Monatsarchiv: August 2014

Religiöses Erlebnis im Apple-Store

Apple sei, so sagen es vor allem Menschen, die sich mit Schnickschnack nicht abgeben, weniger ein Unternehmen als eine Religion. Anders sei es nicht zu erklären, warum, ansonsten vernunftbegabte Menschen, Jahr um Jahr völlig überteuerte Geräte kaufen und in einem abgeschlossen Softwareökosystem leben, abhängig von der Gnade der Priester aus Cupertino. Design, intuitive Benutzeroberfläche, keine Viren und „es funktioniert“ lauten die, als rationale Argumente getarnten, Rechtfertigungen.

Nachdem ich überlegt hatte, dieses Ökosystem zu verlassen und festgestellt habe, wieviel Arbeit und kosten ein Umstieg kosten würde, habe ich beschlossen, ewig bei Apple zu bleiben. Die Geräte sind hervorragend designt, haben eine intuitive Bedienoberfläche, es gibt keine Viren und es funktioniert einfach. Nach 13 Jahren Apple zeige ich klare Anzeichen des Stockholm-Syndroms.

Weil ich auch Papier aus meinem Leben verbannen möchte, war ich auf der Suche nach einem Stift, damit ich auf meinen Tablet handschriftlich Notizen machen kann. Und da ich mich bei solchen Dingen gerne beraten lasse, ging ich in den Apple-Store, meinen Tempel vor Ort. Dort suchte ich einen der Priesterseminaristen auf und fragte, wo ich denn die Stifte fände. Sein Blick traf den meinen, sein Zögern besagte nichts Gutes und er holte tief Atem.

Diese Stifte, so der junge Padawan, würden sie nicht führen. Auf meine Frage, ob die alle so schlecht seien, dass man sie den Kunden nicht zumuten wolle, schüttelte er den Kopf. „Nein“, gab er mir zurück, „Unser Chef, also unser ehemaliger Chef, war der Ansicht dass der Mensch nicht umsonst zehn Finger hat.“ Darauf fiel mir nichts ein. Ich hatte bis zu diesem Zeitpunkt noch nie ein solch unangenehmes Schweigen in einem Verkaufsgespräch erlebt. Nachdem ich mich gesammelt hatte, fragte ich zur Sicherheit nochmal nach: „Steve Jobs wollte nicht, dass das iPad mit einem Stift bedient wird?“ „Richtig, dafür sind die Finger da und es gibt ja auch eine Tastatur“ 

Steve Jobs, im Oktober 2011 gestorben, hat einmal gesagt, für Tablets benötige man keine Eingabestifte und im Jahr 2014 bekomme ich aus genau diesem Grund noch immer keinen solchen Stift im Apple-Store. Sowas schafft nur ein wahrer Messias. Seine Worte prägen die Entscheidungen ihrer Nachfolger noch aus dem Grab. Allerdings nur bis 99,- Euro. Da beginnt der Preis für Stifte, mit denen man auf Papier schreiben kann und das Geschrieben per Funk an das iPad übertragen wird. Auch die Worte eines Messias sind Auslegungssache.

Der Apple-Mensch gab mit noch die Information, die Stifte, die ich suche, gäbe es bei Saturn. Ich habe natürlich keinen gekauft. Nicht dass ich noch exkommuniziert werde.

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Packungsbeilage NPD

Bald ist Wahl. Und die NPD war so freundlich und hat mir ihre Wahlwerbung in den Briefkasten geworfen:

NPD wirkt

Die Innenseite erspare ich Euch. „Mega-Asylantenheim“, „Volk“ und „Stachel im Fleisch“ sind einige der Tiefpunkte.

