Monatsarchiv: November 2013

Empörung ist kein Argument. Auch nicht bei abgeknallten Löwen

Kürzlich flatterte ein Link an mir vorbei in dem es um eine TV-Moderatorin ging, die einen Löwen erlegt hatte. Im Artikel war ein Foto zu sehen, auf dem die Moderatorin stolz vor dem toten Tier posierte. Es ging um eine Welle der Empörung, die der Dame entgegenschlug. Dabei war ihre Website wohl voll mit Bildern, die sie mit diversen Spezies von Großsäugern zeigt, die sie vermeintlich selbst aus ihrer weltlichen Existenz katapultiert hat. Auch alle Kommentatoren waren empört. Löwen, so der Tenor, tötet man nicht. In einem anderen Artikel zeigte jemand, der sich mit Löwen beschäftigt, dass man nicht sehr mutig sein muss, um einen Löwen zu erlegen. Wenn man mit dem Auto an Löwen heranfährt blieben sie einfach liegen. Also Löwen jagen macht man nicht, und mutig ist man dabei auch nicht.

Soweit zur Empörung. Was fehlte, waren Argumente. Ich selbst fand das Bild auch sehr verstörend, genauso wie das  irgendeines Monarchen, der dem WWF vorsteht und einen Elefanten erlegt hat. Aber was ist der Unterschied zwischen mir und den Jägern, wenn in meinem Kühlschrank Ware lagert, die ebenfalls einem Großsäuger das Leben gekostet hat? Warum sollte es unmoralischer sein, einen Löwen zu töten, als eine Kuh oder ein Schwein oder Schaf zu töten? Man könnte, schaut man sich die Haltungsbedingungen in einigen Betrieben an, sogar sagen, es ist moralischer ein Tier in freier Wildbahn zu töten, als es vorher in einem Stall zu halten.

Auch das mit dem Mut ist komisch. Ich finde es zumindest nicht sehr mutig, im Kühlregal nach einem Pfund Hack zu greifen. Vergangene Lebensmittelskandale lasse ich mal außer Acht 🙂

Das Problem liegt nicht darin, dass man ein Tier tötet, das Problem liegt im Grund, aus dem man das Tier tötet. Möchte ich das Tier verspeisen, so sichert der Tod des Tieres mein Überleben (einer Diskussion über Vegetarismus werde ich weitgehend aus dem Weg gehen…außer ich habe viel Zeit). Es geht also darum, dass jemand ein Tier tötet um es zu töten. Darüber kann man sich sicher empören. Andererseits ist der Unterschied zwischen einer Kuh und einem Löwen oder einem Elefanten, die Anzahl der Exemplare. Wir haben keinen Mangel an Kühen…vielleicht eher im Gegenteil. Aktuell gibt es auch keinen Mangel an Löwen, bei Elefanten sieht das jedoch anders aus.

Einmal angenommen, in der Gegend in der die Dame den Löwen geschossen hat, gebe es eine Löwenplage (ein andere Lösung als das erschießen der Löwen ist aus unbekannten Gründen unmöglich. Das hier ist mein Gedankenexperiment, meine Regeln). Dann würde ihre Tat wiederum einen Zweck erfüllen: die Anzahl der Löwen zu dezimieren. Ihre Motivation bliebe zwar das töten des Tieres aber immerhin hätte sie sie dann in den Dienst von etwas nützlichem gestellt.

Geht es bei der Empörung also weniger um die nackte Tatsache, dass jemand ein (aus unserer Sicht) exotisches, wildes und wahrscheinlich romantisch verklärtes Tier getötet hat? Oder um die Tatsache, dass jemand Verantwortungslos mit der Umwelt umgeht? Wobei das auch nur unter bestimmten Annahmen stimmt. Bevor wir nicht bestimmte Dinge geklärt haben, bleibt das eine Unterstellung.

Mein eigentliches Problem ist, dass es durchaus gute Gründe gibt, sich aufzuregen. Wenn man sich aber bei allem möglichen Kram aufregt und keine Argumente vorbringt, nimmt einen niemand mehr Ernst, wenn es darauf ankommt.

 

Passend dazu: Nashörner sterben für Traditionelle Chinesische Medizin

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Autismus: Natürlicher Verlauf als Heilung verkauft.

