Monatsarchiv: Februar 2016

Deeskalation a la Sachsen

 So schnell sind sie dahin, die guten Vorsätze. Immerhin bieten die erschütternden Bilder aus Clausnitz die Gelegenheit, meinen Fachbereich wenigstens am Rand in diesen Blog zu bringen. Das ist dann aber auch schon der letzte Lichtblick in diesem Beitrag.

Als ich gestern die pöbelnde, grölende Maße sächsischer Männer im Video auf Spiegel-Online sah, setzte meine sächsische Schamroutine ein und ich hakte dieses, zur Zeit mein zu Hause genannte, Bundesland wieder ein Stückchen ab. Frankfurt am Main ist auch ganz schön. Eigentlich jede größere Stadt Deutschlands außerhalb Sachsens. Am Rande sei bemerkt, wie erschreckend die eigene emotionale Verrohung in Angesicht des Schreckens ist, den meine -da führt kein Weg dran vorbei- Mitbürger unter geflüchteten Menschen in Deutschland verbreiten.

Heute morgen sah ich dann einen Post auf Facebook zu dem zweiten Video, auf dem zu sehen ist, wie ein Vertreter des Gewaltmonopols einen höchstens neun Jahre alten Jungen unter dem Johlen der umstehenden Faschisten gegen dessen Willen aus dem Bus zerrt. Zwei Dinge an diesem Video haben es durch meine sächsische Schamroutine geschafft und mich bis ins Mark erschüttert. Zum einen ist deutlich, dass der umstehende Pöbel die Beamten der sächsischen Polizei als Vollstrecker des hausgegrölten Volkswillens sieht. Zwar widersprechen sich die Willensäußerungen diametral („Fahrt nach Hause!“ vs „Hol ihn raus!“), doch die Sympathien zwischen Polizei und Folg scheinen in Sachsen so tief zu gehen, dass die gegenseitige Liebe auch in schweren Gewässern hält.

Wenn es sich dabei um den ersten Vorfall dieser Art in Sachsen handeln würde, könnte man von einem Ausreißer sprechen. Vieles spricht jedoch für ein, wie Sebastian Bartoschek schrieb, „strukturelles Problem“. Ich bin froh, dass ich mittlerweile ein sächsische Schamroutine entwickelt habe, so werde ich die kommende Zeit emotional überstehen. Die geflüchteten Menschen in Sachsen haben da weniger Glück.

Der zweite Aspekt in dem Video ist die zur Schau gestellte Unprofessionalität der Polizei. Gibt es so etwas wie eine Einsatzleitung, die, abseits vom direkten Geschehen einen kühlen Kopf bewahrend, die Situation überschaut? Gibt es Deeskalationsausbildung? Ist der Begriff bekannt?

In der Kinder- und Jugendpsychiatrie gibt es immer wieder Situationen in denen körperliche Gewalt (ich nenne es so, weil es vom Empfänger so empfunden wird, nicht weil es vom Ausübenden so intendiert ist!) im Rahmen von Zwangsmaßnahmen notwendig sein kann, um einen Menschen vor sich oder andere vor ihm zu schützen. Durch Deesekalationsstrategien lässt sich die Fequenz dieser Maßnahmen jedoch auf Einzelfälle reduzieren. Mir ist klar, dass ein Polizeieinsatz andere Bedingungen hat als eine psychiatrische Behandlung. Die Prinzipien sollten sich aber in beiden Fällen aus den Menschenrechten herleiten lassen.

So muss es die Abwägung geben, ob die ausgeübte Zwangsmaßnahme im Verhältnis zu dem steht, was ich durchsetzen will oder ob es mildere Mittel gibt. In Clausnitz war das Ziel (?), Menschen aus einem Fahrzeug in ein Gebäude zu bringen. Diese Menschen haben sich, aus einer nicht unberechtigten Angst, geweigert oder gesträubt, diesen Bus zu verlassen. Denn sie sahen durch sächsische Männer ihr Recht auf körperliche Unversehrtheit gefährdet. Und offensichtlich waren sie der Ansicht, das die sächsische Polizei in der anwesenden Personaldecke und der gezeigten Haltung ihnen gegenüber nicht in der Lage war oder sein wollte, sie adäquat zu schützen.

Doch Anstatt die Ursache für die Angst der Menschen zu beseitigen und dafür zu sorgen, dass der Pöbel gebührenden Abstand hält, zwingt man die Menschen, sich diesem Pöbel auszusetzen. Hat der junge Mensch, der von einem sächsischen Polizisten mit Gewalt aus dem Bus gezerrt wird*, den Krieg, die Reise über das Mittelmeer, die Reise durch das winterliche (klimatisch und emotional) Europa und die Zeit in den Erstaufnahmestellen ohne ein Trauma überstanden, sorgt sächsische Polizei fürsorglich für Abhilfe. Weiß sie doch, dass PEGIDA & Co nur traumatisierte Geflüchtete akzeptieren. Man hilft ja, wo man kann. Danke Polizei.

