Monatsarchiv: September 2013

Psychopharmaka bei Kindern

Ritalin ist ja mittlerweile mehr ein Reizstoff, als ein Medikament. Dabei steht es für eine ganze Gruppe von Medikamenten, so genannte Stimulanzien im Allgemeinen und Methylphenidat (MPH) im Besonderen. Ich weiß gar nicht, über welche Gruppe von Medikamenten die meisten Falschinformationen kursieren aber MPH gehört sicher zu den Top drei (Neben Impfungen und Chemotherapeutika). MPH wird für die ADHS verschrieben (etwas, was man wahrscheinlich nicht mehr erwähnen muss).

Viel diskutiert wird beim Thema ADHS der, wahlweise explosionsartige oder exponentielle, Anstieg der Verschreibungsmengen. Oft werden düstere Absichten von „Pharmakonzernen“ als Ursache gesehen, die, zum eigenen Profit, möglichst vielen Kindern „Ritalin“ verschrieben sehen wollen (von den ärztlichen Profiteuren der „Pharmaindustrie ganz zu schweigen). Wenn ich auch meine Hand nicht für Intentionen irgendeines Unternehmens ins Feuer halten werde, ist diese Darstellung doch arg vereinfacht. Ich würde sagen, sie ist soweit vereinfacht, dass sie falsch ist.

Und vielleicht argumentieren viele „ADHS-Kritiker“ (gibt es auch Gastroenteritiskritiker?) mit veralteten Argumenten. Und das nicht nur, wie auf der Facebookseite von ADHS Deutschland gerade hübsch dargestellt wird, wenn es um die Entstehung, Ursachen und Behandlung der ADHS geht. Auch die Menge an Psychopharmaka, die Kinder bekommen, scheint, entgegen der oft kolportierten Meinung, zu sinken. Ich schreibe das gerne nochmal: Eine kürzlich herausgekommene Studie zeigt, dass, im ganzen, die Menge an verschriebenen Psychopharmaka sinkt. Und das obwohl die Anzahl von Kindern, die eine psychische Störung diagnostiziert bekommen steigt.

Nun mag man von letztgenanntem Fakt halten, was man will, beide Befunde zusammen sprechen zumindest gegen eine „Medikalisierung unserer Kinder“, von der hier und da öfter mal etwas zu hören ist. Wenn es einen unkritischen Einsatz von Psychopharmaka bei Kindern gab, scheint sich ein Bewusstseinswandel ergeben zu haben. Es wird interessant, ob diese Zahlen sich auch in weiteren Studien, in weiteren Ländern bestätigen lassen.

Wie auch immer, „ADHS-Kritiker“ wird das wohl nicht zum Schweigen bringen.

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Eingeordnet unter Cranks, End/t-Warnung, Medikamente

Nashorn: Ausgerottet für den Aberglauben

Aberglaube ist eine alte Kackbratze!

Es ist möglich, dass uns der Glaube an die magische Wirkung von Horn auf bestimmte Bereiche der Gesundheit die Existenz einer Art von Nashörnern kostet.

Zugegeben, der Mensch als Spezies braucht kein magisches Weltbild um eine eine andere Spezies vom Antlitz unseres hübschen Planeten zu fegen. Gerade kann man in den Nationalparks des afrikanischen Kontinents jedoch beobachten, wie ein eben solches magisches Weltbild die Mitglieder einer anderen Spezies das Leben kostet. Ein Exemplar nach dem anderen wird hingeschlachtet. Und das Wort habe ich nicht ohne bedacht gewählt.

In Südafrika sind in diesem Jahr bereits über 500 Nashörner von Wilderern erlegt worden. Dabei geht es den Tätern einzig um das Horn, der Rest des Tieres wird einfach liegen gelassen. Bei Youtube gibt es Videos mit Nashörnern, denen mit einer Kettensäge der halbe Schädel abgesägt wurde. Es gibt Museen, in denen Sicherheitsvorkehrungen erhöht wurden, damit ihnen die Hörner nicht gestohlen werden.

Nashorn erzielt auf dem Schwarzmarkt mittlerweile höhere Preise als Gold oder Kokain.

