Monatsarchiv: März 2016

Alter Käse – Die lieben Kollegen

Die lieben Kollegen. Immer auf das Wohl der Patienten bedacht. Darum ist es ihnen auch so wichtig, das medizinische Wissen durch Forschung zu vermehren. Wissenschaft! Um so besser, wenn man das auch noch bezahlt bekommt. Während das akademische Prekariat mit Erdnüssen und Zeitverträgen abgespeist wird, klotzen die Pharmaunternehmen bei den niedergelassenen KollegInnen richtig ran. 100 000 000 Euro haben sie sich beispielsweise „Anwendungsbeobachtungen“ kosten lassen. Die Aufregung der Presse ist mal wieder groß. Man wirft Medizinern und Industrie vor, diese nur als Tarnung zum Verschreiben unnützer und/oder überteuerter Medikamente zu verwenden. Das wäre im besten Fall kreatives Marketing und im schlechtesten Falle nicht justiziable Bestechung.

Dabei ist es doch logisch, warum Verschreiber und Hersteller hier eng zusammenarbeiten müssen! Dass es keine (Zusatz-)Nutzen gibt, liegt doch nur daran, dass BISHER noch niemand den Nutzen der Medikamente bei bestimmten Erkrankung herausgefunden hat! Darum nehmen Hersteller und Verschreiber die mühsame Arbeit auf sich und machen aus jeder Behandlung ein Experiment. Das ist gelebter Altruismus auf Seiten der Patienten. Die Patienten wären stolz auf sich, wenn sie denn wüssten, was da mit Ihnen passiert.

Und es ist immerhin besser, wenn man ein bereits am Menschen erprobtes Medikament nimmt, als ein vollkommen Unbekanntes. Denn trotz (mindestens) zweier katastrophal verlaufender Phase-I Tests von Wirkstoffen in Industrieländern, schaffen es die Regulierungsbehörden nicht, die Unternehmen dazu zu bringen, alle Daten herauszurücken. So weiß manchmal das eine Unternehmen nicht, was das andere schon herausgefunden hat, Probanden riskieren unnötig ihre Gesundheit oder ihr Leben.

Und deswegen sollte man die niedergelassenen KollegInnen auch verstehen! Wenn nicht mal führende Pharmaunternehmen sich human verhalten, wieso sollten sie dann mit gutem Beispiel voran gehen und sich an eigene ethische Standards halten? Noch dazu, wenn der Status Quo so gut bezahlt wird.

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Humorzone Dresden – Das weinende Auge

„Ich gebe zu, wir hatten auch unsere Vorurteile aber Ihr wart ein geiles Publikum!“
Khalid Bounouar

Viel zu Lachen gibt es in Dresden in den letzten eineinhalb Jahren nicht. PEGIDA hat, gemeinsam mit dem völkendenden Haufen von der AfD die braune Suppe in Sachsen, über dem von der Landes-CDU geschürten Feuer, richtig zum Kochen gebracht. Und so richtig schlimm scheint das hier niemand zu finden. Zumindest, wenn ich mir viele der Reaktionen im Alltag anschaue.

Darum habe ich mich auf die Humorzone Dresden gefreut. Ich hatte Tickets für vier Veranstaltungen gekauft, in der Erwartung, mich dort mit körpereigenen Endorphinen in den Pointen-Orbit schießen zu können und die Welt wieder etwas leichter zu nehmen. Pustekuchen.

Donnerstag begann das Festival für mich mit Kay Ray. Zu Kay Ray geht man eigentlich um Tabubrüche zu erleben, die auch den Rahmen „normaler“ Comedy sprengen. Weil er Witze erzählt, die sich sonst keiner zu erzählen traut. Gerne über Minderheiten. Kay Ray sagt, Minderheiten werden nur wirklich integriert, wenn sie ernst genommen werden. Dann macht man auch Witze über sie, wie über alle anderen Gruppen. Soweit so plausibel.
Nun scheint Kay Ray geläutert; kein Rauchen auf der Bühne, kein Alkohol auf der Bühne, keine Figuren mit dem Penis.

