Für eine Hand voll Globuli

Nachdem ich zum Thema „Impfmythen“ bereits als „Experte“ beim Science-Cafe anwesend war, durfte ich nun auch zum Thema Homöopathie die Fahne des kritischen Denkens hochhalten. Die Veranstaltung hätte natürlich „Pseudoscience-Cafe“ heißen müssen aber dann wäre wohl niemand gekommen.

Ich hatte mich gut vorbereitet und eine Woche vorher begonnen, drei mal täglich fünf Globuli Coffea C30 zu nehmen. In Anlehnung an die 10^23 Aktionen, bei denen eine „Überdosis“ Homöopathie genommen wird, machte ich dies als homöopathischen Selbstversuch. Nach homöopathischem Verständnis handelte es sich dabei um eine Arzneimittelprüfung. Gesunde Personen nehmen Globuli, stellen fest, welche Symptome sie bekommen und sammeln diese. Daraus wird das Arzneimittelbild erstellt. Meine mutigen Vorgängerinnen und Vorgänger haben für Coffea C30 unter anderem „migräneartigen Kopfschmerz“, „Schlaflosigkeit“ und „Ohnmacht bei großer Freude“ herausgearbeitet. Es gibt aber auch Symptome wie „wird um 3 Uhr morgens Wach“, „trägt einen Hut“, „hat Angst vor dem nach Hause kommenden Ehemann“. Allerdings war von vornherein klar, dass bei mir nichts passieren würde, denn Hahnemann selbst forderte eine Offenheit der Methode gegenüber, um „Prüfling“ sein zu können. Ich war so offen, wie ich konnte aber nicht offen genug, wie es scheint. Denn obwohl ich nach vier Tagen die Dosis steigerte, auf drei mal drei Globuli und am letzten Tag gar auf drei mal ein Globuli, blieb jeglicher Effekt aus. Abgesehen davon, und hier sollten Homöopathen hellhörig werden, dass ich die letzten fünf Tage einen Ohrwurm hatte.

Im „Cafe“ selbst herrschte eine angenehme Atmosphäre. Nach dem Einführungsfilm sammelten sich schnell Menschen an meinem Tisch und diskutierten engagiert. Dabei hatte ich ein meiner Ansicht eher zugeneigtes Publikum, was für einen GWUPi wohl eher ungewöhnlich ist. Ein Herr zeigte sich jedoch sehr skeptisch ob meiner Skepsis (um nicht zu sagen, Ablehnung) und versuchte, seine Punkte loszuwerden. Wichtig war ihm, dass Homöopathie nur von Ärzten durchgeführt werden dürfe, da nur diese verantwortlich damit umgehen könnten. Das hieß für ihn auch, keine schweren Erkrankungen zu behandeln. Viele Fragen, zum Beispiel die Frage, wo eine „schwere Erkrankung“ anfängt, konnten in diesem Rahmen nicht ausreichend geklärt werden, weil sonst andere Gäste zu kurz gekommen wären.

Trotzdem habe ich gefragt, ob zum Beispiel Ebola eine schwere Erkrankung sei, was er bejahte, jedoch anfügte, Ebola sei auch „schulmedizinisch“ (von ihm ohne Anführungszeichen genutzt) nicht zu behandeln. Ich musste widersprechen, denn Ebola ist zwar nicht ursächlich zu behandeln, sehr wohl jedoch symptomatisch (was Homöopathen gar nicht mögen). Durch die „unterstützende Behandlung“ (etwas, was Homöopathen eigentlich für sich in Anspruch nehmen) kann die Sterblichkeit immerhin deutlich gesenkt werden. Ein Argument gegen komplementär zur Medizin eingesetzte Homöopathie bei Ebola sind die knappen Ressourcen vor Ort. Mit dem Geld für die Homöopathen, die kürzlich in Liberia waren, hätte man Besseres anfangen können, als Globuli zu verteilen…oder nicht zu verteilen.

Ich hatte den Herren nicht zufällig nach Ebola gefragt, denn während der Film (s.u.) lief, las ich den Namen der Ärztin, die als Expertin für Homöopathie eingeladen war. Denselben Namen hatte ich in einem Spiegel-Artikel gelesen, in dem es um die vier Homöopathen ging, die in Liberia waren, um Ebola-Patienten zu behandeln und denen dies von der Regierung verweigert wurde. Dabei handelte sich um die Frau des Honorarkonsuls von Liberia, der den Tripp organisiert und zu finanzieren geholfen hatte. Beide waren nun im Science-Cafe anwesend..

Ich denke, der Herr und ich führten ein, bedenkt man unsere Einstellungen, konstruktives Gespräch mit einigen Gemeinsamkeiten und vielen Differenzen. Nach der Veranstaltung trafen auch seine Frau und ich aufeinander und auch zwischen ihr und mir war ein Gespräch nicht nur möglich, sondern sogar erfreulich. Wobei wir die ganz heißen Eisen liegen ließen 🙂 An einer Vertiefung wäre ich dennoch einmal interessiert. Und sei der um der Erfahrung willen. Es wäre natürlich einfacher, Homöopathie zu kritisieren, wenn ihre Vertreter unsympathische Gesellen wären, aber man kann nicht alles haben im Leben.

Skurril empfand ich die Frage, ob „Skeptiker“ denn wirklich von der Pharmaindustrie finanziell unterstützt würden. Falls das so ist, dann nur in homöopathischen Dosen. Ich denke, ich konnte vermitteln, dass, dem kritischen Denken verpflichten Menschen egal ist, wer schlechte Wissenschaft macht. Durchgehen lassen wir das niemandem. Aber Pharmakritik ist nicht unser Kerngeschäft.

In dem Video mache ich einen Schnitzer, wer ihn findet, darf ihn behalten.

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4 Kommentare

Eingeordnet unter Quatschmedizin

4 Antworten zu “Für eine Hand voll Globuli

  1. Ein großer Fehler in absoluten Zahlen, aber im Effekt vernachlässigbar – Nichts ist Nichts, ob 1 :10^30 oder 10^60 verdünnt.

    Sehr schöner Film. Respekt.

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