Monatsarchiv: Mai 2014

Rüdiger Dahlke – Der sanfte Erlöser

[Vor der Leinwand auf der sonst das bürgerliche Publikum mit anspruchsvoller cineastischer Kost bedient wird, steht Rüdiger Dahlke. Das Licht schummrig, an der Seite ein Tisch mit Unterlagen auf dem eine Kerze brennt. Es wird ruhiger, das murmeln des Publikums leiser. Dahlke dieser schmale Mann mit dem eiförmigen Kopf und der randlosen Brille, gekleidet in elegantes aber nicht pompöses Gewand, klappt Fallblätter auf und legt Einlegeblätter hinein. Er ist ganz bei sich, nichts deutet darauf hin, dass es eine wichtigere oder drängender Aufgabe gäbe als diese Broschüren zu vervollständigen. Das ist gelebte Achtsamkeit.

Seht her! Wie ich hier stehe. Ein einfacher Mann, bodenständig und arbeitsam. Ich sortiere hier meine eigenen Broschüren ein, obwohl mein Vortrag in wenigen Minuten beginnt. Genau vor Eurer Nase, so dass ihr es alle seht, sehen müsst. ‚Dieser Dahlke ist wirklich ein ganz sympathischer Mensch, der ist sich auch für einfache Arbeiten nicht zu schade.‘ Diese einfache Arbeit mache ich selbst, wenn das nicht sympathisch ist, weiß ich auch nicht, was.“]

Rüdiger Dahlke war zum Vortrag in Dresden. Dieser Stadt bleibt wirklich nichts erspart. Bereits vor Beginn des Abends stand dessen Ergebnis fest: Dahlke hat Recht. Immer. Auf dem Weg zu diesem Ergebnis macht er keine Gefangenen und hinterlässt intellektuelle Kollateralschäden apokalyptischen Ausmaßes. Er nimmt sich einen Fakt nach dem anderen vor und lässt sie schneller ausbluten als George R.R. Martin seine Protagonisten in Game of Thrones.

Dahlke ist Arzt und Psychotherapeut. Was liegt da näher als seine, in der Ausbildung erhaltenen, Werkzeuge zu nutzen. Zumindest einen Teil davon. Einen kleinen Teil. Die Soft-Skills. Hard-Skills würden heute nur stören.

Bevor es ans Eingemachte geht, holt Dahlke uns, seine Jünger, ins Boot. Er erzählt von sich. Er kommt aus einfachen Verhältnissen (wie sich das gehört für einen Erlöser). Aufgewachsen ist er in Berlin und hat dort in Bombenkratern gespielt. Das war zu einer Zeit als Kinder noch die Chance hatten, sich durch Diphtherie karmisch zu reinigen; die gute alte Zeit. Dahlke spricht ruhig, lächelt, hält die Hände auf Höhe der Mitte seines Torsos. Eine Abwehrhaltung. Zur Schule musste er nicht gehen, solange er immer Einsen hatte. Ob dieser fragwürdigen Aussage geht kein Raunen durch das Publikum. Niemand tuschelt: „Kann das sein?“ Klar kann das sein, Dahlke ist Dahlke; grobstofflicher, materialistisch geprägter Unterricht ist seiner nicht würdig. Man kann sich nur vorstellen, wie eine solche Aussage heute in einer Gruppe von Jugendlichen aufgefasst worden wäre: ‚Deine Mutter musste nicht zu Schule gehen, Du Opfer.‘ Ob Dahlke oft verhauen wurde, damals im Bombenkrater?

Man muss Dahlke einfach mögen und Dahlke mag sein Publikum. Bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit schafft er Gelegenheit zum Othering. Outgroups von denen Abgrenzung lohnt, findet er genug: Dicke, Autofahrer, Diabetiker, Pillenschlucker, Männer. Dahlke lästert so viel über Männer, dass dem überwiegend weiblichen Publikum nicht auffällt, was für eine paternalistische Kackscheisse dieser Mann eigentlich vertritt.

Hier werden Frauen sanft an ihren Platz bugsiert, den Herd. Denn kochen ist Frauensache. Und Essen ist für Dahlke der Schlüssel zu Gesundheit, das Grundübel. Darum hat er „Peace-Food“ erfunden, eine Form veganer Rohkosternährung, nur besser, ganzheitlicher, sanfter. Indem er Frauen für die Ernährung Verantwortung gibt, schreibt er die biblische Idee der Ursünde fort. Seine Vorliebe für Esoterisches hindert Dahlke nicht, auch Gott für seine Sache zu vereinnahmen.

