Monatsarchiv: Januar 2015

Dicke Luft im Abendland

Nun will das Orga-Team den PEGIDA ermöglichen, sowohl auf die NOpegida- Veranstaltung am Montag zu gehen als auch am gemeinsamen fröhlichen hetzen. Darum wurde die Versammlung der PEGIDA auf den Sonntagnachmittag verlegt. Das Orga-Team schreibt, man möchte niemandem die Möglichkeit nehmen, Herber Grönemeyer zu sehen. Wirklich? Die PEGIDA sollen auf eine Veranstaltung gehen, die sich offiziell gegen alles richtet, was so fordern, um ein, vielleicht zwei Lieder eines bekannten Musikers zu hören? Wie stumpf müsste man sein?

Ich denken eher, das Orga-Team fürchtet sich vor dem Geist, den es aus der Flasche gelassen hat. Denn die Neo-Nazis, die in den eigenen Reihen gedultet werden, werden von Woche zu Woche aggressiver. Höhepunkt war die Jagd auf Journalisten in Leipzig.

Im Abendland wird’s ungemütlich.

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Science Slams PEGIDA

[Die Polizei hat für morgen in Dresden alle Veranstaltungen unter freiem Himmel untersagt. Damit fallen sowohl die Versammlung der PEGIDA als auch jeglicher Gegenprotest ins Wasser. Geplant war auch ein Science Slam, zu dem ich einen Beitrag vorbereitet hatte. Da ich nicht weiß ob und wann die Veranstaltung nachgeholt wird, veröffentliche ich den Text an dieser Stelle. Falls die Veranstaltung nachgeholt wird, ist die Gefahr relativ gering, dass allzu viele Zuschauer ihn bereits kennen 🙂 ]

Die ersten Flüchtlinge waren wahrscheinlich das, was PEGIDA heute als Wirtschaftsflüchtlinge bezeichnen würde. Sie machten sich vor ca. 160 000 Jahren auf den Weg, den afrikanischen Kontinent zu verlassen. Ohne ihren Mut und ihre Entbehrungen wären wir vielleicht heute nicht hier in Dresden. Nicht nur niemand von uns, auch keine Artgenossen, kein Homo sapiens. Diese ersten Wirtschaftsflüchtlinge sind also Schuld an PEGIDA. Hätten sie sich ihrem Schicksal ergeben und wären einfach verhungert als sich das Klima ihrer Umwelt veränderte, wäre Dresden einiges erspart geblieben.

Vor circa 80 000 Jahren gab es einen gigantischen Vulkanausbruch. Dessen Folgen löschten einen Großteil der auf der Erde lebenden Menschen aus und brachte unsere Art an den Rand der Ausrottung. Auch in Pompeji vernichtete ein Vulkan Teile der „abendländischen“ Kultur und vor einigen Jahren legte ein Vulkan Teile des Flugverkehrs auf der nördlichen Hemisphäre lahm. Vulkane sind gefährlich! Dafür haben wir Belege. Für die Islamisierung des Abendlandes gibt es keine ernsthaften Belege. Warum demonstrieren die PEGIDA nicht gegen Vulkane?! Patriotische Europäer gegen die Vulkanisierung des Abendlandes.

Das schöne an Wissenschaft ist, dass man sich irren darf. Irren gehört zum System. Wer sich nicht irrt, macht nicht etwa Alles richtig, sondern irgendetwas falsch.

Als Menschen der Wissenschaft, der Kunst und als Menschen, die sich den Werten der Aufklärung verpflichtet fühlen, haben wir nicht nur das Recht, sondern geradezu die Pflicht, alles zu hinterfragen. Darum haben AnhängerInnen dogmatischer Weltanschauungen oft auch so ein Problem mit Wissenschaft, freier Kunst, kritischem Denken und dem beharrlichen Hinterfragen der eigenen Annahmen. So wie Kreationisten. Diese lehnen Evolution ab, weil deren Annahmen den Aussagen der Bibel widersprechen. Egal wieviele Belege man diesen Menschen zeigt, wie genau man es ihnen erklärt, sie werden ihre Meinung nicht ändern. Es ist ein Glaube. Glaube ist äußerst faktenresistent. Das ist nicht schlimm, solange man nicht von anderen Menschen verlangt, dem eigenen Glauben nach zu handeln. Doch genau das wollen die PEGIDA!