Getrieben wird der Preis durch den Markt für traditionelle Chinesische Medizin (TCM) in der Nashorn unter anderem für die Behandlung von Potenzproblemen genutzt wird. Das ist so als würde man Fingernägel kauen.

Leider ist außer Empörung nicht viel möglich. TCM nutze ich ohnehin nicht und in Deutschland wird wohl auch kein Nashorn verwendet dafür aber Fledermauskot. Das ist zwar ekelig und wirkungslos, immerhin aber ein nachwachsender Rohstoff.

Achtung! Die Bilder in den eingebetteten Videos sind ausgesprochen schwer zu ertragen!

[youtube:http://youtu.be/HdCGIagJnTs%5D [youtube:http://youtu.be/URD9TUeBYTQ%5D

Den Kanal EarthTouch kann ich übrigens nur empfehlen! Tolle Bilder.

Links:

Stop Rhino Poaching Now (Achtung ebenfalls unschöne Bilder)

Rhino poaching hits new high in South Africa

Political solution necessary for rhino poaching war

Rhino deaths reach tipping point

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Eingeordnet unter Kohle, Teure Medizin

Spagyrik – Das flüssige Horoskop

Viele Leute werden sicher nicht reich mit Spagyrik. Bei diesem vorwissenschaftlichen Verfahren handelt es sich wohl eher um ein Randphänomen der pseudomedizinischen Szene. Ein Grund mehr, ordentlich die Werbetrommel zu rühren und etwas für den Umsatz zu tun. Auch HeilerInnen leben nicht von Prana allein. Und so werden  die arglosen Leser zwischen Artikeln zu Pionieren der Onkologie und  zum Pflegenotstand von einem Promotionblabla über Quatschmedizin kalt erwischt.

Spagyrik wird da in eine Reihe gestellt mit Pflanzenheilkunde, obwohl nach dem komplizierten (und sinnlosen) Verarbeitungsprozess soviel von der Pflanze übrig bleibt wie von Weidenrinde nach einem Osterfeuer. Nicht erwähnt wird hingegen die Alchemie, in der die Spagyrik ihre Wurzeln hat. Vielleicht fürchtet man sonst, es mangele der Methode an Seriosität.

Die Aussage im Text geht gegen Null. Wir erfahren: Es gibt Spagyrik, Spagyrik ist alt und ganz toll, nicht giftig, prophylaktisch einsetzbar und bei chronischen Krankheiten, man kann es kaufen (bei PHYLAK Sachsen z.B.) und Frau genannte Spezialistin kennt sich damit so gut aus, dass sie Menschen das Zeug verschreibt. Evidenz? Wer braucht Evidenz, „alt“ haben wird doch schon gesagt.

Wer mehr erfahren will, kann ja ein Seminar des Herstellers besuchen:

Grundlagen der Astromedizin als Basis der Spagyrik nach Dr. Zimpel

Moment! Astromedizin?

Was ist Spagyrik? – Verschiedene Herstellungsverfahren und das Besondere beim Zimpelschen Herstellungsverfahren – Einführung in die Astromedizin anhand der Elemente im Jahreskreis – Die einzelnen Elemente und ihre Zuordnung an die Körpersysteme

  • Feuer: Stoffwechsel
  • Erde: Immunsystem
  • Luft: Sinnes- und Nervensysteme
  • Wasser: Endokrinologie
  • Aether: Salutogenese und Spagyrik

zu jedem Element werden die wichtigsten Organe, ihre Besonderheiten und die spagyrischen Mittel erklärt. Das Weltbild der Alchemie:

  • 5 Elemente: Feuer, Erde, Luft, Wasser, Äther –
  • 3 Ursubstanzen: Sulfur, Merkur, Sal –
  • 3 Lebensprinzipien: Geist, Seele, Materie –

Die Elemente im Jahreskreis:

  • -Feuer: Widder, Löwe, Schütze
  • – Erde: Stier, Jungfrau, Steinbock
  • – Wasser: Krebs, Skorpion, Fische, Luft: Wassermann, Zwilling, Waage –

Die Planetenkräfte im Jahresrad: Mond, Sonne, Merkur, Venus, Mars, Jupiter, Saturn, Uranus, Neptun, Pluto, Isis.

