Monatsarchiv: Oktober 2013

Ein Mythos über die 'Schulmedizin'*

Gestern lief im SWR die Sendung Nachtcafé zum Thema „Wer heilt hat Recht“. Mit dabei war der Palliativmediziner und GWUPler Dr. Benedikt Matenaer. Man kann ihm nur Respekt zollen, für die Art und Weise, wie er sich in der Sendung geschlagen hat. Ich bin zwar nicht mit allem einverstanden, was er gesagt hat, aber in Kernpunkten stimmen unsere Ansichten überein. Doch bei einer Sache bin ich mir sicher, dass er und viele andere Kritiker von pseudomedizinischen Methoden sich irren. Man könnte es den Empathiefehlschluss nennen.

In der Medizin gibt und wird es immer Baustellen geben. Die Medizin die wir haben, ist die Beste, die es gibt, aber nicht die Bestmögliche. Und doch sind die meisten Menschen, mit denen ich spreche mit ihrer ganz persönlichen Behandlung recht zufrieden. Immer unter Berücksichtigung einzelner Episoden, in denen es nicht so war. Wo Menschen arbeiten passiert Fehler.

Wenn wir uns über die Gründe unterhalten, warum Menschen sich pseudomedizinischen Verfahren und Therapeuten zuwenden, ist das häufigst genannte Argument, ÄrztInnen hätten keine Zeit, der Mensch sei aus dem Fokus geraten und deswegen (!) suchten sich so viele Menschen Hilfe bei Anbietern von Quatschmedizin. Doch Forschung zu dem Thema zeigt etwas anderes, etwas was wir bei der Diskussion bisher vernachlässigt haben.

Die Lösung des Problems unseriöser Methoden wäre, nach der bisher verbreiteten Annahme, die „Schulmedizin“ zu verbessern. Mehr Zeit für Patienten, weniger unnötige Diagnostik und Therapie. Wenn die Menschen sich im Schoß der „Schulmedizin“ wieder aufgehoben fühlen, würden sie sich nicht an Anbieter unseriöser Methoden wenden.

Leider ist es so, dass die Gründe aus denen sich Menschen diesen Methoden zuwenden, woanders liegen. Menschen die CAM (Complementary and Alternive Medicine) nutzen sind in der Regel bereits recht zufrieden mit ihrer Behandlung. Sie sind, laut den meisten Studien, nicht enttäuscht von der Behandlung im Rahmen konventioneller Medizin. Sie wollen jedoch ihre Optionen vermehren, mehr Möglichkeiten nutzen, auf ihre Krankheit Einfluss zu nehmen. Dagegen ist natürlich nichts zu sagen, nur leider ist die Methodenvielfallt in den meisten Fällen eine Illusion. Methoden, die nicht wirken, vergrößern Handlungsspielräume nicht, eher im Gegenteil.

Ein weiterer Grund liegt in der Tatsache, dass Menschen sich Methoden zuwenden, die ihrer Weltanschauung entsprechen. Jemand der sich eher spirituell empfindet wird sich also eher „Energiemedizin“ zuwenden und ein Materialist lässt sich eher ein Kinesiotape anlegen. Wobei Mischungen sicher eher die Regel als die Ausnahme sind. Wenn eine Methode verwendet wird, ist die Chance größer, dass weitere dazu kommen.

Diese beiden Ergebnisse zeigen zwei Dinge: Egal wie gut die Medizin wird, egal wie „menschlich“ evidenzbasierte TherapeutInnen sind: es wird immer einen Grund für die Patienten geben, „ihre Optionen zu erweitern„. Der Markt für pseudomedizinische Verfahren, kann also nur durch eine Austrocknung der Anbieterseite kleiner werden (ganz verschwinden wird er wohl nie).

Wenn ÄrztInnen eine Methode empfehlen, wird dieser dadurch Gewicht verliehen, welche den Patienten eine Erweiterung ihre Optionen suggeriert. Die Behandlung wird dadurch nicht besser, die Patienten jedoch zufriedener. Warum das ein Problem ist, thematisiere ich in einem anderen Text.