Kritisches Denken ist dem Homo sapiens nicht in die Wiege gelegt, wir müssen es lernen. Dummerweise haben Menschen die eine bescheuerte Theorie glauben, ein erhöhtes Risiko weitere bescheuerte Theorien zu glauben. Ein prominentes Beispiel ist der Reichskanzler von 1933-1945. Adolf Hitler war zum Beispiel Anhänger der Welteislehre.

Diese besagt, vor Millionen von Jahren sei ein „riesiger Planet“ aus Eis und Metall in einen „gigantischen Stern mit der millionenfachen Masse unserer Sonne“ eingedrungen. Eine „Schmutzschicht“ verhinderte das Verdampfen des Wassers. Sein Inneres heizte sich auf und überhitzter Wasserdampf wurde erzeugt. Schließlich „zerbarst der Planet in einer gewaltigen Explosion“. Seine Bestandteile wurden aus der Sonne in den Weltraum gestoßen. Die leichtesten Bruchstücke bildeten eine „Glutmilchstraße“. Aus dem Rest und gefrierendem Wasserdampf wurde unser Sonnensystem sowie eine „Eismilchstraße“ in „dreifacher Entfernung des Planeten Neptun gebildet“.

Was heute skurril wirkt, stand auch schon damals bekanntem Wissen entgegen. Trotzdem stürmten Anhänger der Lehre sogar astronomische Vorlesungen und forderten die Absetzung der klassischen Astronomie.

Da u.a. Hitler so ein Fan war, sollte im Zweig Wetterkunde der SS-Forschungsgemeinschaft Ahnenerbe eine Wirkung des ewigen Welteises auf das Germanentum nachgewiesen werden.

Früher hieß es Germanentum, heute heißt es Abendland.

Außerdem glaubte Hitler, die Erde sei entweder hohl und wir lebten auf deren Innenseite oder sie sei eine Art Halbkugel auf deren Innenseite wir alle kopfüber herumspazieren. Darum ließ er Werner von Braun Raketen im 45°Grad Winkel in den Himmel schießen, um zu sehen, ob man Australien trifft. Man traf nicht. Werner von Braun, darauf bedacht, Hitlers Glauben nicht zu beleidigen, erklärte das damit, dass die Raketen einfach nicht genug Reichweite hätten.

Die Nationalsozialisten und Hitler wären vor allem empört gewesen, zu erfahren, dass sie von den zu Beginn erwähnten „Wirtschaftsflüchtlingen aus Afrika“ abstammen sollten. Man war der Ansicht, Nachfahre von Übermenschen zu sein: den Ariern. Die Nazis glaubten, der Atlantismythos sei real. Sie glaubten, die Arier hätten sich von Atlantis retten können. Sie waren der Meinung, deren direkte Nachfahren würden noch in Tibet leben. Eine von Hitler und Himmler dorthin geschickte Expedition fand jedoch nichts. Himmler sagte daraufhin zum Expeditionsleiter: „Dann haben sie wohl nicht richtig geguckt“. Der Mythos von den Germanen als Nachfahren der Arier, vom Deutschen als Übermenschen, war Teil des Fundaments des Nationalsozialismus und seiner Folgen.

Die Islamisierung des Abendlandes findet nicht statt. Trotz Zahlen die das zeigen und die Behauptungen der PEGIDA widerlegen, halten diese daran fest. Man hat, nicht erst seit PEGIDA, einen Mythos geschaffen. Den Mythos von der Islamisierung des Abendlandes. Mithilfe dieses Mythos gelingt es, sehr unterschiedliche Menschen zusammenzubringen, die normalerweise nie etwas miteinander zu hätten. Die Angst verbindet. Der Mythos ist der Kit, der die Bewegung zusammenhält. Heute ist es die Islamisierung. Zu einer anderen Zeit, war es der Mythos einer überlegenen Rasse. Dieser Mythos hat Menschen dazu bewegt, andere Menschen als minderwertig zu sehen und in einen Krieg, den Endkampf, zu ziehen. Dieser Mythos hat getötet. Und vielleicht hat der Mythos von der Islamisierung des Abendlandes auch schon sein erstes Opfer gefordert. Lasst uns dafür sorgen, dass es sein letztes bleibt.

Ich bin kein Teil eines Volkes. Ich bin Teil einer Spezies nackter Affen, die Schuhe tragen. Ich heiße alle meine Artgenossen willkommen!

