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Filmkritik – A Man Made epidemic

[Ich habe ein Vorurteil. Dieses Vorurteil lautet: Hebammen sind gegen das Impfen. Die einen mehr, die anderen weniger. Die weniger radikalen sprechen sich für die „individuelle Impfentscheidung aus. Die radikalen wollen der Natur vollkommen ihren Lauf lassen (dabei unterscheidet sich die individuelle Impfentscheidung nur marginal von diesem Konzept, doch ich vermute das wissen die weniger radikalen Hebammen nicht). Darum geht vermutlich, neben „Vaxxed“ auch „A Man Made Epidemic“ durch die Hände der Hebammen und damit wiederum durch die Hände werdender Eltern. Den Schaden, den Frau Beer mit dieser Aneinanderreihung von Missinformation anrichten kann, überblickt sie vermutlich selbst nicht. Aufgrund dieses Vorurteils schreibe ich einen offenen Brief an alle Hebammen, die Eltern, die sich ihnen anvertrauen diesen Film ans Herz gelegt haben.]

Liebe Hebammen,

es hat einige Zeit gedauert, doch jetzt habe ich endlich die Gelegenheit, über den Film zu schreiben. Bevor ich mich den Einzelheiten widme, ist es mir wichtig, noch etwas Grundsätzliches zu sagen: Ich denke im Kern geht es bei der Frage „Wie stehe ich zu Impfungen“ um Vertrauen. Viele der Quellen die ich nutze, stammen von staatlich initiierten oder finanzierten Institutionen oder Ämtern. Deren Aufgabe ist es, Gefahren für die Bürger frühzeitig abzuwenden. Irrtümer immer vorbehalten, geht es um die Frage, ob wir diesen Institutionen vertrauen. Ob man grundsätzlich der Meinung ist, dass die Menschen, die dort arbeiten, sich im Kern nicht von uns allen unterscheiden und gute Intentionen haben. Oder ob man der Ansicht ist, dort arbeiten (1000e) sinistre Gestalten, die über Leichen gehen. Ob man davon ausgeht, dass sie ihre Arbeit gut machen wollen und ihre Arbeit darin sehen, uns alle vor unnötigen Gefahren zu bewahren (soweit möglich). Für mich geht diese Frage an den Kern unserer Demokratie. Diese Institutionen basieren letztlich auf Entscheidungen von Menschen, die wir gewählt haben. Mir liegt fern, Entscheidungen dieser Institution kritiklos hinzunehmen, doch wenn ich kein grundsätzliches Vertrauen in sie habe, fällt jegliche Diskussionsgrundlage weg und damit ein Teil des Fundaments unserer Gesellschaft. Dann ist alles Meinung und jedeR auf sich gestellt. Insofern ist die Diskussion über den Nutzen oder Schaden vom Impfungen auch immer politisch.

Und jetzt zum Film:

Einleitung

Die Grundthese des Filmes würde ich so beschreiben: Einflüsse denen wir aufgrund unseres „modernen“ Lebens ausgesetzt sind, verursachen Autismus. Diese These hat ihren Ursprung in der Beobachtung steigender Anzahl von Autismus. Im Film wird die Behauptung aufgestellt, aktuell hätte eines von 35 Kinder Autismus. Im Jahre 2025 hätte jedes zweite Kind Autismus. Die postulierte Steigerung der Fallzahlen wird auf Impfungen, Glyphosat, Handystrahlung und GMO zurückgeführt, wobei den größten Teil des Filmes das Thema Impfungen beansprucht.

Ein Großteil der Steigerung lässt sich jedoch allein durch bessere Diagnostik und Erweiterung der Diagnosekriterien erklären 1. Bekannte Faktoren für die Erhöhung des Autismusrisikos sind, neben genetischen Faktoren, hohes Alter der Eltern, Infektionen in der Schwangerschaft (u.a. Röteln), Frühgeburtlichkeit und bestimmte Medikamente2. Im Grunde wäre damit der Rest des Filmes hinfällig und es spricht nicht für die Recherche von Natalie Beer, dass sie diese Überlegungen im Film nicht mal erwähnt.

Wakefield

Da Andrew Wakefield viel Raum in dem Film bekommt, werde ich auch noch einmal auf ihn eingehen. Insbesondere hinterfrage ich seine Glaubwürdigkeit. Er glaubt sicher mittlerweile was er sagt aber, wenn auf die Interessenskonflikte, von Mitgliedern der STIKO thematisiert wurden (insbesondere im Zusammenhang mit der Einführung der HPV-Impfung), in Diskussionen über Impfungen hingewiesen wird, sollte auch Interessenkonflikte von Wakefield hingewiesen werden. Und die sind enorm. Wakefield hat seine Studiendaten gefälscht: In den Gewebeproben, die er den Kindern im Rahmen einer Darmspiegelung entnahm, waren keine Masernviren zu finden (Aussage eines Laborassistenten, der die Proben direkt danach bearbeitet hatte). Trotzdem wird das in der – mittlerweile zurückgezogenen Arbeit – behauptet. In der Arbeit steht, die Symptome des Autismus seien maximal 7 Tage nach der Impfung aufgetaucht. Es gibt jedoch nachweislich Fälle in denen die Symptome erst mehrere Monate nach der Impfung auftauchten sowie mindestens einen Fall in dem die Symptome bereits vorher vorhanden waren. Ein Kind taucht in der Studie gar nicht auf (mindestens 13 Kinder wurden untersucht, 12 werden in der Studie erwähnt). Wakefield hat bereits seit 1993  zu einem Zusammenhang zwischen Masernimpfung und Magen-Darm-Erkrankungen geforscht. Das ist an sich vollkommen legitim. Allerdings hatte er ein Patent für einen diagnostischen Test sowie ein Patent für einen Einzelimpfstoff für Masern (er behauptete immer, nur die Dreifachimpfung Masern/Mumps/Röteln mache die Probleme). Das bedeutet, dass zukünftige Einnahmen (die von Wakefield auf mehrere Millionen geschätzt wurden) von den Ergebnissen der Studie abhingen. Das ist ein Interessenkonflikt, den Wakefield nicht öffentlich gemacht hat und bis heute als unproblematisch bewertet. Wakefield stellt es in dem Film so dar, als sei er ein Einzelkämpfer gewesen und hätte keine Unterstützung bei seinen Forschungen erhalten. Die Universität hat Wakefield jedoch lange unterstützt. Für die Reaktion nach der ersten Pressekonferenz, in der die Ergebnisse („MMR-Impfung macht autistische Enterokolitis) vorgestellt wurde, wurden extra Telefone geschaltet, um Anfragen bewältigen zu können. Im Film behauptet Wakefield, er habe nur Geld aus einem Forschungsfond erhalten. Das ist nur teilweise richtig. Wakefield arbeitete mit einem Anwalt zusammen, der Eltern vertrat, welche Impfhersteller verklagen wollten. Der Anwalt brauchte Belege für den Schaden von Impfstoffen um den Prozess zu gewinnen. Für die Forschung, um diese Belege zu liefern, zahlte er Wakefield Geld. Weil diese direkte Art der Bezahlung problematisch ist (Interessenkonflikt) wurde das Geld an die Universität gezahlt, die es wiederum über den Forschungsfond an Wakefield weiter gab. Nach der Veröffentlichung der Studie erhielt Wakefield weitere Gelder. Wakefield wirft Unternehmen vor, Kinder zu impfen um Profit zu machen und deren Schaden in Kauf zu nehmen. Er hat jedoch nachweislich durch seine Studie (unnötigen Untersuchungen) Kindern geschadet und wollte Geld mit seiner Forschung verdienen (was prinzipiell ebenfalls legitim ist, wenn es sich nicht um „alternative Ergebnisse“ handelt). Heute verdient er seinen Lebensunterhalt trotzdem mit der Behandlung und Beratung von Kindern mit Autismus. Nur eben aufgrund falscher Behauptungen. Die „Behandlungen“ die aus den Hypothesen von Wakefield und anderen in dem Film resultieren sind wirkungslos und gefährlich, es gibt nachgewiesene Todesfälle.

