Monatsarchiv: Oktober 2015

Verwirrung über Pirinccis Rede

Mittlerweile ist sicher allgemein bekannt, dass Akif Pirinçci gestern bei PEGIDA eine Rede gehalten hatte, die ihm heute bereits erste Schwierigkeiten bereitete. Lutz Bachmann hat sich auf der Facebook-Seite von PEGIDA (‚Ami Go Home‘) mittlerweile für die Rede entschuldigt. Beziehungsweise dafür, nicht früher eingeschritten zu sein. Er schreibt:

Einen gravierenden Fehler habe ich gestern begangen, als unser Gastredner Akif Pirinçci ans Mikrofon trat und seine ersten Sätze verlas, dass er eigentlich aus seinem Buch „Umvolkung“ lesen wollte, auf einmal aber stattdessen eine eigene Rede für den besonderen Anlass ankündigte.

Dies geschah ohne Absprache mit uns und wir waren völlig überrumpelt. Ich hätte in diesem Moment die einzig richtige Entscheidung treffen müssen und sofort das Mikro abschalten. Im Regelfall lesen wir die Vorträge unserer Gäste quer, um derartige Vorfälle zu verhindern. Das von Herrn Pirinçci Vorgetragene lag uns so nicht vor, sonst hätten wir von vornherein abgesagt.

Ich nehme diese Entschuldigung nicht an.

Er hat also von nichts gewusst. Das hat in Deutschland Tradition, hinterher „von nichts gewusst“ zu haben. Dabei hätte beispielsweise Frau Festerling Herrn Pirincci ja einfach mal fragen können, was er denn so erzählen wird? Kaum vorstellbar, dass sich die beiden RednerInnen nicht im Vorfeld über ihre Reden ausgetauscht haben. Sie scheinen sich ja gut zu verstehen, wenn man Pirinccis Twitter-Account glauben darf. Doch bereits am Tag vorher hätte Bachmann einfach mal auf die Website seines Redners (mittlerweile offline*) schauen müssen. Der schrieb da bereits:

Morgen, also Montag (19. 10. 2015), werde ich anläßlich des einjährigen Bestehens von PEGIDA in Dresden auftreten und einen hübschen Text vorlesen, der in Sachen Wutrede in diesem Lande Maßstäbe setzen wird. Es wird um die Verbrechen gehen, die man diesem Volk gegenwärtig antut. Man erwartet bis zu 30.000 Leute, ich glaube, daß es mehr werden. Ach, Herr Staatsanwalt…

Gruß und Kuß!

Euer kleiner Akif

Das klingt nicht nach Buchlesung. Das klingt nach eigens geschriebener „Wutrede“. Eine „Wutrede“ auf die Lutz Bachmann seinen Redner im Vorfeld hätte ansprechen können. Entweder wusste also Bachmann Bescheid, dann lügt er. Oder er war tatsächlich ahnungslos, dann ist er unfähig. Ich denke, er hatte nichts konkretes abgesprochen und damit gerechnet, dass der kleine Akif das Ding sauber über die Bühne bringt. Der hat nun leider über das Ziel hinausgeschossen. Allerdings anders als die PEGIDA jetzt glauben machen wollen. Er hat einfach zu lange gebraucht und ist kein guter Redner. Die Masse auf dem Theaterplatz war nicht empört. Sie war gelangweilt. Deswegen wird nächsten Montag frische Hetze geliefert.

Ergänzung:

Am Anfang seiner Rede sagt Herr Pirincci, er habe eigentlich aus seinem Buch „Umvolkung“ lesen wollen. Der Teil der Aussage Bachmanns scheint also wahr zu sein. Bleibt, die öffentliche Ankündigung Pirinccis und die Vermutung, dass Frau Festerling Bescheid wusste. Vielleicht zeigen sich hier erste Risse in der aktuellen PEGIDA-Führung?

*Teilweise im Google-Cache einsehbar.

Update 21.10.15 13 Uhr:

Auf Freitag.de ergänzt Magda:

„Es ist in der Tat so, dass Pirincci nicht intendiert hat, dass man Flüchtlinge ins KZ’s stecken sollte, sondern dem Landrat Lübcke ironisch untestellt, er könne ja leider die KZ’s – gegen Deutsche – nicht in Betrieb nehmen.“

Das macht die Rede von ihm nicht weniger übelkeiterregend, soll aber der Vollständigkeit halber erwähnt werden.