Weiterlesen:

Mehr Texte über PEGIDA (es sind schon viel zu viele).

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Demofragmente

Rennen über Kopfsteinpflaster. Schneller als die Polizei erlaubt. Ziviler Ungehorsam. Alberne Gedanken „Wer kämpft kann verlieren, wer nicht kämpft, hat schon verloren.“ Hippiescheiße! Querstraße, dicht. Wanne an Wanne. Querstraße, dicht. Wir können rennen aber die haben Funk. Die lenken uns zum Postplatz. Geschickt, da ist ohnehin Demovorbereitung und: Wanne an Wanne an Wanne. Weiterlaufen, ein Polizist ruft etwas, lachend. Deeskalation geht anders, Vollidiot. Stehenbleiben, schauen. Weiter vorne Unruhe, Beamte rennen, durchkommen? Noch ist Zeit, noch werden die Reden geschwungen. PEGIDA steht und grölt. Volk und so. Wohngebiet, alles dicht. Die Ordnungshüter sind gut vorbereitet, meine Steuern sind gut angelegt. Aufgeben, gehen, dann eben zur Demo. Demonstrieren ist besser als gar nichts. Blockieren wäre besser. Nur Symbolisch aber besser. Besser als die Straßen meiner Stadt strukturellen FaschistInnen zu überlassen. Die Schwester ruft an. Fragt wie’s geht. Gar nicht geht’s alles dicht. Unterhalten, über das Kind über Dresden. Die braune Perle des Ostens. Dabei ist es im Sommer ganz schön hier. Da muss man doch nicht rechts werden! Bescheuerte Gedanken. Der Postplatz, vorbei an Beamten. Allein mit Telefon am Ohr. Unauffällig. Wanne an Wanne. Huch! Ich bin auf der falschen Seite. Also der richtigen. Überall Uniformen vereinzelt kleine Gruppen von AntifaschistInnen. Resigniert? Entschlossen? Verzweifelt? Wütend? Aufgeregt? Irgendwie alles. Gehen sie schon? Sie gehen schon. Mehr als letzte Woche. In Leipzig 30 000 dagegen. Auf dem Altmarkt 30 Menschen. Twitter sagt, am Karstadt gibt es eine Blockade! Gab es. Sie gehen schon wieder und schwenken Fahnen. Wieso sitze ich jetzt auf der Straße? Ich bin nicht mutig! Jemand hakt sich ein, hält fest. Der Polizist spricht, fragt ob er freiwillig mitkommt. Kommt er nicht. Man zieht, weg ist er. Ich gehe freiwillig, ich bin nicht mutig. In der Uniform ist ein Herr, der ist nicht sehr freundlich und schubst mich ein wenig. An den Rand. Ab jetzt gibt es 1:1 Betreuung. Da kommen sie. Meine Fresse sind das viele und sie haben einen schwarzen Block! Nein, das ist die Polizei, die vorne weg geht und den Weg frei räumt. Hier schützt die Aufklärung ihre Feinde, wie es sich gehört. Und mich. Mich schützen sie auch, wenn ich mir die so ansehen. Die verspeisen mich zum Frühstück. Laut sind die, sollten die nicht schweigen…trauern? Sie marschieren vorne weg, mit einer Lücke zum Rest der Demo. Gut, dass vor uns Polizisten stehen, so können wir sie in Ruhe anschreien. Sie grölen zurück, freuen sich über die Aufmerksamkeit. Wäre PEGIDA ein dreijähriger würde ich sein Verhalten ignorieren, dann würde sich das geben. Aber der darf auch nicht wählen und wenn er zuschlägt sind meine Knochen nicht in Gefahr. Und es besteht Hoffnung, dass er eines Tages Argumenten zugänglich ist. Menschen, Fahnen, Kreuze, Sprüche. Eine Verfassung wollen sie! Menschen, Fahnen, Kreuze, Sprüche. Volksverräter ausweisen. Menschen, Fahnen, Kreuze, Sprüche. Merkel verhüllt, Compact lässt grüßen. Menschen, Fahnen, Kreuze, Sprüche. Keine Sharia. Menschen, Fahnen, Kreuze, Sprüche. Deine Mudda! Menschen, Fahnen, Kreuze, Sprüche. Ein beherzter Griff in den Schritt in Richtung Gegendemonstranten, auch so kann man also trauern. Menschen, Fahnen, Kreuze, Sprüche. Viele junge Männer, ist das neu? Menschen, Fahnen, Kreuze, Sprüche. Vorbei.