Über Homöopathie als Therapie bei Autismus hatte ich ja bereits im Rahmen der CEASE-Therapie geschrieben: sie ist wirkungslos, jedoch nicht ohne Folgen. Nun bin ich über einen Beitrag auf den Seiten des Narayana-Verlags, einem Vertreiber homöopathischer Literatur, gestoßen, der exemplarisch aufzeigt, wie man im Grunde alles zu einer „Heilung“ umdefinieren kann. Beschrieben wird die Geschichte eines Jungen, den der Autor mit vier Jahren das erste mal sieht. Er gibt ihm ein Mittelchen, was auf einige seiner Symptome passt:

„Auf der Grundlage meiner Beobachtungen gab ich Ginuwine Barium muriaticum 200 K, eine Gabe alle 4 Wochen. Dieses Mittel passte zu seiner Entwicklungs- und Sprach-Retardierung sowie zu einigen seiner körperlichen Symptome.“

Interessant an dieser Aussage ist, dass das Mittel, nach allem, was ich von Homöopathie weiß, eigentlich nicht korrekt ausgesucht worden ist. Nach dem Simile Prinzip muss das „ähnlichste Mittel“ gefunden werden. Dabei geht es darum eine Mittel zu finden, dessen Arzneimittelbild (die Symptome, die es beim Gesunden hervorruft) zur Erkrankung des Patienten passt. Dabei muss man das Symptom finden, welches am individuellsten ist. Außerdem werden „geistige“ Symptome höher bewertet, als körperliche. Eine kurze Recherche nach Barium muriaticum zeigt:

„BARIUM CARBONICUM gilt als wichtiges Mittel für Kinder, sowohl konstitutionell als auch situativ. Spätentwickelte oder nicht entwickelte Kinder: lernt spät gehen, späte Zahnung,…
In der Literatur wird besonders der große Nutzen des Arzneimittels bei retardierten und behinderten Kindern, etwa bei Trisomie 21 betont: Stumpfheit bei Kindern“

Kinder mit Autismus und Kinder mit einer Trisomie 21 (ohne Autismus!) zeigen deutliche Unterschiede im Verhalten. Mir erscheint das nicht sehr individuell ausgesucht. Nach dem Motto: „Behinderte, kennste einen, kennste allen.“

Egal, es geht ja um etwas anderes, nämlich den Verlauf. Der Autor schreibt über seien Erfolg mit seinem Mittel:

„Er spricht mehr und seine Sprache ist deutlicher geworden. Sein Essverhalten hat sich verändert: er isst jetzt Dinge, die er vorher nie gegessen hat.

Fünf Monate später: Die Besserung schreitet fort. Er beantwortet Fragen, während er früher er nur mit Echolalie reagierte. Er kann benennen, was er in Büchern sieht.“

Autismus drückt sich nicht durch einen Entwicklungsstillstand, sondern u.a. (!) und z.T. (!) eine Verzögerung in bestimmten Bereichen aus. Es ist durchaus zu erwarten, dass ein Kind sich entwickelt. Von ganz alleine ein bisschen und mit Förderung deutlich mehr.

„Im Januar 2004 verließ er die therapeutische Kinderkrippe und wurde in eine Schule für Lernbehinderte eingeschult, was mehr war, als seine Eltern und Betreuer je von ihm erwartet hatten.

Dann kam eine Zeit, wo er keine weiteren Fortschritte mehr machte, was für mich ein Zeichen war, dass er ein anderes Mittel benötigte. Er bekommt nun Helium 200 K, zwei Globuli einmal monatlich.“

Diese beiden Absätze zeigen sehr eindrücklich, dass der Autor wenig Erfahrung mit Kindern mit Autismus hat. Wechsel fallen Menschen mit Autismus häufig schwer. Es ist häufig zu beobachten, dass Kinder, die einer größeren Veränderung ausgesetzt sind, und der Schuleintritt gehört dazu, nicht nur stagnieren, sondern zeitweise sogar Rückschritte machen. Für die Familien kann das sehr frustrierend sein, wenn die mühsam gemachten Fortschritte dahinschmelzen. In der Regel kommen sie jedoch wieder, sobald das Kind in der neuen Umgebung angekommen ist. Solche Wechsel sollten daher gut begleitet werden.

Springen wir an das Ende des Artikels:

Frage von Alex Leupen an die Eltern: Wie sehen Sie die Zukunft für Ginuwine?

Antwort der Eltern: Er wird wahrscheinlich in einer therapeutischen Lebensgemeinschaft leben. Im Moment lernt er lesen und schreiben. Auch in der Schule konnten sie uns nicht sicher sagen, was für Fortschritte er noch machen kann; so freuen wir uns über jeden kleinen Fortschritt, den er macht.