Dafür gab es intime Einsichten in die dunklen Zeiten eines Menschen. Und ein paar harte Wahrheiten über unser Gesundheitssystem und wie es Menschen behandelt. Kay Ray hatte einige Anekdoten aus der Kur mitgebracht und die Banalität des dortigen Alltags schmerzhaft zutage gefördert. Wird es eigentlich erst auf der Bühne deutlich, wie grotesk es ist, einem erwachsenen Menschen als Freizeitbeschäftigung „Stricken“ anzubieten? Wenn man in Bad Wildung die Patienten so ernst nehmen würde, wie Kay Ray Menschen mit Behinderung in seinen Witzen, wäre viel gewonnen.

„Die haben mich nicht entlassen, ich habe das Gefühl, ich bin entkommen“ Kay Ray

Leider hat sich Kay Ray in seiner Fundamentalopposition etwas verrannt. Nur weil er nicht in „die rechte Ecke“ gehört, wenn er „politisch unkorrekte“ Dinge sagt, heißt dass nicht, dass es nicht Menschen gibt, die politisch unkorrekte Dinge sagen, die dort hervorragend hinpassen. Und gerade Eva Herrmann als Kronzeugin heranzuziehen, wie fies der Mainstream mit Abweichlern umgeht, ist hoffentlich mangelnder Information über ihre völkischen Äußerungen geschuldet und nicht Überzeugung. Dann müsste ich den zweiten Satz in diesem Absatz nämlich nochmal überdenken.

Kay Ray mach Witze über den Islam aber nicht über Moslems. Mir ist unklar ob allen im Publikum der Unterschied klar ist. Das lässt jede Pointe bitter im Hals zurück. Wer sich als „Menschenrechtspopulist“ bezeichnet kann eigentlich von PEGIDA-Apologeten keinen Applaus bekommen wollen. Andererseits meint Kay Ray die Aussage, „wenn nichts mehr verboten wäre, hätte ich hier oben nichts mehr zu tun“ wahrscheinlich sehr ernst.
Brüche im Programm waren die Lieder. Keine Interpretationen bekannter Hits, sondern Lieder, die wie der Versuch klangen, einem Schmerz Ausdruck zu verleihen, der – ohne Alkohol, Zigaretten und Nacktheit – im Rest des Programms keinen Platz mehr findet.

Am Freitag Abend durfte Olaf Schubert, der Schirmherr der Veranstaltung, gemeinsam mit Klaus Weichelt „Eine ganz normale Freakshow“ in der Schauburg improvisierend moderieren. Untertitelt was das Ganze mit „The dark side of Olaf Schubert und Klaus Weichelt“. Dark side indeed!

Johnny Armstrong, Carl-Einar Häckner, Der Tod und Matthias Egersdörfer lieferten solide Comedy ab. Doch was für mich den Abend überschattete waren die sächsischen Verhältnisse.

Olaf Schubert zitierte in einem Witz die Zeichnung des ertrunkenen Jungen am Mittelmeerstrand in Charlie Hebdo. Er hatte ein Foto mit zwei dunkelhäutigen Kindern und sagte etwas in der Art: „Hier, das sind die Kanackenkinder, wenn die klein sind, sind die ja ganz süß…aber wenn die groß werden…“. Lachen im Publikum. Den beiden Herren vor mir gefiel dieser Scherz ganz besonders gut. Es waren dieselben Herren, die in der Pause die meiste Zeit damit verbrachten auf einer Bautzner Nazi-Seite auf Facebook zu surfen.

So wusste ich spätestens nach der Pause, wer da mit mir lachte. Wobei mein Lachen immer öfter auf dem Weg zum Kehlkopf stecken blieb. Spätestens als Olaf Schubert über die Herkunft von schlechten Zigaretten sinnierte, war klar, dass es sich bei ihm auch um ein sächsisches Urgestein handelt. Denn, so klärte er auf, Zigaretten gebe es bei den „Tschechenfidschis“, den „Polenfidschis“ und den „Rumänienfidschis“. Keine Pointe. Trotzdem ein brüllender Saal. Willkommen in Sachsen.

