Archiv der Kategorie: Blog

Stresstest beim Psychiater

Der neue Psychcast ist da (schon etwas länger, aber ich habe ihn gerade erst zeitsouverän gehört). Jan Dreher und Alexander Kugelstadt stellen ihre beliebtesten Psychomythen vor. Spaß haben die beiden an Geräuscheffekten, mit der sie ihre Aussagen untermalen. Ich auch. Eine sehr kurzweilige Sendung, auch für Menschen, die keine Psyche haben.

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Kein Löschen! Kein Vergessen!

Politiker und Personen des öffentlichen Lebens fordern in den letzten Wochen vermehrt die Löschung menschenfeindlicher Kommentare bei Facebook. Ich halte das für falsch. Wenn die Kommentare gelöscht sind, bestehen die Einstellungen, die sie hervorgebracht haben weiter. Die Kommentare sind nur das Symptom.

Wer jetzt mit großem Aufwand versucht, hässliche Kommentare zu löschen, ist weniger daran interessiert, das Problem zu lösen. Es geht darum, dass wieder Ruhe im Karton ist. Man möchte sich wieder der Illusion hingeben, alles sei in Ordnung. Es ist aber nicht alles in Ordnung.

Wenn die PEGIDA etwas Positives bewirkt haben, dann, dass sich all die Menschen mit hässlichen Meinungen jetzt zeigen. Jetzt wissen wir endlich, wie groß das Problem ist. Das mag uns nicht schmecken und uns erschrecken. Doch es ist die Realität. Teile der deutschen Bevölkerung haben sich zur Kenntlichkeit entstellt. Lasst sie stehen all die verstörenden Gewaltfantasien und ekeligen Tiervergleiche. Jeder soll nachvollziehen können, wer sie von sich gibt.

Jetzt geht es darum, zu zeigen, dass sie nicht die Mehrheit darstellen. Es geht darum, dagegen zu halten. Es geht auch darum, zu versuchen sie zu überzeugen. Das mag nur selten glücken, doch indem wir sie verteidigen, müssen wir unsere eigene Position immer wieder hinterfragen und schärfen damit unsere Argumente.

Gefährlich sind auch nicht die offensichtlich abwertenden Kommentare. Gefährlich sind die als gemäßigt daherkommenden Äußerungen:“Man wird doch noch mal sagen dürfen…“ „Ich …. aber….“. Hier sickert das braune Gedankenschlecht langsam in unsere Mitte und verändert unseren Blick auf die Welt, ohne dass wir es merken. Wir sollten uns alle fragen: Wo ist meine Meinung schon anschlussfähig?

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Esoterik und psychische Gesundheit

Durch die fleißige Arbeit von Andreas Weimann im Hintergrund, ist nun auch mein Vortrag der diesjährigen Skepkon auf Youtube verfügbar. Ich versuchte darzulegen, warum Menschen, die irrationalen Ideen anhängen nicht „verrückt“ sein müssen. Unabhängig davon, wie abgefahren anderen die Idee erscheinen kann. Im kommenden Skeptiker (03/15) ist ein Text zum Thema geplant.

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Osteopathie im Dialog

[Durch meinen Artikel in der Sächsischen Zeitung habe ich ein paar Zuschriften bekommen. Einige davon werde ich an dieser Stelle, mit Erlaubnis, veröffentlichen und Kommentieren. Die Mail habe ich (fast) ungekürzt veröffentlicht aber nicht auf jeden Punkt geantwortet. Hier schreibt jemand der/die osteopathisch Tätig ist]

vielen Dank für Ihren kürzlich erschienenen Artikel aus der SZ.Ich begann ihn mit großem Interesse zu lesen, doch im laufe des Lesens verebbte es und für den Schluss musste ich mich regelrecht durchringen den Artikel nicht aus der Hand zu legen.Es ist das schüren der alten Feindschaft zwischen Schul,- und Alternativ,- oder Komplementärmedizinern was bei mir Unverständnis und die Frage nach dem Warum aufwirft.

Es veranlasst mich diese Mail an sie zu verfassen.

Ich hege keine Feindschaft. Viele Menschen die Methoden anbieten, die ich ablehne sind mir sehr sympathisch. Mir geht es um die Kritik an Ideen, die bei mir in diesem Fall mit einer gewissen Leidenschaft angebracht wird. Eine kleine Anmerkung: Es gibt keine Schulmedizin. Es gibt Medizin die wirkt. Schulmedizin in als abwertender Begriff eingeführt worden.