Die NPD sieht sich scheinbar als Medikament. Gegen welche Krankheit ist nicht ganz klar. Als Symptom werden „Kopfschmerzen am Wahlabend“ angegeben. Leider fehlt bei dem Flyer die Packungsbeilage. Als verantwortungsbewusster Blogtherapeut kann ich das natürlich nicht so stehen lassen und habe etwas recherchiert:

1. Bezeichnungs des Arzneimittels:

„EHRLICHKEIT PLUS MUT“
69mg Zäpfchen
Wirkstoff: Nationanal

2. Zusammensetzung:

1 Zäpfchen enthält:
69mg Nationanal
Sonstige Bestandteile:
Angstan, Intoleranzon, Homophobon, NatriumSulfitDiAcetylPropan (NSDAP),

3. Darreichungsform:
Zäpfchen (‚Arschbombe‘ für den Volkskörper)

4. Anwendungsgebiete:
Zur Prophylaxe von mangelndem Nationalstolz, Sittenverfall, Ausländern, Schwulen und des Finanzkapitalismus (aka ‚Weltjudentum‘).
Zur Therapie von Gutmenschentum, Weltoffenheit, Entartung

5. Dosierung, Art und Dauer der Anwendung:
Viel hilft viel! Die Bioverfügbarkeit von ‚NPD – EHRLICHKEIT PLUS MUT‘ erhöht sich mit jeder Dosis. Eine Blitzapplikation wird empfohlen, wobei eine Mehrflankentherapie vermieden werden sollte (Dolchstoßgefahr).

6. Einnahmezeitpunkt:
19:33 – 19:45 (U.u. Einnahme unterbrechen für Propaganda und Frontbegradigung)

7. Dauer der Anwendung:
Mindestens 12 Jahre. Nicht länger als 1000 Jahre verwenden.

8. Gegenanzeigen:
Verjudete Schulmedizin (Vorherige Eradikationstherapie empfohlen),

9. Besondere Warnhinweise:
Intoleranzreaktionen sind häufig und zeigen den Therapieerfolg an. Von Einnahme im russischen Winter wird abgeraten (Obstipationsgefahr).

10. Wechselwirkungen:
Unverträglichkeitsreaktionen in Zusammenhang mit Systempresse und Systemjustiz häufig (Vorherige Eradikationstherapie empfohlen).
Bei Gleichzeitiger Einnahme von „Gewalt gegen Schwache“, „Todesstrafe für Kinderschänder“ tritt eine Wirkverstärkung ein.

11. Schwangerschaft und Stillzeit:
Möglichst oft und lange. Muttermilch ist gut für den Volkskörper.

12. Auswirkungen auf die Verkehrtüchtigkeit und die Fähigkeit zum Bedienen von Maschinen:
Vom Fahren von PKW und arbeiten in kriegswichtigen Betrieben wird abgeraten. Das Führen von Kettenfahrzeugen (Leopard I und II) ist möglich (jenseits der Oder-Neiße-Grenze)

13. Nebenwirkung:
Häufig: Kopfschmerzen, Bauchschmerzen, Verbrennungen, Frakturen, Schürfwunden (in der Regel bei anderen).

Haarausfall, Rechtsscheitelfrisuren, unkontrolliertes Brüllen, Selbstmitleid, Streckkrämpfe des rechten Armes,  Cainotophobie, Heterophobie und Gelotophobie.
Gelegentlich: Gleichschaltung
Selten: Machtergreifung
Sehr selten: Angriffskrieg

Zu Konzentrationslagern und Genoziden liegen keine gesicherten Erkenntnisse vor. Die Daten sind nicht eindeutig. Die einen sagen so, die anderen sagen so.

14. Überdosierung:
Akute Gefahr von Hitlerose, Himmleritis und Goebbelssyndrom (jeweils mittelfristig tödlich)

15. Pharmakologische Eigenschaften:
Hauptsache es knallt!

16. Präklinische Daten zur Sicherheit:
Sehr sicher für Arier. Andere Volksgruppen müssen sich keine Sorgen machen, wir kommen in Frieden.