Wakefield trägt die Verantwortung für den Rückgang der Impfraten in Teilen Großbritanniens von 95% auf 80% und damit für 10 000e Masernfälle inklusive Todesfällen. Von unnötigen und grausamen „Behandlungen“ von Kindern mit Autismus ganz zu schweigen. Ihn als Anwalt für die Kinder auftreten zu lassen, ist an Zynismus kaum zu toppen.

Natasha Campbell-McBride

Natasha Campbell-McBride tritt in dem Film auf und behauptet, Substanzen die in der Landwirtschaft als Insektizide eingesetzt werden, würden für Autismus verantwortlich sein. Sie ist auch diejenige, die die Zahl 1/35 Kindern habe heute Autismus in die Welt setzt. Sie steht mit ihren im Film gemachten Behauptungen nicht auf dem Boden der Realität. Sie behauptet, dass Substanzen, die für Insekten schädlich sind, auch für Menschen gefährlich sind. Das ist in der Form falsch. Nikotin ist zum Beispiel für Insekten schnell tödlich, Menschen vertragen höhere Dosen. Andere Substanzen haben bei Menschen gar keine Wirkung, wieder andere sind in geringer Dosis tödlich. Die Aussage von Frau Campbell-McBride zeigen eine geringe Sachkenntnis auf. Woher sie ihre Zahlen zu Autismus nimmt (1/35 Kindern) ist unklar, sie ist falsch. Auch die Aussage, dass das Immunsystem nach der Geburt noch nicht richtig funktioniert ist nicht richtig, wenn das so wäre, wären Kinder nicht lebensfähig. Die von Frau Campbell-McBride empfohlene Diät ist nachweislich nicht wirksam für die Kernsymptomatik von Autismus. Was im Film nicht erwähnt wird, ist dass Frau Campbell-McBride selbst Nahrungsmittel verkauft, die als Behandlung der von ihre postulierten Behandlung dienen. Sie profitiert also direkt von der Angst (und der vermeintlichen Lösung, die sie anbieten), die sie schürt. Frau Campbell-McBride behauptet, es gebe kaum Forschung zum angeblichen Zusammenhang von Impfen und Autismus. Das ist glücklicherweise falsch. Es gibt Forschung und die hat gezeigt (PDF), dass es keinen Zusammenhang gibt. Dasselbe gilt für den fehlenden  Zusammenhang von Impfungen (PDF) und weiteren chronischen Erkrankungen.

Herr Troschke

Herr Troschke von der Initiative für Individuellen Impfentscheid behauptet, ebenfalls, das kindliche Immunsystem sei bei Geburt noch unreif. Wissenschaftliche Belege bleibt er schuldig. In einem Interview gab er zu, dass es sich um eine „weltanschauliche“ Ansicht handele. Im Film erwähnt er das nicht. Dort stellt er das so dar, als wäre das ein wissenschaftlicher Fakt. Herr Troschke beurteilt die Reife des kindlichen Immunsystems jedoch als Anthroposoph und nicht als Arzt. Anthroposophie ist eine Weltanschauung die unter anderem davon ausgeht, dass Menschen nicht nur einen „stofflichen“ Körper haben. Laut Rudolf Steiner, dem Gründer der Anthroposophie, bilden sich im Laufe des Lebens bestimmte „feinstoffliche“ Körper (Wesensleiber: Physischer Leib, Astralleib, Etherleib, Ich-Leib). Bis zum siebten Lebensjahr haben Kinder nur den „physischen Leib“, dann bildet sich der Astralleib, mit 14 der Etherleib und mit 21 der Ich-leib. Nach Anthroposophischer Sicht ist man erst dann ein Mensch. Die Reife menschlicher Biologie wird von einem anthroposophischen Arzt darum immer vor allem spirituell eingeschätzt. Und spirituell ist das Immunsystem eines Säuglings eben unreif. Das hat aber keinen Einfluss auf den Erfolg von Impfungen. Ich muss noch ein wenig ausholen, um den Blick von Anthroposophen auf Impfungen und „Kinderkrankheiten“ deutlich zu machen. Ebenfalls Teil der anthroposophischen Lehre ist die Annahme, Menschen würde wiedergeboren. Handlungen und Gedanken und aus einem früheren Leben können Einfluss auf das Karma (und damit auf die Wesensleiber und das Leben des Menschen) haben. Um das Karma wieder in Ordnung (meine Beschreibung) zu bringen, sind bestimmte Erkrankungen aus anthroposophischer Sicht notwendig! Unter anderem Masern. Aus anthroposophischer Sicht können Menschen, die sich im früheren Leben zuviel mit sich selbst beschäftigt haben und zuwenig mit der äußeren Welt, durch Masern wieder „heilen“. Darum sind anthroposophische Ärzte dagegen, Kinder vor dem Jugendalter zu impfen, weil Impfungen die Entwicklung Kinder behindern. Dabei meinen sie jedoch nicht die psychologische Entwicklung sondern die spirituelle. Das wird leider selten von anthroposophischen Ärzten erwähnt.

Auch in diesem Film werden Aussagen von Ärzten, die wissenschaftliche Erkenntnisse darlegen, Aussagen von Ärzten gegenüber gestellt, die sich auf die Aussagen eines 1925 verstorbenen Hellsehers berufen. Ich finde, die Aussagen, sollte man durchaus unterschiedlich bewerten.

Gericht und Autismus

Im Film wird eine Familie aus Italien gezeigt, deren Sohn Autismus hat. Die Eltern haben versucht, per Gericht eine Entschädigung für den Autismus ihres Sohnes zu erhalten. Im Rahmen des Gerichtsverfahrens sollte nachgewiesen werden, dass ihr Sohn (Valentino Bocca) durch eine Impfung Autismus bekommen habe. Dieses Urteil beruhte jedoch vor allem auf den Aussagen von Experten, die sich auf die Arbeit von Wakefield bezogen. Da die Ergebnisse von Wakefield gefälscht waren können die Aussagen der „Experten“ als widerlegt gelten. Das Urteil wurde mittlerweile von einem Gericht in einer höheren Instanz widerrufen.

Aluminium

Im Film wurde die Aussage gemacht, es gebe keinen Grenzwert für Aluminium. Das ist falsch. Das Paul Ehrlich Institut hat zu Aluminiumverbindungen in Impfstoffen letztmalig 2014 Stellung genommen. Es könne an der Einstichstelle in seltenen Fällen zu „Verhärtungen“ kommen, die in der Regel wieder zurückgehen.  Es wird aktuell diskutiert, ob elementares Aluminium an der Entstehung von Alzheimer-Demenz beteiligt ist. Eine Diskussion über eine solange Zeit bedeutet mit hoher Wahrscheinlichkeit, dass ein möglicher Effekt nicht groß ist. Große Effekte lassen sich leicht messen und werden dann nicht mehr diskutiert. Die Symptome bei einer akuten Vergiftung mit elementarem Aluminium haben nur sehr entfernt etwas mit Autismus zu tun. Auch die Symptome einer Demenz sind von Autismus gut zu unterscheiden. Wenn man zur Sicherheit die Aufnahme von Aluminium reduzieren will, sollten aluminiumfreie Pflegeprodukte verwendet und auf Alufolie sowie Alukochgeschirr verzichtet werden. Die Menge an Aluminium in Impfungen ist im Gegensatz dazu äußerst gering.

