Monatsarchiv: Februar 2014

Vom Leben und dem Sterben meines Vaters

[Am Ende meines Studiums, während des PJ (Praktisches Jahr) saßen meine KommilitonInnen und ich im Besprechungsraum der Inneren Klinik und hatten eine Fortbildung beim Chefarzt. Einem Mann, der als Kind mit einem Flüchtlingsboot nach Deutschland gekommen war. Am Ende sagte er, das Studium mache uns zu Medizinern, doch zu Ärzten forme erst das Leben.]

Vor etwas mehr als einer Woche ist mein Vater an den Folgen eines Schlaganfalls von Ende Januar gestorben…zumindest so ungefähr.

Mitte Dezember war ich bei meinem Vater zu Besuch, ich habe ihn 3-4 mal im Jahr gesehen seit ich in Dresden wohne. Kurzatmig war mein Vater bereits seit einigen Jahren und so überraschte mich nicht, dass ich zwei Sprays bei ihm in der Küche liegen sah und er auf meine Nachfrage sagte, er habe eine COPD (Chronisch Obstruktive Lungenerkrankung). Überraschend war das nicht, war er doch seit fast fünf Dekaden starker Raucher. Beinahe amüsant, in jedem Falle jedoch faszinierend war, dass er nach einem Umzug vor ca. 2 Jahren eine Verbesserung seiner Kurzatmigkeit erlebte und es damit erklärt, dass seine vorherige Wohnung wohl mit Pilzsporen belastet gewesen sein musste. Ob er im Umzugsstress vielleicht weniger Gelegenheit zum Rauchen gehabt hatte, hatte ich nicht gefragt, war auch nicht wichtig. Im Dezember, bei meinem Besuch schienen die Pilzsporen zurückgekehrt zu sein, denn mein Vater schnaufte bereits im Sitzen, schwitzte beim Essen und hatte geschwollene Knöchel. Alles nicht unbedingt Zeichen für ein leistungsfähiges Herz, einem Organ das ziemlich an der Lunge hängt. Nebenbei berichtete er etwas lakonisch über einen erhöhten Blutdruck und dass man ihm habe Marcumar verschreiben wollen, was darauf hindeutet, dass er auch Vorhofflimmern hatte. Eigentlich hätte ich ihn einpacken und ins Krankenhaus bringen müssen, damit er dort auf die notwendigen Medikamente hätte eingestellt werden können. Nur wusste ich zum einen, dass er nicht mitgekommen wäre und zum anderen die Medikamente ohnehin nicht dauerhaft genommen hätte. Eine Einschränkung seiner Autonomie durch die regelmäßige Einnahme von ’Pillen’, das Achten auf die passenden Begleitumstände und das Hinnehmen von Nebenwirkungen hätte er nicht akzeptiert. Also schluckte ich die Medizinerkommentare runter und sagte ihm, er solle möglichst bald mal zu seinem Hausarzt und sein Herz untersuchen lassen. Außerdem hoffte ich, dass ich mich irrte und vielleicht alles gar nicht so schlimm war. Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Es ist faszinierend, dass mein Vater, der sich über den Nachweis des Higgs-Bosons mehr freute als andere Menschen über den Weltmeistertitel der Fussball-Nationalmannschaft, der ein Raumschiff bauen wollte und mir bereits von supraleitenden Keramiken erzählte als ich in Physik das erste Mal von Newton hörte, dass dieser mein Vater sich entschied, seine medizinische Versorgung auf die Standards der Steinzeit zu beschränken. Das ist eine ungünstige Voraussetzung wenn man das seit 45 Jahren mit dem Lebensstil eines 20 jährigen kombiniert, eines 20 jährigen, der trinkt, raucht, zuviel wiegt und sich wenig bewegt.