Ich bin Osteopath, also eine der Berufsgruppen die Sie mit Geistheilern und Schamanen in einem Atemzug in Ihrem Artikel erwähnen.

Das ist eher dem Format geschuldet. Die Themen wurden durch die Zeitung vorgeben und ich hatte nur einen Text in dem ich alles unterbringen musste. Osteopathen sehe ich differenzierter als Geistheiler.

Sie sprechen von Aternativmedizin, ich sehe mich eher als der Komplementärmedizin angehörig.

Da es keine Definition von Alternativmedizin oder Complementärmedizin gibt und die eigenbezeichnung oft Complementary and alternative medicine (CAM) ist, hat das lediglich für ihr therapeutisches Selbstverständnis Relevanz.

In meiner Praxis behandle ich regelmäßig recht erfolgreich Patienten, deren Leiden zum Teil von der Schulmedizin nicht oder nur ungenügend erkannt oder einer erfolgreichen Behandlung zugeführt werden können.

Dazu nur kurz ein Link zu einer Sammlung von Möglichkeiten, warum, eine Behandlung zu wirken scheint obwohl sie nicht wirkt. Damit möchte ich nicht sagen, dass das auf ihre Behandlungen zutrifft, dazu habe ich weder den Anlass, noch die Kompetenz noch die Daten 🙂

Be – hand – lung schon im Wortstamm spielt die Hand eine große Rolle, die allerdings in der heutigen medizinischen Praxis eine weniger wichtige Position einnimmt da kaum ein Patient sich entkleiden braucht respektive manuell exploriert werden wird.

In meinem Studium habe ich gelernt, die körperliche Untersuchung gehört zu einer Behandlung. Das wird sicher aus ökonomischen Gründen in der Praxis eher pragmatisch gehandhabt. Allerdings möchte ich mich auch nicht bei jedem Schnupfen ausziehen. Letztlich ist das ihre Ansicht, ich wäre interessiert, ob das mit Daten zu unterfüttern ist.

Warum auch, in einem Zeitalter in dem die medizinische Diagnostik sich größtenteils auf Apparate stützt und die „Behandlung“ entweder iatrochemisch medikamentös oder Iatromechanisch per Operation erfolgt ist die Hand als Diagnostikum auch nicht von Nöten.

Die Diagnostik stützt sich auf verschiedene Säulen: Anamnese (!!!), klinische Untersuchung, Laboruntersuchungen und Bildgebung. Oft in der Reihenfolge. Dabei geht man pragmatisch und nach Dringlichkeit vor. Bei Verdacht auf einen Herzinfarkt mache ich keine vollständige klinische Untersuchung, weil die Gefahr besteht, dass der Patient deren Ende nicht mehr erlebt.

Unsere Sinne wie Hören, Sehen, Fühlen, unsere Stärke Erfahrung in den Untersuchungsprozess mit einzubinden, eine Hypothese zu erstellen sie weiter bin zu einer Diagnose zu verfolgen, das ist es doch was den Mediziner ausmachen sollte.

So wurde es mich gelehrt und so erlebe ich es.

Zeit, spielt dabei eine wesentliche Rolle und nicht nur das vergleichen von Werten.

Zeit spielt eine Rolle, manchmal hat man keine.

Mir begegnen immer häufiger Patienten die sich von Ihrem Arzt nicht wahrgenommen, ungenügend untersucht oder auch nicht ernst genommen fühlen.

Das ist ein Problem. Aber, dass sich jemand ungenügend xxx fühlt, bedeutet nicht, dass das der Wirklichkeit entspricht. Es bedeutet in jedem Fall, dass es ein Kommunikationsproblem zwischen Arzt und Patient gibt.

Die Bemerkung „er hat gar nicht mit mir geredet“ ist nichts neues.

Das glaube ich Ihnen gern. Das hat allerdings keinen Einfluss auf die Wirkung oder Nichtwirkung von Alternativmedizin. Probleme im Medizinbetrieb können nicht als Rechtfertigung für wirkungslose Methoden dienen.

Kann es sein das sich die Ärzteschaft selbst abschafft?

Ich glaube nicht.

Gold Standards in der apparativen Diagnostik,

Wenn die eingehalten würden, gäbe es nicht so viele unnötige Untersuchungen.

