’s false Prophets.

Die Arte Sendung die mich auf das Thema aufmerksam gemacht hat ist auf der Website von ARTE zu finden. Der Film ist bereits früher im englischsprachigen TV gelaufen und es gab einige Reaktionen darauf. Ausführlich wird auf die Probleme der Wissenschaft dahinter bei „Cracking the Enigma“ eingegangen (inkl. Links zu Youtube Videos!).

Die Studie zum Vancomycin bei Autismus ist hier zu finden. Die Studie mit den Ratten, denen Propionsäure ins Hirn  gespritzt wurde hier.

Wie die Wikipedia-Seite zu Luc Montagnier zu finden ist, weiß sicher jeder. Ein Brief an Kinder mit Autismus von Herrn Montagnier steht auf seiner Site. Auf dem Blog von „Orac“ (Erfinder von „The One Quackery To Rule Them All“ –> Homöopathie) findet man viel zu den Tätigkeiten von Herrn Montagnier. Den Vortrag bei AutismOne findet man dort. Dort erwähnt er auch seine Studienergebnisse und erläutert seine Methodik. Hier sei auch „JennyMcCarthyBodyCount“ erwähnt, wo die Folgen von Impfverweigerung dokumentiert werden.

Einen Bericht zu dem tollen Apparat mit dem er den Abdruck von Bakterien-DNA findet sich auf dem Blog vom quackometer.net.

Das Konsensuspapier zu Magen-Darm-Erkrankungen findet sich zum Abschluss hier.

Hier noch das übersetzte Zitat aus dem Buch (s.o.) von Paul Offit:

Brief der Mutter eines Kindes mit einer Autismusspektrumsstörung an den Autoren. Sie erzählt von der jährlichen Routineunterusuchung bei der Kinderärztin („Lisa“): Robert kommt mit seiner Mutter in das Büro seiner Kinderärztin: „Hallo Dr. Lisa. Wie geht es ihnen? Wie war Ihr Sommer bisher?“ Dr Lisa schaut mich kurz an und grinst über beide Ohren, begeistert, weil die Begrüßung so natürlich wirkte. Spontane Sprache wie diese ist nicht entstanden, weil wir Robert irgendeiner Gluten/Casein-freien Diät unterzogen oder Impfungen abgelehnt hätten. Oder weil wir eine Schwermetallentgiftung durchgeführt oder ihn in eine Überdruck-Sauerstoff-Kammer gesetzt hätten. Robert hat unglaubliche Fortschritte gemacht, durch sehr harte Arbeit und Ausdauer von ihm und uns als Familie. Obwohl ein Leben mit Autismus nicht leicht ist, hatten wir nie die Einstellung, es wäre eine Art Todesurteil für unseren Sohn.“

In der nächsten Zeit werde ich hier ein paar mehr Beiträge zu pseudomedizinischen Verfahren veröffentlichen, die nicht in den Beitrag im Skeptiker gekommen sind. Und das sind die meisten.

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