Thiomersal

Thiomersal ist eine Quecksilberverbindung. Das klingt erst mal beängstigend, dabei vergisst man jedoch schnell, dass Elemente in Molekülen vollkommen andere Eigenschaften haben können als als Element. Auch hat vermutlich niemand Angst vor Meditonsin, worin ebenfalls eine Quecksilberverbindung vorhanden ist. Thiomersal wurde bereits 2001 aus allen Impfstoffen für Kinder entfernt. Dies geschah als Vorsichtsmaßnahme, weil T. seit 1930 in Impfungen verwendet wurde und damals keine Studien gemacht wurden, die heutigen Standards entsprechen. Thiomersal wurde zur Konservierung der Impfstoffe eingeführt. Damals entnahm man den Impfstoff noch aus großen Ampullen. Wenn die Kühlkette unterbrochen wurde, kam es gelegentlich zu Bakterienwachstum in den Ampullen. Die Bakterien wurden dann Kindern injiziert. Außerdem muss gesagt werden, dass die Grenzwerte für Thiomersal (Ethylquecksilber) an denen von Methylquecksilber angelehnt waren. Methylquecksilber ist die Substanz die mit Fisch aufgenommen wird und Menschen vergiften kann. Methylquecksilber bleibt lange im Körper und reichert sich an. Ethylquecksilber hingegen ist nach wenigen Stunden aus dem Körper entfernt und ist darum deutlich weniger schädlich. Doch aufgrund der fehlenden Studien wurde es entfernt.

Wenn (!) Thiomersal mit Autismus zusammenhängen würde, hätte es in den USA nach der Entfernung einen Rückgang von Diagnosen geben müssen. Den gab es nicht.

Unplausible Thesen im Film

Im Film wird behauptet, beim Impfen gehe es nur darum, möglichst viel Geld zu verdienen: Wenn Profit das vorrangige Ziel wäre, würde dieses Ziel besser erreicht werden, wenn nicht mehr geimpft würde. Früher waren die Kinderkliniken voll mit Kindern, die an Keuchhusten, Diphtherie, Maserenzephalitis, Meningokokkensepsis u. v. a. erkrankt waren und zum Teil Wochen im Krankenhaus bleiben mussten (oder dort starben). Eine Erkrankung zieht viele Behandlungen nach sich, die – wenn das das einzige Ziel wäre – deutlich höhere Gewinne bringen würden als Impfungen. Die Gewinne waren in den USA in den 1980ern so gering, dass die Hersteller, nachdem sie einige Klagen verloren hatten (es ging dabei um einen Impfstoff mit relativ hoher Komplikationsrate, der heute nicht mehr hergestellt wird), aufhörten Impfstoffe herzustellen. Darum wurde ein besonderes Gesetz verabschiedet, welches dazu dient, die Hersteller vor übermäßigen Klagerisiken zu schützen und Menschen die durch Impfungen geschädigt wurden zu kompensieren3.

Es gibt eine „Epidemie“ von Autismus: Die Beschreibung von „Autismus“ ist relativ neu. Erstmals tauchte der Begriff 1911 auf, hatte jedoch noch wenig mit unserem heutigen Verständnis der Störung zu tun. In den 1940ern beschrieb Kanner den nach ihm benannten frühkindlichen Autismus. Alle im Film vorgestellten Kindern würden (wahrscheinlich) in diese Kategorie fallen. Asperger faste die Definition von Autismus weiter. Allerdings wurde diese Definition erst in den 1990er Jahren in die relevanten Diagnosebeschreibungen aufgenommen. Man geht davon aus, dass viele Kinder, die heute die Diagnose „Autismus“ erhalten, früher unter dem Begriff „geistig Behindert“ erfasst wurden oder eben gar nicht erkannt. Es findet also zum Teil eine Verschiebung zwischen Diagnosen statt, teils werden Menschen diagnostiziert, die früher nicht erkannt worden wären. Zum Teil erhalten heute Kinder Hilfe, die früher als „schwierig“ gegolten hätten. Es gibt keine Belege für die behauptete Epidemie die Steigerung der Erkrankungszahlen lässt sich ohne Umweltauslöser gut erklären4.

Ich plane einen zweiten Teil, in dem ich auf ein paar weitere Fragen zum Impfen eingehe, die aber nicht direkt etwas mit dem Film zu tun haben.

  1. Explaining the Increase in the Prevalence of Autism Spectrum Disorders
    The Proportion Attributable to Changes in Reporting Practices, Stefan N. Hansen
  2. Autistische Störungen – State-of-the-Art und neuere EntwicklungenEpidemiologie, Ätiologie, Diagnostik und Therapie, Christine M. Freitag
  3. In Deutschland gibt es ein ähnliches Gesetz. Darin heißt es, dass ein Schaden durch eine Impfung nur „wahrscheinlich“ sein muss, um eine Entschädigung zu erhalten. Von 1972 bis 1999 sind die anerkannten Impfschäden von 191 auf 21 pro Jahr zurückgegangen (PDF). Bei mehreren Millionen gegeben Impfdosen ist das eine sehr geringe (wenn auch immer noch zu hohe) Anzahl.
  4. Es gibt eine Gruppe von Menschen, die der Ansicht sind, Autismus sei die nächste Stufe der menschlichen Evolution.

[Update: 07.05.17: An dieser Stelle stand unter „Rausschmeißer“ noch eine spezielle Kritik, die in der Form nicht gut formuliert war, darum habe ich sie wieder entfernt. Eventuell wird sie überarbeitet und im zweiten Teil noch einmal aufgegriffen.]

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Nazimilch

Es ist toll, weiß zu sein! Louis CK hat eine Nummer in der erklärt, wie großartig es ist, ein weißer Mann zu sein. Er meint damit, dass man als weißer Mann zu beinahe jedem Zeitpunkt der Geschichte, an beinahe jedem Punkt der Erde zu der Gruppe von Menschen gehört hätte, der es besser ging als dem Rest. Er meint das als Beschreibung der Wirklichkeit, nicht als ihre Rechtfertigung. Es gibt jedoch Menschen, die meinen das genau so. Die sind der Ansicht, ihre spärlich ausgeprägte Pigmentierung sei äußeres Zeichen einer inneren Überlegenheit gegenüber Menschen mit stärker ausgeprägter Pigmentierung. Bar jeder Kenntnis in Biologie sprechen diese Menschen gern von „Rassen“.

Und, so erfuhr ich kürzlich, sie, die weißen Überlegenen, trinken gerne Milch. Denn Milch ist auch weiß! Und weiß sein ist toll.

In New York hatte Shia LaBeouf, ein Schauspieler, eine Kamera eingerichtet, die eigentlich dazu dienen soll, zu zeigen, dass wir alle Schwestern und Brüder sind. Nackte Affen auf einem kleinen blauen Planeten. Der Platz vor der Kamera wurde von „White Supremasists“ dazu genutzt, ihre spärlich pigmentierten (jedoch Stellenweise künstlich nachpigmentierten) Oberkörper zu präsentieren, um ihrer politischen Botschaft Ausdruck zu verleihen: „Wir sind die besten. Und zwar nicht, weil wir irgendwas besser können als weniger Pigmentierte, sondern WEIL wir spärlich pigmentiert sind.“ Und welches Getränk könnte besser dazu dienen, dieses differenzierte Weltbild zu transportieren als Milch.

