Monatsarchiv: September 2014

Dem ‚Wahnsinn‘ verfallen?

Der neue Skeptiker ist da. Das freut mich immer sehr, ich lese den Skeptiker gern. Um so mehr ärgert es mich, wenn wieder ein psychopathologisierender Begriff in der Besprechung von Pseudomedizin genutzt wird.

Titel Skeptiker 3/2014

Titel Skeptiker 3/2014

Natürlich wird „Wahnsinn“ heute selten im eigentlichen Wortsinn genutzt, doch die Implikation ist, dass es sich um etwas Krankhaftes handelt. Und im Zusammenhang mit Globuli ist nicht gemeint, dass die Anwender sich „krank fühlen“. Die Praxis der Homöopathie wird, mithilfe eines abwertenden Begriffs, in die Nähe eine Geisteskrankheit gerückt. Das wird zum Einen Menschen nicht gerecht, die sich durch eine homöopathische Behandlung Hilfe versprechen. Zum Anderen sorgt es (mit) dafür, dass Menschen mit psychiatrischen Erkrankungen weiterhin nicht so offen mit ihrer Erkrankung umgehen können, wie z.B. Menschen mit Diabetes Mellitus.

Homöopathie eine spezifische Wirkung zuzusprechen ist natürlich definitiv Unsinn, hat jedoch ebenfalls definitiv nichts mit Wahnsinn zu tun. Menschen die Globuli einnehmen und deren Umwelt, können eine Heilung erleben und diese Kausal der Homöopathie zuschreiben. Damit geht für diese Menschen UND deren Umwelt eine wahrnehmbare und (je nach Erkrankung mehr oder weniger)  objektivierbare Veränderung von den Globuli aus. Wahn ist jedoch als „objektiv falsche, mit der Realität nicht vereinbarende Überzeugung“ definiert. Die Veränderung des Zustandes der Anwender ist, das bestreiten auch KritikerInnen nicht, real. Die Veränderung ist jedoch nicht auf eine spezifische Wirkung der Globuli zurückzuführen, möglicherweise jedoch auf eine unspezifische („Placebo-Effekte“). „Wahn“ als Erklärungsmodell ist in jedem Fall fehl am Platz.

Dass man Korrelation mit Kausalität verwechselt und nicht jedes Erleben mit naturwissenschaftlichen Erkenntnissen abgleicht, ist menschlich und in der Regel nicht wahnhaft. Zumindest finde ich nichts davon in der ICD-10. Wenn wir die Nutzung von Homöopathie mit „Wahnsinn“ in Verbindung bringen, sollten wir uns vorher überlegen, auf wie viele Dinge dieselben Kriterien ebenfalls zutreffen, vielleicht sogar die eine oder andere von uns selbst liebgewonnene Überzeugung.

Dr. Aust mache ich in diesem Fall am wenigsten verantwortlich. Er selbst gibt an, sein medizinisches Wissen aus der Wikipedia zu haben und macht das Feld seiner Expertise transparent. Und im Gespräch immer auf trennscharfe Formulierungen zu achten, würde ich von niemandem verlangen, ich kann das selbst nicht. Aber das Interview ist gedruckt worden, da hätte also die Möglichkeit bestanden, dass „Wahn“ gegen ein „Un“ auszutauschen und der Satz wäre eine Punktlandung gewesen. So ist er für mich ein Ärgernis. Noch dazu, weil er auf der Titelseite gelandet ist, dabei hätte das Interview, welches ich sehr gerne gelesen habe, anderes hergegeben.

Ich weiß, dass man Leser dazu bekommen muss, Texte zu lesen und dafür passende Überschriften findet. Aber es sollte doch einen Weg geben, sich dabei nicht der Methoden zu bedienen, die „wir“ in der „unskeptischen“ Presse kritisieren, wenn es um wissenschaftliche Themen geht. Dr. Aust selbst erzählt sehr empathisch von seinen Bekannten, die, in der vergeblichen Hoffnung auf spezifische Wirkung, Globuli schlucken. Warum muss durch den „Wahnsinn mit Methode“ Othering betrieben werden? Wenn meine skeptischen MitstreiterInnen auf solche Feinheiten in Zukunft mehr achteten, würde mich das wirklich wahnsinnig freuen.

[Edit 14.09.2014 18 Uhr: Nach dem Hinweis von Bernd Harder habe ich den Satz: „Impliziert wird eine Geisteskrankheit, die durch den abwertenden Begriff auch gleich in ein passendes Licht gerückt wird.“ verändert.]