Und so war ich irgendwie auf den Anruf vorbereitet, wenn das überhaupt geht, der mich an einem Sonntagmorgen aus dem Schlaf riss. Seine Lebensgefährtin sagte mir, sie müsste jetzt ins Krankenhaus, weil mein Vater einen Schlaganfall gehabt hätte. Glücklicherweise hatte ich Geschwister, die ich anrufen musste um sie zu informieren, ich weiß nicht, wie es mir ergangen wäre, wäre ich mit dieser Situation allein gewesen. Mediziner gehen mit Ihrer Arbeit unter anderem um, indem sie abstrahieren und so erklärte ich bei mehreren Gelegenheiten, was meinem Vater passiert war. Die wiederholten Erklärungen was ein Schlaganfall ist, wie es vielleicht weiter geht und die Bewertung der spärlichen Informationen aus mittlerweile zwei Anrufen aus Köln, sorgten für eine gewisse rationale Benommenheit, die Trauer und Angst in den Hintergrund rückte. Im Laufe des Tages schien es ihm schon wieder besser zu gehen und ich dachte: „Da hat der Alte aber Glück gehabt.“ Und war froh, denn ich wollte nicht daran denken, was es mit ihm gemacht hätte, wenn er schwere Folgen davon getragen hätte.

Am nächsten Tag klingelte mein Handy auf der Arbeit, normalerweise habe ich es dort nicht in der Hosentasche, in Anbetracht der Umstände war das anders. Es war irgendwann nach dem Mittagessen und auf Station war, dank Myrphys Gesetz, die Hölle los. Meine Kolleginnen hatte ich morgens informiert, lief ein wenig rum wie Falschgeld und übernahm Arbeiten, bei denen man nicht viel falsch machen konnte, die aber trotzdem Zeit kosteten. Dann klingelte das Telefon und ich stand im Behandlungszimmer und weinte. Die Lebensgefährtin meines Vaters hatte mir gesagt, innerhalb der nächsten Stunde müssten wir entscheiden, ob mein Vater „entdeckelt“ werden sollte. Dabei wird ein Teil des Schädelknochens entfernt, um dem Hirn bei Hirndruck Raum zu geben. Ich weinte nicht, weil ich nicht wusste, was ich tun sollte, sondern weil ich wusste, was ich tun musste. Mein Vater hätte dieser Prozedur niemals zugestimmt und mir war klar, dass ich ihn mit dieser Entscheidung zum Tode verurteilen konnte. Glücklicherweise waren seine Lebensgefährtin und ich uns einig über das Vorgehen und entschieden gegen die OP. An Arbeiten war nicht mehr wirklich zu denken und die Worte eines Freundes am Telefon weckten mich aus meiner Trance: „Dein Vater stirbt, Du musst da hin!“ manchmal muss jemand anders aussprechen, was man selbst schon weiß, damit man entsprechend handelt.

Abends war ich in Köln.

Am nächsten Tag auf der Stroke Unit sprach die Oberärztin mit uns, noch bevor ich meinen Vater gesehen hatte. Sie sagte, es sei doch nicht so schlimm, die OP vielleicht ohnehin nicht nötig, der Infarkt jedoch ziemlich groß. Als ich das CT-Bild sah spürte ich keine Emotionen, sah nur einen Mediainfarkt, der große Teile einer Hemisphäre betraf. Die Oberärztin sagte, unter den gegebenen Umständen hätte sie Bauchschmerzen, meinen Vater nur palliativ zu versorgen, mit Reha sei noch ’einiges an Lebensqualität’ möglich. Als Mediziner konnte ich sie gut verstehen, als Sohn war mir klar, dem Mann hinter dem CT-Bild würde ‚einiges an Lebensqualität‘ niemals ausreichen; wer sich seinen Zeitplan nicht von Pillen vorschreiben lassen wollte, für den war ein, im besten Falle, Rollstuhl eine inakzeptable Option. Glücklicherweise war er an diesem Tag in der Lage sich an der Entscheidung zu beteiligen…bzw. sie selbst zu treffen.

