Die Checker und die Psychiatrie

Es ist faszinierend, wie Menschen die sonst pseudowissenschaftliche Ideen mehrere Kilometer gegen den Wind wittern, jegliches Fähigkeit zum kritischen denken über Bord werfen, sobald es um die Psychiatrie geht. Da nimmt so mancher Halbwissen,  Anekdoten und logische Fehlschlüsse und zimmert sich daraus eine Meinung;  aus einer rationalen Person wird ein Checker.

Besonders beliebt in der Psychiatrie-Kritik ist die ADHS, die es wahlweise nicht gibt, die mit der „modernen Reizüberflutung“ zu tun hat, die den Pharmafirmen als Gewinnbringer dient und so weiter. Ersetzt man ADHS durch, zum Beispiel AIDS, trifft man ganz fix die Argumente von AIDS-Leugnern wieder. Die behaupten auch, AIDS wäre eine erfundene Erkrankung, die nur dem Profit von Pharmaunternehmen diene. Dabei wird auch viel Halbwissen in die Welt posaunt, komplizierte Zusammenhänge so weit vereinfacht, dass sie falsch werden und wissenschaftlich gewonnene Ergebnisse geleugnet, die sind ohnehin nur gekauft.

Natürlich ist Herr Hüther im Interview sehr überzeugend und trifft den Nerv der Zeit, vor allem bei der Generation +40, die sich nicht vorstellen können, dass auch über elektronische Medien sozialer Austausch möglich ist*. Wenn Jugendliche zusammensitzen und auf ihre Smartphones schauen, mag das für Menschen ab einem gewissen Alter befremdlich wirken (ich z.B. gehöre dazu). Das bedeutet aber nicht, dass die Form von Kommunikation, die dort stattfindet, „schlechter“ sein muss. Und Kommunikation findet statt. Wer sich die Zeit nimmt, hört wie Worte zwischen den einzelnen TeilnehmerInnen gewechselt werden. Wenn es den jungen Menschen nur darum ginge, auf das Telefon zu starren, warum zur Hölle sollten sie sich dann treffen? Aber Fragen, welche die eigene Meinung in Frage stellen, werden lieber nicht gestellt.

Im Sommer war ich im Urlaub auf diversen Campingplätzen in Europa. Dort sitzen jeden Abend Menschen zusammen, die auf eine Art kommunizieren, mit der ich nichts anfangen kann. Die Themen sind langweilig und repetitiv , die Sprache simpelTrotzdem geht das Abendland nicht unter. Aber ich lenke ab (klarer Fall von „Reizüberflutung“!). Psychiatrie war das Thema.

In den letzten Monaten wird häufig das DSM-V herangezogen, wenn es um die angebliche Tendenz in der Psychiatrie geht, „normales“ Verhalten zu pathologisieren. Vergessen wird dabei etwas sehr zentrales: Das DSM-V gilt in den USA. In den USA gibt es ein ganz anderes Versicherungssystem als in Deutschland. Wenn man in den USA zum Arzt geht und dieser keine Diagnose vergeben kann, zahlt die Versicherung nicht. Das bedeutet, Menschen die sich trotz „normalem Verhalten“ krank fühlen und die Hilfe benötigen (!), diese nur bekommen, wenn sie sich das leisten können. Also wurden die Kategorien „aufgeweicht“ und „ins Normale“ hinein erweitert. Dabei war sicher nicht jede Entscheidung glücklich und viele Dinge wird man in 10 Jahren anders bewerten.

Dass Erkenntnisseund damit Bewertungen von Zuständen sich ändern ist aber nicht nur in der Psychiatrie so, sondern in allen Disziplinen, die sich auf wissenschaftlich gewonnene Erkenntnisse stützen. Aber bei der Psychiatrie wittern die Checker Willkür, Big Pharma und gierige Ärzte. Die Medizingeschichte ist zum bersten voll mit Beispielen, die zeigen, dass man zwar immer die beste Medizin hatte, die es je gab, aber niemals die Beste, die man haben könnte. Die hat man erst zehn Jahre später. In der Kardiologie scheint das in Ordnung zu sein, in der Psychiatrie weiß jeder Bescheid.

Was oft vermisst wird, sind Biomarker. Ein richtig harter Laborwert: „Ihre Heulocistin ist erhöht, sie haben eine Depression.“ Psychiatrische Diagnosen stützen sich zum allergrößten Teil auf Anamnese und Verhaltensbeobachtung, hinzu kommen Fragebögen. Ja, Fragebögen. Dabei kann nicht jeder seinen eigenen Fragebogen entwerfen, sondern es gibt standardisierte Fragebögen, deren Sensitivität und Spezifität bekannt ist. Fragebögen können die Patienten und deren Angehörigen ausfüllen. Entwickelt werden sie oft von den genialen Psychologen, Ärzte können sowas nicht 😉 Diese Dinge, manchmal ergänzt durch Leistungs- und apparative Diagnostik ergeben (im Besten Fall) eine Diagnose.

Und wie überall in der Medizin gibt es eindeutige und weniger eindeutige Diagnosen. Für die Checker scheint das ein Beleg dafür zu sein, dass man in der Psychiatrie zu einer Erkrankung machen kann, was man will. Dann sollen sich Menschen mit Depression schnell mal „nicht so anstellen, mir geht es auch mal nicht gut und ich kneife die Arschbacken zusammen.“ Als gebe es einen verkannten Zusammenhang von Sphinktertonus und Affekt.

Natürlich ist eine Diagnose in der Psychiatrie vor allem beschreibend und stützt sich aktuell noch wenig auf die Ergebnisse von Apparaten die blinken, brummen, summen und sauteuer sind. Schaut man genauer hin ist das aber in vielen Bereichen der Medizin so. ÄrztInnen können zum Beispiel nach dem Schmerzcharakter fragen, um eine Idee zu bekommen, wo dessen Ursache liegen könnte. Beim Kopfschmerz wird über die Schmerzanamnese und begleitende Symptome die Art des Kopfschmerzes bestimmt und daraufhin behandelt. Oft ohne EINEN „objektiven“ Wert. Das stört aber niemanden. „Migräne-Kritiker“ habe ich zumindest noch keineN getroffen.

Es geht mir nicht um berechtigte Kritik an Problemen in der psychiatrischen Praxis (und Theorie). Ich habe nur oft das Gefühl, dass Menschen mit psychiatrischen Erkrankungen weniger ernst genommen werden, als Menschen mit somatischen Erkrankungen. Für mich ist das eine Fortführung der Dämonisierung psychiatrischer Erkrankungen in der Vergangenheit. Eine Integration von Menschen mit psychiatrischen Erkrankungen in unsere Mitte, kann nur gelingen, wenn wir sie ernst nehmen.

*Ich kenne auch viele Ausnahmen.

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3 Kommentare

Eingeordnet unter Kontrovers, MEINung, Skeptizismus

3 Antworten zu “Die Checker und die Psychiatrie

  1. mannherc

    Danke für die Analogie zu den „Migräne-Kritikern“! Die ist wirklich sehr brauchbar.

  2. Gegen ungewollten psychiatrsiche Maßnahmen …

    Geisteskrank?
    Ihre eigene Entscheidung!
    http://www.patverfue.de
    PatVerfü – Die schlaue Patientenverfügung.

  3. Pingback: “Baby und Familie” über Globuli bei ADHS @ gwup | die skeptiker

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