17. Inkompatibilität:
Demokratie, Humanismus, Toleranz, Satire

18. Dauer und Haltbarkeit:
Bis zum Endsieg oder Kapitulation (niemals!)

Nun hoffe ich, dass ich am Wahlabend keine Kopfschmerzen habe. Bei der Alternative nähme ich lieber „was homöopathisches„.

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Gottes Lotterie des Todes

Halleluja! Dr. Kent Brantly hat Ebola überlebt. Wahrscheinlich auch durch den Einsatz einer neuen, noch experimentellen Therapie. Vielleicht aber einfach durch Glück (sprich, die Produktion eines passenden Antikörpers, zur richtigen Zeit durch sein, im Rahmen der Evolution entstandenes, Immunsystems). Wie auch immer, es haben sich viele Menschen um das Wohlergehen Brantlys bemüht. Nachdem er neun Tage mit Ebola in Liberia lag und er dort das experimentelle Medikament bekam, wurde er in die USA geflogen. Dort erholte er sich und wurde, nachdem er kein Virus mehr ausschied, entlassen.

Und dann dankte er „Gott“. Denn der habe ihn geheilt. Und natürlich all die Gebete, der vielen Menschen. Durch seine Heilung habe „Gott“ dafür gesorgt, dass diese Erkrankung mehr Aufmerksamkeit bekommen habe. Ja, das ist wahr, weil Ebola bis vor einige Tagen kaum Aufmerksamkeit bekommen hatte. Er dankte auch allen, an seiner Heilung beteiligten Menschen; man ist ja gut erzogen. Aber eigentlich waren das alles nur Gottes Werkzeuge. Da werden die sich aber alle freuen.

Es scheint also, Gott interessiere sich vor allem vor Menschen, die mediale Aufmerksamkeit bekommen, um dann die, von ihm zumindest zugelassene, Erkrankung in diesem Menschen zu heilen und der Menschheit dadurch deutlich zu machen, dass diese schlimme Erkrankung, die Menschen wahllos dahinrafft, nicht vergessen werden sollte. Gottes Wege sind unergründlich.

Brantly mag, verständlicherweise, glücklich sein, über seine unwahrscheinliche Genesung. Er mag auch das von ihm bevorzugte imaginäre Wesen für seine Heilung preisen. Seine Aufgabe erfüllt er damit jedoch nicht. Er arbeitet nämlich als Arzt für Samaritan’s Purse, eine christliche Hilfsorganisation, die Katastrophen nutzt, um Menschen davon überzeugen, dass Jesus ihr Retter sei. Was in genau dem Moment auf eine ganz eigenartige Weise ja auch stimmt.

Die chauvinistische Idee von Missionierung mal beiseite, überzeugt mich dieses postulierte Handeln „Gottes“ nicht davon, wieder in den Schoß der Kirche zurückzukehren. Was hat dieser Gott davon, in einem der ärmsten Gebiete auf unserem Planeten, ein Virus sein Unwesen treiben zu lassen, welches, aufgrund schlechter Hygiene, vor allem die Armen befällt? Die reichen Menschen sind nur mit sehr viel Pech davon betroffen. Soll das Massensterben dazu dienen, christlichen Organisationen die Gelegenheit zu geben, seine Nachricht zu verbreiten? Dabei nähme er sogar Menschen, die noch nicht von seiner Nachricht erreicht wurden die Chance, ewiges Leben zu erreichen, weil sie vorher an dem Virus versterben. Unter einem „gütigen Gott“ stelle ich mir etwas anderes vor.

Das klingt fast wie die Geschichte von Noahs Arche, in der ja auch fast die gesamte Bevölkerung ausgelöscht wird, weil sie so böse war. Es scheint sich also weiterhin um diesen alttestamentarischen Bastard zu handeln, wenn man der Logik Brantlys und wohl auch dem Leiter von Samaritan’s Purse, Franklin Graham, folgt. Zynischer geht es kaum.