Die Herren trinken Milch vor der Kamera. Denn, so die Ansicht dieser Herren, die Tatsache, dass sie als Erwachsene ein Enzym besitzen, welches Laktose in Galactose und Glukose spaltet (Lactaste-Persistenz), sei Beleg dafür, dass sie an der Spitze der Evolution stünden. Prost!

In einem Paper aus Nature ist zu erfahren, dass die Fähigkeit Lactase auch als Erwachsener zu bilden (Kinder können es ohnehin) mit der Mutation einer DNA-Base in der Nähe des Gens für Lactase zu tun hat. Dabei wurde die DNA-Base Cytosin durch Thymin ausgetauscht. Es geht also, bei der Überlegenheit der weißen „Rasse“ um ein (EIN!) Molekül. Ein fragiles Konzept, will beherzt verteidigt sein.

Im selben Paper ist auch zu lesen, dass auch Menschen ohne Lactase-Persistenz Milchprodukte zu sich genommen hätten. Sie hätten lediglich dafür sorgen müssen, den Lactoseanteil in der Nahrung zu reduzieren. Dazu wurde Milch unter anderem zu Käse verarbeitet. Käse herzustellen ist gar nicht so einfach, diese Menschen konnten es bereits vor 8000 Jahren. Damit hatten sie diese Fähigkeit vor dem Zeitpunkt als die Lactase-Persistenz erstmals auftrat (ca. 7500 Jahre).

Man könnte also sagen, Menschen mit Lactase-Persistenz müssen sich weniger Gedanken machen wenn sie etwas essen wollen. Und sie sind zu faul, sich leckeren Käse zu machen. Sie trinken die Milch einfach aus dem Kanister.

Und wie das so ist, mit zufälligen Mutationen einzelner DNA-Basen, entstehen diese auch woanders. So zum Beispiel in Westafrika und Südasien. Auch dort gibt es Lactase-Persistenz. Zufällige Mutationen einzelner DNA-Basen entstehen auch bei Menschen mit stärker ausgeprägter Pigmentierung.

Es ist toll, weiß zu sein. Du denkst, du übernimmst die Herrschaft aber die Milch macht’s.

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Nazis schlagen

Im letzten Jahr wurde von einigen Menschen in meiner Filterblase ein Video geteilt, auf dem Nazis von der Polizei in Luxemburg verprügelt werden, als sie dort eine Kundgebung veranstalten. Das Verhalten der Polizei wurde goutiert und oft mit „So muss man mit Nazis umgehen“ abgenickt. Ich habe nirgendwo etwas gefunden, was den Ausschnitt in einen Kontext stellt, der Gewalt in der gezeigten Form legitimiert.

Im Rahmen von Gegenprotesten zur Vereidigung von Donald Trump wurde Richard Spencer, der die USA zu einer arischen Nation machen möchte, von einem Demonstranten geschlagen.

Es ist nicht so, dass ich nicht emotional nachvollziehen kann, warum man sich darüber freut, wenn Faschisten vermöbelt werden. Besonders wenn sie öffentlich auftreten. Ich kann sogar das rationale Argument nachvollziehen, dass Faschisten wissen sollen, dass sie eine Preis zahlen müssen, wenn sie ihre Ansichten öffentlich vertreten. Und doch bin ich dagegen, Nazis zu schlagen. Ich bin dagegen irgendjemanden zu schlagen weil er bestimmte politische Ansichten hat.

„Gewalt ist die letzte Zuflucht der Unfähigen.“

Isaac Asimov

So befriedigt der nackte Affe in mir durch diese Impulsdurchbrüche meiner Artgenossen auch sein mag, so sehr bezweifelt der Humanist in mir, damit meinem Ziel näher gekommen zu sein. Eher im Gegenteil. Durch Gewalt gegen Nazis, erreichen sie viel mehr ihre Ziele als „wir“ unsere.

Wann ist es ok einen Nazi zu schlagen? Die beiden oben verlinkten Videos verschaffen dem nackten Affen Befriedigung. Was wäre, wenn Spencer vom nächsten Demonstranten geschlagen worden wäre und vom nächsten und vom nächsten? Wäre ein Tritt auch ok? Dürften Knochen brechen oder offene Wunden entstehen? Wäre die Grenze erreicht, wenn er ins Krankenhaus gemusst hätte oder wäre auch eine Reha im Anschluss noch angebracht gewesen?

Reicht es, einen rassistischen Witz zu erzählen, um es verdient zu haben, geschlagen zu werden? Oder muss man auch der NPD angehören? Ab welchem Alter darf man Nazis schlagen? Müssen sie volljährig sein oder ist es auch bei Jugendlichen ok? Wie ist es mit Menschen die Aufseher im KZ waren? Sind die zu alt um geschlagen zu werden? Ist es ok, wenn sie am Schlag sterben? Wie sieht es aus, wenn sie bereuen, was sie getan haben?

Ich habe bei Reddit einen Kommentar gelesen, in dem eine Dame, die schrieb, sie sei früher Nazi gewesen, sie wünscht sich heute, jemand hätte sie damals geschlagen. Dann wäre sie früher „da rausgekommen“.

Machen wir unsere Zustimmung, ob man Nazis schlagen darf vom Ergebnis abhängig? Wie lange darf man einen Nazi verprügeln, bis man aufgibt, weil man es nicht schafft in „da rauszubringen“ (oder sie)? Und wie weit nach links muss er gewandert sein, damit man aufhören kann?

Ich habe gezweifelt, ob ich es nicht doch ok finde, Nazis zu schlagen. Insbesondere, wenn ich an einen Abend vor einigen Wochen zurückdenke, als ein Mann laut grölend an unserer Wohnung vorbeilief und übelste rassistische Parolen von sich gab. Als er merkte, dass er beobachtet wird, entfernte er sich und drohte, unsere Wohnung anzuzünden. Danach rief er, die SA und die SS würden bald marschieren und dann…

Das macht mich ängstlich und wütend. Das ruft niedere Instinkte in mir wach. Das macht mich ihm ähnlicher. Das will ich nicht. Das sollten wir nicht wollen.

Es ist nicht richtig, Nazis zu schlagen. Es ist richtig sich gegen Nazis zu wehren, ihnen zu widersprechen, sich ihnen in den Weg zu stellen und zu setzen und ihnen das Leben und vor allem die politische Aktivität schwer zu machen. Doch es ist nicht richtig, sie zu schlagen, egal wie schön das Gefühl ist, wenn man sich das wieder und wieder ansieht.

Anmerkung I:

Im Rahmen von legitimer Selbstverteidigung sieht das natürlich anders aus, nur um Missverständnisse zu vermeiden. Ich bin weder Gandhi noch Märtyrer.

Anmerkung II:

Wer im Einsatz für eine demokratische und offene Gesellschaft die Grenze zur Gewalt überschreitet und Konsequenzen (rechtlich, körperlich) zu tragen hat, hat meine Solidarität ohne, dass ich mit seiner oder ihrer Handlung einverstanden sein muss.

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Danke Merkel

Mein Weltbild ist wieder intakt. Das ist ein gutes Gefühl! Als Merkel ihren Parteigenossen und dem Rest der Bevölkerung ihr „Wir schaffen das!!!“ entgegenschleuderte sowie im Zuge einiger Äußerungen, die sie danach machte, erwischte ich mich immer wieder dabei, Frau Merkel zuzustimmen. Das ging so weit, dass ich mir in den letzten Wochen hatte vorstellen können, der CDU bei der Bundestagswahl unter bestimmten Umständen meine Stimme zu geben. Das wäre vor allem eine Stimme für Merkel gewesen. Für ihre Geste der Humanität (vielleicht war es auch nur Realpolitik, doch ich will ihr mal das Beste unterstellen), für ihr Einstehen für die Menschenrechte gegen das Parteiestablishment. Sogar dem Herrn de Maizière musste ich in den letzten Monaten dann und wann zustimmen. Ich hatte bereits Angst, zu werden, wie mein Vater!!1!!