Eine weitere Möglichkeit wäre gewesen, einfach zu warten. Die Menschen auf der Straße wären nicht ewig dort geblieben. Man hätte den Menschen sagen könne, dass man sie schützen wird, Präsenz zeigen und wenn die Lage sich beruhigt hat, die Menschen aussteigen lassen.

Oder man hätte, den Bus umdrehen lassen können und am nächsten Tag einen erneuten Anlauf starten können, besser vorbereitet und mit einem neuen Heimleiter.

Oder, mein Favorit, man hätte die Personalien der Pöbler feststellen sollen, den Bus zum nächsten hochklassigen Hotel bringen lassen und die Menschen darin solange unterbringen, bis eine sichere Ankunft in Clausnitz möglich wäre. Die Hotelrechnung wäre dann den Pöblern zugestellt worden.

*Es ist natürlich möglich, dass die Art zu handeln aus der immer noch weit verbreiteten Ansicht resultiert, es sei kein Problem, Kinder mit körperlicher Gewalt zu etwas zu zwingen. In dem Fall könnte die Polizei gleich zwei Probleme in den eigenen Reihen angehen.

Weiterlesen:

Mehr Texte zu PEGIDA und den sächsischen Verhältnissen aus Sicht eines Wirtschaftsflüchtlings (das bin ich) auf Diaphanoskopie.

10 Kommentare

Eingeordnet unter Fragment, Ideologisch

Dresdner Frust

 

Blick von der Augustusbrücke auf das Terrassenufer

 
13 000 Menschen waren am 13.02.2016 bei der Menschenkette, welche die Dresdner Altstadt symbolisch schützen soll. 13 000 meiner MitbürgerInnen, die sonst jeden Montag zentrale Plätze ihrer Altstadt einem rassistischen Mob überlassen, haben sich an einem Samstag Abend im Februar an den Händen gehalten und durften sich dem warmen Gefühl hingeben…? Tja das weiß ich auch nicht, welches Gefühl da transportiert werden sollte. Im besten Fall eines, die offene Gesellschaft vor denen zu schützen, die sie bedrohen (in Sachsen wohl am ehesten „Linksfaschisten“). Im schlechtesten Fall ein Gefühl von, in lokaler Tradition verbundener, Gemeinschaft. Ein Gefühl, dass im sächsischen Alltag ohnehin schon aus jeder Pore trieft. Der Lokalpatriotismus in diesem Bundesland ist schwer zu ertragen, vor allem im Hinblick auf den Preis, den er mit sich bringt.

Ich weiß gar nicht, was mich seit Oktober 2014 mehr zermürbt hat. Zu demonstrieren, ohne einen relevanten Effekt zu sehen, mal davon abgesehen, dass viele der Forderungen von PEGIDA im politischen Mainstream angekommen sind. Oder von Gesellschaft und Politik in Dresden und Sachsen das Gefühl vermittelt zu bekommen, mit dem Protest gegen eine faschistische Bewegung, zu den eigentlichen Störern zu gehören.

Ich weiß nicht mehr, wie oft ich hörte oder las, dass demokratischer Gegenprotest in Sachsen mit Gewalt und Aggression gleichgesetzt wurde. Wie oft ich mich fragte, wieso die Dresdnerinnen und Dresdner solche Abneigung gegen die pflegen, die für Demokratie und humanistische Werte eintreten?

Mich hat das zermürbt und müde gemacht. Ich verlor die Lust am Schreiben und den Glauben an Dresden. Darum mache ich jetzt Pause. Der Täterspuren Mahngang wird für die nächste Zeit meine letzte Demo gewesen sein. Ich habe Lust, mich wieder mehr dem eigentlichen Thema dieses Blogs zu widmen. Mal schauen, ob das klappt 🙂

Es ist ein bisschen so, als würden die Emotionen, die besorgte Bürger bei PEGIDA vereint, aus mir herausgesaugt. Als am 06.02.16 PEGIDA am Königsufer brüllte und der beschämend kleine Rest der Dresdner Zivilgesellschaft demonstrierte, war ich vor allem resigniert. Das liegt auch daran, dass Gegenprotest in dieser Stadt einfach nicht willkommen ist, das sind alles Unruhestifter. Ich kann jetzt verstehen, wie man in dieser Stadt phlegmatisch wird und lange auch Horden von Nazis mit einem Schulterzucken hinnahm.

Es ist fast, als wäre der Lebenswille, Mut dieser Stadt am 13.02.1945, in den letzten Tagen des faschistischen Terrorregimes, verbrannt. Doch man hat nicht verstanden, dass man große Teile des Weges, der zur Katastrophe vom 13.2. geführt hat, mitgegagengen war. Das man, so wie man Opfer wurde auch Täter war. Anstatt aus der Asche zu steigen, geht man in ihr und begnügt sich darin, Opfer zu sein. Opfer der Stasi, Opfer der Wessis, Opfer der PEGIDA. Armes Dresden.

5 Kommentare

Eingeordnet unter Fragment, Ideologisch