Monatsarchiv: Januar 2014

Gottes Stimme an der Türschwelle

Das letzte Mal, dass ich vor zehn Jahren an der Haustür mit Menschen auf deren Wunsch hin über Gott sprach, wohnte ich in einer großen Stadt in Norddeutschland. Gestern machte Gott einen weiteren Versuch, meine Seele zu retten und schickte zwei seiner Jünger an meine Türschwelle.

Ich war gerade dabei mich für ein wenig winterlichen Feierabendsport bereit zu machen, als meine Klingel läutete. Das wunderte mich, denn bei mir klingelt nie jemand. In der Gegensprechanlage erklang die Stimme einer Frau, die mir sagte, sie wäre gerade dabei, herauszufinden, wie man es in der Nachbarschaft mit der Evolution halte. Ob man eher an die Wissenschaft glaube oder an eine Schöpfung. Die Nachbarschaft sei da gespalten, wie denn meine Ansicht dazu sei. ‚Die Arme‘ dachte ich ‚die hat keine Ahnung, bei wem sie gerade geklingelt hat‘. Ich bat um einen Moment Geduld und kündigte mein Erscheinen an.

Sportiv gekleidet, um der Tätigkeit nachzugehen, für unsere Spezies evolutionär geformt wurde, begrüßte ich freundlich eine Dame und einen Herren, der sich als der Vater der Dame vorstellte. Meine Exitstrategie, sollte mir das Gespräch zu lange dauern, war, durch mein Zittern an ihr christliches Mitgefühl zu appellieren, damit sie mich trotz missionarischen Eifers vor dem Kältetod bewahrten und ziehen ließen.

Die Dame muss das geahnt haben, verlor keine Zeit und fragte mich, ob ich an die Existenz eines Schöpfers glaube. Ich sagte, dass ich eine solche Entität für sehr, sehr unwahrscheinlich halte, aber natürlich nicht beweisen könne, dass es sie nicht gibt. Außerdem sagte ich, als neugieriger Mensch, sei für mich „Gott“ oder „der Schöpfer“ eine langweilige Antwort, weil danach keine Fragen mehr gestellt werden könnten. Das fand sie interessant, sagte sie und fragte gleich weiter ob der Mensch denn alleine mit seinen Problemen sei oder auf das Einwirken des Schöpfers hoffen könne, sie jedenfalls täte das.

Was für Probleme sie denn meine, so etwas wie den Klimawandel? Zum Beispiel, sagte sie und ihr Vater ergänzte, Umweltverschmutzung, Tierschutz und den um sich greifenden moralischen Werteverfall. Auf letzteren Punkt wollte ich lieber nicht eingehen, sonst hätte er mir sicher seine Meinung zu Verhütung, unehelichem Sex und gleichgeschlechtlicher Partnerschaft gesagt, worauf ich ihm hätte sagen müssen, dass ich seine Meinung für totalitäre Kackscheisse halte. Das Gespräch hätte dann vielleicht eine unglückliche Wendung genommen.

So aber plauderten wir weiter und ich fragte, als sie sagte, alles hätte einen Sinn weil Gott dafür sorge, wie sich die Dinosaurier wohl zu dieser Aussage positioniert hätten. Die Dinosaurier, sagte sie, als wäre damit alles gesagt, seien aber doch Tiere (was bedeutet, für Tiere ergeben Dinge keinen Sinn und Dinosauriern wurden von Gott vom Tierschutz exkommuniziert. Vielleicht hatten sie zuviel unehelichen Sex). Meine Gesprächspartnerin spekulierte noch, die Dinosaurier könnten ja vielleicht bei der Sintflut ums Leben gekommen sein, lies sich jedoch auf meinen Einwand ein, dass diese dafür 65 Millionen Jahre zu spät stattgefunden habe.

Als ich sie fragte, wer eigentlich den Schöpfer erschaffen habe, verwies sie auf die Bibel, die besage, Gott habe kein Anfang und kein Ende. Natürlich, wenn es in der Bibel steht (Wahrscheinlich denkt sie auch, dass man Hauselfen keine Kleidung geben darf). Und außerdem sei es doch komisch, dass aus so etwas chaotischem wie dem Urknall, so etwas geordnetes wie unser Universum entstanden sei, mit all den schönen und für uns Menschen guten Naturgesetzen. Auf die Frage nach einem Beispiel nannte sie die Schwerkraft, worauf ich von meiner Oma erzählte, der durch den Einfluss von Schwerkraft, der Oberschenkelhals gebrochen sei. ‚Gottes Wege sind unergründlich‘, sagte sie natürlich nicht.

