Dresdner Frust

 

Blick von der Augustusbrücke auf das Terrassenufer

 
13 000 Menschen waren am 13.02.2016 bei der Menschenkette, welche die Dresdner Altstadt symbolisch schützen soll. 13 000 meiner MitbürgerInnen, die sonst jeden Montag zentrale Plätze ihrer Altstadt einem rassistischen Mob überlassen, haben sich an einem Samstag Abend im Februar an den Händen gehalten und durften sich dem warmen Gefühl hingeben…? Tja das weiß ich auch nicht, welches Gefühl da transportiert werden sollte. Im besten Fall eines, die offene Gesellschaft vor denen zu schützen, die sie bedrohen (in Sachsen wohl am ehesten „Linksfaschisten“). Im schlechtesten Fall ein Gefühl von, in lokaler Tradition verbundener, Gemeinschaft. Ein Gefühl, dass im sächsischen Alltag ohnehin schon aus jeder Pore trieft. Der Lokalpatriotismus in diesem Bundesland ist schwer zu ertragen, vor allem im Hinblick auf den Preis, den er mit sich bringt.

Ich weiß gar nicht, was mich seit Oktober 2014 mehr zermürbt hat. Zu demonstrieren, ohne einen relevanten Effekt zu sehen, mal davon abgesehen, dass viele der Forderungen von PEGIDA im politischen Mainstream angekommen sind. Oder von Gesellschaft und Politik in Dresden und Sachsen das Gefühl vermittelt zu bekommen, mit dem Protest gegen eine faschistische Bewegung, zu den eigentlichen Störern zu gehören.

Ich weiß nicht mehr, wie oft ich hörte oder las, dass demokratischer Gegenprotest in Sachsen mit Gewalt und Aggression gleichgesetzt wurde. Wie oft ich mich fragte, wieso die Dresdnerinnen und Dresdner solche Abneigung gegen die pflegen, die für Demokratie und humanistische Werte eintreten?

Mich hat das zermürbt und müde gemacht. Ich verlor die Lust am Schreiben und den Glauben an Dresden. Darum mache ich jetzt Pause. Der Täterspuren Mahngang wird für die nächste Zeit meine letzte Demo gewesen sein. Ich habe Lust, mich wieder mehr dem eigentlichen Thema dieses Blogs zu widmen. Mal schauen, ob das klappt 🙂

Es ist ein bisschen so, als würden die Emotionen, die besorgte Bürger bei PEGIDA vereint, aus mir herausgesaugt. Als am 06.02.16 PEGIDA am Königsufer brüllte und der beschämend kleine Rest der Dresdner Zivilgesellschaft demonstrierte, war ich vor allem resigniert. Das liegt auch daran, dass Gegenprotest in dieser Stadt einfach nicht willkommen ist, das sind alles Unruhestifter. Ich kann jetzt verstehen, wie man in dieser Stadt phlegmatisch wird und lange auch Horden von Nazis mit einem Schulterzucken hinnahm.

Es ist fast, als wäre der Lebenswille, Mut dieser Stadt am 13.02.1945, in den letzten Tagen des faschistischen Terrorregimes, verbrannt. Doch man hat nicht verstanden, dass man große Teile des Weges, der zur Katastrophe vom 13.2. geführt hat, mitgegagengen war. Das man, so wie man Opfer wurde auch Täter war. Anstatt aus der Asche zu steigen, geht man in ihr und begnügt sich darin, Opfer zu sein. Opfer der Stasi, Opfer der Wessis, Opfer der PEGIDA. Armes Dresden.

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5 Kommentare

Eingeordnet unter Fragment, Ideologisch

5 Antworten zu “Dresdner Frust

  1. ajki

    Mir ist bewußt und klar, dass das ekle Thema „Pegida“ und Zugehöriges diesem Blog sozusagen aufgezwungen wurde aufgrund der Lokalität des Bloggers und sich weder zum bestimmenden noch zu einem häufigen Thema dieses Blogs hätte entwickeln sollen. Beinahe noch klarer ist mir der Zusammenhang zwischen Abscheu vor sich öffentlich breit präsentierendem Rassismus und schierer Geschichtsvergessenheit vor einer Kulisse, die das genaue Gegenteil von allen „Heutigen“ fordern *müßte* und der daraus resultierenden Abwendung und Rückkehr zu interessanten Themen.

