PEGIDA – Dresden, selbst Schuld

Was mich wirklich nervt, sind Äußerungen von Menschen, die DresdnerInnen pauschal beschimpfen, weil sie nichts gegen die PEGIDA unternehmen würden. Mich macht das wütend, weil ich Dresdner bin und etwas dagegen unternehme, dagegen auf die Straße gehe. Doch dann kommt wieder irgendeiner der etablierten, satten, trägen und bürgerlichen DresdnerInner und macht den Mund auf. Und ich denke: OK, „wir“ haben diese Beschimpfungen verdient. Wer so wenig verstanden hat, muss sich nicht wundern, dass eine faschistische Bewegung vor der eigenen Haustür solche Erfolge feiert.

„Claudia Greifenhahn vom Café Aha an Oberbürgermeister Dirk Hilbert dem fremdenfeindlichen Pegida-Bündnis nicht mehr so viel öffentlichen Raum einzuräumen.“

Das steht in den Dresdner Neuesten Nachrichten. Was die Dame von sich gibt, bestätigt wirklich jedes Vorurteil, das in den letzten Monaten über die Dresdner Zivilgesellschaft angeführt wurde. Anstatt selbst anzupacken, schaut man auf die Obrigkeit. 

Nun macht doch mal was! So kann ich doch nicht in Ruhe Kaffee und Kuchen verkaufen!“

Mal abgesehen davon, dass die Cafebetreiberin als Kritik an PEGIDA vor allem die damit verbundenen, allmontäglichen Unanehmlichkeiten anführt (die ganze Innenstadt ist verstopft, sowas aber auch!), schießt sie mit dieser Äußerung den Vogel ab:

„Sie beteilige sich bewusst nicht an den Gegendemonstrationen gegen Pegida, sondern setze auf eine friedliche Auseinandersetzung.“

Was zur Hölle soll das denn heißen? Was ist denn bitte an „den Gegendemonstrationen“ nicht friedlich? Und wie stellt sich Frau Greifenhahn eine „friedliche Auseinandersetzung“ vor; erst mal Eierschecke und dann reden wir bei einer Tasse „fairen Kaffee“ ein wenig über Rassismus? Eine „Menschenkette“? Und wieso hat sich noch nicht damit angefangen? Diese Aussage ist ein bodenlose Frechheit. Sie unterstellt all denjenigen, die seit über einem Jahr antifaschsistische Arbeit auf der Straße leisten, dabei Gewalt auszuüben. Die Berichte von Übergriffen AUF die Gegendemonstrationen sind zahlreich (einigen Aktivisten wurde die Schuld dafür gegeben, allein ihre Anwesenheit sei eine Provokation gewesen). Ich glaube es hackt!

Die Aussage erklärt auch, warum die BürgerInnen in Dresden den Hintern einfach nicht hochbekommen. Während rechte Gewalttaten verharmlost werden, wird das Ausmaß „linker Gewalt“ massiv aufgeblasen. Wenn Flüchtlingsheime brennen und Reporter geschupst werden, ist das nicht schön. Vor allem für das Bild dieser „weltoffenen Stadt“ nach außen. Wenn aber nach einer Großdemo, wie am 9.11.15, ein paar Schilder, Absperrgitter und Warnbaken auf der Straße liegen, bekommen die Dresdner BürgerInnen einen Herzkasper: „Die schlimmen Linken! Bitte nur „friedliche Auseinandersetzung“!“

Doch nicht nur, dass man es in Dresden als bürgerliche Mitte nicht schafft, mal selbst nachzuprüfen, wie das denn so ist, bei einer „linken“ Gegendemo (in erster Linie laut, Ohrensschutz ist empfehlenswert). Man möchte scheinbar auch Unanehmlichkeiten aus dem Weg gehen. Anfang des Jahres sagte Frau Greifenhahn im Focus:

„Normalerweise macht ihr hier niemand das Leben schwer, sagt sie im Gespräch mit FOCUS Online. Die Dresdner seien aufgeschlossen und tolerant. Doch seit einiger Zeit sei der Montag eine besondere Herausforderung, zumindest während der zwei Stunden, die die Pegida-Veranstaltung gewöhnlich dauert.