Plötzlich sprach der Vater und meinte, vielleicht müsse man noch einmal wiederkommen, mit einer konkreten Bibelstelle um sich, gut vorbereitet, darüber zu unterhalten. Wann ich denn da sei. Man bedankte sich für meine Offenheit und das Gespräch und zog weiter zur nächsten Klingel. Und kurz bevor ich mir die Kopfhörer aufsetzte glaubte ich aus ihrer Richtung leise zu hören:

Eloi, Eloi, lama sabachtanei?“

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Voll Schwul: AfD ist gegen Menschenrechte

Man soll ja nicht auf Spiegel-Online herumlungern, wenn man sich nicht aufregen will. Eine Topmeldung heute war, dass der Lucke von der AfD die „klassische Beziehung – Vater, Mutter, Kind“ bedroht sehe und sich von Herrn Hitzelsperger  gewünscht hätte auf diese Bedrohung hinzuweisen. Stattdessen hatte dieser darauf aufmerksam gemacht, dass es immer noch ein schlechtes Maß an Homophobie in unserer Gesellschaft gibt. Ich verdächtige da ja die „klassische Familie“ als Urheber! Der Lucke hat sich übrigens „in keiner Form homophob geäußert“, sagt er selbst und er muss es ja wissen.

Die AfD Baden-Württemberg verwahre sich gegen Pläne der Grün-Roten Landesregierung Homosexualität im Unterricht zu besprechen (!) und befürchtet  eine „pädagogische, moralische und ideologische Umerziehungskampagne“. Fragt sich nur umerzogen wozu? Umerzogen zu Homosexualität? Das ist ebensowenig möglich, wie Umerziehung zur Heterosexualität. Da die AfDler das Eine befürchten, werden sie sich vielleicht das Andere erhoffen. Mal sehen, wann die ersten Vorschläge für Umerziehungslager kommen.

Ähnlich erhellend ist das kleine Wort „ideologische“. Hier wird fröhlich umetikettiert und die Welt auf den Kopf gestellt. Da begründen Menschen ihre Ablehnung einer ihnen umgenehmen Lebensweise mit einer Geschichtensammlung aus der Steinzeit, weil sie der Meinung sind, darin die Äußerungen eines allmächtigen Wesens zu erkennen. Auf Basis dieser Geschichtensammlung haben sich diverse Institutionen gebildet, die sich mehr oder weniger vehement dagegen wehren, dass Menschen die das gleiche Geschlecht haben und sich lieben, die gleichen Rechte bekommen, wie Menschen die unterschiedlichen Geschlechts sind. Auf diese Institutionen berufen sich unter Anderem die fundamental konservativen Christen in der AfD und behaupten, das Besprechen (!) von Homosexualität im Unterricht sei ideologisch motiviert. Was natürlich impliziert, ihre Argumentation (nennen wir es mal so) sei nicht ideologisch motiviert.

Die Annahme, Menschen in homosexuellen Beziehungen stünden dieselben Rechte zu, wie Menschen in heterosexuellen Beziehungen ergibt sich aus den Menschenrechten. Natürlich kann man auch Menschenrechte als ideologisch bezeichnen, allerdings muss man sich dann fragen lassen, wie man einzelne Menschenrechte unterschiedlich gewichtet. Wenn man der Ansicht ist, Menschen dürften aufgrund ihrer sexuellen Orientierung diskriminiert werden, gibt es keinen Grund, warum man nicht auch Menschen aufgrund ihrer spirituellen Orientierung diskriminieren darf. Man kann nicht nur ein bisschen für Menschenrechte sein. Wenn es tatsächlich möglich sein sollte, Menschenrechte selektiv zu gewähren, sind die Menschenrechte faktisch abgeschafft.

Letztlich machen die homophoben AfDlerInnen mit ihren Äußerungen klar, dass sie die Bibel über die Menschenrechte stellen. Was von denen, ganz unideologisch noch so zu erwarten ist, kann dann also jeder nachlesen.

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Die Checker und die Psychiatrie

Es ist faszinierend, wie Menschen die sonst pseudowissenschaftliche Ideen mehrere Kilometer gegen den Wind wittern, jegliches Fähigkeit zum kritischen denken über Bord werfen, sobald es um die Psychiatrie geht. Da nimmt so mancher Halbwissen,  Anekdoten und logische Fehlschlüsse und zimmert sich daraus eine Meinung;  aus einer rationalen Person wird ein Checker.

Besonders beliebt in der Psychiatrie-Kritik ist die ADHS, die es wahlweise nicht gibt, die mit der „modernen Reizüberflutung“ zu tun hat, die den Pharmafirmen als Gewinnbringer dient und so weiter. Ersetzt man ADHS durch, zum Beispiel AIDS, trifft man ganz fix die Argumente von AIDS-Leugnern wieder. Die behaupten auch, AIDS wäre eine erfundene Erkrankung, die nur dem Profit von Pharmaunternehmen diene. Dabei wird auch viel Halbwissen in die Welt posaunt, komplizierte Zusammenhänge so weit vereinfacht, dass sie falsch werden und wissenschaftlich gewonnene Ergebnisse geleugnet, die sind ohnehin nur gekauft.

Natürlich ist Herr Hüther im Interview sehr überzeugend und trifft den Nerv der Zeit, vor allem bei der Generation +40, die sich nicht vorstellen können, dass auch über elektronische Medien sozialer Austausch möglich ist*. Wenn Jugendliche zusammensitzen und auf ihre Smartphones schauen, mag das für Menschen ab einem gewissen Alter befremdlich wirken (ich z.B. gehöre dazu). Das bedeutet aber nicht, dass die Form von Kommunikation, die dort stattfindet, „schlechter“ sein muss. Und Kommunikation findet statt. Wer sich die Zeit nimmt, hört wie Worte zwischen den einzelnen TeilnehmerInnen gewechselt werden. Wenn es den jungen Menschen nur darum ginge, auf das Telefon zu starren, warum zur Hölle sollten sie sich dann treffen? Aber Fragen, welche die eigene Meinung in Frage stellen, werden lieber nicht gestellt.