Der Mensch als Spiegel des Kosmos: – Astromedizinische Grundlagen: Wie oben so unten

Krankheit, Gesundheit, Heilung in der Alchemie und der Astromedizin mit praktischen Beispielen

Spagyrik bedeutet also, nach dem Besuch beim Astrologen gleich einen Schnaps zu trinken.

Na dann Prost, aber muss man in einer Veröffentlichung, die sich „Top Gesundheitsforum“ nennt, wirklich dem Alkoholkonsum das Wort reden?

Weiterlesen?

Vergebliche Suche nach dem „Universalmittel“

Spagyrik

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Eingeordnet unter Humor, Quatschmedizin

Stammzellen gegen Autismus? Fuck off!

Manchmal bekomme ich Links geschickt, mit der Frage, ob diese oder jene Therapie etwas gegen Autismus sei. Meist sind es Diäten oder Vitaminpillen, nutzloses aber eher harmloses Zeug. Aber manchmal fällt mir auch einfach die Kinnlade runter:

Seit dem Jahr 2005 hat Beike Biotech über 150 Autismus Patienten mit Stammzellen behandelt.

Genau, eine Methode, die wenig erforscht ist, aber das Potential hat, Tumore wachsen zu lassen, wird an Kindern mit Autismus ausprobiert. Zur Behandlung muss man nach China reisen:

Neben der nachgewiesen Sicherheit der Behandlung sind wir auch von den Behandlungserfolgen überzeugt. Leider ist aus unterschiedlichsten Gründen diese Behandlung zur Zeit nicht in Europa oder in den USA möglich. Wer nicht darauf warten kann oder will, dass auch diese Länder das Potenzial einer Stammzellbehandlung erkennen, muss zu Beike Biotech nach China reisen.

Na, wenn Ihr überzeugt seit, muss sich die Reise nach China ja lohnen. Die Fallgeschichten sprechen ja für sich. Ein ziemlich sicheres Zeichen für Scharlatane im medizinischen Bereich sind Fallgeschichten um die Wirksamkeit einer Therapie zu belegen.

Die Menschen von Beike kennen sich so gut mit Autismus aus, dass sie sogar „bisherige“ Therapiemöglichkeiten nennen:

Die aktuellen Behandlungsformen lassen sich in entwicklungs- und ernährungsbezogene sowie medizinische Ansätze differenzieren, aber alle genannten Therapieformen sind limitiert. Gleichzeitig werden zahlreiche klinische Studien durchgeführt, die von hyperbaren Sauerstofftherapien über die Verabreichung von Zink und der Gabe von Medikamenten mit entzündungshemmenden Eigenschaften reichen. Da aber bedauerlicherweise die Krankheitsursache bis heute nicht gefunden werden konnte, werden die angesprochenen Behandlungsansätze mit unterschiedlichem Erfolg durchgeführt.

Kein Wort von Verhaltenstherapie und Strukturierung, dafür viele unseriöse Methoden. Die Botschaft lautet somit: „Wenn sie von bisherigen unseriösen Methoden enttäuscht sind, probieren Sie doch mal unsere unseriöse Methode. Wir spritzen ihrem Kind dafür ein Mischung unbekannter Substanzen mit unbekannter Wirkung ins Blut und ins Rückenmark. Wenn das nicht hilft, wissen wir auch nicht weiter.“

Gut auch, dass bis heute keine Ursache gefunden wurde, wir aber fröhlich drauflos injizieren. Immerhin, im Preis ist sogar der Flughafentransfer (nicht der Flug) enthalten:

Die Kosten für eine Behandlung liegen bei $17,500 bis zu $30,000. Die meisten Behandlungen kosten zwischen $18,000 und $26,000. Der Preis schließt neben der Injektion der Stammzellen auch den Flughafentransfer, alle bei Ankunft im Krankenhaus vorzunehmenden Tests und Untersuchungen, ein Krankenhauszimmer mit einem zusätzlichen Bett für den Betreuer des Patienten (…).