Also liebe Kritikerinnen und Kritiker an pseudomedizinischen Verfahren, bitte schaut weiter genauso kritisch auf die gute alte Medizin, lastet ihr jedoch nichts an, wofür sie einfach nichts kann.

*Und bitte: Es gibt keine Schulmedizin, es gibt Medizin die wirkt und welche, die nicht wirkt:

„A small crack appears
In my diplomacy-dike.
„By definition“, I begin
„Alternative Medicine“, I continue
„Has either not been proved to work,
Or been proved not to work.
You know what they call alternative medicine That’s been proved to work?

Medicine.“

—Tim Minchin, Storm“
Quelle

Weiterlesen: Why Do People turn to Alternative Medicine?

4 Kommentare

Eingeordnet unter Kontrovers, MEINung, Quatschmedizin, Skeptizismus

Ein Mythos über die ‚Schulmedizin’*

Gestern lief im SWR die Sendung Nachtcafé zum Thema „Wer heilt hat Recht“. Mit dabei war der Palliativmediziner und GWUPler Dr. Benedikt Matenaer. Man kann ihm nur Respekt zollen, für die Art und Weise, wie er sich in der Sendung geschlagen hat. Ich bin zwar nicht mit allem einverstanden, was er gesagt hat, aber in Kernpunkten stimmen unsere Ansichten überein. Doch bei einer Sache bin ich mir sicher, dass er und viele andere Kritiker von pseudomedizinischen Methoden sich irren. Man könnte es den Empathiefehlschluss nennen.

In der Medizin gibt und wird es immer Baustellen geben. Die Medizin die wir haben, ist die Beste, die es gibt, aber nicht die Bestmögliche. Und doch sind die meisten Menschen, mit denen ich spreche mit ihrer ganz persönlichen Behandlung recht zufrieden. Immer unter Berücksichtigung einzelner Episoden, in denen es nicht so war. Wo Menschen arbeiten passiert Fehler.

Wenn wir uns über die Gründe unterhalten, warum Menschen sich pseudomedizinischen Verfahren und Therapeuten zuwenden, ist das häufigst genannte Argument, ÄrztInnen hätten keine Zeit, der Mensch sei aus dem Fokus geraten und deswegen (!) suchten sich so viele Menschen Hilfe bei Anbietern von Quatschmedizin. Doch Forschung zu dem Thema zeigt etwas anderes, etwas was wir bei der Diskussion bisher vernachlässigt haben.

Die Lösung des Problems unseriöser Methoden wäre, nach der bisher verbreiteten Annahme, die „Schulmedizin“ zu verbessern. Mehr Zeit für Patienten, weniger unnötige Diagnostik und Therapie. Wenn die Menschen sich im Schoß der „Schulmedizin“ wieder aufgehoben fühlen, würden sie sich nicht an Anbieter unseriöser Methoden wenden.

Leider ist es so, dass die Gründe aus denen sich Menschen diesen Methoden zuwenden, woanders liegen. Menschen die CAM (Complementary and Alternive Medicine) nutzen sind in der Regel bereits recht zufrieden mit ihrer Behandlung. Sie sind, laut den meisten Studien, nicht enttäuscht von der Behandlung im Rahmen konventioneller Medizin. Sie wollen jedoch ihre Optionen vermehren, mehr Möglichkeiten nutzen, auf ihre Krankheit Einfluss zu nehmen. Dagegen ist natürlich nichts zu sagen, nur leider ist die Methodenvielfallt in den meisten Fällen eine Illusion. Methoden, die nicht wirken, vergrößern Handlungsspielräume nicht, eher im Gegenteil.

Ein weiterer Grund liegt in der Tatsache, dass Menschen sich Methoden zuwenden, die ihrer Weltanschauung entsprechen. Jemand der sich eher spirituell empfindet wird sich also eher „Energiemedizin“ zuwenden und ein Materialist lässt sich eher ein Kinesiotape anlegen. Wobei Mischungen sicher eher die Regel als die Ausnahme sind. Wenn eine Methode verwendet wird, ist die Chance größer, dass weitere dazu kommen.

