Tod durch Intransparenz – 1:0 für die Pharmariesen

Wenn ich es mir richtig überlege, retten heute vielleicht gar nicht Mediziner die meisten Menschenleben, sondern Mathematiker. Ohne die systematische Auswertung von Daten ist es nicht möglich, die Wirksamkeit und den möglichen Schaden eines neuen Medikaments zu bewerten. Wenn ein Medikament Schrott ist, werden die Daten das ergeben. Schadet ein Medikament mehr als es nutzt, ebenso. Das kann geschäftsschädigend sein. Darum fürchten Pharmaunternehmen wohl nichts so sehr wie MathematikerInnen. Die und Transparenz.

Mit den neuen Regularien der europäische Zulassungsbehörde EMA (European Medicines Agency) dürfte die Industrie hochzufrieden sein. Angetreten mit dem Ziel, Daten aus Zulassungsstudien vollständig (!)* zu veröffentlichen, läuft es jetzt auf den Erhalt alter Schutzwälle der Industrie hinaus anstatt diese einzureißen, um den Horizont zu erweitern. Die EMA möchte am 12 Juni beschließen, dass „Interessenten die klinischen Studiendaten lediglich am Bildschirm betrachten . Untersagt sind dagegen das Herunterladen, das Abspeichern, die Bearbeitung, das Abfotografieren, das Ausdrucken, die Verteilung und die Übertragung der Informationen.“ Die ist auf der Seite des IQWiG unter dem Titel „Nur gucken, nicht anfassen“ zu finden.

Die durch den Arzt und Journalisten Ben Goldacre mitinitiierte Plattform „alltrials.net“ machte vor zwei Tagen ebenfalls auf dieses Desaster aufmerksam und forderte dazu auf, Paola Testori Coggi, Leiterin des Direktorats der EMA,  zu schreiben:

„The Agency is due to agree the policy on Thursday 12th June. Before then we need you to write to Paola Testori Coggi, the head of the directorate of the European Commission which oversees the EMA, asking her to tell the EMA not to finalise the policy until the concerns are satisfactorily addressed. Email her today.“

Auf der Seite ist unter anderem auch ein Vorschlag für eine Email zu finden, die man an Testori Coggi senden kann.

Goldacre hat ein Buch, auf Deutsch „Die Pharmalüge„, geschrieben. Darin legt er, entgegen dem etwas reißerischen Titel, eloquent dar, wo die Probleme bei der Entwicklung von Medikamenten heute liegen (Spoiler: es ist keine Verschwörung mit dem Ziel uns alle krank zu machen).  Das Buch ist 100mal spannender als jede Verschwörungstheorie. Leider, und hier liegt die Krux, sind die Probleme auch 1000mal komplexer und darum nur langfristig und mit harter Arbeit zu lösen. Transparenz ist dabei nur ein erster, jedoch notwendiger Schritt.

Mittlerweile habe ich bereits einige Beiträge zu diesem Thema geschrieben und bin immer etwas Fassungslos, wie wenig Leser dieses Thema findet. Wenn ich bedenke, wie viel Empörung eine in der Form nicht Existente EU-Heilpflanzenverordnung hervorgerufen hat, kann ich nicht verstehen, wieso hier soviel ruhig bleiben. Ich bin sogar bereit, Caps Lock zu nutzen: DIESE REGELUNG WIRD MENSCHENLEBEN KOSTEN!!! Es kann Deine Oma, Dein Kind oder Dich treffen. Also schreib eine verfickte Email!!!1elf!!

 

Transparenz rettet leben!**

 

 

*Ausnahme wären Daten, die Rückschlüsse auf die Identität von Patienten ermöglichen.

** Von Lebensqualität und geringeren Kosten gar nicht zu reden.

Advertisements

2 Kommentare

Eingeordnet unter Überleben, Medikamente, Teure Medizin

2 Antworten zu “Tod durch Intransparenz – 1:0 für die Pharmariesen

  1. Pingback: Hurra, wir dürfen Leben! | diaphanoskopie

  2. Pingback: Sinupret in der Kritik | diaphanoskopie

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s