PEGIDA Live – Auf der Dunklen Seite

Mein Hintern war, bedingt durch die hervorragende Wärmeleitfähigkeit des Betonklotzes auf dem ich saß und mein Käsebrötchen aß, ziemlich kalt. Direkt von der Arbeit kommend hatte ich mich auf dem Weg zu Nopegida entschieden, mir das Original anzuschauen. Bereits als Teenager hatte ich jeden Montag Notruf mir Hans Meiser gesehen und kann auch bei Unfällen nicht wegschauen. Einige Dinge muss ich mit eigenen Augen sehen, um sie fassen zu können

Nun saß ich am Rande der PEGIDA-Demo. Generatoren brummten hinter dem Lautsprecherwagen, auf dem einige Personen geschäftig rumturnten. Die Scheinwerfer leuchteten den Versammlungsplatz aus, vielleicht auf der Suche nach den, auf der Facebookseite angekündigten, angeblich eingeschleusten Störern. An diesem Abend, so hatte es dort geheißen, sei jeder ein Ordner, mit der Aufgabe, Störer zu melden. Eine Order mit Tradition und wenn die Ansichten der PEGIDA Schule machen, womöglich auch mit Zukunft. Ich war zwar weder eingeschleust, noch hatte ich vor zu stören. Meine Ansichten wären jedoch als störend empfunden worden. Allein, die Parole der Gewaltlosgkeit fand ich nicht beruhigend. Ihre wiederholte Betonung klang wie ein Mantra, ihre Einhaltung wollte ich nicht auf die Probe stellen. Und so setzte ich mich auf den Betonklotz und aß mein Abendbrot. Wer isst, dachte ich, ist unverdächtig, zumindest solange es sich nicht um einen Wirtschaftsflüchtling handelt.

Eigentlich sah ich aus, wie viele im Skaterspart an diesem 15.12.14: normal. Die „Nazis im Nadelstreifen“ sahen sogar erschreckend normal aus. Vollintegriert sozusagen, die Ansichten und Meinungen integrieren sich hervorragend ins eigene Leben und umgekehrt. Abgesehen von einem überrepräsentativen Anteil junger Männer mit ausgeprägter Brust- und Nackenmuskulatur, schien es, als sei das Publikum der Mitte der Gesellschaft entsprungen. Wobei man „Mitte“ und „Querschnitt“ nicht verwechseln sollte. Männer waren ebenfalls deutlich überrepräsentiert, der Altersdurchschnitt dürfte recht hoch gewesen sein. Anschaulich wird der Unterschied in dieser Hinsicht, wenn man sagt, dass die PEGIDA den Gegendemonstranten das Studium finanzieren. Kinder wurden auch mitgebracht, ich möchte nicht sagen, instrumentalisiert. Denn ich halte es für das Privileg der Eltern, ihren Kindern zu zeigen, wogegen sie in der Pubertät revoltieren müssen. Es waren noch nicht viele TeilnehmerInnen anwesend, es war noch nicht mal 18 Uhr und die Kundgebung sollte um 18:30 beginnen. Wer zu früh kommt, gerät vielleicht schnell in Verruf, nicht zu arbeiten.

Ungefähr 250 Personen tummelten sich im Flutlicht des Lautsprecherwagens. Unter die Teilnehmer mischten sich mindestens fünf Kamerateams, die mit Scheinwerfern versuchten, Licht ins Dunkel der Gedankenwelt zu bringen. Erschwert wurden diese Versuche durch die erneuerte Parole: Kein Wort zu den Öffentlich Rechtlichen. Es war nicht zu erfahren, was die Gruppe von Teilnehmern, die eine Abschaffung der GEZ-Gebürhen forderten, davon hielt.

Das I-Tüpfelchen der patriotischen Ausrüstung waren die frisch gebügelten Deutschlandfahnen, welche in jeder Größe anzutreffen waren. Hier zeigt sich, welch hohen Preis wir für den Party-Patriotismus zahlen müssen. Die fehlende Party wurde mit einer Extraportion Patriotismus ausgeglichen. Die Schwere der Last, die die PEGIDA für uns alle tragen, erkennt man an der Ernsthaftigkeit des Herumstehens und den Unterhaltungen im Brustton der Überzeugung. Hier und da, hörte ich Fetzen von Anekdoten des Schreckens. Nicht unbedingt selbst erlebt, dafür geeignet um die Brust von Angst eng werden zu lassen, die man sich später von der Seele schreien konnte: „Wir sind das Volk!“

Aus Richtung der Prager Straße war leiser Bass zu hören und ich bekam ein wenig Heimweh nach meinen linken Chaoten. Allerdings war es mittlerweile 18:15 und ich wollte wenigstens einmal Lutz Bachmann, den Hans Wurst der Rechtspopulisten hören und mit eigenen Augen sehen wie man ihm zujubelt. Meinen Hang zum Katastrophentourismus hatte ich ja bereits erwähnt.