Ich wusste, noch bevor wir das Zimmer betraten, was mich erwartet. Ich wusste wie Menschen nach einem Schlaganfall aussehen, Menschen in Krankenbetten sind ein für mich vertrauter Anblick. Mein Vater trug die untrüglichen Zeichen eines Menschen der plötzlich eines großen Teils seiner Autonomie beraubt wurde. Der hängende Mundwinkel nur eines davon. Die Haare trugen den Glanz, den man oft sehen kann, wenn man morgens ungekämmt und ungewaschen in den Spiegel schaut oder wenn man im Krankenhaus liegt. Der Mediziner abstrahierte die Situation, vollkommen automatisch, der Sohn wollte geschockt sein und konnte nicht.

Ich zeigte ihm sein CT-Bild, erklärte ihm, welche Hirnregionen betroffen waren, was das für seine Wiederherstellung bedeutete, wo deren Grenzen lagen und wo ihre Möglichkeiten.

„Kein Rollstuhl!“

Damit war die Entscheidung mit der ich gerechnet hatte, ausgesprochen und meine Aufgabe klar.

„Ich will eine Murmmelbahn für meinen Enkel bauen, dafür muss ich Stöcker im Wald sammeln, das geht mit Rollstuhl nicht.“

Logik die begeistert. Diesen Satz sagte mein Vater mit sichtlichen Schwierigkeiten einem jungen Arzt in Weiterbildung, der noch einmal versucht hatte, meinen Vater mit ‚einiges an Lebensqualität‘ zu locken. Damit war der Fahrplan klar, mein Vater würde die Stroke Unit verlassen und möglichst bald nach Hause verlegt werden um dort, so sein Wunsch, zu sterben, „aufgehört zu leben habe ich schon“.

Ich bin ja einer der Ersten, der sich über die Praxis der heutigen Medizin beschwert aber das Personal im St. Marien Krankenhaus in Bergisch Gladbach war einfach unglaublich gut. Wahrscheinlich wurden viele Dinge alleine dadurch möglich, dass mein Vater als „palliativ“ geführt wurde, am Ende der Woche war er auf jeden Fall zu Hause.

Ich hatte ihm gesagt, was ihn wahrscheinlich erwartete. Von seinem Schlaganfall ging keine Lebensgefahr mehr aus und theoretisch hätte er mit dessen Folgen lange leben können. Das war auch die Aussage der Oberärztin. Niemand würde vorhersagen können, wie lange „es“ noch dauern würde. Ich versprach ihm, dafür zu sorgen, dass keine lebensverlängernden Maßnahmen durchgeführt werden würden, jedoch dafür gesorgt werden würde, dass er nicht leidet. Das letzte Versprechen würde ich nicht ganz einhalten können, das wusste ich zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht. Ich riet der Lebensgefährtin meines Vaters im Falle einer Verschlechterung seines Zustands nicht den Notarzt zu rufen, weil der ihn dann vielleicht mitnehmen würde. Notfallmedizin und Palliativmedizin sind nicht gut kompatibel.

Was sagt man seinem Vater, der nicht mehr leben möchte, wenn man ihn vielleicht das letzte Mal sieht? Die letzte Umarmung, die ich von meinem Vater bekam war eine einarmige und für einen Mann der in einem Krankenhausbett lag, eine erstaunlich kräftige. Ich sagte ihm, seine Enkel würden sein Raumschiff bauen, weil er in seinen Kindern Wissensdurst und Neugier geweckt hatte. Ich sagte ihm, dass ich ihn liebe. Und dann wünschte ich ihm eine gute Reise und sah ihn zum letzten Mal lebendig. Als ich aus dem Zimmer ging winkte er mit seinem gesunden Arm, hielt seinen Kopf schief, wahrscheinlich um mich trotz eingeschränkter Sicht zu erkennen und schaute mich, mit dieser asymmetrischen Mimik sehnsüchtig an. Vielleicht war es die Sehnsucht nach vielen unausgesprochenen Worten, die Sehnsucht nach mehr Zeit, Zeit mit seinen Kindern und Enkeln, leiblich und angenommen. Zeit auf diesem Planeten voller Wunder, die nur darauf warten noch entdeckt zu werden.