Alles was ich zu Stammzellen und Autismus finden konnte, ist Grundlagenforschung, die noch nicht den Sprung aus der Petrischale ins Tiermodell geschafft hat. Wer möchte, dass etwas für 20 000 Euro an seinem Kind ausprobiert wird, was seriöse ForscherInnen noch nicht mal Ratten zumuten, für den ist China das Land der Träume.

[Da Verlinkungen das Google-Ranking einer Seite verbessern, habe ich darauf verzichtet. Wer die Seite sehen will, nehme einfach eines der Zitate und kopiere sie in einer Suchmaschine seiner oder ihrer Wahl]

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Eingeordnet unter Überleben, Indikationen, Quatschmedizin, Teure Medizin

Stammzellen – Die Hoffnung stirbt zuletzt

Any sufficiently advanced technology is indistinguishable from magic.
Arthur C. Clarke

Stammzellen sind Zellen, die das Potential haben, sich in fast jedes Körpergewebe umwandeln zu können. Das macht sie zu Hoffnungsträgern für viele Menschen mit Erkrankungen, die bisher als unheilbar gelten. Alzheimer, Herzinfarkt, Querschnittlähmung um nur einige alltägliche Beispiele zu nennen. Unsterblichkeit um eine fragwürdigere Idee nicht zu vergessen.

Aufgrund ihres nahezu magischen Potentials springen einige…oder ziemlich viele unseriöse Figuren auf den Zug. Es gibt nur wenige Erkrankungen die bereits erfolgreich mit Stammzelltherapie behandelt wurden. Im Patientenhandbuch zur Stammzelltherapie der International Society for Stem Cell Research heißt es dazu:

Das Spektrum der Krankheiten, für die es erprobte stammzellbasierte Behandlungsmethoden gibt, ist noch sehr gering. Störungen des Blut- oder Immunsystems und ein erworbenes Versagen der Knochenmarksfunktion können in einigen Fällen wirksam mittels einer Transplantation von Blutstammzellen behandelt werden.
Das Handbuch ist von 2008. Doch auch fünf Jahre später ist das goldene Zeitalter der Stammzelltherapie (leider) noch nicht angebrochen. In Italien gab es eine Initiative von Eltern und Patienten, eine klinische Studie für einige Stammzelltherapien mit durch die Regierung finanzieren zu lassen. Der Senat hatte der Forderung bereits zugestimmt und der Gesundheitsminister ein Gremium von Wissenschaftlern damit beauftrag das klinische Protokoll zu prüfen und eine Studie zu entwerfen. Doch es kam anders:
Stamina’s mesenchymal stem cell therapy has inflamed a passionate debate in Italy. Stem cell scientists say it lacks any scientific credibility, but patients and their supporters have demanded that the therapy be made available for a range of diseases for which Stamina claims benefit.
Das ist so ziemlich das härteste, was so ein Gremium über ein medizinisches Verfahren sagen kann. Die „Therapie“ wird schon länger kontrovers diskutiert und 2012 wurden Behandlungen des Unternehmens, das jetzt die Studie durchführen will, von Italienischen Medizin-Behörde (AIFA) unterbrochen, weil sie Unregelmäßigkeiten festgestellt hatte. Doch auf Druck von Patienten und deren Vertreter sprach sich der Senat für eine Studie aus. Leider hat man sich wohl vorher nicht informiert:
The panel has concluded that Stamina President Davide Vannoni has not released records of any preclinical studies conducted by Stamina and “there is no data concerning the quality of the cellular preparation,” according to ScienceInsider’s source. For instance, Stamina has been unable to show the presence of proteins that stem cells are expected to express when they form new neurons.
Dass Menschen die schwer krank sind sich an jede Hoffnung klammern, ist verständlich. Dass sie sich an Ihre gewählten VertreterInnen wenden, um Hilfe zu bekommen, ebenso. Dieses Beispiel zeigt aber auch, warum ÄrztInnen nicht jeden Wunsch ihrer Patienten erfüllen, auch wenn sie sich damit unbeliebt machen. Es zeigt auch, warum Politiker keine Entscheidungen treffen sollten, solange sie nicht dazu qualifiziert sind.
Um auf Arthur C. Clarke zurückzukommen: Manchmal ist nicht die Technologie magisch, sondern das Denken.

