Monatsarchiv: Juli 2014

Publikumsbeschimpfung im Ärzteblatt

Es ist betrüblich, wenn Mitglieder eines Berufsstandes nicht wenigstens ausreichend Selbstachtung zeigen und davon absehen sich selbst und die KollegInnen zu beschimpfen. So geschehen, wieder mal, im Ärzteblatt. Eine Kollegin berichtete dort über die Reportage des Stern zu „Alternativ“medizinisch arbeitenden ÄrztInnen und HeilpraktikerInnen. Kurz, darin wurde aufgedeckt, dass es  unter Umständen eine unkluge und möglicherweise tödliche Entscheidung ist, sich mit einer Krebserkrankung an VertreterInnen „alternativer“ Heilverfahren zu wenden (ich würde sagen, dass es immer unklug ist). Der Titel ist lautet passend: „Gefährliche Heiler“.

Nun ist es schön, wenn im Ärzteblatt dieser dunkle Teil der Medizin einmal ausgeleuchtet wird, damit auch die Apologeten der „schadet ja nicht“-Alternativmedizin, sehen: tut sie doch. Dabei wirkt das Gift, welches aus diesem Bereich langsam in die akademische Medizin gelangt, subtil. Es schläfert ein, macht müde, unaufmerksam und am Ende fast wehrlos. Einem unsäglichen Artikel zum Thema Ayurveda vor einigen Monaten hatte ich die Ehre eines Leserbriefes erwiesen („Ich bin so empört, ich schreiben einen Leserbrief. EINEN LESERBRIEF!“).

Nicht so schön ist die inflationäre Nutzung des Begriffes der „Schulmedizin“ in dem Artikel. Es gibt keine Schulmedizin. Es gibt Medizin die wirkt und Medizin die nicht wirkt und damit keine Medizin ist und kein Etikett benötigt. Das Ganze ist insofern ärgerlich, als das der Begriff „Schulmedizin“ eindeutig abwertend gemeint war, als er eingeführt wurde. Hahnemann, der Erfinder der Homöopathie sprach von jeglicher Medizin, die nicht Homöopathie und zu seiner Lebzeit stark verbreitet war, von Allopathie oder „Medizin alter Schule“.  Der Begriff Schulmedizin wurde Ende des 19. Jahrhunderts erfunden.

Wiederum war es ein homöopathischer Arzt, der hier wortschöpferisch tätig wurde. Dr. Franz Fischer aus Weingarten, ein regelmäßiger Mitarbeiter der Laienzeitschrift Homöopathische Monatsblätter, war offenkundig der erste, der Mitte der 1870er Jahre den Begriff „Schulmedizin“ in die Diskussion einführte. Populär wurde der Begriff aber in homöopathischen Kreisen erst Anfang der 1880er Jahre, und zwar aufgrund des großen publizistischen Einsatzes eines Stettiner Laienhomöopathen mit Namen H. Milbrot.Quelle (PDF!)

Wer „Schulmedizin“ sagt, transportiert damit immer auch eine bestimmte Botschaft. Und die ist in der Regel abwertend, wenn nicht vom Sender selbst (weil man ja „Schulmediziner“ ist), dann von denen, von denen man sich in dem Moment abgrenzt. Diese Abgrenzung ist nicht notwendig und sie wertet die „Alternativ“medizin unnötig auf. Wenn mein Nachbar von „Schulmedizin“ spricht, soll er das von mir aus machen. Aber im Organ einer ärztlichen  Standesorganisation hat dieser Begriff ohne Anführungszeichen nichts verloren.

Vielleicht schafft man es beim Ärzteblatt ja nicht, auf solche Dinge zu achten, weil dort Alternativredakteure arbeiten und Alternativjournalismus betreiben. Da wünsche ich mir doch ein paar Journalisten alter Schule, die den Laden mal aufräumen.

Das Schlusswort gebe ich Johannes Köbberling, u.a. Mitglied der Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft:

„Das Operieren mit falschen Begriffen beginnt bereits damit, daß die eigentliche Medizin als „Schulmedizin“ bezeichnet wird. Wohlwollend könnte man den Begriff so interpretieren, daß dies die Medizin ist, die an den Hochschulen gelehrt wird. Der Begriff wurde aber bereits von Hahnemann verwandt, um die zu seiner Zeit etablierte Medizin abzuqualifizieren, übrigens nicht ganz zu Unrecht. Schule war in diesem Zusammenhang als starres, unflexibles System gemeint, das in festen Denkstrukturen verhaftet und unfähig zu Innovationen ist. Es entstand die Assoziation zwischen Schulmedizin und verstaubter, verkrusteter akademischer Medizin, die weit weg von der Wirklichkeit des kranken Menschen ist, weniger an Wahrheitsfindung interessiert als an Deutung, Systematisierung und Verteidigung ihrer eigenen Wahrheitten. Auf diese Weise gelingt es leicht, die wissenschaftliche Medizin als ideologisch geprägt herabzusetzen und verächtlich zu machen. Der Begriff Schulmedizin besagt also genau das Gegenteil von dem, was ausgedrückt werden müßte, denn die wissenschaftliche Medizin vertritt ja gerade nicht ein geschlossenes System, sondern ist dadurch gekennzeichnet, daß sie sich kontinuierlich in Frage stellt. Ich habe mir deshalb angewöhnt, den Begriff Schulmedizin konsequent zu vermeiden und von Medizin schlechthin zu sprechen bzw. von wissenschaftlicher Medizin, wenn die Abgrenzung zur unwissenschaftlichen Medizin oder Paramedizin beabsichtigt ist.“