Samaritan’s Purse sind übrigens dieselben Leute, die „Weihnachten im Schuhkarton“ verantworten. Da gibt es zum Spielzeug gleich noch eine Ideologie dazu. Und diese Ideologie hat Bratly mit seinem Dank an „Gott“ hübsch zur Kenntlichkeit entstellt. Vielleicht ist er nicht der Richtige in dieser Missionarsstellung.

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Eingeordnet unter Atheismus, MEINung

Seelenfriede gegen Ebola

Christopher Hitchens neigte dazu, darauf hinzuweisen, dass, wenn es um die von Religionen ausgehende Gefahr gehe, nicht die Radikalen unser Problem sind, sondern die Moderaten, die offiziellen Vertreter etablierter Kirchen. Als ein Beispiel nannte er die vom iranischen Ayatollah ausgesprochene Fatwa gegen Salman Rushdie. Dieser hatte in seinem Roman „Die satanischen Verse“ angeblich den Islam beleidigt und war daher für vogelfrei erklärt worden. Das Ganze wäre einfach nur skurril, wenn es nicht tatsächlich Anschläge auf sein Leben gegeben hätte. Und wenn nicht tatsächlich Menschen, die an der Verbreitung des Buches beteiligt waren, aufgrund der Fatwa getötet worden wären. Hitchens zeigte, wie die Vertreter christlicher, gesellschaftlich anerkannter Kirchen, wenn sie sich zu dem Thema äußerten, nicht etwa die Fatwa, einen Aufruf zum Mord aller an der Verbreitung des Buches beteiligten, kritisierten, sondern den Autoren. Ähnliches war im Rahmen der in dänischen Zeitungen gedruckten Mohammed-Karikaturen zu beobachten.

Der Gedanke, bei HIV handele es sich um eine „Strafe Gottes, dürfte jedem Leser dieses Textes lächerlich erscheinen. Dabei vergisst man, dass auch hier Bischöfe, eines großen christlichen Gottesclubs unter denjenigen waren, die diese Idee unter die Leute brachten. Es ist nur schon einige Jahre her. Josef Ratzinger meinte, man müsse nicht von einer Strafe Gottes sprechen, es sei die Natur, die sich wehre. Das klingt wie eine Art moralisch motivierter infektiologischer Animismus.

Und nun ist es wieder soweit. In Liberia verkündeten verschiedene hochrangige Vertreter christlicher Glaubensgemeinschaften, an der derzeitigen Ausbreitung von Ebola seien (u.a.) Menschen schuld, die sich sexuell gleichgeschlechtlich orientieren. Wie man diese Aussage und die Tatsache, dass das erste Opfer wahrscheinlich ein zweijähriger Junge war, zusammenbringt, dafür muss man wahrscheinlich auch seine Tage in einem Talar verbringen.
Bisher habe ich noch nichts davon gehört, dass Franziskus seinen Erzbischof berichtigt hätte. Wozu ist Unfehlbarkeit eigentlich da, wenn man nicht mal den Bullshit der eigenen Untergebenen richtigstellen darf. Man könnte fast meinen, der Papst sei mit den Worten der Kollegen einverstanden.

Führende Glaubensvertreter sind nur so weltoffen, wie sie sein müssen. In vielen Staaten Europas geben sie sich nett und freundlich, tolerant und kuschelig, doch damit folgen sie einer durch gesellschaftliche Kräfte erkämpften Linie, nicht ihren eigenen Dogmen. Doch dort, wo sie mehr Macht haben, sind sie weniger zurückhaltend. Sie zeigen sich lebensfeindlich und totalitär. Gerade in afrikanischen Staaten wird jede Gelegenheit genutzt, um gegen Menschenrechte, die sich (angeblich?) nicht mit dem Wertekodex der Kirchen decken lässt, zu kämpfen. Ohne auch nur annähernd behaupten zu wollen, alle oder auch nur die Mehrzahl ihrer Anhänger seien damit einverstanden, bleibt doch die Frage, warum die offiziellen Vertreter dem Treiben nicht endlich Ende setzen?

