Monatsarchiv: Juni 2014

Globuli gegen Krebs?

Natürlich würden vernünftig arbeitende ÄrztInnen Homöopathie niemals gegen Krebs einsetzen. Ich würde ja sagen, sie würden Homöopathie gegen Nichts einsetzen aber das ist ein anderes Thema. Und wie wäre es mit ein paar Globuli gegen ein Virus, dass das Krebsrisiko deutlich erhöht? So wie das Humane Papilloma Virus (HPV) zum Beispiel? Eine Infektion damit erhöht das Risiko für Gebärmutterhalskrebs. Dazu sagt die Autorin einer Seite, die sich „Homöopathie Online – honatur“ nennt:

“Generell gibt es bisher noch keine wirksame Therapie gegen den Papillomavirus. Das betrifft sämtliche mögliche Behandlungsmethoden. Allerdings gibt es verschiedene Möglichkeiten von der Allopathie bis zur Naturmedizin und der Homöopathie, welche die negativen Auswirkungen dieser Infektion lindern können”

Interessant. Unser Virologie-Professor sagte uns, wir sollten niemals dem fachlichen Urteil von Menschen trauen, die „der Virus“ sagen. Zumindest wenn es um biologische Viren geht. Suche ich nach der Autorin Clara Garcia werde ich denn auch nicht enttäuscht. Sie scheint einzig auf Honatur zu veröffentlichen. Sie schreibt im weiteren Text wenig qualifiziert über HP-Viren und schwärmt von diversen Methoden, die den Infektionsverlauf positiv beeinflussen sollen.

Nur über die einzige Methode, mit der man eine Infektion mit (Hochrisikotypen von) HPV verhindern kann, nennt sie nicht. Die Impfung. Dabei verlinkt sie sogar auf eine Seite, die ausführlich Studien zitiert, welche die Sicherheit und Wirksamkeit der Impfung belegen.

Die Impfung verschweigt sie, nennt dafür jedoch den Shiitake-Pilz als möglichen Heilsbringer. Zu dem und seinen Inhaltsstoffen gibt es zwar ein paar Studien, belastbare Ergebnisse gibt es jedoch noch nicht. Dafür gibt es aber Produkte! Pulver, Pillen und die ganze Frucht. Und der Pilz hilft eigentlich gegen alles. Vor dem Shiitake-Pilz hat das Bundesamt für Risikobewertung empfindlich gewarnt. In Einzelfällen (genaueres ließ sich nicht sagen) kommt es zu allergischen Hautreaktionen nach dem Verzehr. Das ist bei Nahrungsmitteln natürlich weder ungewöhnlich, noch an sich skandalös. Auf der Seite wird das jedoch mit keinem Wort erwähnt.

Dass auf einer anderen, von der Autorin verlinkten, Seite die HPV-Impfung skandalisiert wird, muss ich sicher nicht erwähnen? Falls sich jemand darüber aufregen sollte, dass solche Halbwahrheiten und Falschinformationen verbreitet werden, gibt es dazu jedoch keinen Grund! Denn auf der Seite findet sich dieser (Pflicht-)Hinweis.

„Die Informationen dürfen auf keinen Fall als Ersatz für professionelle Beratung oder Behandlung durch ausgebildete und anerkannte Ärzte angesehen werden. Der Inhalt von honatur.com kann und darf nicht verwendet werden, um eigenständig Diagnosen zu stellen oder Behandlungen anzufangen.“

Na, dann ist ja gut. Fehlt nur noch der Satz:

„Die Kompetenz unserer Autoren darf in keinem Falle als gegeben angenommen werden! Dies ist eine reine Werbeplattform.“

Das nennt man „conflict of interest“.

 

[Übrigens, schon für eine bessere Medizin unterschrieben?]

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Impfpflicht – Gut gemeint…trotzdem Mist.

Meine Einstellung zum Thema Impfen muss ich an dieser Stelle sicher nicht sehr ausführlich darstellen. Impfen schützt sicher, dauerhaft und vergleichsweise günstig davor, krank zu werden. Impfen rockt! Und weil impfen rockt, gibt es viele Menschen, die sich engagiert dafür einsetzen. Bei einigen geht das Engagement soweit, dass sie eine Impfpflicht fordern. Das ist insofern problematisch, als dass die Eltern in Deutschland (in der Regel!) entscheiden können, welche medizinische Maßnahmen durchgeführt werden.