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DZVhÄ über Fragen zum Nichts

Die Barmer und die Bertelsmannstiftung haben sich, wieder einmal, die Mühe gemacht und gefragt, ob sich Menschen durch homöopathische Behandlung besser fühlen. Tun sie. So weit, so bekannt. Dass es sich dabei um eine selbstselektierende Gruppe handelt lassen wir mal beiseite. Wer durch den von Homöopathie vermittelten Placebo-Effekt keine Besserung erfährt, wird sie nicht mehr nutzen.

Besonders spaßig ist die Aussagen, Patienten würden homöopathisch „tätigen“ ÄrztInnen mehr Vertrauen entgegenbringen als „rein schulmedizinisch tätigen Ärzten“. Im einen Fall sind es 90% die großes oder sehr großes Vertrauen haben,  im anderen 75-80%. Spaßig ist das ganze, wenn man sich vor Augen führt, dass homöopathisch tätige ÄrztInnen nur einen Wirkfaktor besitzen, nämlich das Vertrauen der Patienten. Ohne dieses Vertrauen wird der Placeboeffekt wenig ausgeprägt und die homöopathische „Behandlung“ wirkungslos sein.

Das Blatt könnte sich natürlich schnell drehen, wenn die Patienten erst merken, dass ihr Vertrauen, in allerbester Absicht natürlich, missbraucht wurde. Homöopathie ist Vertrauen im Off-Label-Use.

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Krank für den Fortschritt

„Die Krankenschwester kriegt ’nen Riesenschreck,
schon wieder ist ein Kranker weg.
Sie amputierten ihm sein letztes Bein
und jetzt kniet er sich wieder mächtig rein,
ja, jetzt wird wieder in die Hände gespuckt.
Wir steigern das Bruttosozialprodukt,
ja, ja, ja, jetzt wird wieder in die Hände gespuckt.“

Geier Sturzflug Bruttosozialprodukt

 

Auf geht es, liebe MitbürgerInnen, lasst Euch einweisen! Es geht um Arbeitsplätze in einem Wachstumsmarkt. Wirtschaftsminister Gabriel und Gesundheitsminister Gröhe sehen großes Potential im „Gesundheitsmarkt“ und wollen, dass das Wachstum dort gefördert wird. Früher war es Bürgerpflicht, regelmäßig das heimische Automobil zu erneuern, ab jetzt gilt es, mit der Darmspiegelung Arbeitsplätze zu sichern. Haben Sie noch ihren Blinddarm? Raus damit, für das Wachstum!

Nein, dieses Medikament ist nicht wirklich notwendig und die Nebenwirkungen sind vielleicht unangenehm aber denken Sie nur an den Chashflow und die Investitionen, die das Unternehmen vornehmen kann. Am besten kaufen Sie sich Aktien und lassen sich die passende Krankheit diagnostizieren, für die IHR Unternehmen das richtige Mittelchen hat. Das ist eine Win-Win-Situation. Win-Win-Win, wenn man Ihre Erben in die Rechnung aufnimmt.

So müssen sich das die Herren Minister wohl vorstellen, anders kann man ihre Worte nicht interpretieren. Natürlich wird niemand den beiden Herren unterstellten, ernsthaft zu wollen, dass wir kränker werden, nur um des Wachstums willen. Vermutlich waren sie sich der Implikationen der eigenen Worte nicht bewusst. Der wahre Zynismus liegt auch ganz woanders.

„Zwischen 1995 und 2006 wurden insgesamt 14,6 % oder ca. 51.000 Vollzeitstellen

im Pflegedienst der Krankenhäuser abgebaut.“ Quelle

Die Anzahl der vollstationären Fälle stieg im selben Zeitraum um 6%. Gleichzeitig wurden ambulante Versorgungssysteme ausgebaut. Es werden also deutlich mehr Patienten mit deutlich weniger Personal versorgt. Was das für die Versorgung der Patienten bedeutet, kann sich jeder denken und wer Pech hat, durfte es auch schon erleben. Für die Patientensicherheit ist das desaströs, da helfen noch so viele Kampagnen nicht. Wenn die Arbeitsdichte steigt, steigt auch die Gefahr von Fehlern. Um, zum Beispiel, zu überprüfen, ob ein Patient das richtige Medikament bekommt, benötigt man unter anderem Zeit.

Wie wäre es, einfach die Wachstumschance zu nutzen, die direkt den Patienten und dem Personal zugute kommen? Mehr Pflegepersonal  ausbilden UND einstellen. Der Gesundheitsmarkt kann nur wachsen, wenn irgendjemand dafür bezahlt. Das scheint jemand anders zu sein, als der aktuelle Finanzier, denn der ist daran interessiert, möglichst viel Personal einzusparen. Wachstum sieht anders aus.

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