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Eingeordnet unter Forschung, Kontrovers

Krank, Gesund oder Nix

Über Twitter kam gerade folgender Tweet:

„@DoktorJohannes @spiegel_gesund wir dürfen Patienten niemals kränker machen als sie sind! Trend ist überall erkennbar! Siehe Cholesterin etc“

Die Zeichenbegrenzung zwingt zum verkürzen, trotzdem erregen solche plakativen Äußerungen meine Aufmerksamkeit. Ursprung war ein Spiegelartikel in dem es darum ging, dass angeblich immer mehr Menschen in normalen aber schwierigen Lebenssituationen eine Diagnose verpasst wird. Gerade das DSM-V biete dieser Entwicklung Vorschub, ist eine häufig vorgebrachte Kritik, die auch in diesem Artikel geäußert wird. Kritik ist gut, nur durch Kritik entwickeln wir uns weiter aber… Das DSM-V ist für amerikanische Verhältnisse ausgelegt. In Deutschland geht ein gesetzlich Versicherter zu einem Arzt, wenn er (oder sie) der Ansicht ist, Hilfe zu benötigen. Über alles weitere entscheidet dann Arzt oder Ärztin. Abgerechnet wird über die Chipkarte. In den USA braucht man zwingend eine Diagnose, wenn es eine Chance (!) geben soll, dass die Versicherung die Kosten übernimmt. Es ist zwar richtig, dass nicht jedeR, der oder die sich gerade trennt so leidet, dass es Krankheitswert hat, einige aber schon. Und die haben ein Anrecht auf Hilfe.

Wie empirisch unterlegt einige der Schlüsse der im Artikel genannten Experten sind wird leider nicht dargelegt, doch es erscheint mir, als würde fröhlich Evidenz mit Eminenz vermischt.

Im Mai dieses Jahres erschien in den USA das neue Psychiater-Handbuch DSM-5. Kritiker fürchten, dass wegen der Diagnosekriterien im DSM-5 künftig aus gesunden Menschen psychisch Kranke gemacht werden könnten. Doch noch lange bevor das Handbuch in der deutschen Praxis eingesetzt wird, beobachten Schneider und Kollegen eine Diagnosewut unter Psychiatern und Psychotherapeuten. Vor allem die Diagnosen Burnout und Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) sehen Fachleute kritisch.

Wie will irgendjemand im August 2013, drei Monate nach der Einführung des DSM-V seriös etwas über den Effekt auf Diagnosen in Deutschland (oder sonst irgendwo) sagen zu können, halte ich für gewagt. „Burnout“ ist keine eigenständige Diagnose, sondern kann im Rahmen einer Depression mitkodiert werden. Ein Eigenleben führt sie hingegen in den Medien.

Diese Diagnosewut kann ich aus meinem Erfahrungshorizont heraus nicht bestätigen. Ich halte das für einen Mythos. Eine Ausnahme könnten einzelne Diagnosen darstellen, die von Fachfremden KollegInnen gestellt werden. Mein Erfahrungshorizont reicht natürlich nicht, um relevante Aussagen zu machen, er erklärt aber meine Skepsis 🙂

Gestört hat mich vor allem die Überschrift: „Wir dürfen nicht alle Menschen mit Problemen zu Patienten machen.“ Das ist sicher richtig. Ich würde es aber positiv formulieren wollen: „Wer Hilfe benötigt, muss sie bekommen.“  Die Dichotomie von Krank und Gesund ist künstlich, nur weil jemand nicht krank ist, bedeutet das nicht, dass er gesund ist.