„Pflege und Erziehung der Kinder sind das natürliche Recht der Eltern und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht. Über ihre Betätigung wacht die staatliche Gemeinschaft.“ GG Art 6. Abs. (2)

Besser hätte es „unter anderem darüber entscheiden können“ geheißen. Natürlich kann man Gesetze erlassen, die in die Rechte der Eltern eingreifen und wo das sinnvoll ist, sollte das auch geschehen. Nun kann man auf Tagesschau.de lesen:

„Nicht ohne Grund hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) deshalb das Ziel vorgegeben, die Masern bis 2015 auszurotten, so der Präsident des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte, Wolfram Hartmann: „Ich sehe aufgrund meiner langjährigen Erfahrungen die einzige Möglichkeit, diese gesteckten Ziele, die man ja auch gegenüber der WHO bestätigt hat, zu erreichen, wenn man eine Impfpflicht für den Besuch von Schulen und Kindergärten einführt.““

Bei der Forderung, einen Kindergarten nur mit vollständigem Impfschutz besuchen zu können, sehe ich, als juristischer Laie, kein Problem. Zwar hat jedes Kind ein Anrecht auf einen Kindergartenplatz, doch warum sollte dieses nicht an Bedingungen geknüpft werden. Ein Gesetz wäre hier vielleicht sinnvoll, weil dann das Personal vor Ort von leidigen Diskussionen befreit wäre. Interessant in diesem Fall wäre, zu beobachten, ob die Waldorfkindergärten versuchen würden, eine Ausnahme zu erwirken.

Was den vollständigen Impfstatus als Bedingung  zum Schuleintritt angeht, bin ich skeptischer. Auf den Schulbesuch man nicht nur das Recht, sondern ist dazu verpflichtet. Das wäre die Impfpflicht durch die Hintertür. In den USA können Eltern ihre Kinder zu Hause unterrichten, wenn sie diese nicht impfen wollen. Diese Möglichkeit bleibt ihnen in Deutschland nicht.

Wie soll eine Impfpflicht überhaupt durchgesetzt werden? Wenn alle Aufforderungen ignoriert wurden, kommt die Polizei, holt die Kinder ab, bringt sie zum Arzt, der unter viel Gegenwehr, die Injektion appliziert? Die Folgen für die Psyche eines Kindes kann sich jeder ausmalen. „Impftrauma“ wäre viellicht bald eine psychiatrische Diagnose. Und auch für die Eltern dürfte das eine Horroraktion sein. In der Regel sind sie ja der Meinung, Impfungen würden ihrem Kind schaden. Dieser Schaden wird dem Kind nun aktiv zugefügt. Der Nocebo-Effekt dürfte dafür sorgen, dass der Schaden auch wirklich erlebt wird. Die öffentliche Rezeption solcher Aktionen lasse ich mal ganz ausser Acht.

Ich halte es für durchaus möglich, dass eine Impfpflicht ganz real mehr Schaden anrichtet als ihn zu verhindern. Das kann nicht das Ziel sein. Impfungen wären dann kein evidenzbasiertes, sondern ein ideologisches Konzept.

Das bedeutet aber nicht, dass man alles beim Alten lassen muss. „Kinderärzte fordern Impfkonzept“ lautet die Überschrift des Artikels. Die meisten nicht vollständig (!) geimpften Menschen, haben Auffrischimpfungen einfach vergessen. Es muss unter anderem darum gehen, dafür zu sorgen, diese Menschen zu erreichen. Dafür sollte der Impfausweis zur Schuluntersuchung verpflichtend (!) vorgelegt werden. Umgeimpfte sollten ihren Impfausweis vorlegen müssen und nachweisen, dass sie sich über die Impfungen von einem/r Kinderärztin haben beraten lassen. Diesen Eingriff in die persönliche Freiheit kann man in Hinsicht auf die Folgen durchaus rechtfertigen (sagt der juristische Laie).

Natürlich wird es (vor allem anthroposophisch orientierte) KinderärztInnen geben, die diese Beratung ohne eine solche bescheinigen (ich meine eine wirkliche Beratung, keine medizinmystische Märchenstunde). Der Vorteil daran ist, dass impfmüde Eltern sich in diesen Praxen konzentrieren werden und die restlichen KinderärztInnen sich weniger damit rumschlagen müssen. Da die Kinder von Impfverweigerern medizinisch versorgt sind, können sie in ihren Praxen nur (nach Impfkalender der StIKo) geimpfte Kinder sehen. Damit wäre ein bekannter Verbreitungsweg von Kinderkrankheiten, gegen die man impfen kann, verschwunden.