Doch jetzt ist alles wieder gut. Die von Angela Merkel geführte Bundesregierung hat Afghanistan zum sicheren Herkunftsland erklärt und damit die Abschiebung von 1000en Menschen afghanischer Herkunft ermöglicht. Das ist eine Doppelstrategie. Nicht nur kann sich Christenunion mit dieser Form der Law-And-Order Politik auf dem Rücken unserer Mitmenschen bei den Anhängern der AfD anbiedern. Sie machen sich mit der Einschätzung Afghanistans als „sicher“ auch fit für das postfaktische Zeitalter. Da hatte die Union noch großen Nachholbedarf. Die SPD verkauft die Hartz-Reformen und die Riester-Rente als sozial gerecht. Die Grünen halten genetisch modifizierte Organismen für gefährlich. Die Linke sagt, sie geht angemessen mit den Querfronttendenzen in den eigenen Reihen um. Die FDP sagt, sie sei liberal.

Vielen Dank Frau Merkel, dass mein Weltbild wieder intakt ist. Irgendwie hält sich meine Freude aber in Grenzen. Ich frage mich, warum.

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Maulwurf gräbt im Verfassungsschmutz

Ich setze mal meinen Aluhut auf.

Ist es vorstellbar, dass der „Maulwurf“ beim Verfassungsschutz, der einer islamistischen Ideologie angehangen haben soll, gezielt dort platziert wurde? Vom Verfassungsschutz? Immerhin häufen sich die Aufforderungen an die Behörde, sich intensiver mit dem rechtsextremen Rand der Gesellschaft zu beschäftigen. Traditionell scheinen die Schnittmengen der Rechtsextremisten und der Schlapphütte besorgniserregend groß zu sein. Die NSU-Morde sind dafür nur der letzte Beleg.

So kommt der Maulwurf zur passenden Zeit. Gerade wurde der Verfassungsschutz angewiesen, die „Reichsbürgerbewegung“ zu beobachten, was man dort bisher nicht für notwendig erachtet hatte. In den nächsten Monaten dürften wir wieder mehr über die Gefahr „des Islam“ und weniger über die Gefahr nationaler Faschisten hören. So wird der Verfassungsschutz die rechtsextreme Szene weiter „führen“ und die radikalen Islamisten bekämpfen. Die Folgen dieser Politik versucht man gerade am Oberlandesgericht München aufzuklären. Er könnte mindestens 10 Menschen das Leben gekostet haben.

Jetzt setze ich den Aluhut wieder ab.

Das Problem an dem Gedanken ist, dass es bisher keiner Möglichkeit zu geben scheint, wie der Verfassungsschutz zu transparentem Handeln gezwungen werden kann. Er verweigert sich bisher erfolgreich demokratischer Kontrolle. Das hat er den Reichsbürgern voraus. Es liegt in der Natur eines Geheimdienstes, nicht alles öffentlich zu machen. Bisher hat sich der Verfassungsschutz jedoch auch einer parlamentarischen Kontrolle weitgehend entzogen. Wäre der Verfassungsschutz eine demokratische Behörde, könnten Abgeordnete seine Arbeit überprüfen, vor die Presse treten und uns mitteilen, ob es ein Problem gegeben hat oder nicht. Ob dieses Problem öffentlich diskutiert und gelöst werden sollte, hängt vom Einzelfall ab. Diesem Vorgehen entzieht sich der Verfassungsschutz jedoch, indem er Akten vernichtet und Ermittlungen behindert.

Als Freund unserer Verfassung müsste ich eigentlich auch Freunde einer Behörde sein, deren Name angibt die Verfassung zu schützen. Im Moment scheint der Name aber eher eine Form von orwellschem Neusprech zu sein. Oh, jetzt hatte ich aus Versehen den Aluhut wieder aufgesetzt.

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Doch, es war auch Sexismus

Es gibt die Hypothese, dass ein Teil der Ursache für die Wahlniederlage Hillary Clintons Sexismus war. Um diese Hypothese zu widerlegen wird dann gesagt, Hillary wäre nicht eine so schlimme Politikerin, weil sie eine Frau ist, sondern weil so furchtbare Sachen gemacht hat. Schaut man sich diese „Sachen“ aber genauer an, erscheinen sie als relativ undramatische Ereignisse in einem Politikerleben. Das entschuldigt sie nicht, das heißt nur, sie gehören zum Geschäft. Ich glaube den meisten Menschen, dass sie tatsächlich meinen, wenn sie sagen, dass sie Hillary im Prinzip wählen würden, wenn sie eben nicht so schrecklich wäre.

Aber warum erscheint sie so schrecklich, obwohl sie eine normale Politikerin ist? Sexismus. Es gibt kaum einen Politiker (!), der seit Jahrzehnten dermaßen angegriffen wurde, für im Grunde alles. Bevor ich das selbst versuche zu erklären, werde ich ein paar Videos und Texte verlinken, die meine Hypothese stützen.

Video: Let Hillary be Hillary – Wie wurde aus Hillary Rodham Hillary Clinton. Der zweite Teile lohnt sich auch (Emails!!!)

Video: Scandals – John Oliver über den Unterschied zwischen Clinton und Trump

Text: How Hillary became Hillary

Text: „War on“ – Trumps schrille und stille Helfer – Schön herausgearbeitet wie subtil Sexismus in dieser Kampagne gewirkt hat.

Text: How Hillary Clinton met Satan

 

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Trump. We have to talk.

Zu viel Politik. Stephen Colbert hat es gesagt. Zu einem Zeitpunkt als noch nicht definitiv war, dass Donald Trump US-Präsident wird, es jedoch schon ziemlich danach aussah. Vielleicht beschäftigen „wir“ (wer auch immer das ist) uns zuviel mit Politik und nicht zuwenig. Eigentlich hatte ich mir diese Worte zu Herzen genommen und mir vorgenommen meinen Konsum von Texten und Videos über die Folgen der Wahlen in den USA zu meiden. Leider habe ich dafür die falschen Freunde in sozialen Netzwerken.

Mit den Folgen der Wahlen in den USA müssen jetzt die Bürger dort fertig werden. Leider zeichnet sich ab, dass, um Stephanie zu zitieren „Frauen, LGBTI, brown/black/Latino, immigrants, Muslime“ die ersten sind die direkte Folgen zu tragen haben. Ähnlich wie es nach dem Brexit in Großbritannien war. Es bleibt zu hoffen, dass das nur ein Phase ist. Und zwar aus individueller und nicht aus historischer Perspektive. Trotzdem fällt es schwer, die Augen von den USA zu nehmen. Es ist wie ein Unfall, man kann einfach nicht wegschauen.

Dabei haben wir in Europa ähnliche Probleme. In Frankreich hat Frau Le Pen Chancen gewählt zu werden und die AfD schlägt sich bei uns auch wacker. „Wir“ haben jetzt die Aufgabe aus den Fehlern der Amerikaner zu lernen. Zumindest sollten wir es versuchen.

