Monatsarchiv: März 2015

Blinde Hühner und imaginäre Körner

Vorspann

[In der Sächsischen Zeitung gibt es zur Zeit eine Serie zu verschiedenen Methoden der sogenannten Alternativmedizin. Zu den einzelnen Themen durfte ich jeweils einen kurzen Kommentar schreiben, der diese kritische beleuchtet. Außerdem wird es einen längeren Text zum Thema „Alternativmedizin“ von mir geben. Leider war es nicht möglich, die Texte zu den jeweiligen Methoden im Vorfeld zu lesen, sonst hätte die Kritik gezielter ausfallen können. So musste ich mit 500-600 Zeichen etwas im Trüben stochern. Eine Herausforderung, es soll ja auch ein wenig lesbar und erhellend sein. Nun bin ich kein professioneller Schreiber und Zeitungen brauchen andere Texte als Blogs. Darum war mir klar, dass die Texte bearbeitet werden. Dabei gehen manchmal Feinheiten verloren, die den Sinn einer Aussage relevant verändern können. Darum an dieser Stelle eine etwas ausführlichere Stellungnahme zum Thema.]

Irisdiagnostik

Kurz gesagt, wird dabei versucht, Erkrankungen fast ausschließlich anhand der Iris zu erkennen (ich weiß darauf wäre man nicht gekommen). Bestimmte Bereiche der Iris werden dabei bestimmten Organen zugeordnet. Veränderungen in bestimmten Bereichen der Iris sollen auf eine manifeste Erkrankung hindeuten oder auf eine bevorstehende Erkrankung. Wenn die Erkrankung schon da ist, wird sie behandelt. Wenn sie droht, wird sie präventiv behandelt. So die Theorie. Mein Kommentar der an die SZ ging, lautete wie folgt.

Das Prinzip der Irisdiagnostik ist bereits anatomisch kaum plausibel. Es gibt, bis auf wenige Ausnahmen, keinen direkten Einfluss von Organen auf die Iris. Medikamente, der Gemütszustand und Lichteinfall hingegen haben Einfluss. All das würde, angeblich vorhandene, „Organfelder“ verschieben. Aufmerksam sollte stimmen, dass es verschiedene Schulen der Irisdiagnostik gibt, deren Einschätzungen sich widersprechen. Irisdiagnostik ist wissenschaftlich nicht plausibel und in sich widersprüchlich.

Übrig blieb daraus folgende Aussage:

Es gibt keinen direkten Einfluss von Organen auf die Iris. Medikamente, Gemütszustand und Lichteinfall haben viel deutlichere Auswirkungen, denn sie verändern die Organfelder.

Eine kleine Veränderung der Wortwahl, bedeutet eine große Veränderung im Sinn. Denn es gibt bestimmte Erkrankungen, die Veränderungen an der Iris hervorrufen. Fans von Dr. House könnten KayserFleischer-Kornealringe“ bekannt vorkommen, die auf eine Kupferspeicherkrankheit hinweisen (ok, die Iris selbst ist nicht betroffen aber man könnte es als Irisdiagnostik durchgehen lassen). Außerdem erscheint es in dem Zitat zur Kritik, als würde ich die Existenz der Organfelder als real ansehen. Was ich nicht mache.

Im Gegensatz zu vielen anderen Themen, die noch folgen werden, habe ich selbst einmal an einer Irisdiagnostik teilgenommen. Das war vor etwa ein Jahr auf einer Messe und es war eine Farce. Man könnte das, was dort passiert ist, als medizinisches Cold Reading bezeichnen. Man könnte es auch als die Karikatur einer Anamnese bezeichnen. Ich habe die Dame vorher gefragt, ob eine Irisdiagnostik auch sinnvoll ist, wenn ich mich gar nicht krank fühle. Daraufhin sagte sie, dass man dadurch auch „Schwächen“ herausfinden könnte, die einmal zu Erkrankungen führen könnten. Dann folgte der Blick in meine Augen. Meine Schwäche sei die Bauchspeicheldrüse, „unregelmäßige Magensäure“ und die Herzkranzgefäße. Wer mich ein wenig kennt, wird mindestens bei letzterem ein wenig grinsen. Durch das intensive Betreiben von Ausdauersport in meinen Leben, haben ich zwar ein erhöhtes Risiko für Vorhofflimmern, meine Herzkranzgefäße sollten aber in Ordnung sein (Und bisher haben alle EKGs, sowie mein klinischer Zustand das bestätigt).

Da die Behandlung von verengten Herzkranzgefäßen etwas anders ist, als die Behandlung von Vorhofflimmern, hätte ihre Diagnose zu einer falschen Behandlung geführt. Zur Prävention von Vorhofflimmern hätte sie mir raten müssen, nur noch moderaten Sport zu betreiben. Hat se aber nicht. Aber regelmäßig essen sollte ich, wegen der unregelmäßigen Magensäure.

Die Dame die die Diagnostik durchgeführt hat, war nicht allein. Sie ließ ihr Urteil und meine Fragen von einer anderen Dame dolmetschen. Das Schauspiel erinnerte mich etwas an ein Lied von Reinhard Mey: „Zwei Hühner auf dem Weg nach Vorgestern“. Ein etwas groteskes Schauspiel, welches Teile des Publikums begeistert, letztlich aber völlig ohne Aussage ist. Was im Theater je nach Geschmack in Ordnung ist, ist in der Medizin im besten Falle ärgerlich, im schlechtesten tödlich.

Ein Kommentar

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