Mit diesen Maßnahmen dürfte, ohne viel Geschrei, die Impfquote hoch genug sein, um ausreichenden Herdenschutz zu gewährleisten. Und wenn dann jemand sagt, sein Familie sei nicht geimpft können wir sagen:

„Keine Angst, wir passen auf Euch auf!“

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Hurra, wir dürfen Leben!

Da sag noch einer, es brächte nichts, wenn man sich beschwert. Wie es aussieht hat die EMA es sich anders überlegt und ihre sinnfreie Idee, man dürfe Studiendaten nur am Bildschirm anschauen, beerdigt. Das zumindest twitterte das IQWiG.

Nun bin ich gespannt, was daraus wird. Im besten Falle fallen für jeden ein paar Monate durchschnittliche Lebenszeit ab!

Hier der Text der EMA:

(…)

In light of discussions at the Board, the wording of the policy, including practical arrangements for academic and non-commercial research users, will now be finalised with a view to its adoption by the Board through written procedure by mid-July 2014, and will be effective from 1 October 2014. Importantly, the Agency will ensure that the policy will not prejudice citizens’ rights under existing access to documents legislation and the new clinical trials regulation.

(…)

Ich weiß das ist ein sehr kurzer Text. Aber ich freu mich so!

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Eingeordnet unter Überleben, Forschung, Medikamente, Teure Medizin

Tod durch Intransparenz – 1:0 für die Pharmariesen

Wenn ich es mir richtig überlege, retten heute vielleicht gar nicht Mediziner die meisten Menschenleben, sondern Mathematiker. Ohne die systematische Auswertung von Daten ist es nicht möglich, die Wirksamkeit und den möglichen Schaden eines neuen Medikaments zu bewerten. Wenn ein Medikament Schrott ist, werden die Daten das ergeben. Schadet ein Medikament mehr als es nutzt, ebenso. Das kann geschäftsschädigend sein. Darum fürchten Pharmaunternehmen wohl nichts so sehr wie MathematikerInnen. Die und Transparenz.

Mit den neuen Regularien der europäische Zulassungsbehörde EMA (European Medicines Agency) dürfte die Industrie hochzufrieden sein. Angetreten mit dem Ziel, Daten aus Zulassungsstudien vollständig (!)* zu veröffentlichen, läuft es jetzt auf den Erhalt alter Schutzwälle der Industrie hinaus anstatt diese einzureißen, um den Horizont zu erweitern. Die EMA möchte am 12 Juni beschließen, dass „Interessenten die klinischen Studiendaten lediglich am Bildschirm betrachten . Untersagt sind dagegen das Herunterladen, das Abspeichern, die Bearbeitung, das Abfotografieren, das Ausdrucken, die Verteilung und die Übertragung der Informationen.“ Die ist auf der Seite des IQWiG unter dem Titel „Nur gucken, nicht anfassen“ zu finden.

Die durch den Arzt und Journalisten Ben Goldacre mitinitiierte Plattform „alltrials.net“ machte vor zwei Tagen ebenfalls auf dieses Desaster aufmerksam und forderte dazu auf, Paola Testori Coggi, Leiterin des Direktorats der EMA,  zu schreiben:

„The Agency is due to agree the policy on Thursday 12th June. Before then we need you to write to Paola Testori Coggi, the head of the directorate of the European Commission which oversees the EMA, asking her to tell the EMA not to finalise the policy until the concerns are satisfactorily addressed. Email her today.“

Auf der Seite ist unter anderem auch ein Vorschlag für eine Email zu finden, die man an Testori Coggi senden kann.

Goldacre hat ein Buch, auf Deutsch „Die Pharmalüge„, geschrieben. Darin legt er, entgegen dem etwas reißerischen Titel, eloquent dar, wo die Probleme bei der Entwicklung von Medikamenten heute liegen (Spoiler: es ist keine Verschwörung mit dem Ziel uns alle krank zu machen).  Das Buch ist 100mal spannender als jede Verschwörungstheorie. Leider, und hier liegt die Krux, sind die Probleme auch 1000mal komplexer und darum nur langfristig und mit harter Arbeit zu lösen. Transparenz ist dabei nur ein erster, jedoch notwendiger Schritt.