Behandlungsregime auf Medikamentöser oder Operativer Ebene,

Standards retten leben, dass „jeder“ macht, was er will, es besser weiß, ist das Problem.

 ein Betriebswirt an der Spitze eines Krankenhauses der den pekuniären Aspekt fest im Blick behält. 

In der Tat, das stört mich ebenfalls sehr. Aber auch das spricht nicht für die Wirkung oder Nichtwirkung irgendeiner Methode. Es ist vielmehr eine komplexe gesellschaftliche und politische Aufgabe.

Da brauch es lediglich noch den Diagnostik Roboter.der dem Patienten seine Diagnose stellt die dann behandelt wird.so wie es heut auch in den meisten Praxen gehandhabt wird. Warum verliert denn die Schulmedizin in den Augen der Patienten an Wert, lesen sie doch einmal aktuelle Umfragen. 

http://www.aerzteblatt.de/archiv/162906/Umfrage-der-Techniker-Krankenkasse-Die-meisten-Versicherten-sind-mit-ihren-Aerzten-zufrieden?src=search (zugeben, das ist ein schwache Quelle ;-))

Handlanger der Pharmaindustrie, der Medizingerätehersteller und unter der Knute der Betriebswirtschaft.ich möchte kein Arzt in der heutigen Zeit sein. Wo bleibt die Selbstbestimmung? Den wachsenden Unmut bekommen dann die Patienten zu spüren.

Die meisten KollegInnen sind mit der Situation ähnlich unzufrieden und können dies den Patienten gegenüber auch artikulieren. Die meisten Patienten lasten die Verhältnisse weder ihrem Arzt, noch der „Schulmedizin“ an.

Ich würde mir wünschen das die Schulmedizin sich runderneuert, Ihren Stellenwert wieder herstellt, wieder gesundet und sich von den Parasiten befreit. Selbstbestimmt und sicher Ihren Weg geht, denn dann kann man auch andere „Alternative“ oder Komplementäre Heilverfahren neben Ihr stehen lassen ohne sie und sich verbal in Zeitungsartikeln zu disqualifizieren.

Alternativmedizin stellt für mich und die meisten KollegInnen keine Bedrohung dar. Wenn ich keine besseren Ergebnisse erziele als ein Placeboverfahren, sollte ich mir ohnehin ernsthaft fragen stellen. Wieso sollte ich mich durch etwas bedroht fühlen, was ich in Dresden von diversen Anbietern in wenigen Stunden lernen kann? Ich könnte mir das leben deutlich einfacher machen, wenn ich einfach Globuli verabreiche, wenn jemand das wünscht.

Ich arbeite im übrigen recht gut mit einer Handvoll Medizinern zusammen, Voraussetzung ist natürlich der respektvolle Umgang, die Anerkennung der eigenen Grenzen und ein gemeinsames Ziel. Es würde allen gut tun sich etwas weniger wichtig zu nehmen und dafür den Focus wieder auf den Patienten zu legen.

Da wir uns nicht persönlich kennen und sie mich nicht gefragt haben, halte ich es für angebracht, wenn Sie über mein Innenleben keine Spekulationen anstellen.

In diesem Sinne, wünsche ich eine gesunde Meinungsfindung wenn es wieder einmal heisst, die Schulmedizin im Kontext der Heilverfahren.

Danke, es handelt sich aber nicht um eine Meinung (auch wenn die Rubrik in der SZ das suggeriert) sondern um den Stand der aktuellen Forschung in dem Bereich. Sollte die sich ändern, ändert sich auch meine Meinung.


Und ich habe auch eine Antwort bekommen:

vielen Dank für Ihre prompte Reaktion auf meine Mail.
Es ist wie ich es befürchtet hatte, in der Sicht auf die Dinge teilen wir leider kein Alphabet.

Sie sind einfach nur Arzt, ich bin einfach nur Osteopath.

Als Dozent in der Ausbildung von Osteopathen habe ich auch gelegentlich Studenten aus Ihrer Profession (frische oder gestandene Mediziner) vor mir sitzen, es ist erstaunlich welche Entwicklung in den fünf Jahren Osteopathiestudium sie durchmachen.
Anfangs recht reserviert, sich eine Meinung bildend, später mehr und mehr hinterfragend und auch sich selbst und das eigene Tun mit dem neuen Wissen vergleichend und entdeckend das die Wahrheit doch irgendwo
dazwischen liegt.
Schwer zu verstehen das die Hand als Werkzeug so filigran agieren kann, ja das selbst kleinste Unterschiede in der Konsistenz von Geweben, Bewegungen und Rhythmen wahrgenommen werden können.
Das erfordert lange lange Übung, vor allem aber das Vertrauen in das eigene Tun, die genaue Kenntnis der Anatomie und der Physiologie, das verstehen von Adaptation, Ontogenese und Phylogenese des Menschen.