    Trotzdem möchte ich an dieser Stelle ausdrücklich danken für die vielen Einblicke (aufgrund „Lokalität“) und den genauen Blick auf eine „Bewegung“, die es nach Ansicht vieler eigentlich gar nicht geben könne, weil der faschistische Aufwuchs in der Weimarer Republik unwiederholbare Folge einer völlig besonderen geschichtlichen und gesellschaftlichen Lage gewesen sei. Nein, war es nicht – das ist eine der möglichen Folgerungen aus den Beschreibungen dieses Blogs in den letzten zwei Jahren.

  2. Mich hat das zermürbt und müde gemacht. Ich verlor die Lust am Schreiben und den Glauben an Dresden. Darum mache ich jetzt Pause.

    Das, lieber Jan, halte ich für eine kluge Entscheidung. Jedenfalls nicht für „eine dicke Portion Selbstmitleid“, wie Sie gestern bei Twitter schrieben, what? <strongVielen Dank für fast eineinhalb Jahre Ihres allmontäglichen Engagements gegen die besorgniserregenden Bürger. Ich knie vor jedem, der sich speziell in Dresden gegen Nazis einsetzt. Weil: bei vielen ja nicht erst seit Pegida, sondern schon seit der Okkupation des Gedenkens an die Bombardierung Dresdens durch die tw. größten Naziaufmärsche nach 1945 und zwar jahrelang ohne jede Unterstützung der Stadt oder deren Potzöberen. Kaum war das halbwegs vorbei, kam Pegida – sich in Dresden gegen Nazis einzusetzen, gibt dem Begriff °langer Atem° eine neue Bedeutung. Es ist mir mehr als nachvollziehbar, davon auch mal erschöpft zu sein.

    Und: ich bin neugierig, über was Sie in Zukunft wie und wo schreiben werden.

    Mir ging es vielleicht ein ganz klein bißchen ähnlich wie Ihnen mit den Nazinachrichten, die ich in meinem Blog inzwischen eingestellt habe. Aus zwei Gründen: sie wurden kaum gelesen (geschweige denn, die Quellen) und ich fühlte mich durch die Dauerbeschäftigung mit Gewalt und Propaganda von rechtsaußen so dermaßen mitten im braunen Sumpf, daß ich gar nix anderes mehr denken und schreiben konnte.

    Nicht, daß Sie mich mißverstehen: ich halte öffentliches Eintreten gegen Rassismus und Nazis auch weiterhin für unerlässlich. Es stellt sich mir aber die Frage nach den dazu gewählten Mitteln und ihrer Wirkung. An der Wirkung von Straßendemonstrationen (und darunter fallen auch Gegendemos) habe ich schon seit vielen Jahren Zweifel – vom Moment der Selbstvergewisserung °wir sind viele° einmal abgesehen. Selbst das ist in Gefahr, wenn – wie in Dresden – vergleichsweise wenige gegen Pegida auf die Straße gehen, abgesehen davon gibt Pegida mit der Wahl von Zeit und Ort den Ton an, während die Gegendemonstranten auf Re-Agieren reduziert sind.

    Der öffentliche Raum ist aber nicht nur die Straße, sondern auch das www. Darin kann agiert werden! Wie gesagt: ich bin gespannt, was es von Ihnen worüber, wie und wo zu lesen geben wird.
    Grüße und nochmal: danke!
    dvw

  3. Pingback: Deeskalation a la Sachsen | diaphanoskopie

  4. Pingback: Deeskalation a la Sachsen | Ruhrbarone

  5. Pingback: PEGIDA und die schützende Hand | diaphanoskopie

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