Um sich von allem Übel frei zu machen, hilft nur der Verzicht. Dabei verzichten fromme Patienten Dahlkes gleich mehrfach. Auf tierische Produkte, so sie Nahrung zu sich nehmen. Auf jegliche Nahrung, wenn sie es wirklich ernst meinen. Dahlke spricht vom Fasten, wie von einer Liebhaberin. Verzichtet wird auch auf Wirkstoffe, denn ohne Homöopathie kommt man bei Dahlke nicht aus. Wenn er das Wort „homöopathisch“ säuselt, wird die Nase gleich ein bisschen freier, der Schmerz lässt nach.

Dahlke ist der Mensch-gewordene Placeboeffekt. Er heißt, sieht aus und spricht wie ein ausgebildeter Mediziner, doch die Botschaft ist leer. Wenn die Sanftheit geht, bleibt Nichts übrig. Dahlkes warme Worte versprechen Halt. Wer dieses Versprechen einlösen will, bleibt jedoch allein zurück, in der vernebelten Wirklichkeit, die Dahlke hinterlassen hat. Orientierungslos, im freien Fall, ganzheitliche Einsamkeit. Was passiert, wenn Menschen Dahlkes zusammenfantasierten Ratschlägen folgen? Diese können, im Ausmaß ihrer Ignoranz, lebensgefährlich sein. So solle man zum Beispiel laut Dahlke lieber Rauchen als Milchprodukte zu sich zu nehmen. Letztere seien viieehhl gefährlicher. Wer vollständig auf Milchprodukte verzichte, könne die „Verkalkung der Herzkranzgefäße rückgängig“ (sic!) machen. Medikamente seien dann nicht mehr nötig. Rest In Peace Food.

Wenn Dahlke erklärt, wie Krankheiten entstehen, ist seine geistige Nähe zu Ryke Geerd Hamer unüberhörbar. Im Grunde ist alles psychisch bedingt und bei Krebs geht es immer (sic!) um Selbstverwirklichung. Lediglich von Planeten, Tierkreiszeichen und, natürlich, dem Karma beeinflusst. Dabei scheut Dahlke auch nicht davor, sich in der Bibel zu bedienen. Für ihn ist sie im Grunde ein Psychosomatikbuch, wahrscheinlich in einer Reihe mit Harry Potter und der Twilight-Saga. So kann Dahlke im Falle von Brustkrebs anhand der betroffenen Seite den „Ursprung“ oder das „Thema“ des Traumas erklären. Links Mondtematik, rechts Venustematik. Irgendwas mit Mutter und Liebhaberin. Für die genaue Bedeutung fragen Sie den lokalen Vulgärpsychosomatiker.

In einem Land mit dem Recht auf freie Meinungsäußerung ist im Prinzip nichts dagegen zu sagen, wenn jemand sich in ein Kino stellt und Bullshit von sich gibt. Dass sich Standesorganisationen gefallen lassen, dass dieser Bullshit im Namen einer Profession verbreitet wird, ist allerdings problematisch. Dahlke schimpft zwar auf Ärzte, sonnt sich aber selbst im Glanze des Berufsstandes. Das ist symptomatisch für alles was er sagt. Wissenschaft ist für Dahlke zwar zum abgewöhnen, wenn es jedoch darum geht, seine hanebüchenen Hypothesen zu belegen, ist ihm keine Studie zu schade. Ärzte verstehen nichts von Ernährung. Er als Arzt hingegen äußert sich zu Themenbereichen wie Gesundheit (dabei bedient er jede Fachrichtung), Ernährung, Kinder, Achtsamkeit, Philosophie, Psychologie und Gärtnern, um nur eine Auswahl zu nennen. Zu einigen Themen scheint ihn die Ärztekammer Niedersachsen sogar Fortbildungen geben zu lassen, zumindest behauptet er das in seinem Vortrag. Und das sind doch mal gute Nachrichten! Wer den Vortrag in Dresden verpasst hat, fragt einfach bei der Ärztekammer vor Ort nach, ob die nicht einen öffentlichen Vortrag von Dahlke organisiert. Der örtliche Globulivertreiber serviert vielleicht ein paar Schnittchen Peace Food. Oder das örtliche Solarium einen Happen Lichtnahrung.

14 Kommentare

Eingeordnet unter MEINung, Quatschmedizin, Uncategorized