Morgenandacht – Achtung Logikfalle

Ein zugleich humoristischer und aufregender Start in den Tag ist die Morgenandacht im Radio. Beglückt werden damit täglich Menschen jeglicher Weltanschauung (außer Sonntag, da ist Messe). Die beiden großen christlichen Konfessionen teilen sich den Sendeplatz.

Am Samstag sinnierte Pfarrer Markus Karsch aus St. Wendel über Ostern und wie das Leben so spielt. „Was wäre“, fragt er seine Frau, „wenn wir damals nicht zusammengekommen wären?“ “Dann wäre ich heute glücklich verheiratet“ antwortet diese. Witzig.

Nach diesem einleitenden Scherz macht sich der Gottesmann ernsthafte Gedanken. Er überlegt, welche Folgen das Leben Jesu hatte. Insbesondere macht er sich Gedanken darüber, wie es wohl gekommen wäre, wenn Joseph und Maria nicht nach dem Hinweis eines Engels als Flüchtlinge ihr Kind vor der Ermordung durch Herodes Schergen in Sicherheit gebracht hätten. Flüchtling zu sein, sei bereits damals sicher nicht leicht gewesen, hätte doch jeder an Moses Flucht aus Ägypten gedacht.

„Auch damals wird es MisstrauenFlüchtlingen gegenüber gegeben haben. Schon aus der Geschichte heraus: der Auszug von Gottes Volk aus der Sklaverei im Ägyptenland. Damals schon eine alte Legende. Aber sie verursachte bestimmt noch immer Unbehagen vor umherziehenden Menschen, stelle ich mir vor.“

Moses wird in der populären Kultur häufig in der Zeit Ramses II. verortet. Das wären 1300 Jahre vor Jesu Geburt. Da haben also die Menschen in einer römischen Provinz nichts besseres zu tun als über ein Ereignis nachzudenken, welches 1300 Jahre vorher stattgefunden haben soll? In der Zwischenzeit ist vermutlich sonst nicht viel passiert. Steht ja nicht in der Bibel.

Kurz: Maria und Joseph hatten es schwer und haben Jesus in Sicherheit gebracht. Wenn sie das nicht gemacht hätten, wäre er nie gekreuzigt worden und nie auferstanden. Es gäbe keine Christen! Und Pfarrer Karsch hätte uns nicht mit seinen Gedanken beglücken dürfen. Er wäre auch kein Pfarrer, denn es gäbe keine Kirche, wenn es Jesus nicht gegeben hätte.

Dass es keine historischen Belege für den Kindermordenden Herodes gibt, ist geschenkt, es gibt genug Gründe zu flüchten. Dass niemand weiß, ob Moses je existiert hat und es keine Hinweise auf den Auszug der „Israelisten“ aus Ägypten gibt, kann mal passieren. Blöd ist allerdings, dass es wahrscheinlich ist, dass es die historische Figur „Jesus von Nazareth“ nie gegeben hat. Es scheint also, dass genau das zutrifft, was Pfarrer Karsch so froh abstreitet. Trotzdem gibt es die Kirche. Trotzdem darf mir ein Pfarrer am Samstag Morgen die Zeit stehlen.

Wenn ich erfahren, dass Menschen, deren Ansichten ich schätze, nicht existiert hätten, bringt mich das nicht in eine tiefe Sinnkrise. Ich wäre höchstens verwundert, welcher Schauspieler Christopher Hitchens wohl dargestellt hat. Die Ideen dieser Personen wären aber nicht mehr oder weniger wertvoll für mich. Die von Ihnen vertretenden Werte wären mir genauso wichtig.

Bei Pfarrer Karsch scheint das anders zu sein. Zieht doch Jesus seine Autorität daraus, der „Sohn Gottes“ zu sein. Wichtig sind nicht die Idee, sondern wer sie gesagt hat. Ich finde das beunruhigend. Was passiert, wenn heute jemand eine Mehrzahl von Christen davon überzeugen könnte, er (oder sie? eher nicht) sei der Sohn Gottes und die großen Kirchen hätten seine Botschaft missverstanden? Was, wenn er sagt, wer ins Himmelreich will, müsse alle gottlosen Personen aus dem Leben befördern? Wer von Gottes Weisheit und Größe überzeugt ist, müsste danach handeln. Ich müsste nicht anders handeln, wenn Hitchens zurück kommt und sagt, ich hätte ihn falsch verstanden.

Wenn also Jesus zurückkommt und alle ihn missverstanden haben, dann Gnade uns Gott.

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