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Zum Postplatz. Auf die richtige Seite. Vorbei ein Beamten. Resignation. Wanne an Wanne. Das kann doch alles nicht wahr sein! Bis nächsten Montag.

Bonusmaterial:

So trauern die PEGIDA:

Weitere Texte über die PEGDIA:

Völkisches Volkstheater

Montag ist PEGIDA-Tag

PEGIDA Live – Auf der dunklen Seite

Position ohne Haltung

Beschimpfte Hüter des Abendlandes

Dresdens besorgte Bürger

Ein Kommentar

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You don’t fool me

Der Zug der PEGIDA ist in die Spur gesetzt und rollt in die gewünschte Richtung. Das Orga-Team ist zufrieden, hat Medien gefunden, die nicht der Lügenpresse angehören und kann sich dort ungestört äußern. Nach der großkotzigen Einladung des Ministerpräsidenten agiert man weiter zunehmend selbstzufrieden. So wie es sich für politische Akteure gehört, die sich ihrer Sache sicher sind und Woche für Woche ein Bad im Jubel der Menge nehmen.

Dass die Reflexionsbereitschaft, oder Fähigkeit, wer weiß das schon, nicht besonders ausgeprägt ist, merkt man unter anderem daran, dass die Protagonisten der PEGIDA ähnlich handeln, wie sie es ihren Widersachern vorwerfen. So fühlen sie sich ungerecht behandelt, wenn die ganze „Bewegung“ nach den Taten und Einstellungen weniger Teilnehmer bewertet wird. Gleichzeitig qualifiziert man aber eine ganze Religionsgemeinschaft als gewalttätig ab, weil einzelne Mitglieder dieser gewalttätig sind. Einzelne Mitglieder berufen sich bei ihren Taten auf die Religion und damit werden alle anderen Anhänger in Mithaftung genommen. Dass so ziemlich jede Religion genutzt werden kann, um Gewalt gegen Andersdenkende zu legitimieren und dieses Potential durch die Werte der Aufklärung in Zaum gehalten wird fällt dabei hinten runter.

Die PEGIDA suchen sich bestimmte Aspekte der Wirklichkeit so heraus, dass sie in die eigene Argumentation passen. Das machen natürlich alle Lobbygruppen, aber es werden eben auch alle Lobbygruppen dafür kritisiert. Und eine Lobbygruppe, in der Fremdenhass und Demokratiefeindlichkeit strukturell angelegt sind, bekommt in einer demokratischen Gesellschaft von vielen Seiten Gegenwind. Es passiert zum Beispiel nicht alle Tage, dass ICH dem Aufruf eines CDU-Ministerpräsidenten folge und mich an einer von ihm initiierten Veranstaltung beteilige. So stand ich aber kürzlich des Sonntags mit 35 000 anderen vor der Frauenkirche und applaudierte den verschiedenen RednerInnen. Mal mehr und mal weniger. Die Veranstaltung stand unter dem Motto „Weltoffenheit, Mitmenschlichkeit und Dialog“. Herrn Tillichs Rede, die mir, denkt man z.B. an die Unmenschlichkeit der Praxis von Winterabschiebungen, ziemlich verlogen vorkam, habe ich mir nicht bis zum Ende angehört. Aber zurück zu den verschiedenen Aspekten der Wirklichkeit, welche die PEGIDA sich entscheiden, selektiv wahrzunehmen oder zu ignorieren. In dem erwähnten Interview werfen sie zum Beispiel der Umma in Deutschland vor, Sonderrechte zu verlangen. Darin unterscheide sie sich von anderen Religionsgemeinschaften in Deutschland. Andere Religionsgemeinschaften, so verkündet man der Gefolgschaft, würden sich an „deutsche Gepflogenheiten“ halten.