Für diese Glaubensvertreter wünscht man sich fast die Existenz des jüngstes Gerichts. Wenn die Idee nicht so scheiße wäre.

Weiterlesen: Anti Gay Bill kippt – Der Hass bleibt

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Eingeordnet unter Atheismus, Überleben, MEINung

Jungendliche Aufschneider – Selbstverletzungen

Wie beginnt man einen Text, dessen Thema jeglicher Intuition widerspricht? Das absichtliche Verletzen des eigenen Körpers außerhalb eines kulturell akzeptierten Rahmens (z.B. Ohrlöcher, Piercings und Tattoos), lässt sich nur schwer mit einem häufig postulierten dem Menschen innewohnenden Selbsterhaltungstrieb vereinbaren. Und so wäre ein logischer Anfang: „Niemand sieht gerne die Integrität des eigenen Körpers verletzt…“. Alleine diverse „Jack-Ass“-Filme belegen, wie falsch diese Aussage ist. Dabei ist „Jack-Ass“ und Abwandlungen davon nur die YouTube fähige Spitze eines Eisbergs.

Selbstverletzendes Verhalten (SVV) wird das in der Psychiatrie genannt und ist ein komplexes Phänomen. In den meisten Fällen tritt es das erst mal im Alter zwischen 10 und 20 Jahren auf. Bei SVV handelt es sich um ein Symptom und keine Erkrankung. Aber darüber, wie dieses Symptom definiert ist, wird bereits kontrovers diskutiert. Zum einen stellt sich die Frage, ob man SVV unabhängig von Suizidalität (i.w.S. der Wunsch sich das Leben zu nehmen) sehen kann. Im DSM-5 muss bei SVV die bewusste Intention fehlen, sich das Leben zu nehmen. Die Betroffenen schädigen also ihre Körperoberfläche, ohne den Wunsch zu haben, sich in dem Moment das Leben zu nehmen.

Dabei sind sich „die Experten“ nicht einig, ob es sich bei Suizidalität und SVV um zwei voneinander getrennte Entitäten handelt oder ob sich Menschen auf einem Kontinuum bewegen und SVV in Suizidalität übergeht. Sicher ist, dass Menschen die sich absichtliche selbst verletzen ein höheres Risiko haben, einen Suizidversuch zu unternehmen. Und wer einen Versuch unternimmt hat eine Chance, dass er oder sie erfolgreich ist. Frauen unternehmen mehr Suizidversuche als Männer, aber Männer sind öfter erfolgreich. George Carlin kommentierte diese Phänomen einst: „Also können Männer das besser.“.

Eine weitere Frage ist, ob SVV zugenommen hat oder ob es einfach mehr wahrgenommen und diagnostiziert wird. Zur Zeit deuten die Ergebnisse von Studien zu dem Thema eher darauf hin, dass die Häufigkeit des Phänomens zunimmt. Es scheint sich um ein kulturelles Phänomen zu handeln, dass sich von Person zu Person (und vielleicht über Medien?) weiter verbreitet. Dabei gibt es bestimmte Faktoren, die Individuen eher anfällig dafür machen, sich diesem „Trend“ anzuschließen.

Ein Faktor ist weibliches Geschlecht. Mädchen verletzen sich eher selbst als Jungen. Und sie wenden andere Methoden an, meist schneiden sie sich, während Jungen sich zu gleichen Teilen schneiden, verbrennen und schlagen. Jungen ziehen sich dafür schwerere Verletzungen zu als Mädchen. Wieder etwas, wo das männliche Geschlecht seinen Hang zur Effizienz auslebt.