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Eingeordnet unter MEINung

Ärzte Zeitung präsentiert: Quatschmedizin

Manchmal frage ich mich, ob ich die ganzen Newsletter nicht wieder abbestellen sollte, das Meiste lese ich sowieso nicht. Aber manchmal stolpere ich doch über ein paar Zeilen die mich am sofortigen löschen hindern:

Newslettertext

„Infektion
Alternativen zu Antibiotika
Antibiotika-Resistenzen nehmen zu. Über Alternativen zu Antibiotika bei Rhinosinusitis informiert eine Fortbildung von Hevert-Arzneimittel. mehr »“

Infektiologie ist für mich ein Hobby, so dass das Thema schon meine Aufmerksamkeit erregt hat. Antibiotika sind immer ein heißes Thema und an Alternativen wird ganz wild geforscht. „Hevert-Arzneimittel“ kannte ich bisher jedoch eher als Hersteller von Glaubuli und Komplexhomöopathika und nicht als Unternehmen an vorderster Front der infektiologischen (oder antiinfektiologischen Forschung). Ich war also mindestens gespannt und habe mich zum Artikel geklickt:

NEU-ISENBURG. 8,5 Millionen Mal wird in Deutschland jedes Jahr für Patienten mit akuter Rhinosinusitis (Anm.: Nasennebenhöhlenenzündung oder „fetter Schnupfen“) der Rezeptblock gezückt – in 70 bis 90 Prozent der Fälle werden Antibiotika verschrieben.

Und das, obwohl die Primärinfektion meist viraler Natur ist. Eine der Folgen: eine bedenkliche Antibiotika-Resistenzentwicklung.

Eine Alternative, auf die in der Fortbildung eingegangen wird, ist das Arzneimittel Sinusitis Hevert® SL. (…)“

Dass in Deutschland (und überall auf der Welt) Antibiotika unkritisch und nicht nach evidenzbasierten Kriterien eingesetzt werden, ist kein Geheimnis. Ebenso die Tatsache, dass Antibiotika nicht gegen Viren wirken. Ob der Einsatz von Antibiotika im Rahmen der Nasennebenhöhlenenzündung einen Relevanten Anteil an der Resistenzentwicklung hat, sei mal dahingestellt (möglich ist es). Richtig ist in jedem Fall, ein Medikament, dass ohne Indikation eingesetzt wird, ist ein falsches Medikament.

Aber hier bietet die Fortbildung von Hevert Abhilfe und verweist auf „Sinusitis Hevert® SL“. Sinusitis heißt „Nebenhöhlenentzündung“ und wird oft synonym mit Rhinosinusitis genutzt. Nach diversen Allgemeinplätzen über Antibiotika und der Erwähnung der Möglichkeit, dass uns ein „postantibiotisches Zeitalter“ drohe, geht es ans Eingemachte. Doch bevor es hier weitergeht ein kurzer Blick auf die Inhaltsstoffe (Übersetzung und ‚Übersetzung‘ der Potenzen von mir):

  • Apis D4 10 mg -Bienengift 1:10000
  • Baptisia D4 5 mg – Indigolupine 1:10000
  • Cinnabaris D3 5 mg – Zinnober 1:1000
  • Echinacea D2 30 mg – 1:100
  • Hepar sulfuris D3 10 mg – Gemisch aus gleichen Teilen Austernschalenkalk (Calcium carbonicum) und Schwefelblumen (Sulfur), die durch Einwirkung großer Hitze miteinander verschmelzen und dabei eine weiche Masse (von leberartiger Konsistenz) ergeben. 1:1000
  • Kalium bichromicum D8 30 mg – Kaliumdichromat 1:100000000
  • Lachesis D8 10 mg –  Sekret der Buschmeister, eine Schlangengattung aus der Unterfamilie der Grubenottern 1:100000000
  • Luffa D4 60 mg – Luffa ist eine Gattung der Kürbisgewächse (Cucurbitaceae), die in den Tropen beheimatet ist. 1:10000
  • Mercurius bijodatus D9 70 mg – Quecksilber(II)-iodid ist eine chemische Verbindung und gehört zu den Halogeniden des Schwermetalls Quecksilber. Direkten Kontakt sollte man wegen seiner hohen Toxizität meiden. 1:1000000000
  • Silicea D2 5 mg – Silizium 1:100
  • Spongia D6 10 mg – Meerschwamm 1: 1000000

Zur Erinnerung: 1g entspricht 1000mg. Da ist zwar nicht mehr viel drin aber das Eine oder Andere sollte noch nachweisbar sein.

Das Produkt ist regelrecht omnipotent. Abschwellend und Entzündungshemmend sind nur zwei der Eigenschaften, die genannt werden und Sinusitis nur eine der Indikationen. Das Ganze wird mit einer Quellenangabe versehen und die sind ja das eigentlich Interessante: Auf welcher Basis empfiehlt Hevert sein Produkt als Alternative zu Antibiotika*.