Diese beiden Ergebnisse zeigen zwei Dinge: Egal wie gut die Medizin wird, egal wie „menschlich“ evidenzbasierte TherapeutInnen sind: es wird immer einen Grund für die Patienten geben, „ihre Optionen zu erweitern„. Der Markt für pseudomedizinische Verfahren, kann also nur durch eine Austrocknung der Anbieterseite kleiner werden (ganz verschwinden wird er wohl nie).

Wenn ÄrztInnen eine Methode empfehlen, wird dieser dadurch Gewicht verliehen, welche den Patienten eine Erweiterung ihre Optionen suggeriert. Die Behandlung wird dadurch nicht besser, die Patienten jedoch zufriedener. Warum das ein Problem ist, thematisiere ich in einem anderen Text.

Also liebe Kritikerinnen und Kritiker an pseudomedizinischen Verfahren, bitte schaut weiter genauso kritisch auf die gute alte Medizin, lastet ihr jedoch nichts an, wofür sie einfach nichts kann.

*Und bitte: Es gibt keine Schulmedizin, es gibt Medizin die wirkt und welche, die nicht wirkt:

„A small crack appears
In my diplomacy-dike.
„By definition“, I begin
„Alternative Medicine“, I continue
„Has either not been proved to work,
Or been proved not to work.
You know what they call alternative medicine That’s been proved to work?

Medicine.“

—Tim Minchin, Storm“
Quelle

Weiterlesen: Why Do People turn to Alternative Medicine?

4 Kommentare

Eingeordnet unter Kontrovers, MEINung, Quatschmedizin, Skeptizismus

Es lebe der Sport…bis in den Tod

Wer den Schaden hat, braucht für den Spot nicht zu sorgen. Das zeigt gerade ein Artikel auf Spiegel-Online, mit dem netten Titel: „Sport könnte Medikamente überflüssig machen“. Anlass ist eine Studie die gezeigt hat, dass Sport gesund sein kann und in einigen Fällen besser wirkt als Medikamente. Untersucht wurden Erkrankungen der Herzkranzgefäße, Schlaganfall, Herzinsuffizienz (Herzschwäche) und Glukoseintoleranz (Prediabetes). Also Erkrankungen, die vor allem durch Veränderungen in den Gefäßen zu Problemen führen.

Im Artikel wird die Überschrift im Verlauf immer weiter relativiert und wenn man sich die Ergebnisse der Studie genauer ansieht, ist das Ergebnis wenig überraschend. Bei Patienten mit Schlaganfall dienen Medikamente in der Regel dazu weitere Schlaganfälle zu verhindern und die Folgen des abgelaufenen Schlaganfalls zu minimieren. Verlorene Funktionen werden durch Rehabilitation erreicht und die wird im Artikel einfach mal zu „Sport“ gerechnet. Das überreizt den Begriff vielleicht doch etwas.

Was mich aber am meisten ärgert, ist die Unterstellung, die mitschwingt, ÄrztInnen wüssten nicht um den Nutzen von Bewegung und würden lieber Medikamente verschreiben. Gleiches gilt auch für PatientInnen. Es mag viele Gründe geben, warum jemand keinen Sport machen will und diesen Sport vorzieht. Das Leben der meisten Menschen ist kompliziert und einfache Lösungen à la „Sport statt Pillen“ klingen wirklich nett, müssen aber auch in den Alltag passen.

Natürlich wäre es wünschenswert, wenn jeder die Möglichkeit hätte, die Methode zur Herstellung oder Erhaltung seiner Gesundheit nutzen zu können, die ihm oder ihr am wenigsten schadet. Auch Wünschenswert wäre es, weniger über die Entscheidungen von Menschen zu urteilen und mehr über die Gründe für die Entscheidungen zu berichten.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Berichterstattung, Forschung, MEINung