Direkt vor ihrer Tür laufen dann die Leute vorbei. „Wenn ich dort hindurch gehen muss, nimmt mir die Atmosphäre, vielleicht sogar Hass, den Atem. Man will dann Dinge tun oder sagen, die man sonst nicht täte“, sagt Greifenhahn. Sie habe beobachten können, wie Polizisten Pegida-Sympathisanten bevorzugten, wenn es darum ging, durch die Stadt gelassen zu werden. Aus den selben Gründen meidet sie aber auch die Gegendemonstrationen. Und so ergehe es vielen Dresdnern.“

Wer Kuchen backen will, muss auch ein paar Eier zerbrechen – damit meine ich lautstarken Protest. Ich weiß wirklich nicht, wie sich die DresdnerInnen diese „friedliche Auseinandersetzung“ im Rahmen von Demonstationen vorstellen. Was ist das überhaupt für ein Verständnis von Demokratie? „Von emotionalen Demonstrationen ist abzusehen„. Was wünscht sich Dresden? Eine Republik der Schweigemärsche?  Mehr Selbstvergewisserung bei Podiumsdiskussionen? Vielleicht hat man sich in der Stadt deswegen so lange mit Europas größtem Naziaufmarsch arrangiert? Die Damen und Herren hatten sich immer benommen und ihre Parkgebühren bezahlt.

„Nicht zu verbieten, aber umzulenken. Die Stadt wieder dem verbindenden und nachdenklichen Volk zurück zu geben, das nicht auf Konfrontation sondern auf Kommunikation ausgerichtet ist. Dem neugierigen und weltoffenen Volk, das vielleicht auch Ängste hat, mit diesen aber umzugehen lernt. Wir sind so viele, aber wir sind sprach- und fassungslos angesichts dieser großen dunklen Montagsmenge, die vielleicht nicht Dresden, aber sehr wohl einen Teil Sachsens widerspiegelt.“

Kommunikation und Konfrontation sind keine Gegensätze. Konfrontation ist eine Form von Kommunikation. Es ist anstrengend und wird von vielen Menschen als unangenehm empfunden. Trotzdem ist manchmal eine Konfrontation notwendig. Man kann sich natürlich wünschen, dass alle lieb zueinander sind, die Wirklichkeit sieht anders aus.

Wenn die Ansichten von Frau Greifenhahn tatsächlich in der Dresdner Bevölkerung mehrheitsfähig sind, ist diese Stadt an die Demokratiefeinde verloren. Wenn PEGIDA es jetzt nicht schaffen sollte und die DresdnerInnen in ihrer demokratischen  Unmündigkeit verharren, dann wird es die nächste völkische Bewegung schaffen. Dresden – auf ewig die Stadt der Bewegung.

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2 Kommentare

Eingeordnet unter Fragment, Ideologisch

2 Antworten zu “PEGIDA – Dresden, selbst Schuld

  1. Wenn ich das richtig in Erinnerung habe, marschierte im Jahr 2000 die erste größere Nazi-Demo anläßlich des Gedenkens an den Bombenholocaust. ‚Dresden-Nazifrei‘ gründete sich erst 9 Jahre später und schon 2010 gelang die erste Blockade der Nazidemo. Danke, liebe Antifa!

    Erschreckend ist, daß die Polizei in Dresden offen mit den Nazis paktiert (und im verlinkten Artikel ist die Mobilfunkabschnüffelung in der gesamten Innenstadt und die Farce gegen Lothar König nicht mal enthalten).

    Zu befürchten steht, daß die jahrelange, ichsachma, Indifferenz gegenüber den Nazis seitens der Dresdner Polizei, Justiz und aus dem Rathaus eine zusätzlich fatale Wirkung auf denkfaule und obrigkeitshörige Bürger ausübt.

    Danke für den Widerspruch und -stand dagegen – über den vorgeblichen Hinderungsgrund nicht-friedlicher Auseinandersetzung zur Teilnahme an den Protesten gegen Pegida hatte ich mich auch eben aufgeregt.

  2. Pingback: Die ‘Besorgten’ wollen’s wissen | diaphanoskopie

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