„Es geht allerdings nicht um den Ausländeranteil. Es geht darum, dass mit zunehmendem Anteil von Muslimen – eigentlich von einer Minderheit von diesen – immer mehr Forderungen an die Gesellschaft gerichtet werden. Auf diese Forderungen wird immer mehr eingegangen.
Allerdings gibt es in Deutschland noch viele andere Religionen, aus deren Gemeinden heraus nicht ständig Forderungen gestellt werden und die hier einfach nur ihre Religion nach ihren Vorstellungen leben, ohne andere damit zu behelligen, man möge sich doch bitte nach ihnen richten. Die sich auch nicht ständig durch irgend etwas beleidigt fühlen und sich an der deutschen Kultur auch nicht stören. Die muslimische Minderheit nimmt aber ständig Anstoß an den deutschen Gepflogenheiten und das finde ich nicht akzeptabel.“

Vielleicht meinen sie die „deutsche Gepflogenheit“, Frauen die „Pille danach“ zu verweigern, wie das in kirchlichen Krankenhäusern teilweise Praxis ist. Oder sie meinen die „deutsche Gepflogenheit“ kirchlichen Arbeitgebern ein besonderes Arbeitsrecht zuzugestehen, welches ArbeitnehmerInnen schlechter stellt. Oder vielleicht meinen sie die „deutsche Gepflogenheit“ Menschen in gleichgeschlechtlichen Beziehungen zu diskriminieren, wenn sie sich herausnehmen, gleiche Rechte zu fordern, wie die „traditionelle Familie“? Der Kampf um gleiche Rechte für Menschen in gleichgeschlechtlichen Beziehungen wird in diesem Land weniger gegen muslimischen als gegen christlichen Widerstand geführt. In Uganda wurde von evangelikalen Christen versucht, die Todesstrafe für homosexuelle  Menschen einzuführen. Nach internationalem Protest gab es nur noch lebenslänglich. Aber gut, das ist weit weg.

Vielleicht, das ist nur ein Gedanke, geht es den PEGIDA weniger um die vermeintliche Islamisierung, sondern viel mehr um die Herstellung des Status Quo der 50er Jahre. Zumindest die Fortschrittlichen. Es zeigt sich die Sehnsucht nach den guten alten Zeiten. Es zeigt sich eine Angst vor Veränderungen. Veränderungen die u.a. ein erhöhtes Maß an Komplexität zur Folge haben. Diese Angst scheint ein starker Motivator zu sein. Um so schwächer sind ihre Kompetenzen als Beraterin.

Für Menschen die sich als Demokraten verstehen oder dies zumindest vorgeben, legt man offenbar wenig Wert auf einen demokratischen Prozess wenn es um Veränderungen geht. Nach der Praxis um das Positionspapier, zeigt das auch das aktuelle Interview. Was ist gegen Forderungen einzuwenden? Was spricht dagegen, Forderungen zu diskutieren? Was ist dagegen einzuwenden, wenn einige Forderungen durchgesetzt werden? Einige werden mir nicht gefallen, andere schon. Den Rahmen gibt das Grundgesetz. Anstelle der Muslime würde ich viel mehr Forderungen stellen. Zum Beispiel, ebenfalls Kirchensteuer durch den Staat eintreiben zu lassen. Oder im Rundfunk dem Bevölkerungsanteil entsprechend weltanschaulich geprägte Sendezeit zu bekommen. Auf geht es, liebe muslimische Mitbürger, holt Euch Euren Anteil vom weltanschaulichen Kuchen der Öffentlich Rechtlichen (bevor die PEGIDA die GEZ abschaffen). Und wenn wir gerade bei einer Neuaufteilung sind, können die Ansichten von AtheistInnen und HumanistInnen ebenfalls dem Bevölkerungsanteil nach gerecht abgebildet werden. Dann werden wir auch sehen, was die warmen Worte der kirchlichen Vertreter wert sind. Gemeinsam nach dem Motto:

„Ich missbillige, was du sagst, aber würde bis auf den Tod dein Recht verteidigen, es zu sagen“ (Evelyn Beatrice Hall)

Die PEGIDA können aber noch mehr. Sie schaffen es hervorragend, die Position ihrer Gegner misszurepräsentieren. Soweit dass es eine Lüge wird. Das ist eigentlich Kernkompetenz von „Lügenpresse“ und „Volksverrätern“. So wird zum Beispiel weiterhin darauf Bezug genommen, dass am Anfang der Demonstrationen, einige Politiker und Prominente die PEGIDA fälschlicherweise als „Nazis“ bezeichnet hatten. Dass die Wahrnehmung in der Öffentlichkeit mittlerweile deutlich differenzierter (bis hin zur Verharmlosung) ist, wird ignoriert. Man stellt sich weiter als Opfer der „Politikerkaste“, „Gutmenschen“ und „Lügenpresse“, sowie von der Antifa gegängelt dar. Dabei war es von Anfang an die Antifa, die gesagt hat, dass die PEGIDA keine Nazis sind. Was nicht bedeutet, dass man nicht „Nazipropaganda“ verbreiten könnte (daher der Sprechchor „Es gibt kein Recht auf Nazipropaganda“).