Ein Kommentar

Eingeordnet unter MEINung, Quatschmedizin

Empörung ist kein Argument II – Mehr tote Löwen

Die Welt ist kompliziert und es ist wohltuend hier und da mal eindeutig Position beziehen zu können. So ergießt sich aktuell eine Welle der Empörung über eine junge Frau Namens Kendall Jones. Wie bereits eine Journalisten vor ihr, hat sie es sich zur Gewohnheit gemacht, ihr Social-Media-Profil mit Fotos der von ihr erlegten Großsäuger zu schmücken. Abgesehen von den leblosen Überresten diverser Spezies ist auf den Bildern auch die junge Dame selbst zu sehen. Meist lächelnd, immer mit ihrem Tötungswerkzeug. Das gefällt nicht allen. Und so hat die Gruppe der Netzempörten zur ihrer schärfsten Waffe gegriffen und eine Online-Petition gestartet.

Diese richtet sich nicht gegen die Jagd wilder Tieren. Sie richtet sich auch nicht gegen die Politik von Staaten, die damit Geld verdienen. In ihr wird gefordert, Jones mögen ihre Facebookprivilegien entzogen bekommen. Virtueller Stubenarrest! Denn, wenn ich es nicht in meiner „Chronik“ sehe, passiert es auch nicht: gefällt mir.

Nun kann man dazu stehen wie man will, ob Menschen ihre Jagdtrophäen in der Öffentlichkeit präsentieren dürfen sollten. Insbesondere wenn man bedenkt, dass stillende Mütter deutlich größere Probleme habe, die erfolgreiche Jagd ihrer Säuglinge auf Facebook zu zeigen. Die Frage ist doch, ob das, was da abgelichtet wird, tatsächlich so empörenswert ist. Und wenn, dann welcher Teil davon?

Große Teile dieses Planeten wurde von Menschen soweit verändert, dass sie für ihn gute Bedingungen schaffen. Das hat dazu geführt, dass Gebiete in denen Tiere unbehelligt von ihm leben können relativ klein sind. Und oft umzäunt. Und so gibt es in einige Staaten des afrikanischen Kontinents Reservate für Wildtiere, die groß genug sind, um dort fast natürliche Bedingungen zu schaffen, aber nicht groß genug um die Populationen sich selbst zu überlassen. Also muss der Mensch eingreifen. Vor allem alte Tiere werden geschossen. Wenn ein Löwenrudel von einem jungen Löwen „übernommen“ wird, ergeht es dem alten Alphamännchen schlecht. Wir können uns alle unserer Naturromantik hingeben aber letztlich wird dem Tier in dem Fall leid erspart.

Aprops leid erspart. Ich hoffe, alle die sich so empören sind ebenso reflektiert, wenn sie sich Grillgut im Supermarkt kaufen. Oder das nächste Smartphone.

Ein Nashorn, mit welchem Jones sich ebenfalls hatte ablichten lassen war offensichtlich nicht tot, sondern für eine tierärztliche Behandlung und Markierung betäubt. So steht es im Text zum Bild, welchen viele der Empörten scheinbar nicht gelesen haben. Viele der anderen glauben es einfach nicht. Denn es würde nicht ins Bild passen. Die „Killerin“ soviel prächtiger Tiere, kann nur aus kaltblütigen, egoistischen Motiven handeln, was denn sonst. Dass die Familie wohlhabend zu sein scheint, passt da bestens ins Bild. Othering vom feinsten.

Wenn man wenigstens etwas zur Thematik recherchiert (das Meiste was zu dem Thema gebracht wird, stammt von Kendalls Facebook-Seite), stellt man fest, dass das Thema komplexer ist, als „Die knallt Löwen ab!“. Ökonomische, ökologische und politische Faktoren spielen dort hinein. Und die philosophischen sind auch nicht ohne.

So unappetitlich das Posieren mit toten Jagdtrophäen sein mag, so ekelerregend ist die Reaktion einiger Mitprimaten auf diese Bilder. Kendall Jones hat Morddrohungen erhalten. Dagegen ist das „unterzeichnen“ einer Petition dann doch die bessere Wahl. So, jetzt habe ich mich aber genug empört.

