Krank, Gesund oder Nix

Über Twitter kam gerade folgender Tweet:

„@DoktorJohannes @spiegel_gesund wir dürfen Patienten niemals kränker machen als sie sind! Trend ist überall erkennbar! Siehe Cholesterin etc“

Die Zeichenbegrenzung zwingt zum verkürzen, trotzdem erregen solche plakativen Äußerungen meine Aufmerksamkeit. Ursprung war ein Spiegelartikel in dem es darum ging, dass angeblich immer mehr Menschen in normalen aber schwierigen Lebenssituationen eine Diagnose verpasst wird. Gerade das DSM-V biete dieser Entwicklung Vorschub, ist eine häufig vorgebrachte Kritik, die auch in diesem Artikel geäußert wird. Kritik ist gut, nur durch Kritik entwickeln wir uns weiter aber… Das DSM-V ist für amerikanische Verhältnisse ausgelegt. In Deutschland geht ein gesetzlich Versicherter zu einem Arzt, wenn er (oder sie) der Ansicht ist, Hilfe zu benötigen. Über alles weitere entscheidet dann Arzt oder Ärztin. Abgerechnet wird über die Chipkarte. In den USA braucht man zwingend eine Diagnose, wenn es eine Chance (!) geben soll, dass die Versicherung die Kosten übernimmt. Es ist zwar richtig, dass nicht jedeR, der oder die sich gerade trennt so leidet, dass es Krankheitswert hat, einige aber schon. Und die haben ein Anrecht auf Hilfe.

Wie empirisch unterlegt einige der Schlüsse der im Artikel genannten Experten sind wird leider nicht dargelegt, doch es erscheint mir, als würde fröhlich Evidenz mit Eminenz vermischt.

Im Mai dieses Jahres erschien in den USA das neue Psychiater-Handbuch DSM-5. Kritiker fürchten, dass wegen der Diagnosekriterien im DSM-5 künftig aus gesunden Menschen psychisch Kranke gemacht werden könnten. Doch noch lange bevor das Handbuch in der deutschen Praxis eingesetzt wird, beobachten Schneider und Kollegen eine Diagnosewut unter Psychiatern und Psychotherapeuten. Vor allem die Diagnosen Burnout und Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) sehen Fachleute kritisch.

Wie will irgendjemand im August 2013, drei Monate nach der Einführung des DSM-V seriös etwas über den Effekt auf Diagnosen in Deutschland (oder sonst irgendwo) sagen zu können, halte ich für gewagt. „Burnout“ ist keine eigenständige Diagnose, sondern kann im Rahmen einer Depression mitkodiert werden. Ein Eigenleben führt sie hingegen in den Medien.

Diese Diagnosewut kann ich aus meinem Erfahrungshorizont heraus nicht bestätigen. Ich halte das für einen Mythos. Eine Ausnahme könnten einzelne Diagnosen darstellen, die von Fachfremden KollegInnen gestellt werden. Mein Erfahrungshorizont reicht natürlich nicht, um relevante Aussagen zu machen, er erklärt aber meine Skepsis 🙂

Gestört hat mich vor allem die Überschrift: „Wir dürfen nicht alle Menschen mit Problemen zu Patienten machen.“ Das ist sicher richtig. Ich würde es aber positiv formulieren wollen: „Wer Hilfe benötigt, muss sie bekommen.“  Die Dichotomie von Krank und Gesund ist künstlich, nur weil jemand nicht krank ist, bedeutet das nicht, dass er gesund ist.

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