OK, dass die PEGIDA nicht die Werte der Aufklärung vertreten, wie sie immer behaupten, ist keine Überraschung. In den vergangen Wochen konnten wir genug Beispiele für ihr Weltbild sammeln. Sowohl die Anhänger als auch das Orgateam selbst lassen, trotz wiederholter Beteuerungen des Gegenteils, immer wieder ihr reaktionäres, rechtes Weltbild durchscheinen. Da ich jedoch ein naiver Zeitgenosse bin und in stetem Zweifel lebe, frage ich mich, auch bei den Mitgliedern des Orga-Teams, dennoch immer wieder: „Wissen die vielleicht wirklich nicht, wofür sie da stehen?“

Doch wissen sie. Dass Lutz Bachmann bei einem Versandhandel bestellt, der Neu-Rechte Kundschaft bedient, wurde bereits früh gezeigt. Unter anderem von PEGIDA#Watch. Auch der Spiegel lieferte kürzlich Informationen aus den inneren Kreisen des Orga-Teams, die zeigen, wie viel Kreide man offensichtlich fressen muss, bevor man vor die Mikros tritt. Und das Interview mit dem Orgateam, welches fleißig auf Facebook geteilt werden soll („Teilen, Teilen, Teilen“), ist mit Bildern geschmückt, von denen zwei ganz eindeutig der Identitären Bewegung zuzuordnen sind.

Montag gehen die PEGIDA wieder „spazieren“, zumindest werden sie es versuchen. Das Vertreten eines reaktionären Weltbildes wird als Trauermarsch für ermordete Cartoonisten getarnt. Cartoonisten denen die PEGIDA noch eine Woche vorher nichts abgewinnen konnten, die zur „Lügenpresse“ gehörten. Cartoonisten, deren überlebende Kollegen eine ziemlich eindeutige Meinung zu deren Vereinnahmung durch die PEGIDA haben. Cartoonisten die wohl zu den Journalisten gehört hätten, die, geht es nach Facebookkommentaren, „ab 2016 gelyncht“ werden.

Alerta! Alerta! Antifascista!

Weitere Texte über die PEGDIA:

Völkisches Volkstheater

Montag ist PEGIDA-Tag

PEGIDA Live – Auf der dunklen Seite

Position ohne Haltung

Beschimpfte Hüter des Abendlandes

Dresdens besorgte Bürger

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Völkisches Volkstheater

[Dieser Text basiert, immunsystembedingt, nicht auf der Anwesenheit vor Ort, sondern auf der Verfolgung des Live-Streams, den Russia Today Deutschland von PEGIDA sendete. Ja, Russia Today Deutschland. Ja ein Live-Stream. Ja, zwei Stunden Sendematerial. Keine Pointe.]

Diesmal war Kathrin Oertel an der Reihe und durfte, im weißen Anhänger stehend, den PEGIDA sagen, was Sache ist. Ein Zettel, der durch einen Windhauch von ihrem Pult geblasen worden war, wurde durch eine dicke Rolle VW-Absperrband gesichert (vorher auch immer diese stammt). Dann durfte sie die Woche in PEGIDA-Manier Revue passieren lassen. Wie auch Bachmann Lutz gelang es ihr, zustimmungsfähige Äußerungen aneinanderzureihen. Den Jubel der PEGIDA genoss sie sichtlich.

PEGIDA Asylschwindler

Während sie von einigen Hundertschaften der Polizei dabei geschützt wurde, ihre Meinung in den Dresdner Abendhimmel zu blöken, proklamierte sie, das „Recht der freien Meinungsfreiheit“ sei in Deutschland nicht mehr gegeben. Die Ironie der Situation entging den PEGIDA.