Auf Dame von Welt hat sich ein paar Gedanken zum „kleinen Akif“ gemacht.

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Berichterstattung, MEINung, Vorläufig

Vollzugsdefizit und Volkswutüberschuss

Willkommen in Dresden

Seit bald einem Jahr beschäftigen mich die PEGIDA. Meine erste Begegnung mit dem Folg um Bachmann war eine Gegendemonstration im letzten Jahr. Am Goldenen Reiter hörte ich einen Redebeitrag, in dem vor PEGIDA gewarnt wurde. Die Antifa hat sich als politisches Immunsystem gezeigt und bereits früh vor dem Gewaltpotenzial der PEGIDA gewarnt. Zu einem Zeitpunkt als Ministerpräsident Tillich und sein Helferlein Ulbig noch routiniert den rechten Kessel anheizten. Meinen ersten Text zum Thema hatte ich am 14.11.14 veröffentlicht. In den Kommentaren der PEGIDA-Facebookseite wurde bereits damals durchgespielt, was wir heute im ganzen Osten sehen. Die Befürwortung von Gewalt war PEGIDA von Beginn an immanent.

„Doch Matze weiß die Lösung, nämlich dem verschissenen Zeckenpack den Schädel einschlagen und in die rinne kehren.

„Jürgen greift das gleich auf und bepöbelt die eigenen Leute, weil diese nicht den Schneid in der Hose hätten, um sich zusammenzutun und dieses Pack aus der Stadt zu jagen. Silvio ist damit noch nicht zufrieden, er will alle rausschmeissen aus unserem Land. Wobei Jürgen an die guten alten Kreuzfahrerzeiten erinnert, als man die Jungs angenagelt hat und runterfaulen lies. Manuel lässt sich von der kreativen Stimmung anstecken: ’sing’ Wetzt die langen Messer an dem Bürgersteig, lasst die Messer flutschen in den Salafisten leib….. ‚sing‘.“

„Michi ist das alles zu kompliziert, er plädiert für die pragmatische Lösung: Kopf ab fertig aus.
Zitate @diaphanoskpie 14.11.14

Jetzt wird es wieder länger Dunkel. Je früher die Sonne im Osten untergeht, desto mehr Menschen versammeln sich, um den Gestalten auf dem Rednerpult im kleinen Plastikanhänger zuzujubeln. Der Ton, der den Meinungsluken auf dem Plastikanhänger entweicht, hat sich über den hitzigen Sommer geändert. So wie die Stimmung auf dem Platz. Die Zeit der Rechtfertigungen ist vorbei. In den Anfangszeiten wurde immer wieder betont, bei PEGIDA habe niemand etwas gegen „Ausländer“ oder „Moslems“. Menschen muslimischen Glaubens wurden vom Bachmann Lutz explizit auf die Demonstrationen eingeladen. Eine Idee, die bei beinahe täglicher Gewalt gegen Andersdenkende in Sachsen, grotesk erscheint. Wiederholt wurde versucht, die Spaziergänge, mit der Gefahr des „radikalen Islam“ zu rechtfertigen. Das hat sich geändert. Es geht gegen „das System“. Offen wird ein „Umsturz“ herbeigesehnt und fantasiert. Denn ohne diesen Umsturz gehe es „Deutschland“ an den Kragen. „Die Amerikaner“, so warnen PEGIDA-Redner immer wieder, hetzen „uns“ die Flüchtlinge auf den Hals, um einen „Bürgerkrieg“ zu provozieren. Dieser stehe kurz bevor.

In den letzten Wochen stand ich wiederholt auf dem Theaterplatz oder dem Neumarkt. In Anbetracht der grölenden Menge, klingen Umsturz und Bürgerkrieg dort beinahe wie realistische Szenarien. Die Angst, die sich bei mir vegetativ in Übelkeit ausdrückt, muss auf Seiten des Folgs ein warmes, wohliges Gefühl sein. Vielleicht wie Blut, das einem über die Hände läuft. Ich werde das Gefühl nicht los, als wünschten sich die Wortproduzenten auf dem kleinen Plastikanhänger nichts sehnlicher als einen „Bürgerkrieg“. Dann können sie endlich mal richtig aufräumen. Können es den „linksversifften Gutmenschen“ mal richtig zeigen. Wer Anfang des Jahres dachte, die RednerInnen von PEGIDA seien aggressiv, hat die neue Angriffslust noch nicht erlebt. Wer PEGIDA immer noch unterstützt, legitimiert Gewalt und Selbstjustiz. Niemand kann sagen, er habe nichts gewusst.