Wir hatten dafür gesorgt, dass nicht nur ein herkömmlicher, sondern auch ein palliativer Pflegedienst die Versorgung meines Vaters sicherstellen würde, letzterer sollte dafür sorgen, dass die Phase, die dem Tod voraus geht eine für meinen Vater würdige sein würde.

Am Wochenende schien mein Vater, so wurde mir zumindest berichtet, noch einmal aufzublühen, wurde sogar in den Rollstuhl gesetzt, trank Bier (alkoholfreies, wegen der Gesundheit) und rauchte die eine oder andere Zigarette. Die Hoffnung stirbt zuletzt. Wenn sich seine Umgebung auch erhoffte, er würde noch einmal Lebenswillen finden, konnte ich mir das nicht Recht vorstellen. Ich wusste, das ein System das aus der Balance geraten war wie der Körper meines Vaters, Ungleichgewichte noch einige Tage kompensieren konnte, dann jedoch ein kleiner Anlass genügte um es zum kollabieren zu bringen. Doch ich hielt mich zurück meine Ansicht allzu offen zu vertreten, das Wissen eines Mediziners kann auch grausam sein.

Anfang der Woche bekam ich einen Anruf der Lebensgefährtin meines Vaters in dem sie sagte, er habe morgens eine „Panikattacke“ gehabt und schon den ganzen Tag Atemprobleme. Sie habe ihm bereits etwas zur Beruhigung gegeben, der Palliativpflegedienst habe jedoch gesagt, sie solle den Hausarzt anrufen, welcher gesagt habe, sie solle den Notarzt anrufen, was keine Option war. Sie hielt den Hörer an den Mund meines Vaters und der Mediziner hörte den Atem eines Menschen der respiratorisch dekompensierte und Beatmungspflichtig wurde. Ich hörte meinen Vater, wie er um Atem und mit dem Tode rang. Ich fragte mich, wieso es einen Palliativpflegedienst gibt, der nicht kommt, wenn man ihn benötigt? Ich sagte, seine Lebensgefährtin solle beim Kassenärztlichen Notdienst anrufen, die Situation schildern und einen Hausbesuch verlangen. Ich war über 500 Kilometer weit weg und konnte nur darauf hoffen, dass irgendjemand noch das Versprechen einlösen würde, dass ich meinem Vater gegeben hatte. Im Rückblick hätte ich diese Anrufe machen müssen.

Die Nachrichten meiner Geschwister an diesem Abend waren geteilt zwischen Unsicherheit, wegen der Geschehnisse des Tages und Hoffnung, mit Blick auf die guten Phasen vom Wochenende. Ich schwieg.

Am nächsten Morgen um kurz vor sechs klingelte mein Telefon und die Lebensgefährtin meines Vaters sagte, der Hausarzt sei da gewesen und habe Morphin gespritzt, worauf es meinem Vater besser gegangen sei, um Mitternacht sei eine weitere Spritze gegeben worden und jetzt schlafe er.

Um neun klingelte auf der Arbeit mein Telefon: Mein Vater hatte aufgehört zu atmen. Seine Reise war zu Ende. Das Ziel war immer klar gewesen, doch den Weg hat er bis zum Schluss selbst bestimmt.

Zwei Tage später träumte ich von meinem Vater in seinem Krankenhauszimmer. Er und sein Bett im goldenen Licht der Abendsonne, die Vorhänge wehten leicht im Wind, der durch die geöffneten Fenster kam. Er schaute zu mir, winkte mir zu und lächelte, beide Mundwinkel waren oben.

[…to be continued]

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