Die hier beschriebene Entwicklung ist nichts Ungewöhnliches. Globuli benötigt man dazu nicht. Der Autor scheint sich jedoch diesen nicht ungewöhnlichen Verlauf als Erfolg an die Brust pinnen zu wollen. Die „göttliche Homöopathie“ hat es wieder allen gezeigt.

Eine verwertbare Aussage des Autoren findet sich dann doch noch im Text:

Sobald Sie bemerken, dass sich Ihr Kind nicht normal entwickelt, müssen Sie etwas unternehmen. Egal, wie schwer es ist, Sie müssen versuchen zu akzeptieren, dass Ihr Kind anders ist und sich anders verhält. Je früher eine Diagnose gestellt wird, desto besser.

Genau und dann gehen Sie zur nächsten Autismusambulanz, Autismuszentrum, Kinder- und Jugendpsychiatrischen Ambulanz oder einem Sozialpädiatrischem Zentrum (je nachdem, was vor Ort zu finden ist), zu Menschen die sich mit Autismus auskennen.

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Kindesmisshandlung: Tipps für Profis

[In diesem Beitrag geht es um Kinder, Gewalt und Pseudomedizin, eine Mischung die bei mir Zynismus hervorruft. Das schlägt sich im Text nieder. Wer das nicht verträgt, hört besser hier auf zu lesen.]

Über den KinderDoc bin ich auf eine Seite gestoßen, die Bachblüten gegen Kindesmisshandlung anbietet. Das hört sich doch nach einer guten Sache an. Wer kann denn dagegen sein, dass weniger Kinder misshandelt werden? Auf der Seite heißt es, die Bachblütenmischung helfe…

  • Die traumatische Erfahrung zu verkraften
  • Das Selbstvertrauen wiederherzustellen
  • Ein positiveres Selbstbild zu schaffen
  • Ängste zu verringern
  • Wieder Lebensmut zu bekommen
  • Gemütsruhe zu bringen
  • Sich wieder trauen, Kontakte mit anderen zu knüpfen

Klar, wer Kinder misshandelt, hat sicher selbst einige Probleme und da ist es gut, wenn Bachblüten helfen die zu lösen. Da wird die Ursache der Kindesmisshandlung bekämpft. Etwas weiter unten heißt es allerdings zu den Details:

Bachblüten heilen emotionale Wunden durch Kindesmisshandlung

…die Mischung ist also für die Kinder? Das ergibt nun wirklich keinen Sinn. Kinder werden in der Mehrheit der Fälle von den Eltern oder anderen ihnen nahestehenden Personen misshandelt. Wieso sollten dieser Personen für ihr Kind Bachblüten bestellen? Erstens werden die wenigsten vor sich zugeben, dass sie ihr Kind misshandeln, sowas passt einfach schlecht in das Selbstbild der meisten Menschen. Und zweitens können diejenigen, die es vor sich zugegeben etwas anderes tun, um dem Kind zu helfen: aufhören. Und wer es vor sich zugibt aber kein Problem damit hat, wird sich bestimmt nicht mit Bachblütenmischungen aufhalten. Insofern sehe ich einfach auch keinen Markt für das Zeug. Vielleicht sollte man es einfach anders bewerben:

„Am Wochenende ist Ihnen wieder wiederholt die Hand ausgerutscht? Sie konnten die Gürtel wieder nicht im Schrank lassen? Montag waren zwar die Striemen weg aber das Balg hat wieder in der Schule nicht gesprochen? In seiner Undankbarkeit schaute es traurig in die Welt, so dass der Lehrer anrief und lästige Fragen stellte, weil er sich Sorgen machte?

Das muss nicht sein!

Unserer Bachblütenmischung gegen Kindesmissbrauch verschafft Ihnen ein neues Kind, widerstandsfähig, duldsam und voller Lebensmut. Egal was am Wochenende passiert ist, am Montag steht ein lächelndes Kind in der Schule, dass seine traumatischen Erfahrungen verkraftet hat und mit seinem positiven Selbstbild lästige Nachfragen der Lehrer verhindert.

Doch das ist noch nicht alles!

Durch die neu gewonnene Gemütsruhe verkürzt sich die Zeit, die das Kind nach Erziehungsmaßnahmen mit heulen und wimmern verbringt auf ein Minimum. Endlich wieder in Ruhe fernsehen!

Bestellen sie noch heute!“

Vielleicht sollte ich doch ins Marketing gehen.