Als Herr Bachmann, seiner Selbstbeschreibung zufolge „ein Mensch“, beginnt, sind laut Twitter ca. 10 000 Menschen auf dem Platz. Als erstes verteilt er die Rollen: PEGIDA ist das Opfer! Alle dreschen auf die arme Bewegung ein. Alle Zuschreibungen und Beleidigungen von Politikern, Kommentatoren und Medien der letzten Tage werden wiederholt und fleißig ausgebuht. Am lautesten ist der Protest als sich Bachmann Cem Özdemir und „die Linken“ vornimmt. Kennt man seine Gegner, kommt die gemeinsame Linie von ganz allein. Diese führt die Spaziergänger heute durch eine relativ triste Gegend. Laut Bachmann zur Schonung der Geschäftsleute in der Innenstadt, es gehe ohnehin vor allem um das Symbol. PEGIDA sei nicht aufzuhalten (frenetischer Jubel). Andererseits ist die kurze Strecke auch relativ wenig Blockadegefährdet, was die Gefahr, dass man doch aufgehalten wird, gering hält.

Doch ich greife vor, es wurde noch nicht über alle geschimpft, „Politikerkaste“, „Blockflötenparteien“ (höhö), Gutmenschen, die Antifa (eigentlich synonym mit „den Linken“, um des großartigen Effekts aber immer eine Erwähnung wert). Auch von der Bühne wird ausdrücklich vor eingeschleusten Störern gewarnt, die verfassungsfeindliche Transparente zeigen und Parolen von sich geben könnten. Laut Bachmann werde in genau dem Moment, wo das passiere „eine Fernsehkamera in der Nähe“ sein. Um das zu verhindern, auch das wird wiederholt, sei heute jeder ein Ordner. Als aus einigen der zum Schweigen verdonnerten Teilnehmer des Spaziergangs „Frei, sozial und national“-Sprechchöre herausbrachen, hatten die vermutlich alle Pause.

Tobender Applaus erklang, als über Neugründungen von Pegida-Ablegern berichtet und Österreich erwähnt wurde. Vielleicht hofft man auf einen Reimport? Den Anhängern wäre ein charismatischer Rechtspopulist zu wünschen. Herr Bachmann klingt immer etwas selbstmitleidig. Es wirkt als machten ihm die Menschen Mut, die ihm zujubeln. Dabei sollte es doch umgekehrt sein. Vielleicht ist das seine Art der Demagogie.

Etwas mau schien mir die Reaktion der TeilnehmerInnen auf das vom „Orga-Team“ oft erwähnte Positionspapier. Nicht nur die bereits erwähnten muskulären Herren halten sich mit Applaus dazu zurück. Das finde ich verständlich. Man merkt dem Positionspapier an, dass die AutorInnen sich im Formulieren nicht sonderlich auskennen. Niemand aus den eigenen Reihen schien je kritisch hinterfragt zu haben, was sie überhaupt sagen wollen. Wie es scheint, fehlt es am demokratischen Prozess. Etwas, was das Orga-Team der PEGIDA zwar fordert, aber offenbar selbst nicht lebt. Es muss halt schnell gehen und schnelle Entscheidungen lassen manchmal keinen Platz für Demokratie. Aber wenn „die Politikerkaste“ endlich abgesetzt ist, dann wird das alles sowas von demokratisch! Dann gibt es nur noch Volksabstimmung! Als erstes fällt die GEZ.

Wirklich erschrocken haben mich letztendlich weniger die Reaktionen auf Herrn Bachmann, die waren mir aus den Wochen vorher von der anderen Seite der Absperrung bereits bekannt. Erschrocken hat mich die Reaktion auf eine Äußerung seiner Nachfolgerin. Diese empörte sich darüber, dass die Stadtverwaltung angeblich jedem Gegendemonstranten der Vorwoche 10 Euro gezahlt hätte. Dieser Mythos war bereits eine Woche vorher auf Facebook aufgetaucht und schnell widerlegt worden. Die Stadt hatte eine Agentur beauftragt, während des Sternmarsches weiße Luftballons verteilen zu lassen. Die Verteiler der Ballons wurden dafür bezahlt. Trotzdem wurde die Aussage vom Lautsprecherwagen wiederholt. Wenn die PEGIDA sich selbst gegen eine so offensichtliche Falschinformation faktenresistent zeigen, wie sieht es dann erst bei komplexen gesellschaftlichen Fragen aus? Gegen patriotische Esoterik ist noch kein Kraut gewachsen.

Weitere Texte über PEGIDA:

Montag ist PEGIDA-Tag (nach diesem Text geschrieben!)

Position ohne Haltung

Beschimpfte Hüter des Abendlandes

Dresdens besorgte Bürger

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8 Kommentare

Eingeordnet unter Berichterstattung, MEINung

8 Antworten zu “PEGIDA Live – Auf der Dunklen Seite

  1. darkfiete

    Und die Bims Zeitung setzt dem Spektakel die sahnehaube auf mit ihrer Fangumfrage. „Fühlen sie sich durch den zunehmenden Einfluss des islams bedroht?“ war es jetz echt zu viel verlangt ob die deutschen überhaupt an die mär des wachsenden einflusses glauben?

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