Mittlerweile habe ich bereits einige Beiträge zu diesem Thema geschrieben und bin immer etwas Fassungslos, wie wenig Leser dieses Thema findet. Wenn ich bedenke, wie viel Empörung eine in der Form nicht Existente EU-Heilpflanzenverordnung hervorgerufen hat, kann ich nicht verstehen, wieso hier soviel ruhig bleiben. Ich bin sogar bereit, Caps Lock zu nutzen: DIESE REGELUNG WIRD MENSCHENLEBEN KOSTEN!!! Es kann Deine Oma, Dein Kind oder Dich treffen. Also schreib eine verfickte Email!!!1elf!!

 

Transparenz rettet leben!**

 

 

*Ausnahme wären Daten, die Rückschlüsse auf die Identität von Patienten ermöglichen.

** Von Lebensqualität und geringeren Kosten gar nicht zu reden.

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Weleda rettet die Hebammen

Seit Anfang Juni konnte man überall in Deutschland Plakate sehen, auf denen Werbung für den Erhalt des Berufsstandes der Hebammen gemacht wurde. Im Rahmen der Kampagne „Das erste Gesicht auf Erden“ (Wirklich, „auf Erden“?)  wurden Deutschlandweit 6000 Plakate geklebt. Im letzten Jahr war die Öffentlichkeit bereits darüber informiert worden, dass selbständig arbeitende Hebammen sich durch hohe Haftplichtversicherungsbeiträge bedroht sehen. An dieser Stelle soll wohl die Kampagne „Das erste Gesicht im Leben“ anschließen und der sachlichen Ebene, wahrscheinlich, auch die emotionale hinzufügen.

Bevor ich weiter schreibe, sollte ich vielleicht erwähnen, dass ich den Beruf der Hebamme für wichtig halte und mir nichts ferner liegt als seine Abschaffung, eher im Gegenteil. Bei den Hebammen scheint das jedoch anders zu sein. Kaum eine Berufsgruppe im Gesundheitsbereich (HeilpraktikerInnen zähle ich, bis auf sehr wenige Ausnahmen, nicht dazu) scheint so sehr auf pseudomedizinische und esoterische Methoden zu setzen, wie die Hebammen. Und da sie ein besonderes Vertrauensverhältnis zu den von ihnen betreuten werdenden Müttern haben, wird ihren Aussagen sehr viel Gewicht beigemessen. Dabei werden nicht wenige werdende Mütter durch (oft unhaltbare) Aussagen von Hebammen zu Impfungen, fiebersenkenden Medikamenten[1] oder Antibiotika[1] massiv verunsichert. Das geht soweit, dass sich Mütter, die ihre Kinder nach dem Impfkalender der StIKo impfen lassen, gegenüber anderen rechtfertigen müssen. In  Krabbelgruppen grassieren zum Teil esoterischer Unsinn und Verschwörungstheorien. Wer widerspricht, wird auch schon mal ausgeladen.

Diese Entwicklung ist insofern besonders traurig, als das Hebammen aufgrund ihrer Ausbildung, Perspektive und Rolle, diesen ganzen Budenzauber gar nicht nötig hätten. Doch je mehr sie sich von ihren Kernkompetenzen wegbewegen und sich Pseudomedizin und Esoterik zuwenden, desto überflüssiger machen sie ihren Berufstand. Überflüssig nicht nur, weil mehr und mehr nutzloses sanftes und ganzheitliches Klimbim in die Praxen und Kurse Einzug hält, sondern auch, weil z.B. die Empfehlung, Kinder nicht impfen zu lassen, wirklich gefährlich ist.

Überflüssig haben Hebammen sich noch nicht gemacht, aber in meinen Augen durchaus unglaubwürdig. Wie soll eine junge (oder ältere) Mutter unterscheiden, ob der Ratschlag, den sie gerade bekommt ganzheitlich, sanft und pseudomedizinisch ist oder evidenzbasiert? Oder zumindest plausibel und rational. Ich kann mir schon vorstellen, was man zu hören bekommt, wenn man fragt, ob es zu dieser oder jener Empfehlung Studien gibt. Und zur Unglaubwürdigkeit trägt die aktuelle Kampagne nicht gerade wenig bei.