Der, in den letzten Tagen bekannt gewordene, Vorfall in der Centrum-Galerie, bei dem PEGIDA-Demonstranten im Dezember junge Menschen mit Migrationshintergrund angegriffen haben sollen, wurde genutzt, um den Oper-Mythos der PEGIDA fortzuschreiben. Es sei nämlich -wie sollte es anders sein- umgekehrt gewesen. Was an der Geschichte wahr ist und wie sich zugetragen hat, wird (hoffentlich) durch Ermittlungsbehörden aufgeklärt. Die Hoffnung, dass „sächsische Verhältnisse“ dem nicht entgegenstehen, stirbt zuletzt. Für die PEGIDA ist die Sache allerdings bereits jetzt klar. In der Faktenresistenz bleibt man sich treu, wurde sie doch in den letzten Wochen fleißig geübt. Von der Lügenpresse und Statistiken (‚Hallo, das sind Zahlen! Ich SEHE doch, dass es anders ist‘) lässt sich die Bewegung nicht beirren. Zu denken geben könnte den Damen und Herren, dass einigen Menschen aus ihren Reihen ein solcher Angriff nicht nur zugetraut, sondern dieser als wahrscheinlich angesehen wird. Könnte.

PEGIDA Volk verraten

Witzig ist auch, dass man sich „politisch verfolgt“ fühlt, weil man seine Meinung nicht unkommentiert ins Mikro rülpsen kann. Widerspruch wird als „Abschaffung der freien Meinungsfreiheit“ und  kritische Kommentierung als politische Verfolgung verkauft. Und die PEGIDA glauben alles, was aus den Lautsprechern dröhnt. Sie sind das Folg!

Kathrin beklagt sich über den Vorwurf, die PEGIDA seien ausländerfeindlich und versucht diesen unter Verweis auf das Positionspapier zu entkräften, um im nächsten Moment von einer „Asylindustrie“ zu sprechen. Ironie – da ist sie wieder und bleibt unerkannt in der Dresdner Nacht.

PEGIDA Abtreibung

Wie groß die Eier des Orga-Teams mittlerweile zu sind, nachdem sie Woche für Woche vom Folg bejubelt wurden (die Mitglieder des Orga-Teams, nicht die Eier), wird klar, als Kathrin Stanislav Tillich einlädt. Er soll vor dem Folg sprechen. Auch hier wird mit der Behauptung, es habe keine Gesprächsangebote gegeben, ein bisschen Mythenpflege betrieben.

Nun folgt der Star des Abends, Udo Ulfkotte. Der wäre, ähnlich dem Weihnachtsliedersingen vom 22.12.14, ein ziemlicher Rohrkrepierer geworden, hätte er in den PEGIDA nicht ein so unheimlich dankbares Publikum gefunden. Damit passt er in die Reihe seiner VorgängerInnen und Deutschland wartet weiter auf einen mitreißenden Demagogen. Aber das sind Stilfragen, uns kümmert der Inhalt.

PEGIDA Respekt dem Volk

Ulfkotte illustriert die Islamisierung des Abendlandes an vier Beispielen. Diese Beispiele, das sollte man sich vor Augen führen, hält er für schlimm genug, um den Untergang des Abendlandes zu fürchten. In einigen KiTas gibt es aus Rücksicht (!) auf Kinder aus muslimischen Familien kein Schweinefleisch mehr. Man stelle sich nur vor, christliche Konfessionen würden ihre Werte Anderen ähnlich aufdrücken. Undenkbar. Außerdem erwähnt Ulfkotte getrennte Badezeiten für Männer und Frauen in einigen Schwimmbädern, eine Erlaubnis von Polygamie für Moslems und gesonderte Bereiche für Moslems auf Friedhöfen.

Mal abgesehen davon, dass Ulfkotte scheinbar seit Jahren dieselben Beispiele runterrattert (Teile seiner Rede sind 1:1 als Interview im KOPP-Verlag zu finden), sind es wirklich lächerliche Beispiele für die angebliche Islamisierung des Abendlandes. Wer von den PEGIDA leidet wohl unter gesonderten Schwimmzeiten für Menschen muslimischen Glaubens (bei denen es sich vermutlich einfach um gesonderte Badezeiten für weibliche Menschen handelt). Und werden dann auch bald Frauentage in der Sauna abgeschafft und Unisex-Toiletten zur Pflicht? Was die Polygamie angeht, gibt es keine Sonderrechte für Moslems, sondern einen rechtlichen Graubereich, den vermutlich der eine oder andere nutzt. Gut, dass die PEGIDA ihren Rednern nicht zuhören, sondern nur auf Stichworte warten, um den Kehlkopf und den motorischen Kortex zu betätigen. Der frontale Kortex, Zentrum für Vernunft und Reflexion, wird am PEGIDA-Tag mit völkischer Meditation ruhiggestellt.