Auch die Ruhrbarone haben das Thema aufgegriffen.

[Update 25.11.13 22:58: Der Anbieter hat das Angebot mittlerweile von seiner Seite entfernt]

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Meine Nominierung für das goldene Brett: DZVhÄ

Es ist wieder so weit: In Wien wird am 29.11.13 das Goldene Brett vorm Kopf verliehen.

Ich habe den Deutschen Zentralverein homöopathischer Ärzte (DZVhÄ) nominiert. Der DZVhÄ gab einer im September in Mühlheim an der Ruhr abgehaltenen Veranstaltung seinen Segen. Auf dieser Veranstaltung wurden CEASE-Therapeuten ausgebildet. Über die CEASE-Therapie habe ich unter anderem in meinem Vortrag im Rahmen der GWUP-Konferenz in Köln gesprochen und sie im Artikel über Pseudomedizin bei Autismus im Skeptiker thematisiert. Zum schnellen einlesen ist dieser Artikel im Wiki von Psiram.com ausreichend:

CEASE ist ein Akronym für Complete Elimination of Autistic Spectrum Expression[1] und wurde vom niederländischen Homöopathen Tinus Smits (29. Dezember 1946 – 1. April 2010) als Therapie bei tiefgreifenden Entwicklungsstörungen, insbesondere Autismusspektrumsstörungen, erdacht. Smits behauptete, mit seiner Methode über 300 Kinder von Autismus geheilt zu haben. Nach aktuellem wissenschaftlichem Stand ist Autismus nicht heilbar, mit verhaltenstherapeutischen Maßnahmen lassen sich jedoch deutliche Besserungen in der Symptomatik erreichen. Seine Methode veröffentlichte Smits 2010 in einem Buch, dessen Vorwort von J.B. Handley stammt, einem Mitbegründer von Generation Rescue, einer von der Impfgegnerin Jenny McCarthy gegründeten Organisation.[2]
CEASE ist aus mehreren pseudomedizinischen Therapieformen zusammengesetzt:

  • Homöopathie
    • Isotherapie
    • Klassische Homöopathie
    • „Inspiring“ Homöopathie

Sieht man einmal von den Ideen ab, die hinter CEASE stehen, hat es ganz praktische Auswirkungen auf das Leben von betroffenen Familien, wenn sie sich in die Hände eines CEASE-Therapeuten begeben. Es ist ziemlich sicher, dass eine möglichst früh beginnende „konventionelle“ Therapie die Prognose der Kinder verbessert. Es gibt für viele Fähigkeiten bestimmte „Entwicklungsfenster“, in denen es deutlich leichter fällt, diese zu erlernen. Wer seine Zeit in die CEASE-Therapie investiert, verpasst andere Möglichkeiten, wirksame Möglichkeiten.

Natürlich hindert eine CEASE-Therapie nicht prinzipiell daran, alle Möglichkeiten auszuschöpfen. Doch die Ressourcen der betroffenen Kinder und Familien sind begrenzt. Finanzielle Ressourcen. Zeitliche Ressourcen. Motivation: je mehr Therapien ein Kind macht, desto höher die Gefahr, dass es Therapiemüde wird. Eltern und Therapeuten die schon länger dabei sind, wissen, dass es manchmal auch Therapiepausen geben muss. Je mehr Therapie, desto eher eine Therapiepause. Ärgerlich, wenn eine der Therapien wirkungslos ist.

In der Fortbildung in Mühlheim an der Ruhr müssen den angehenden Therapeuten in knapp drei Tagen neben der (Pseudo)Therapie auch die Grundlagen und die Diagnostik von Autismus beigebracht werden. Das ist ein Witz, leider ein schlechter. Allein, um den Goldstandard der Autismusdiagnostik, das Autism Diagnostic Interview-Revised (ADI-R) und das Autism Diagnostic Observation Schedule (ADOS) zu erlernen, muss man einen Kurs besuchen, der 3,5 Tage dauert.

Da gab es also einen Kurs, in dem eine Therapie vermittelt wurde, die bei Autismus unmöglich helfen kann, jedoch eine Heilung verspricht. Eine Therapie welche die Eltern selbst zahlen müssen und die sich an Kinder richtet, die sich nicht dagegen wehren können. Ein Kurs dessen Dauer dem Krankheitsbild Autismus unmöglich gerecht werden kann. Und der DZVhÄ gibt sowohl dem Kurs, wie auch der Therapie sein Qualitätssiegel.

Das verdient die Nominierung für das Goldene Brett.

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