Dass „der Tod“ mit seinem Scherz, PEGIDA-Demonstranten gerne auf Arabisch begrüße, nur vereinzelten Applaus erntete, war da nur das i-Tüpfelchen dieses peinlichen Stelldicheins sächsischen Kleingeists.

Am Samstag war Zeit für Jochen Malmsheimer und Uwe Rössler, dem riskantesten Kartenkauf. Was soll ich sagen, „Zwei Füße für ein Halleluja – Mit einem Regenten unterwegs.“ war großartig! Malmsheimer hatte sichtlich Spaß am gemeinsamen Spiel mit Uwe Rössler, der musikalische Pointen setzte. Dabei schaffte es Malmsheimer, Heinrich IV. zum Leben zu erwecken, in die heutige Sprache zu überführen und meine Abdominalmuskulatur an ihre Kapazitätsgrenze zu bringen. Anschauen!

Am Sonntag sagte meine Begleitung „Nicht das typische Scheunenpublikum…“. Ja, das stimmte, so unkaukasisch wie am Sonntag Abend habe ich es in der Scheune, ja irgendwo in Dresden, noch nicht erlebt. Als wäre ich zurück in Aachen, herrlich!
Aus dem Saal drang lauter Bass. Dass ich nicht mehr zur „jungen Generation“ gehöre, wurde an der Entscheidung deutlich, vor „dem Lärm“ zu flüchten, bis die Show beginnt. In fünf Jahren gehe ich dann zum DJ und frage, ob das wirklich so laut sein muss?

Auf dem Programm stand „Rebell Comedy„! Und was in NRW vielleicht normaler Bühnenalltag ist, kam in Dresden einem Erdbeben gleich. Die Souveränität mit der die Künstler aus verschieden Kulturen schöpfend vor den Augen des Dresdner Publikums etwas Neues erschufen, war Balsam auf meine neusächsische Seele. Und dem Rest des Publikums schien es ähnlich zu gehen. Lachen und Applaus wirkten befreit: so also kann sich Normalität in Deutschland anfühlen. So ist das, wenn „die anderen“ zum „wir“ werden, weil wir alle gleich sind. So wie der 13 Jahre alte Junge, der bei seinem ersten Urlaub im Iran erfahren muss, dass er „deutscher“ ist, als er angenommen hatte. Oder der Sohn, der sich beim Elternsprechtag über die sprachlichen Unzulänglichkeiten seines Vaters lustig macht. Wie es sich für Jugendliche gehört, die Autonom werden. Gleichzeitig erklärt er jedoch etwas über die Unterschiede deutscher und arabischer Grammatik und plötzlich wird klar, warum „die“ so komisch sprechen.

Es ist nämlich gar nicht so, dass „man nichts mehr sagen darf“ oder „gleich in die Rechte Ecke“ gestellt wird, wenn man etwas „politisch nicht korrektes“ äußert. Nur wenn man etwas politisch unkorrektes sagt, weil man Rechts ist, passiert einem das. Der Unterschied liegt nicht immer in den Worten aber immer in der zu Haltung.

Mir haben Benaissa Lamroubal, Ususmango, Pu, Khalid Bounouar, Hany Siam, Alain Frei und Özcan Cosar (leider war die einzige auf dem Plakat sichtbare Dame, Anissa Amani, in Dresden nicht anwesend. Typisch Moslems!!!elf1!) neben vielem Lachen, ein paar Stunden mit dem Gefühl verschafft, wie schön das Zusammenleben in diesem Land sein kann. Rebell Comedy zeigte im Tal der Ahnungslosen das Potential der real existierenden Demokratie in Deutschland. Danke dafür!

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