Man stellt sich nur einmal die Reaktionen vor, wenn ein ärztlicher Berufsverband eine Imagekampagne starten würde, die von Bayer, Pfizer oder GSK gesponsert würde. Wer rümpfte da nicht, berechtigterweise, die Nase und flötete den Begriff „Interessenkonflikt“? Ganz anders dürfte es in diesem Fall sein, denn Weleda wird nicht als Pharmakonzern wahrgenommen[2]. Weleda, das sind die Guten. Ich selbst bin großer Freund der Lavendel-Duschcreme und schmeiße dann und wann meine Prinzipien über Bord und kaufe eine Tube des Konzerns der Steiner-Jünger. Ein Unternehmen, dass angeblich keine elektronischen Waagen nutzen soll, weil diese die Erdgeister verschreckten. Das will ich natürlich nicht, ohne sie wäre meine Lavendel-Creme nur halb so sanft und beruhigend. Pflegeprodukte von Weleda sind übrigens die einzigen, die mir ranzig geworden sind, weil ich sie nicht schnell genug aufgebraucht habe (ich wasche mich nicht gerne, das verschreckt die Erdgeister nämlich auch). Konservierungsstoffe sind eben schlecht (fürs Geschäft).

Die Hebammen lassen sich also ein Kampagne unter anderem von dem Unternehmen finanzieren, deren Produkte sie vertreiben. Produkte die vor fast 100 Jahren auf den, durch Hellsehen gewonnenen, „Erkenntnissen“ eines medizinischen Laien beruhen. „Erkenntnisse“, die aktuellem Wissen zum Teil diametral entgegenstehen und eher an Harry Potter erinnern als an Medizin. Dazu sei auf den Beitrag von Claudia Graneis verwiesen, die sich eine „Fortbildung“ für Hebammen von Weleda angetan hat.

„Ob uns eine Verbindung zu Pflanzen auffalle, wollte die Dame wissen. Prompt meldete sich eine eifrige Seminarteilnehmerin und befand, dass es bei den Pflanzen ja genau umgekehrt sei: die Blüte sei das Gliedmaßensystem und wachse nach oben, die Wurzel sei das nach unten gerichtete Nervensystem. Deswegen, ergänzte die Seminarleiterin sogleich, sei es ja wohl selbstverständlich, dass Blüten vornehmlich für Bauch- und Wurzeln vor allem für Nervenleiden verwendet würden. Dieses dreigliedrige System habe für Schulmediziner ja ohnehin keinerlei Bewandtnis, erzählte sie weiter: wenn eine Patientin mit Schwangerschaftsübelkeit zum Arzt gehe, sage er ihr nur: „Das kann ich Ihnen erklären, das sind die Hormone. Tschüss!“, ohne zu bemerken, dass die Organe des Körpers miteinander in Verbindung stünden.

Der Anthroposoph hingegen erkenne, dass das Baby den „Energiebereich“ im „Wollen“ nach oben drücke und damit die beiden anderen Systeme beeinflusse, mit Hormonen habe das erstmal nichts zu tun. Im Gegensatz zum „Schulmediziner“ bemühe er sich um eine anständige Anamnese, um anschließend ein Medikament zu finden, das helfe.“

Besonders witzig hieran ist, dass „Schulmediziner“ Übelkeit als „normalen“ Prozess in der Schwangerschaft ansehen, die Schwangere darüber aufklärt und ihr (hoffentlich emphatisch) mitteilt, dass sie sich keine Sorgen machen muss und dieses Symptom bald verschwindet. Die Anthroposophen machen daraus eine Erkrankung, die magisch behandelt wird. Und wahrscheinlich hilft die Behandlung jeden Tag aufs neues, denn die Übelkeit tritt vor allem Morgens auf.

Weleda unterstützt die Hebammen wohl vor allem aus knallharten wirtschaftlichen Interessen. Ohne die Hebammen bräche Weleda wahrscheinlich ein riesiger Markt einfach Weg. Darum hat Weleda nicht nur ein Interesse daran, den Berufsstand zu erhalten, sondern auch dafür zu sorgen, dass hier keine evidenzbasierte Praxis Einzug hält. Leider sehe ich aktuell nicht, dass sich daran in Zukunft etwas ändern wird, dafür ist alles, was sich ein sanftes und ganzheitliches Image geben konnte zu beliebt.

