Jungendliche Aufschneider – Selbstverletzungen

Wie beginnt man einen Text, dessen Thema jeglicher Intuition widerspricht? Das absichtliche Verletzen des eigenen Körpers außerhalb eines kulturell akzeptierten Rahmens (z.B. Ohrlöcher, Piercings und Tattoos), lässt sich nur schwer mit einem häufig postulierten dem Menschen innewohnenden Selbsterhaltungstrieb vereinbaren. Und so wäre ein logischer Anfang: „Niemand sieht gerne die Integrität des eigenen Körpers verletzt…“. Alleine diverse „Jack-Ass“-Filme belegen, wie falsch diese Aussage ist. Dabei ist „Jack-Ass“ und Abwandlungen davon nur die YouTube fähige Spitze eines Eisbergs.

Selbstverletzendes Verhalten (SVV) wird das in der Psychiatrie genannt und ist ein komplexes Phänomen. In den meisten Fällen tritt es das erst mal im Alter zwischen 10 und 20 Jahren auf. Bei SVV handelt es sich um ein Symptom und keine Erkrankung. Aber darüber, wie dieses Symptom definiert ist, wird bereits kontrovers diskutiert. Zum einen stellt sich die Frage, ob man SVV unabhängig von Suizidalität (i.w.S. der Wunsch sich das Leben zu nehmen) sehen kann. Im DSM-5 muss bei SVV die bewusste Intention fehlen, sich das Leben zu nehmen. Die Betroffenen schädigen also ihre Körperoberfläche, ohne den Wunsch zu haben, sich in dem Moment das Leben zu nehmen.

Dabei sind sich „die Experten“ nicht einig, ob es sich bei Suizidalität und SVV um zwei voneinander getrennte Entitäten handelt oder ob sich Menschen auf einem Kontinuum bewegen und SVV in Suizidalität übergeht. Sicher ist, dass Menschen die sich absichtliche selbst verletzen ein höheres Risiko haben, einen Suizidversuch zu unternehmen. Und wer einen Versuch unternimmt hat eine Chance, dass er oder sie erfolgreich ist. Frauen unternehmen mehr Suizidversuche als Männer, aber Männer sind öfter erfolgreich. George Carlin kommentierte diese Phänomen einst: „Also können Männer das besser.“.

Eine weitere Frage ist, ob SVV zugenommen hat oder ob es einfach mehr wahrgenommen und diagnostiziert wird. Zur Zeit deuten die Ergebnisse von Studien zu dem Thema eher darauf hin, dass die Häufigkeit des Phänomens zunimmt. Es scheint sich um ein kulturelles Phänomen zu handeln, dass sich von Person zu Person (und vielleicht über Medien?) weiter verbreitet. Dabei gibt es bestimmte Faktoren, die Individuen eher anfällig dafür machen, sich diesem „Trend“ anzuschließen.

Ein Faktor ist weibliches Geschlecht. Mädchen verletzen sich eher selbst als Jungen. Und sie wenden andere Methoden an, meist schneiden sie sich, während Jungen sich zu gleichen Teilen schneiden, verbrennen und schlagen. Jungen ziehen sich dafür schwerere Verletzungen zu als Mädchen. Wieder etwas, wo das männliche Geschlecht seinen Hang zur Effizienz auslebt.

Weitere Faktoren, die Einfluss auf das Risiko für SVV haben, sind „Mobbing“ durch Gleichaltrige, Depression und Angst sowie Drogenkonsum (inklusive Alkohol und Zigaretten) und Probleme mit den Eltern. Der Einfluss von Eltern auf SVV ist in Deutschland besonders groß. Unklar ist, ob die genannten Faktoren kausal mit dem Auftreten von SVV zusammenhängen oder einfach damit assoziiert sind. Und wie häufig ist SVV nun?

In Europa tritt bei fast einem viertel der 15-jährigen im laufe ihres Lebens SVV auf. Dabei scheint es sich bei den meisten um ein vorübergehendes Phänomen zu handeln (20%). Aber immerhin noch 7% verletzen sich regelmäßig über einen längeren Zeitraum selbst. In Deutschland sind die Zahlen noch etwas anders, insgesamt 35% der Jugendlichen verletzen sich irgendwann einmal selbst. Davon 23% vorübergehend und 13% über einen längeren Zeitraum. Die meisten Jugendlichen die sich selbst verletzen, werden also von alleine wieder damit aufhören.

Das sollten vor allem Eltern wissen. Auch, dass es sich um ein in seiner Häufigkeit oft unterschätztes Phänomen handelt, was in der Natur der Sache liegt. Aus naheliegenden Gründen gehen wohl nicht viele Jugendliche bei Eltern oder anderen Erwachsenen mit ihren Verletzungen hausieren. Nur ca. 2-3% der Jungendlichen erhalten eine professionelle medizinische Versorgung ihrer Verletzungen, von einer psychiatrischen Behandlung sprechen wir da allerdings noch nicht.

Eltern, die entdecken, dass ihre Kinder sich selbst verletzen, sind oft geschockt und wollen, dass diese damit aufhören. Damit das möglich ist, muss jedoch erst einmal klar, sein, welche Funktion das SVV erfüllt. SVV kann u.a. eine vom Jugendlichen empfundene Anspannung abbauen, der eigenen Bestrafung dienen oder dazu dienen Aufmerksamkeit zu erhalten. Das Verhindern einer Bestrafung durch Dritte scheint auch eine Motivation zu sein.

Auch wenn es kein schöner Gedanke ist und Blut bereits in geringer Menge beeindruckende emotionale Reaktionen bei Angehörigen auslösen kann, ist SVV kein Grund zu Panik. SVV zeigt einen Hilfebedarf an, der bemerkt und dem nachgekommen werden sollte. Aber SVV deutet nicht zwingend auf eine schwerwiegende psychische Erkrankung hin. Häufig wird von SVV auf eine „Borderline-Persönlichkeitsstörung“ (Emotional-Instabile-Persönlichkeitsstörung) geschlossen, womit man in dem meisten Fällen daneben liegt. Zwar neigen Menschen mit einer Emotional-Instabilen-Persönlichkeitsstörung häufig zu SVV, doch nicht jeder Jugendliche mit SVV wird eine Emotional-Instabile-Persönlichkeitssörung bekommen.

Wenn man sich die Zahlen anschaut, eher nur ein sehr kleiner Teil davon. Das zu wissen ist für Angehörige unter anderem darum wichtig, weil, bei aller (verständlichen) emotionalen Belastung, relativ sachlich damit umgegangen werden sollte. Ein Termin in einer kinder- und jugendpsychiatrischen Praxis oder Ambulanz und/oder bei einer/m ambulanten Kinder- und Jugendpsychotherapeutin/en ist ein guter Schritt. Und die Statistik sagt, dass bei vielen das Phänomen bereits wieder verschwunden sein wird, wenn der Termin stattfindet. Das liegt leider auch an den unglaublich langen Wartezeiten aber das ist ein anderes Thema.

 

[Basis dieses Artikels ist unter anderem diese Studie, in der über 12 ooo Schüler in 11 europäischen Staaten befragt wurden]

Advertisements

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Überleben, Forschung

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s