Im Sommer war ich im Urlaub auf diversen Campingplätzen in Europa. Dort sitzen jeden Abend Menschen zusammen, die auf eine Art kommunizieren, mit der ich nichts anfangen kann. Die Themen sind langweilig und repetitiv , die Sprache simpelTrotzdem geht das Abendland nicht unter. Aber ich lenke ab (klarer Fall von „Reizüberflutung“!). Psychiatrie war das Thema.

In den letzten Monaten wird häufig das DSM-V herangezogen, wenn es um die angebliche Tendenz in der Psychiatrie geht, „normales“ Verhalten zu pathologisieren. Vergessen wird dabei etwas sehr zentrales: Das DSM-V gilt in den USA. In den USA gibt es ein ganz anderes Versicherungssystem als in Deutschland. Wenn man in den USA zum Arzt geht und dieser keine Diagnose vergeben kann, zahlt die Versicherung nicht. Das bedeutet, Menschen die sich trotz „normalem Verhalten“ krank fühlen und die Hilfe benötigen (!), diese nur bekommen, wenn sie sich das leisten können. Also wurden die Kategorien „aufgeweicht“ und „ins Normale“ hinein erweitert. Dabei war sicher nicht jede Entscheidung glücklich und viele Dinge wird man in 10 Jahren anders bewerten.

Dass Erkenntnisseund damit Bewertungen von Zuständen sich ändern ist aber nicht nur in der Psychiatrie so, sondern in allen Disziplinen, die sich auf wissenschaftlich gewonnene Erkenntnisse stützen. Aber bei der Psychiatrie wittern die Checker Willkür, Big Pharma und gierige Ärzte. Die Medizingeschichte ist zum bersten voll mit Beispielen, die zeigen, dass man zwar immer die beste Medizin hatte, die es je gab, aber niemals die Beste, die man haben könnte. Die hat man erst zehn Jahre später. In der Kardiologie scheint das in Ordnung zu sein, in der Psychiatrie weiß jeder Bescheid.

Was oft vermisst wird, sind Biomarker. Ein richtig harter Laborwert: „Ihre Heulocistin ist erhöht, sie haben eine Depression.“ Psychiatrische Diagnosen stützen sich zum allergrößten Teil auf Anamnese und Verhaltensbeobachtung, hinzu kommen Fragebögen. Ja, Fragebögen. Dabei kann nicht jeder seinen eigenen Fragebogen entwerfen, sondern es gibt standardisierte Fragebögen, deren Sensitivität und Spezifität bekannt ist. Fragebögen können die Patienten und deren Angehörigen ausfüllen. Entwickelt werden sie oft von den genialen Psychologen, Ärzte können sowas nicht 😉 Diese Dinge, manchmal ergänzt durch Leistungs- und apparative Diagnostik ergeben (im Besten Fall) eine Diagnose.

Und wie überall in der Medizin gibt es eindeutige und weniger eindeutige Diagnosen. Für die Checker scheint das ein Beleg dafür zu sein, dass man in der Psychiatrie zu einer Erkrankung machen kann, was man will. Dann sollen sich Menschen mit Depression schnell mal „nicht so anstellen, mir geht es auch mal nicht gut und ich kneife die Arschbacken zusammen.“ Als gebe es einen verkannten Zusammenhang von Sphinktertonus und Affekt.

Natürlich ist eine Diagnose in der Psychiatrie vor allem beschreibend und stützt sich aktuell noch wenig auf die Ergebnisse von Apparaten die blinken, brummen, summen und sauteuer sind. Schaut man genauer hin ist das aber in vielen Bereichen der Medizin so. ÄrztInnen können zum Beispiel nach dem Schmerzcharakter fragen, um eine Idee zu bekommen, wo dessen Ursache liegen könnte. Beim Kopfschmerz wird über die Schmerzanamnese und begleitende Symptome die Art des Kopfschmerzes bestimmt und daraufhin behandelt. Oft ohne EINEN „objektiven“ Wert. Das stört aber niemanden. „Migräne-Kritiker“ habe ich zumindest noch keineN getroffen.

Es geht mir nicht um berechtigte Kritik an Problemen in der psychiatrischen Praxis (und Theorie). Ich habe nur oft das Gefühl, dass Menschen mit psychiatrischen Erkrankungen weniger ernst genommen werden, als Menschen mit somatischen Erkrankungen. Für mich ist das eine Fortführung der Dämonisierung psychiatrischer Erkrankungen in der Vergangenheit. Eine Integration von Menschen mit psychiatrischen Erkrankungen in unsere Mitte, kann nur gelingen, wenn wir sie ernst nehmen.

*Ich kenne auch viele Ausnahmen.

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