Mir kam dazu folgender Gedanke:

Als Mensch der für sich in Anspruch nimmt, kritisch zu denken, muss ich zumindest in Betracht ziehen, dass Mr. Trump nicht die Katastrophe ist, für die ihn halte. Ich muss in Betracht ziehen, dass Meine Wahrnehmung seiner Aussagen durch mein Weltbild, meine Ideologie verzerrt ist. Es gibt Millionen Menschen die genauso überzeugt Davon sind, dass er ein guter Präsident wird. Ich denke, dass sie sich irren. Ich hoffe allerdings, dass ich mich geirrt habe.

Kritik kam von Johannes:

Dann muss man aber erst mal bei der Ideologie des Rassenwahns, des Nationalismus, des Kreationismus und dem ganzen Kram anfangen, den Trump so raushaut.

Der Einwand zeigt, dass meine Äußerung sich vielleicht nett anhört, aber völlig unklar ist, was das konkret für meine Handeln bedeutet. Man könnte es als leeres Gewäsch bezeichnen. Was ist also mein Ziel?

Heute morgen schrieb ich, dass es nicht unwichtig ist, zumindest in Betracht zu ziehen, dass die eigene Ansicht nicht die richtige ist. Wäre die Wahl anders ausgefallen, wären fast genausoviele Menschen in Amerika traurig und verzweifelt und genauso viele würden triumphieren. Es wären nur andere. Und beide Gruppen wären genauso überzeugt, dass der Sieg verdient und die Zukunft gut oder die Niederlage ungerecht und die Zukunft dunkel sein würde.
Natürlich halte ich den Sieg Trumps für eine Katastrophe, insbesondere aufgrund der Werte die ihm fehlen. Aber eben weil ich das für eine Katastrophe halte, muss ich mir die Frage stellen, wie ein ähnliches Szenario für Deutschland (Le Pen gratuliert dem designierten Kanzler Höcke) verhindern lässt. Und das geht nur, wenn „wir“ Menschen davon überzeugen, dass „unsere“ Idee (Humanismus, Aufklärung, Demokratie, Menschenrechte und so) die besseren sind. Und dafür muss ich mit anderem Menschen sprechen, Menschen, die nicht meiner Meinung sind. Das ist aber nicht möglich, wenn ich nicht wenigstens in Betracht ziehe, dass ich mich irre.

Seit Tagen denke ich darüber nach, was für mich nicht verhandelbar ist. Bei welcher Ansicht ziehe ich nicht in Betracht mich evtl. zu irren. Welche Ansicht die ich habe, ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit richtig, wahr, ein Dogma. Im Moment sind das die Menschenrechte. Die Menschenrechte sind meine Rote Linie. Die Menschenrechte sind das Fundament auf dem ich bereit bin mit jeder und jedem zu diskutieren. Jemand der die Menschenrechte in Frage stellt, macht es schwer mit ihm oder ihr eine gemeinsame Basis zu finden.

Dabei ist für mich wichtig, nicht jeder Person, die für Trump, AfD oder Le Pen wählt zu unterstellen, sie würde dies tun. Michael Moore hat in einer amerikanischen Frühstücksshow sehr nachvollziehbar erklärt (das Video ist 44 Minuten lang), warum so viele Menschen für Trump gewählt haben, die vor vier Jahren für Obama gestimmt haben und warum so viele Menschen nicht wählen gegangen sind. An der Art, wie Moore versucht hat Trump-Anhänger von Hillary Clinton zu überzeugen, können „wir“ uns eine Scheibe abschneiden. In „Michael Moore in Trumpland“ war er emphatisch für die Bedürfnisse der Menschen und trotzdem leidenschaftlich für seine Position ohne belehrend zu sein (meistens zumindest). Dass er gegen GMO polemisiert verzeihe ich ihm dann auch.

…Fortsetzung folgt.

Ein Kommentar

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BH Verbot – Was nach der Burka kommt

[In diesem Text geht es nicht um die politische Bedeutung der Vollverschleierung. Es geht nicht um ihren symbolischen und tatsächlichen Stellenwert in Bezug auf die Gleichstelltung der Rechte von Frauen. Es geht um Menschen und deren Bedürfnisse.]

Prolog:
Vor 20 Jahren ging ich durch die Fußgängerzone einer norddeutschen Kleinstadt. Als mir ein paar junge Männer entgegenkamen und abwertende sowie drohende Gesten in meine Richtung machten, versuchte ich, meine Verunsicherung hinter ein paar Scherzen zu verbergen und mutiger zu wirken, als ich mich fühlte. Ein paar Monate spater versuchte ich in einer Diskothek in einer Kleinstadt in Westfalen zu tanzen, während mich der düstere Blick eines Hünen fixierte, der wohl nur deshalb keine Auseinandersetzung suchte, weil ich kein Gegner für ihn gewesen wäre. Auf der Abschlussfeier meiner Schullaufbahn spürte ich den Frust meines Vaters, der sich von seinem Sohne etwas anderes gewünscht hätte. Mich unterschied von meinen Geschlechtsgenossen,dass ich keine Hose trug. Ich trug einen Rock. Keinen „Schottenrock“ oder ein langes Lederteil auf einer Szeneparty, sondern ein modisches Kleidungsstück (oder was ich dafür hielt), wie es auch einen weiblichen Unterleib verhüllen könnte.

Heute
Im Sommer 2016 wird in Deutschland darüber debattiert, ein Kleidungsstück zu illegalisieren. Denn, so heißt es, dieses Kleidungsstück gefährde unsere freie, offene Gesellschaft. Es stehe nicht für die Werte unserer Gesellschaft. Menschen aus ideologischen oder kulturellen Gründen dazu zu zwingen, sich einem bestimmten Kleidungskodex zu unterwerfen, ist nicht, was wir uns in Deutschland wünschen. Natürlich wird nicht in solch abstrakter Form diskutiert, sonder man diskutiert über die Burka. Oder das, was wir dafür halten.

Einige JournalistInnen haben Menschen interviewt, die Kleidungsstücke tragen, welche die Kriterien von Vollverschleierung erfüllen. Einige dieser Menschen haben angegeben, es würde ihnen Sicherheit geben, sich nicht allen Blicken aussetzen zu müssen. Es dauerte nicht lange, bis hämische Kommentare abgesetzt wurden. Von „ausgedacht“ bis „die wissen es halt nicht besser“ war alles dabei. Es scheint für einige Menschen schwer vorstellbar zu sein, dass ein Kleidungsstück Sicherheit geben kann.
Das Gefühl von Sicherheit ist eines der Grundbedürfnisse von Menschen. Dabei können der subjektive Eindruck von Sicherheit und die tatsächliche Sicherheit durchaus im Missverhältnis stehen. So ist Autofahren deutlich weniger sicher als fliegen, doch deutlich mehr Menschen haben Angst davor zu fliegen, als Angst davor Auto zu fahren. Wenn Menschen Auto fahren, haben sie die Illusion von Kontrolle und fühlen sich sicher.

Wie dieses Grundbedürfnis befriedigt wird, ist individuell sowiedurch unsere Kultur geprägt. So ist es möglich, dass ein Kleidungsstück, welches mit einer unemanzipatorischen Intention eingeführt wurde, einem Menschen das Gefühl von Sicherheit gibt. ‚Die Burka‘ kann ein menschliches Grundbedürfnis erfüllen. Wenn wir als Gesellschaft dieses Kleidungsstück verbieten, bleibt das Bedürfnis nach Sicherheit trotzdem bestehen. Wenn wir als Gesellschaft die Bedürfnisse von Menschen ignorieren werden wir als Bedrohung wahrgenommen. Dabei sind unsere Intentionen (aufklärerisch oder rassistisch) egal. Zumindest aus Sicht der Menschen, denen wir das Gefühl von Sicherheit nehmen

Es gibt Menschen, die eigene Gewohnheiten so wenig hinterfragen, dass sie gar nicht auf die Idee kommen, diese könnten ebenfalls nicht in den kühlen Höhlen der Ratio entstanden sein. Schauen wir uns mal so ein Kleidungsstück an, welches ein Gefühl von Sicherheit geben kann.