George Finet und Christian Willame haben in einer Studie die seit den 80er Jahren Patienten untersucht und noch immer andauert, nachgewiesen das Organe sich bewegen, einem Atemrhytmus folgen (Lungenatmung)
einer Körperbewegung folgen, aber auch ein embryologisches Bewegungsgedächtniss haben.

Matrix, Grundsubstanz, Kommunikation des neuronalen Netzwerkes, Faszien die von glatten Muskelfasern durchzogen, Organe, Muskeln, Gefäßstrassen bildend immunologisch arbeitend und auf das autonome Nervensystem hörend…alles Dinge
die in der Ausbildung von Medizinern nur am Rande wenn überhaupt behandelt werden…aber nachgewiesen wurden und existieren.( Robert Schleipp)

Nein es tut mir nicht leid Ihnen geschrieben zu haben, es hat seinen Grund und es wird seine Wirkung entfalten.
Ach und bitte führen sie nicht das Ärzteblatt an, das ist wie die Betriebszeitung für Siemens Angehörige, wenn eine Krankenkasse eine Befragung startet und sie den Leuten vorlegt denen sie im nächsten Quartal evtl. Regresszahlungen aufmacht…das ist
für mich nicht Seriös, sorry.
Hm und war nicht die TKK die erste Kasse die ihren Versicherten osteopathische Behandlungen subventionierte? Auch wenn es ein klasse Marketing Streich war….

Gut, ob ein Link zur Ärztezeitung zu einer Umfrage nun „unseriös“ ist, weiß ich nicht. Wenn man sich die Daten betrachtet, muss man auf jeden Fall Interessenskonflikte bedenken. Allerdings wäre die angemessene Antwort gewesen, eine Quelle zu bieten, welche die Angaben der TKK-Umfrage widerlegen kann.

Das Fach Osteopathie muss man sicher differenziert betrachten. Edzard Ernst schreibt in seinem Buch „Was kann die Alternativmedizin?“, dass es in der Osteopathie Gruppen gibt, die sich eher dogmatisch an die reine Lehre halten und andere, die Versuchen, die Methoden empirisch zu belegen. Letztere Gruppe kann das Fach sicher weiter bringen und Patienten nutzen. Langfristig wird sich die eine Gruppe entscheiden müssen, ob sie noch mit der anderen Gruppe gemeinsam betrachtet werden möchte. Sicher zu den magischen Methoden kann man die Craniosacraltherapie zählen. Achtung, jetzt kommt ein Eigenzitat:

Craniosacrale-Therapie
Vorwissenschaftliche Methode der Osteopathie. Schädelnähte erinnerten den Osteopathen Sutherland Anfang des 20. Jahrhunderts an Fischkie- men und er postulierte, sie dienten der Atmung. Dieses als „craniosacraler Rhythmus“ bezeichnete Phänomen wollen Therapeuten anhand von Bewegungen der Schädelknochen gegeneinander spüren. Diese sind möglich, jedoch so gering, dass menschliche Sinneszellen sie nicht „auflösen“ können. Bei einem Test 1994 waren die von Therapeuten getroffenen Aussagen nicht replizierbar, nicht einmal vom selben Therapeuten, beim selben Patienten.“ Quelle

Ich war übrigens selbst schon bei einer Osteopathin und ich denke, ihre Behandlung und Beratung hat mir geholfen. Allerdings war sie auch Physiotherapeutin. Und das wäre mein Rat an jeden, der zu einem Osteopathen geht, nämlich darauf zu achten, dass es sich um eineN PhysiotherapeutIn handelt.

Vielen Dank an den/die AutorIn für die Rückmeldung.

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Wenn die Zahnfee zweimal klingelt.

Dr. Johannes ist Arzt in Weiterbildung in Hamburg, hatten einen ziemlich beeindruckenden Lebenslauf und ist ein Workaholic. Letzteres ist meine Vermutung, wenn ich mir seine Produktion an Tweets und Videos anschaue. Ich schaffe es gar nicht alle Videos zu schauen, die er dreht. Letztens ab doch und das unter anderem auch, weil ich ob des Titels etwas skeptisch war:

Warum immer im Urlaub krank?