„Bernhard hält, definitionsgemäß, nichts von islamischem Recht, möchte aber gerne, das die Salafisten, die scheinbar in Kirchen eingebrochen waren, ihre eigenen Lehren zu spüren bekommen, was seiner Meinung nach hieße: Händeabhacken.“

Da schreibt man schon mal unschön, aus der Wut heraus wie Paul, der das viehzeug abknallen will. Julius ist für Selbstjustiz!!! Jetzt!!!
„Kevin rät, man solle seine Handys in Sicherheit bringen und würde sich nicht wundern, wenn das ding brennt.
Zitate @diaphanoskopie 20.11.14

Die kaum noch verklausulierten Gewaltfantasien der Protagonisten wundern sicher niemanden. Aber als der Bachmann Lutz verkündete, eine Partei gründen zu wollen, war ich kurz erstaunt. Meinen ersten Gedanken, dass es sich mit PEGIDA dann bald erledigt haben würde, verwarf ich schnell wieder. Dazu hatte ich mich im letzten Jahr bereits zu oft geirrt. Die Hoffnung stirbt zwar zuletzt. In Sachsen liegt sie jedoch bereits auf der Intensivstation.

Zum einjährigen von Lutz und seinen BrüllkameradInnen soll es in Dresden ein breites Bündnis des Gegenprotests geben. Alle demokratischen Parteien Sachsens haben dazu aufgerufen. Also nicht die CDU Sachsen. Die CDU Sachsen ist so damit beschäftigt, die eigene Macht zu erhalten, dass sie es nicht schafft, sich gegen eine eindeutig antidemokratische Bewegung zu stellen. Tillich und seine Leute unterspülen das Fundament einer freien Gesellschaft. PEGIDA ist längst über das Thema Asyl hinausgewachsen und nutzt es nur noch als Brandbeschleuniger. Ziel ist ein „Systemsturz“. Die Bewegung träumt von Dresden als dem neuen München; Hauptstadt der Bewegung.

Unterstützt wird PEGIDA dabei von Seiten des Landes und der Kommune. Dort spricht man, was die Einhaltung der Auflagen bei PEGIDA-Demonstrationen angeht, von einem „Vollzugsdefizit“. Während rechte Demos freundlich durchgewunken werden, setzt man auf der linken Seite früh die Helme auf. Es sind sächsische Verhältnisse. So wie die Tatsache, dass Gegendemonstranten und Journalisten nahegelegt wird, sich aus der Umgebung von PEGIDA-Demonstrationen zu entfernen, weil man nicht für den Schutz garantieren könne.

Eine Befürchtung, die sich in den letzten Tagen in Sachsen immer wieder traurig bewahrheitet. Eine Veranstaltung, die zum Dialog eingeladen hatte, wurde von Rechten gesprengt, Teilnehmer angegriffen. Unter den Augen der Polizei. Den einzelnen Beamten kann man vielleicht keinen Vorwurf machen, haben sie doch ein Recht auf Eigenschutz. Dass aber in Sachsen das Potential des rechten Mobs, dem sich besorgte Bürger anschließen, systematisch ignoriert wird, ist ein Skandal.

Die einzige Möglichkeit, in Sachsen Asylunterkünfte zu schützen BEVOR etwas passiert, ist eine linke Demo davor zu organisieren. Dann kommt nämlich auch die Polizei. Sächsische Verhältnisse.

Wir haben es in Sachsen weit gebracht im letzten Jahr. Von einem verschlafenen Freistaat mit einigen „Leuchttürmen“, zu einem vom Mob regierten Gebiet mit Gewaltmetropolen. Danke Herr Tillich! Als Landesvater tragen sie die Verantwortung für den Brutalität in ihrer Familie. Es wird Zeit, Konsequenzen daraus zu ziehen. „Wäre es nicht schön in Sachsen“, muss sich Herr Tillich denken, „wenn nicht diese ganzen Ausländer zu uns kämen?“. Es wird ein langer Winter in Dresden.

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Willkommen in Dresden

Willkommen in Dresden

Liebe Mitmenschen. Besucht uns doch mal in Dresden. Vielleicht am 19.10.2015, da feiern die PEGIDA ihren ersten Geburtstag. Hier sind die Partycrasher. Kommt und macht mit.

[Das Bild habe ich gemacht, es darf frei genutzt werden]

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