Wer dazu neigt, den Versprechen von Hellsehern und Wahrsagern mehr Vertrauen zu schenken als systematisierten Studien, neigt auch eher dazu, sein eigenes Handeln wenig kritisch zu hinterfragen. Nicht nur werdende Eltern dürften Schwierigkeiten bekommen, zu entscheiden, was sinnvoll ist und was nicht. Auch die Hebammen werfen jegliche Maßstäbe für ihr handeln über Bord, wenn sie sich an Steiners Träumen orientieren. Die drei gefährlichsten Worte in der Medizin sind „Meiner Erfahrung nach…“, das lässt sich ziemlich sicher auf die Geburtshilfe ausdehnen. Geburten sind heute so sicher wie nie. Dazu hat systematische(!) Beobachtung und Anpassung des Prozesses beigetragen. Die Ironie, dass diese Sicherheit dafür sorgt, dass man unbe- und widerlegte Methoden anwenden kann, ist bereits aus der Impfdiskussion bekannt. Im Windschatten der Evidenz ist der eisige Wind der Wirklichkeit nur eine kühle Brise.

Noch ein Satz zu teilweisen Ehrenrettung der Hebammen. Falls selbständige Hebamme tatsächlich mit ihrem Kerngeschäft so wenig verdienen (oder durch hohe Versicherungsbeiträge sowenig übrig bleibt), dass es sich nicht lohnt, wird natürlich alleine damit dafür gesorgt, dass sie sich neue Verdienstquellen suchen müssen (ein Phänomen welches man ebenfalls bei niedergelassenen ÄrztInnen finden kann). Somit trägt auch die Solidargemeinschaft Verantwortung für die Erhaltung des Berufsstandes der Hebammen[4].

Es wäre schade, wenn werdenden Müttern (und Vätern) in Zukunft die Versorgung durch Hebammen vorenthalten bliebe, weil der Gesellschaft eine Berufsgruppe, die ihr Handeln auf magischen Konzepten gründet und nicht kritisch hinterfragt [3], einfach zu teuer und zu gefährlich ist und sie darum gar nicht mehr finanziert. Dann hätten sich die Hebammen selbst abgeschafft.

 

[1] Es geht nicht darum, dem teilweise vorhandenen unkritischen Umgang damit das Wort zu reden, sondern um die rationale Anwendung.

[2] 2012 gab es an der Spitze von Weleda einen Führungswechsel, unter anderem weil die „Arznei“mittelsparte (Anführungszeichen von mir) defizitär war und von der Naturkosmetik subventioniert wurde. Offensichtlich waren Bemühungen für Verkaufssteigerung erfolgreich, konnte deutlich gesteigert werden, für 2016 ist geplant, dass die Pharmasparte keine Verluste mehr schreibt.

[3] Eigentlich wollte ich, sozusagen als Hoffnungsschimmer, auf „QUAG“ die Gesellschaft für Qualität in der außerklinischen Geburtshilfe verweisen. Daran sind die beiden Berufsverbände der Hebammen beteiligt: Deutscher Hebammen Verband e.V. (DHV) und Bund freiberuflicher Hebammen Deutschland (BfHD). Auf der Website des BfHD findet sich nun aber im Bereich Termine/Fortbildungen/Tagungen der Hinweis auf das „Bildungsfestival“ in der Schweiz. Ein kurzer Blick auf die Website ließ mich aufstöhnen, wird dort doch das Konzept „Polarity Dynamics“ erfunden von Dr. Randolph Stone:

„Its postulate is that „balancing“ the flow of „energy“ in the body is the foundation of health. Its theory holds that the top and right side of the body have a positive charge, and that the feet and the left side of the body have a negative charge. Thus, practitioners place their right hand on „negatively charged“ parts of the client’s body, and their left hand on „positively charged“ parts. Polarity theory also posits a cleanable „cellular memory.““

Die Grundannahme ist, dass die Balance des Energieflusses des Körpers die Grundlage für Gesundheit ist. Die Theorie besagt, die Spitze und die rechte Seite des Körper sei positiv geladen und Füße sowie die linke Seite seien negativ geladen. Der „Therapeut“ legt die Hände auf die jeweils unterschiedlich geladenen Körperteile. Außerdem kann man das Zellgedächtnis reinigen. (Übersetzung von mir. Quelle)

Es ist schlimmer als ich vor Beginn dieses Textes dachte.

[4] Nachdem was ich unter [3] gefunden habe, steht zu befürchten, dass das Problem tiefer geht.

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