Niemand habe etwas gegen Ausländer, und Flüchtlinge müsse man aufnehmen, das sei „Menschenpflicht“. Nur die Richtigen müssen es sein. Ulfkotte fordert „Rückführungsbeauftragte“ für -Trommelwirbel- radikale Islamisten, abgelehnte Asylbewerber und natürlich die kriminellen Asylbewerber. Die Friedlichen, das sagt er ganz klar, die dürften bleiben. Es wundere ihn jedoch, warum in Deutschland nur die jungen kräftigen Männer ankämen? Diejenigen, die wahrscheinlich sogar in den Konflikten gekämpft haben, vor denen sie flüchten? Hier zeigt Ulfkotte seinen Hang zur konstitutionellen Phrenologie und einer Kategorisierung, die so einfach ist, dass man sie „Rassismus“ nennen könnte. Aber das kann nicht sein, denn Herr Ulfkotte weist diese Zuschreibung von sich. „Wo sind die ausgezehrten Alten, die Schwachen, die Kinder?“, fragt Ulfkotte. Teilweise, wäre eine Antwort, auf dem Grund des Mittelmeers oder begraben auf Lampedusa. Teilweise, wäre eine andere, in den Flüchtlingsheimen. Wenn man denn bereit wäre, die Wirklichkeit anzuerkennen und sich nicht in völkischen Mythen zu verlieren.

Ulfkotte fühlt sich in seinen kulturellen Besonderheiten ignoriert und fremd im eigenen Land, so wie viele andere der PEGIDA. Wenn Ulfkotte seine kulturellen Besonderheiten nicht gewahrt sieht, weil er seinen Leib nicht jederzeit in ein Schwimmbad schaffen darf, dann fühle ich mich diskriminiert, weil ich bei IKEA nicht ins Bällebad darf. Bazinga!

Aber das alles wird sich bald ändern, denn „die Völker erwachen“. Wirklich, hat er gesagt, ohne Ironie. Auch hat er den Naidoo gemacht und dem deutschen Staat die Souveränität abgesprochen. Die Lügenpresse verwende „Trottelsprache“ und verbreite „politische Korrektheit„. Ein Mann der in einem Atemzug die Worte „Bundesregierung,“ „Kriegshetze“ und „Wutstau“ benutzt, ereifert sich tatsächlich über „Trottelsprache“. Die Ironie versucht zu diesem Zeitpunkt gar nicht sich den PEGIDA noch zu präsentieren.

PEGIDA Fackel

Derart hochgepeitscht schafft es Stephane Simon schließlich, in der Rede im Rahmen seiner Vendetta gegen den deutschen Staat (weil er während der Ausbildung bei der Polizei gemobbt worden sei), den PEGIDA einen „Volksverräter“ Sprechchor zu entlocken.

Der Spaziergang wurde ebenfalls Live und in voller Länge übertragen. Das Schweigen wurde häufig durch „Lügenpresse“-Rufe unterbrochen und das Wetter schien der Stimmung entsprochen zu haben. Diese griff Kathrin am Ende noch einmal auf. Sie verstehe den Frust, der entstehe, weil man nicht durch die Innenstadt spazieren könne. Dieser hatte offenbar eine Gruppe von Demonstranten dazu bewogen, zu versuchen, sich in die Innenstadt abzusetzen. Die Folgsverräter wurden jedoch von den Vertretern des „Lügenstaates“ davon abgehalten. Dafür bedankte sich Kathrin am Ende ganz artig bei der Polizei und versprach den PEGIDA, sie würden in die Innenstadt zurückkehren. Wenn das gelingt, könnten es passieren, dass sich die PEGIDA nicht nur fremd im eigenen Land, sondern fremd in der eigenen Stadt fühlen werden. Zumindest hoffe ich in diesem Fall auf Widerstand der DresdnerInnen. Daran wäre zwar weder Staat, noch Lügenpresse oder der Islam schuld aber daran ließe sich eine Woche später etwas drehen, im weißen Anhänger vor dem Folg.

Weitere Texte über die PEGDIA:

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