 

Mehr?

Empörung ist kein Argument – auch nicht bei abgeknallten Löwen.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Kontrovers, MEINung, Uncategorized

Wenn die Zahnfee zweimal klingelt.

Dr. Johannes ist Arzt in Weiterbildung in Hamburg, hatten einen ziemlich beeindruckenden Lebenslauf und ist ein Workaholic. Letzteres ist meine Vermutung, wenn ich mir seine Produktion an Tweets und Videos anschaue. Ich schaffe es gar nicht alle Videos zu schauen, die er dreht. Letztens ab doch und das unter anderem auch, weil ich ob des Titels etwas skeptisch war:

Warum immer im Urlaub krank?

Darin versucht Dr. Johannes zu erklären, woran es liegt, dass man ständig vor dem Urlaub krank wird. Wen die Erklärung interessiert, sei auf das Video verwiesen (Spoiler: Immunsystem). Als Beleg, dass dieses Phänomen existiert erwähnt er auch den Begriff „Leisure Sickness“ aus dem englischsprachigen Raum. Dazu später. Nun gibt es ja viele Hypothesen zum Zusammenhang zwischen Psyche und Immunsystem. Eine nannte der Hohepriester der Vulgärpsychosomatik Rüdiger Dahlke (auch Arzt) auf seinem von mir besuchten Vortrag: „Wer (frisch) verliebt ist, wird nicht krank.“ Alle nicken. Ich auch, bis ich a) Medizin studierte und b) frisch verliebt einen fetten Schnupfen bekam. Das war wohl die Ausnahme von der Regel?

Eher nicht, ein Schnupfen ist eine Infektionskrankheit und ein Virus kümmert es nicht, ob ich verliebt bin oder nicht. Und meine Immunsystem bildet nicht extra Antikörper, nur weil ich verliebt bin (nur die durch den Austausch von Körperflüssigkeit bedingten). Alles in allem, klingt das also eher unplausibel.

Bevor ich untersuche, wie ein Phänomen entsteht, muss ich erst mal feststellen, ob es das Phänomen überhaupt gibt. Alles andere ist „Toothfairyscience„. Also habe ich Google Scholar angeschmissen und nach „Leisure Sickness“ gesucht. Viel gab es nicht, einigermaßen aktuell schien mir: „Leisure Sickness“ von Vingerhoets et. al, 2002 veröffentlicht in „Psychotherapy and Psychosomatics“. Ca. 3% (1) gaben an (2), sich am Wochenende und im Urlaub häufiger krank zu fühlen (3) als in der Woche.

(1) 3% erscheint mir nicht sehr viel, wenn man sich überlegt, dass Wochenende und Urlaub zusammen ca, 30% des Jahres ausmachen. Wenn man davon ausgeht, dass an jedem Tag die Wahrscheinlichkeit krank zu werden ungefähr gleich ist, ist es nicht anders zu erwarten, dass einige Menschen durch Zufall an arbeitsfreien Tagen eher krank werden, als an Arbeitstagen. Die Frage ist, ob das ein Statistisch signifikanter Unterschied ist? Dazu kann ich nichts finden und bin selbst leider nicht bewandert genug, um das auszurechnen 🙂

(2) Die Personen wurden retrospektiv befragt, ob sie sich krank gefühlt hätten. Es ist nicht unplausibel, dass ein Kopfschmerz, den man beim arbeiten gut ignorieren kann, einem das Wochenende „versaut“. Tendenziell wird man sich dann eher an das versaute Wochenende erinnern als an die Arbeit. „Confirmation Bias“ nennt man das auch.

(3) Sie gaben eine ganze Reihe von Symptomen und Krankheiten an, die meisten ziemlich unspezifisch.: Kopfschmerzen, Schwäche, Muskelschmerzen, Mangel an Energie, Übelkeit, Rückenprobleme. Das sind ziemlich alltägliche Symptome. Die Frage wäre auch, ob man schon als „krank“ gilt, wenn man eines dieser Symptome hat. Das Problem ist, dass jeder sich ab einem unterschiedlichen Grad „krank“ fühlt. Das müsste erst mal definiert werden. Dazu schreiben die Autoren aber nichts.

Bevor wir das Problem besprechen, warum man „immer“ vor dem Urlaub krank wird, sollten wir erst mal herausfinden, ob das überhaupt stimmt. Aber solche Mythen (ich traue mich jetzt mal, das so zu nennen) sind sehr langlebig. In jeder Notaufnahme/Geburtsabteilung wird man Personal finden, welches davon überzeugt ist, bei Vollmond sei das Patientenaufkommen höher, obwohl das nicht so ist (und es leicht zu überprüfen wäre :-))

Das alles ändert nichts daran, dass die Hinweise zur Stressreduktion am Video sicher nicht die schlechtesten sind.

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Berichterstattung, Blog, Skeptizismus, Vorläufig