An erster Stelle steht da „Schnupfen und Sinusitis – Natürlich und effektiv behandeln„, von J.C. Wollmann, einem bei Hevert angestellten Arzt. An zweiter Stelle findet man „Das Sinubronchiale Syndrom. Ganzheitliche Therapie bei Erkrankungen der oberen und unteren Atemwege. Leitfaden für Fachkreise„. Die dritte Quelle behandelt das Thema Antibiotikaresistenz und stammt aus dem Ärzteblatt. Die Vierte Quelle ist die AWMF Kurzfassung der Leitlinie „Rhinosinusitis“ der Deutschen Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde (die echte Leitlinie, wenn man so will). Und am Schluss wird noch aus der „Fachs- und Gebrauchsinformation Sinusitis Hevert SL“ zitiert, also dem Beipackzettel. Drei Quellen (1,2 und 5) sind aus dem Hause des Herstellers, wobei 1 nicht auffindbar ist und 2 eine Werbebroschüre ohne jegliche Quellenangaben. Eine Quelle ist nicht relevant für die Fragestellung (3). Schauen wir also in die Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde und finden heraus, welchen Stellenwert man dort dem Komplexhomöopathikum Sinusitis SL zuspricht:

In einer doppelblinden, placebo-kontrollierten Studie wurde ein homoopathisches Kombinationspräparat bei der akuten Rhinosinusitis untersucht. Diese Publikation spricht von signifikanten Verbesserungen. Eine generelle Empfehlung für den Einsatz homöopathischer Arzneimittel bei der akuten Rhinosinusitis kann nicht gegeben werden.

So steht es in der Kurzfassung.  In der Langfassung (abgelaufen) findet sich folgendes:

Aufgrund der vorliegenden Studien (Wiesenauer 1989, Weiser 1994) kann eine wirksame ärztliche Einflussnahme auf die akute Sinusitis mit homöopathischen Medikamenten als nicht bzw. nicht ausreichend belegt angenommen werden.

Wie ein „wirkungsvoller Therapieweg bei Erkältungskrankheiten“ (Hevert) hört sich das nicht an.

Ich weiß ja, dass diese Form von Werbung in vielen Zeitschriften mittlerweile die Regel ist, abfinden möchte ich mich damit aber nicht wirklich. Was kann ich denn von einer, an medizinisches Fachpersonal gerichteten Publikation noch erwarten, wenn nicht kritische Berichterstattung? In diesem Fall war es recht einfach herauszufinden, wie dünn die Evidenz hinter dem gemachten Behauptungen ist. Bei neuartigen Produkten, über die es wenige Studien und Veröffentlichungen gibt, sieht das ganz anders aus. Ben Goldacre schreibt in seinem Buch, dass es nicht mehr möglich ist, für einen einzelnen jede Aussage zu prüfen und jedes Paper zu lesen. Wenn die Ärzte Zeitung diesen Job nicht für mich übernimmt, ist sie nutzlos, warum sollte ich sie lesen? Und dass ich die Aussagen in einer „Fortbildung“ vom Hersteller, egal welches Medikaments, nicht ernst nehmen kann, ist klar. Aber durch den Einleitungstext auf Seiten der Ärzte Zeitung wird dem ganzen eine gewisse Kredibilität gegeben. Die Frage ist, ob sich dadurch die Glaubwürdigkeit für die Fortbildung erhöht oder die der Ärzte Zeitung verringert.

*Eine „Alternative“ zu Antibiotika ist bei einer viralen Infektion sinnlos, weil Antibiotika in dem Fall die falsche Therapie darstellt. So wie das in der Fortbildung formuliert wird, kann die Alternative nur eine andere falsche Therapie sein.

Anmerkung: Ich hätte den Beitrag gerne mit ein paar Bildern von der Fortbildung aufgelockert. Da viele Unternehmen bei kritischer Berichterstattung aber ziemlich garstig werden können, wollte ich dem Vorwand der Copyrightverletzung nicht Tür und Tor öffnen.

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