Weitere Faktoren, die Einfluss auf das Risiko für SVV haben, sind „Mobbing“ durch Gleichaltrige, Depression und Angst sowie Drogenkonsum (inklusive Alkohol und Zigaretten) und Probleme mit den Eltern. Der Einfluss von Eltern auf SVV ist in Deutschland besonders groß. Unklar ist, ob die genannten Faktoren kausal mit dem Auftreten von SVV zusammenhängen oder einfach damit assoziiert sind. Und wie häufig ist SVV nun?

In Europa tritt bei fast einem viertel der 15-jährigen im laufe ihres Lebens SVV auf. Dabei scheint es sich bei den meisten um ein vorübergehendes Phänomen zu handeln (20%). Aber immerhin noch 7% verletzen sich regelmäßig über einen längeren Zeitraum selbst. In Deutschland sind die Zahlen noch etwas anders, insgesamt 35% der Jugendlichen verletzen sich irgendwann einmal selbst. Davon 23% vorübergehend und 13% über einen längeren Zeitraum. Die meisten Jugendlichen die sich selbst verletzen, werden also von alleine wieder damit aufhören.

Das sollten vor allem Eltern wissen. Auch, dass es sich um ein in seiner Häufigkeit oft unterschätztes Phänomen handelt, was in der Natur der Sache liegt. Aus naheliegenden Gründen gehen wohl nicht viele Jugendliche bei Eltern oder anderen Erwachsenen mit ihren Verletzungen hausieren. Nur ca. 2-3% der Jungendlichen erhalten eine professionelle medizinische Versorgung ihrer Verletzungen, von einer psychiatrischen Behandlung sprechen wir da allerdings noch nicht.

Eltern, die entdecken, dass ihre Kinder sich selbst verletzen, sind oft geschockt und wollen, dass diese damit aufhören. Damit das möglich ist, muss jedoch erst einmal klar, sein, welche Funktion das SVV erfüllt. SVV kann u.a. eine vom Jugendlichen empfundene Anspannung abbauen, der eigenen Bestrafung dienen oder dazu dienen Aufmerksamkeit zu erhalten. Das Verhindern einer Bestrafung durch Dritte scheint auch eine Motivation zu sein.

Auch wenn es kein schöner Gedanke ist und Blut bereits in geringer Menge beeindruckende emotionale Reaktionen bei Angehörigen auslösen kann, ist SVV kein Grund zu Panik. SVV zeigt einen Hilfebedarf an, der bemerkt und dem nachgekommen werden sollte. Aber SVV deutet nicht zwingend auf eine schwerwiegende psychische Erkrankung hin. Häufig wird von SVV auf eine „Borderline-Persönlichkeitsstörung“ (Emotional-Instabile-Persönlichkeitsstörung) geschlossen, womit man in dem meisten Fällen daneben liegt. Zwar neigen Menschen mit einer Emotional-Instabilen-Persönlichkeitsstörung häufig zu SVV, doch nicht jeder Jugendliche mit SVV wird eine Emotional-Instabile-Persönlichkeitssörung bekommen.

Wenn man sich die Zahlen anschaut, eher nur ein sehr kleiner Teil davon. Das zu wissen ist für Angehörige unter anderem darum wichtig, weil, bei aller (verständlichen) emotionalen Belastung, relativ sachlich damit umgegangen werden sollte. Ein Termin in einer kinder- und jugendpsychiatrischen Praxis oder Ambulanz und/oder bei einer/m ambulanten Kinder- und Jugendpsychotherapeutin/en ist ein guter Schritt. Und die Statistik sagt, dass bei vielen das Phänomen bereits wieder verschwunden sein wird, wenn der Termin stattfindet. Das liegt leider auch an den unglaublich langen Wartezeiten aber das ist ein anderes Thema.

 

[Basis dieses Artikels ist unter anderem diese Studie, in der über 12 ooo Schüler in 11 europäischen Staaten befragt wurden]

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