Der Büstenhalter oder BH erfüllt, schenkt man Studien glauben, seinen Zweck nicht. Anstatt dafür zu sorgen, die Brüste von Frauen für Männer möglichst ansehnlich und die Folgen von Schwangerschaft und Schwerkraft klein zu halten, scheint er das Gegenteil zu bewirken. Trotzdem entscheiden die meisten Frauen sich dafür, dieses Kleidungsstück zu tragen. Die Motivation mag unterschiedlich sein. Eine Motivation dürfte sein, dass viele Frauen sich wohler fühlen, wenn sie einen BH tragen. Auch wenn sie darüber schimpfen, dass diese unbequem, warm und teuer sind.

In unserer Kultur ‚gehört es sich‘ heute einfach für Frauen, einen BH zu tragen. Entscheiden Frauen sich dagegen, wird das bemerkt. Man(n) spricht darüber oder – wenn ich an meine Schulzeit denke – macht sich darüber lustig. Frauen, die sich entscheiden, keinen BH zu tragen, zahlen einen Preis. Der mag, so weit sind wir als Gesellschaft immerhin, gering sein, doch er ist vorhanden.

Ein Kleidungsstück, welches seinen Sinn nicht erfüllt, wird aufgrund kultureller Normen getragen. Bei den aktuellen Temperaturen gilt das für so ziemlich jedes Kleidungsstück. Wieso trägt noch jemand Kleidung, bei Temperaturen jenseits der 30°C? Weil wir uns als Gesellschaft darauf geeinigt haben. Wir sind kulturell so geprägt, dass wir uns unwohl fühlen, wenn wir nackt durch die Straßen laufen, egal wie schön das wäre. Ich weiß nicht, ob es Gesetze gibt, die das verbieten, ich bin aber sicher, dass sie für die meisten Menschen nicht nötig wären.

Wenn es jedoch um die Verschleierung des Gesichtes geht, gestehen wir Menschen nicht zu, dass sie kulturell so geprägt sind, sich mit mehr oder weniger ausgeprägter Verschleierung wohler fühlen. In den letzten zwei Jahren scheint mir der Kampf für eine humanistische Gesellschaft dadurch geprägt zu sein, dass ich für die Rechte der Menschen eintreten muss, die Ideen anhängen, die, konsequent zuende gedacht, nicht mit einer humanistischen Gesellschaft vereinbar wären. Dabei muss ich mich gegen Menschen stellen, die angeben, für diese humanistische Gesellschaft einzutreten. In ihrem Eifer vergessen sie dabei immer öfter, was eine humanistische Gesellschaft so lebenswert macht: die Menschen darin und deren unterschiedliche Sicht auf die Welt.

Epilog

Mein Vater hatte sich bereits seit den 80er Jahren mit dem Klimawandel und dem Ozonloch beschäftigt. Im Fernsehen wurde über die Zuhnahme von Hautkrebs in Australien berichtet. Neben dem Ozonloch, so die Hypothese meines Vaters, gebe es einen weiteren Grund für den Anstieg. Ein Rückgang der prüden Kleidungsvorschriften die in britisch geprägten Gesellschaften lange vorherrschten. Es ist noch nicht so lange her, dass es in ‚unserem‘ Kulturkreis angemessen war sich bedeckt zu halten. Und nicht jeder fühlt sich heute wohl, sich ausführlich zu zeigen.

Ich hatte befürchtet, im Falle eines Verbotes aus Protest selbst einen Burkini tragen zu müssen. Doch meine wunderbare Familie war mir einen Schritt vorraus. Einige Mitglieder erkannten im Burkini eine Möglichkeit sich an öffentlichen Badeplätzen aufzuhalten, ohne den eigenen Körper öffentlich zur Schau zu stellen. In meiner Familie trägt man Burkini und das macht mich stolz.

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PEGIDA und die schützende Hand

Obwohl ich seit einige Monaten selbst nicht mehr auf der Gegendemo war, verfolge ich das Geschehen medial regelmäßig mit. Über den routiniert ablaufenden Marsch der Besorgten in Dresden lohnt es sich nicht wirklich, Worte zu verlieren. Abgesehen von bewährter verbaler Eskalation und erneutem Streit im PEGIDA Führungsteam (diesmal mit Frau Festreling – der Lutz und seine Damen, was läuft da nur falsch?), handelt es sich um rassistische Routine in Dresden.

Aber manchmal gibt es schon Vorkommnisse, die schön vor Augen führen, wie dünn der demokratische Putz ist, in den sich Institutionen in Sachsen hüllen. Am Montag war wieder die Polizei Sachsen an der Reihe das zu zeigen.

Dem Marsch der Besorgten stellten sich auf der Prager Straße (eine breite Einkaufsstraße) 26 Personen entgegen und hielten ein Plakat hoch auf dem „Rassismus tötet“ zu lesen war. Die Polizei war sofort zur Stelle und setzte die Störer fest. Dabei gingen die Beamten gewohnt sächsisch, handfest vor.

Nun könnte man einwenden, auch die Besorgten hätten ein Recht auf Versammlung und Demonstration und die Aufgabe der Polizei bestünde darin, dieses Recht durchzusetzen. Und diesem Einwand würde ich, zähneknirschend, nicht widersprechen.
Nur ist es, man sieht es auf den Videos, nicht so, als hätten die 26 Menschen an dieser Stelle, in dieser Formation, den Marsch der PEGDIA aufhalten können. Die Demo wäre gut an den Menschen vorbei gekommen. Ob es also notwendig war, die Gegendemonstranten derart anzugehen, bezweifle ich stark.

Allerdings begnügete sich die Einsatzleitung nicht damit, die Protestierenden rabiat aus dem Weg räumen zu lassen. Sie hielt es auch für notwendig, sie „erkennungsdienstlich“ zu behandeln.

So wird jungen Menschen klar gemacht, dass ihr Protest nicht nur nicht erwünscht ist, sie werden aktiv eingeschüchtert. Die Polizei Sachsen macht sich durch ihr Verhalten zum Büttel der PEGIDA, zum Erfüllungsgehilfen einer faschistisch, völkischen Protestbewegung. Die Polizei Sachsen schützt nicht unserer Demokratie, sie schaufelt ihr Grab.

Ich übertreibe? Ja, das würde ich selbst auch denken, wenn ich diesen Text bis hierhin gelesen hätte. Das Verhalten der Einsatzkräfte, beschränkt auf diesen Fall mag meine Bewertung nicht rechtfertigen. Der Vergleich des Verhaltens der Kommunal- und Landesbehörden gegenüber den PEGIDA und dem bürgerlichen Gegenprotest hingegen schon.

Da ist zum Beispiel der Herr, der versucht, den 26 Protestierenden ihr Plakat zu entreißen. Dieser Herr konnte in aller Seelenruhe an den Polizeibeamten, die die Demonstranten festgesetzt hatten, vorbeimarschieren und nach dem Plakat greifen. Als das misslang, ging er ungehindert wieder zurück, träge beobachtet von den Ordnungshütern. Stellen wir uns einmal vor, ähnliches wäre durch jüngere Menschen aus „dem linken Spektrum“ passiert. In Dresden wurden junge Menschen wegen geringerer Vergehen schikaniert. Wir können die Reaktionen mit der Reaktion in diesem Video vergleichen (zugegeben, es handelt sich nich um die Polizei Sachsen und die beiden jungen Herren gehen energischer vor und sind erfolgreich…zumindest kurz).