Darin versucht Dr. Johannes zu erklären, woran es liegt, dass man ständig vor dem Urlaub krank wird. Wen die Erklärung interessiert, sei auf das Video verwiesen (Spoiler: Immunsystem). Als Beleg, dass dieses Phänomen existiert erwähnt er auch den Begriff „Leisure Sickness“ aus dem englischsprachigen Raum. Dazu später. Nun gibt es ja viele Hypothesen zum Zusammenhang zwischen Psyche und Immunsystem. Eine nannte der Hohepriester der Vulgärpsychosomatik Rüdiger Dahlke (auch Arzt) auf seinem von mir besuchten Vortrag: „Wer (frisch) verliebt ist, wird nicht krank.“ Alle nicken. Ich auch, bis ich a) Medizin studierte und b) frisch verliebt einen fetten Schnupfen bekam. Das war wohl die Ausnahme von der Regel?

Eher nicht, ein Schnupfen ist eine Infektionskrankheit und ein Virus kümmert es nicht, ob ich verliebt bin oder nicht. Und meine Immunsystem bildet nicht extra Antikörper, nur weil ich verliebt bin (nur die durch den Austausch von Körperflüssigkeit bedingten). Alles in allem, klingt das also eher unplausibel.

Bevor ich untersuche, wie ein Phänomen entsteht, muss ich erst mal feststellen, ob es das Phänomen überhaupt gibt. Alles andere ist „Toothfairyscience„. Also habe ich Google Scholar angeschmissen und nach „Leisure Sickness“ gesucht. Viel gab es nicht, einigermaßen aktuell schien mir: „Leisure Sickness“ von Vingerhoets et. al, 2002 veröffentlicht in „Psychotherapy and Psychosomatics“. Ca. 3% (1) gaben an (2), sich am Wochenende und im Urlaub häufiger krank zu fühlen (3) als in der Woche.

(1) 3% erscheint mir nicht sehr viel, wenn man sich überlegt, dass Wochenende und Urlaub zusammen ca, 30% des Jahres ausmachen. Wenn man davon ausgeht, dass an jedem Tag die Wahrscheinlichkeit krank zu werden ungefähr gleich ist, ist es nicht anders zu erwarten, dass einige Menschen durch Zufall an arbeitsfreien Tagen eher krank werden, als an Arbeitstagen. Die Frage ist, ob das ein Statistisch signifikanter Unterschied ist? Dazu kann ich nichts finden und bin selbst leider nicht bewandert genug, um das auszurechnen 🙂

(2) Die Personen wurden retrospektiv befragt, ob sie sich krank gefühlt hätten. Es ist nicht unplausibel, dass ein Kopfschmerz, den man beim arbeiten gut ignorieren kann, einem das Wochenende „versaut“. Tendenziell wird man sich dann eher an das versaute Wochenende erinnern als an die Arbeit. „Confirmation Bias“ nennt man das auch.

(3) Sie gaben eine ganze Reihe von Symptomen und Krankheiten an, die meisten ziemlich unspezifisch.: Kopfschmerzen, Schwäche, Muskelschmerzen, Mangel an Energie, Übelkeit, Rückenprobleme. Das sind ziemlich alltägliche Symptome. Die Frage wäre auch, ob man schon als „krank“ gilt, wenn man eines dieser Symptome hat. Das Problem ist, dass jeder sich ab einem unterschiedlichen Grad „krank“ fühlt. Das müsste erst mal definiert werden. Dazu schreiben die Autoren aber nichts.

Bevor wir das Problem besprechen, warum man „immer“ vor dem Urlaub krank wird, sollten wir erst mal herausfinden, ob das überhaupt stimmt. Aber solche Mythen (ich traue mich jetzt mal, das so zu nennen) sind sehr langlebig. In jeder Notaufnahme/Geburtsabteilung wird man Personal finden, welches davon überzeugt ist, bei Vollmond sei das Patientenaufkommen höher, obwohl das nicht so ist (und es leicht zu überprüfen wäre :-))

Das alles ändert nichts daran, dass die Hinweise zur Stressreduktion am Video sicher nicht die schlechtesten sind.

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Hier wird noch etwas gewerkelt, in den nächsten Tagen sollte es aber losgehen.

Thematisiert wird hier der Mensch, seine Gesundheit und deren Abwesenheit und alles drumherum. Ab und an auch etwas ganz anderes.

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