Publikumsbeschimpfung im Ärzteblatt

Es ist betrüblich, wenn Mitglieder eines Berufsstandes nicht wenigstens ausreichend Selbstachtung zeigen und davon absehen sich selbst und die KollegInnen zu beschimpfen. So geschehen, wieder mal, im Ärzteblatt. Eine Kollegin berichtete dort über die Reportage des Stern zu „Alternativ“medizinisch arbeitenden ÄrztInnen und HeilpraktikerInnen. Kurz, darin wurde aufgedeckt, dass es  unter Umständen eine unkluge und möglicherweise tödliche Entscheidung ist, sich mit einer Krebserkrankung an VertreterInnen „alternativer“ Heilverfahren zu wenden (ich würde sagen, dass es immer unklug ist). Der Titel ist lautet passend: „Gefährliche Heiler“.

Nun ist es schön, wenn im Ärzteblatt dieser dunkle Teil der Medizin einmal ausgeleuchtet wird, damit auch die Apologeten der „schadet ja nicht“-Alternativmedizin, sehen: tut sie doch. Dabei wirkt das Gift, welches aus diesem Bereich langsam in die akademische Medizin gelangt, subtil. Es schläfert ein, macht müde, unaufmerksam und am Ende fast wehrlos. Einem unsäglichen Artikel zum Thema Ayurveda vor einigen Monaten hatte ich die Ehre eines Leserbriefes erwiesen („Ich bin so empört, ich schreiben einen Leserbrief. EINEN LESERBRIEF!“).

Nicht so schön ist die inflationäre Nutzung des Begriffes der „Schulmedizin“ in dem Artikel. Es gibt keine Schulmedizin. Es gibt Medizin die wirkt und Medizin die nicht wirkt und damit keine Medizin ist und kein Etikett benötigt. Das Ganze ist insofern ärgerlich, als das der Begriff „Schulmedizin“ eindeutig abwertend gemeint war, als er eingeführt wurde. Hahnemann, der Erfinder der Homöopathie sprach von jeglicher Medizin, die nicht Homöopathie und zu seiner Lebzeit stark verbreitet war, von Allopathie oder „Medizin alter Schule“.  Der Begriff Schulmedizin wurde Ende des 19. Jahrhunderts erfunden.

Wiederum war es ein homöopathischer Arzt, der hier wortschöpferisch tätig wurde. Dr. Franz Fischer aus Weingarten, ein regelmäßiger Mitarbeiter der Laienzeitschrift Homöopathische Monatsblätter, war offenkundig der erste, der Mitte der 1870er Jahre den Begriff „Schulmedizin“ in die Diskussion einführte. Populär wurde der Begriff aber in homöopathischen Kreisen erst Anfang der 1880er Jahre, und zwar aufgrund des großen publizistischen Einsatzes eines Stettiner Laienhomöopathen mit Namen H. Milbrot.Quelle (PDF!)

Wer „Schulmedizin“ sagt, transportiert damit immer auch eine bestimmte Botschaft. Und die ist in der Regel abwertend, wenn nicht vom Sender selbst (weil man ja „Schulmediziner“ ist), dann von denen, von denen man sich in dem Moment abgrenzt. Diese Abgrenzung ist nicht notwendig und sie wertet die „Alternativ“medizin unnötig auf. Wenn mein Nachbar von „Schulmedizin“ spricht, soll er das von mir aus machen. Aber im Organ einer ärztlichen  Standesorganisation hat dieser Begriff ohne Anführungszeichen nichts verloren.

Vielleicht schafft man es beim Ärzteblatt ja nicht, auf solche Dinge zu achten, weil dort Alternativredakteure arbeiten und Alternativjournalismus betreiben. Da wünsche ich mir doch ein paar Journalisten alter Schule, die den Laden mal aufräumen.

Das Schlusswort gebe ich Johannes Köbberling, u.a. Mitglied der Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft:

„Das Operieren mit falschen Begriffen beginnt bereits damit, daß die eigentliche Medizin als „Schulmedizin“ bezeichnet wird. Wohlwollend könnte man den Begriff so interpretieren, daß dies die Medizin ist, die an den Hochschulen gelehrt wird. Der Begriff wurde aber bereits von Hahnemann verwandt, um die zu seiner Zeit etablierte Medizin abzuqualifizieren, übrigens nicht ganz zu Unrecht. Schule war in diesem Zusammenhang als starres, unflexibles System gemeint, das in festen Denkstrukturen verhaftet und unfähig zu Innovationen ist. Es entstand die Assoziation zwischen Schulmedizin und verstaubter, verkrusteter akademischer Medizin, die weit weg von der Wirklichkeit des kranken Menschen ist, weniger an Wahrheitsfindung interessiert als an Deutung, Systematisierung und Verteidigung ihrer eigenen Wahrheitten. Auf diese Weise gelingt es leicht, die wissenschaftliche Medizin als ideologisch geprägt herabzusetzen und verächtlich zu machen. Der Begriff Schulmedizin besagt also genau das Gegenteil von dem, was ausgedrückt werden müßte, denn die wissenschaftliche Medizin vertritt ja gerade nicht ein geschlossenes System, sondern ist dadurch gekennzeichnet, daß sie sich kontinuierlich in Frage stellt. Ich habe mir deshalb angewöhnt, den Begriff Schulmedizin konsequent zu vermeiden und von Medizin schlechthin zu sprechen bzw. von wissenschaftlicher Medizin, wenn die Abgrenzung zur unwissenschaftlichen Medizin oder Paramedizin beabsichtigt ist.“

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Ein Kommentar

Eingeordnet unter MEINung, Quatschmedizin

Eine Antwort zu “Publikumsbeschimpfung im Ärzteblatt

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