Die Beispiele für das unterschiedliche Verhalten von Polizei Sachsen gegenüber den PEGIDA und deren Gegendemonstranten sind zahlreich. Im Herbst letzten Jahres gab die Stadt ein „Vollzugsdefizit“ bei PEGIDA zu. Lakonisch wurde das mit der hohen Teilnehmerzahl begründet. Ein Zustand an dem sich bis heute nichts geändert hat. Ich selbst stand neben Menschen auf der PEGIDA-Demo, die, nachdem sie keine 10m von Polizisten entfernt waren, Teleskopfahnenstangen von 3m und mehr auszogen, während die Auflagen verlesen wurden, nach denen nur 1,5m erlaubt waren. Den Alkoholkonsum muss ich sicher nicht erwähnen. Das Bündnis Herz statt Hetze hat dutzende Vorfälle vom PEGIDA-Geburtstag dokumentiert und veröffentlicht.

Passiert ist nichts. Die kleine Gegenbewegung die sich in Dresden gegen PEGIDA auflehnt, wird von behördlicher Seite aktiv behindert und kriminalisiert, während bei den PEGIDA die Augen zugedrückt werden. So baut man eine Bewegung auf, die die eigene Abschaffung fordert. Das lässt den Eindruck zurück als verhülle der demokratische Putz der sächsischen Behörden ein Fundament, in dem der Rost den Stahlbeton langsam braun färbt. Doch die DresdnerInnen haben andere Probleme, sie sorgen sich um ihr Image. Die Stadt nutzt lieber Putz als am Fundament zu arbeiten, Hauptsache das sieht keiner.

Ein Kommentar

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Das Menschenmaterial von Öderland

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Die Wölfe besuchen den Neumarkt

Ich hätte mehr Publikum erwartet, im Schauspielhaus Dresden. Unter anderem, weil das Stück „Graf Öderland – Wir sind das Volk“ nach dieser Vorstellung nur noch zweimal aufgeführt werden wird. Außerdem bietet das Stück die Gelegenheit, sich kritisch mit PEGIDA auseinanderzusetzen, ohne sich mit „den Linken“ gemein machen zu müssen. Eine Angst, die das demokratische Engagement vieler Dresdner zu behindern schein. Mit den bekannten Konsequenzen. Wen man in Sachsen mit „den Linken“ meint, ist mir bis heute nicht ganz klar. Die tiefe Aversion für alles, was irgendwie „links“ dünkt, scheint aber auch zu verhindern, sich für Menschenrechte einzusetzen. So ist jeder leere Stuhl an diesem Abend ein weiteres Symptom für die Trägheit der Dresdner Bürgergesellschaft.

Ich gehe nicht so gerne ins Theater, ich habe oft das Gefühl, nicht zu verstehen, was auf der Bühne passiert und oft (bezogen auf die wenigen Male, die ich das Theater besuchte) berührt es mich nicht. Das war bei Graf Öderland anders. Die SchauspielerInnen erweckten die Kommentarspalten zum Leben. Es wurde von Anfang an viel Geschrien auf der Bühne. So wird den, aus Facebookkommentaren, Reden und Interviews gesammelten, Absonderungen der PEGIDA in einem neuen Kontext der ganze Hass entzogen und dem Publikum entgegengeschleudert. Es war schwer, ruhig auf dem Sitz zu sitzen und diesen Hass zu ertragen. Wie muss es den Menschen gehen, für die der Hass ursprünglich gemeint war? Ich könnte mich dem Hass durch wohlfeiles Benehmen gegenüber den VolkgenossInnen entziehen. Vielen Menschen ist das nicht möglich, sie sind aufgrund des Phänotyps oder tief verwurzelter kultureller Merkmale Hassobjekte.

Als Ben Daniel Jöhnk und Lea Ruckpaul, vor dem Vorhang stehend, Lutz Bachmann und Tatjana Festerling zur Kenntlichkeit erstellt zum Leben erwachen ließen oder die Horde der Frustrierten mit Fackeln und Fahnen hysterisch ihrer Angst Luft machten, fühlte es sich an, wie auf dem Theaterplatz. Wenn dort aus 1000en Kehlen „Widerstand“ zur Elbe schallt. Nur die Intensitäten von Angst und Scham kehrten sich um. Das, was hier dargestellt wird, passiert wöchentlich in Dresden und anderen Orten in Sachsen. Nur in Echt. Der Bürgerkrieg, im Schauspielhaus von Max Frisch geborgt, wird von den Besorgten auf dem Theaterplatz erdacht, nein, herbeigesehnt. Über die Lust auf Gewalt können dort viele PEGIDA nur mühsam den Mantel der Zivilisation zerren.

Zu den Monologen der SchauspielerInnen, wurde an anderer Stelle bereits geschrieben, dass sie durch ihre Authentizität eine Kraft entwickeln, die einen umhaut. In manchen Momenten hatte ich jedoch den bedrückenden Eindruck, als sei das Schauspielhaus Dresden, der letzte Ort, an dem man demokratische, humanistische und aufklärerische Gedanken und Ideen noch offen ausgesprochen werden können. Zumindest, ohne sich als Gutmensch oder Zecke beschimpfen zu lassen. Im besseren Fall. Dabei sollten diese Gedanken und Ideen eigentlich selbstverständlich sein in Deutschland im Jahre 2016.

Sind sie aber nicht. Verantwortung dafür trägt unter anderem die CDU-Sachsen. Auch das hatte Platz auf der Bühne und was für einen! Annedore Bauer las der Politik in Sachsen die Leviten und machte dabei nicht bei den Besorgten halt, sondern zeichnete ein Bild des umfassenden Versagens. Man könnte ihre These vielleicht zusammenfassen in der Aussage, dass für die sächsische Regierung, die Bevölkerung nichts mehr ist als im Dienste des Wirtschaftswachstums eingesetztes Menschenmaterial. Was ich besonders interessant fand, war die Aussage zum „Burnout“ bei SchülerInnen, aufgrund des massiven Leistungsdrucks. Anekdotisch kann ich das aus meiner Arbeit bestätigen, wäre aber an empirischen Belegen interessiert. In der CDU-Sachsen hat man sich den Mantel der Demokratie umgeworfen um den autokratischen Stil der Vergangenheit in die Zukunft zu retten. Diesmal jedoch nicht im Dienst des Sozialismus sondern des Kapitalismus. Leider haben die Sachsen das noch nicht gemerkt. Oder es stört sie nicht.

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Wenn die Bühnenbesorgten sich im Zuschauerraum verteilen und die Hetze von allen Seiten kommt, wird im Theater das Lebensgefühl, welches jedeN DemokratIn in Dresden seit Oktober 2014 subtil begleitet, so greifbar, dass ich mich frage, wie wir das ertragen. Es ist schon komisch, warum nicht schon viel mehr Menschen dieser Stadt den Rücken gekehrt haben. Nicht, dass das nicht bei vielen bereits eine Option ist. Vielleicht bekommen die stolzen und furchtsamen Sachsen ja noch, was sie wollen und man lässt sie allein. Be careful what you wish for.

Weiterlesen:

PEGIDA auf diaphanoskopie.

PEGIDA, zieh Dich warm an auf nachtkritik.de

Brand-Sätze auf der Bühne auf zeit.de

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