Archiv der Kategorie: Indikationen

Impfen, in Fachkreisen unumstritten

Heute mal etwas Zweitverwertung. Da es ein äußerst vernünftiger Zeitvertreib ist, online mit Menschen zu diskutieren und da gerade auf Facebook das Diskussionsniveau so hoch ist, verbringe ich, als äußerst vernünftiger Mensch, damit viel Zeit. Und so habe ich auf der beliebten Plattform darüber diskutiert, ob die Praxis des Impfens* in „Fachkreisen“ seit Jahren umstritten ist. Das ist natürlich Unsinn und ich habe hier eine klitzeklitzekleine Sammlung, von Textausschnitten, die das schön belegt:

Der Bundesverband der Kinder- und Jugendärzte schreibt auf seiner Website:


„Impfungen sind wichtig, damit ein Kind frühzeitig einen ausreichenden Schutz gegen schwere Infektionen aufbauen kann. Impfungen verhindern den Ausbruch gefährlicher Krankheiten, die häufig mit Komplikationen verbunden sind und für die es zum Teil auch heute noch keine geeignete Therapie gibt. „

Auf der Website des Bundesverbandes Deutscher Internisten ist unter anderem zu lesen:

„Impfpass überprüfen – „Schütze Deine Welt – lass Dich impfen“, ist das Motto der diesjährigen 8. Europäischen Impfwoche, die vom 22. bis zum 27. April 2013 stattfindet. „Impfungen sind ein wichtiger Schutz gegen übertragbare Krankheiten“, erklärt Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr.“

Der Bundesgerichtshof schrieb in einem Urteil (.pdf) zu einem Prozess in dem es um einen Impfschaden ging, am 15.02.2000 das die von der StIKo empfohlenen Impfungen medizinischer Standard sind.

In der AWMF-Leitlinie (.pdf) zum Thema „Kindesmisshandlung und Vernachlässigung“ steht unter dem Punkt „Vernachlässigung“:

„Es kann sich um vermeidbare Gesundheitsschäden durch mangelnde Fürsorge, z.B. fehlende Impfungen, Vitamin-D-Mangel-Rachitis, unzureichende Unterkunft und Kleidung oder vermeidbare Unfälle durch mangelnde Aufsicht handeln.“

Sowohl die Deutsche Gesellschaft für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin eV (DGSPJ), die wissenschaftliche Fachgesellschaft der Kinder- und Jugendmedizin in Deutschland (DGKJ) und die Deutsche Gesellschaft für Kinderchirurgie (DGKCh) denken, ein Kind nicht lege artis zu impfen ist so, als würde man ihm nichts richtiges zum Anziehen geben. Das Wort was in den Sinn kommt ist „fahrlässig“ (nicht schimpfen, ich bin kein Jurist).

Auf den Seiten vom Robert-Koch-Institut findet man zum Thema impfen „20 Einwände und Antworten des Robert Koch-Instituts und des Paul-Ehrlich-Instituts„. Das RKI ist ein Bundesinstitut und hat u.a. folgende Aufgabe:

„Der Auftrag des Robert-Koch-Instituts umfasst sowohl die Beobachtung des Auftretens von Krankheiten und relevanter Gesundheitsgefahren in der Bevölkerung als auch das Ableiten und wissenschaftliche Begründen der erforderlichen Maßnahmen zum wirkungsvollen Schutz der Gesundheit der Bevölkerung.“ (Wikipedia)

Das Paul-Ehrlich-Institut spricht sich ebenfalls für die, zugelassenen, Impfungen aus (wenn die jeweilige Indikation eingehalten wird):

„Das Paul-Ehrlich-Institut ist zuständig für die Zulassung und staatliche Chargenfreigabe von biomedizinischen Arzneimitteln (siehe deutsches Arzneimittelgesetz, Gesetz zur Errichtung eines Bundesamtes für Sera und Impfstoffe) und trägt wesentlich zur Sicherheit dieser Arzneimittel bei.“ (Wikipedia)

Ich weiß nicht, wie man das anders nennen kann als Einigkeit.

Natürlich steht es jedem Menschen frei, sich oder seine/ihre Kinder zu impfen zu lassen. Es muss einem dabei nur bewusst sein, dass man fahrlässig handelt.

*Natürlich ist es absoluter Unsinn zu schreiben „Impfen ist gut“ oder etwas in die Richtung. Es sind immer spezielle Impfungen gemeint, die indiziert sein müssen. Nur damit keine Missverständnisse verstehen…

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Stammzellen gegen Autismus? Fuck off!

Manchmal bekomme ich Links geschickt, mit der Frage, ob diese oder jene Therapie etwas gegen Autismus sei. Meist sind es Diäten oder Vitaminpillen, nutzloses aber eher harmloses Zeug. Aber manchmal fällt mir auch einfach die Kinnlade runter:

Seit dem Jahr 2005 hat Beike Biotech über 150 Autismus Patienten mit Stammzellen behandelt.

Genau, eine Methode, die wenig erforscht ist, aber das Potential hat, Tumore wachsen zu lassen, wird an Kindern mit Autismus ausprobiert. Zur Behandlung muss man nach China reisen:

Neben der nachgewiesen Sicherheit der Behandlung sind wir auch von den Behandlungserfolgen überzeugt. Leider ist aus unterschiedlichsten Gründen diese Behandlung zur Zeit nicht in Europa oder in den USA möglich. Wer nicht darauf warten kann oder will, dass auch diese Länder das Potenzial einer Stammzellbehandlung erkennen, muss zu Beike Biotech nach China reisen.

Na, wenn Ihr überzeugt seit, muss sich die Reise nach China ja lohnen. Die Fallgeschichten sprechen ja für sich. Ein ziemlich sicheres Zeichen für Scharlatane im medizinischen Bereich sind Fallgeschichten um die Wirksamkeit einer Therapie zu belegen.

Die Menschen von Beike kennen sich so gut mit Autismus aus, dass sie sogar „bisherige“ Therapiemöglichkeiten nennen:

Die aktuellen Behandlungsformen lassen sich in entwicklungs- und ernährungsbezogene sowie medizinische Ansätze differenzieren, aber alle genannten Therapieformen sind limitiert. Gleichzeitig werden zahlreiche klinische Studien durchgeführt, die von hyperbaren Sauerstofftherapien über die Verabreichung von Zink und der Gabe von Medikamenten mit entzündungshemmenden Eigenschaften reichen. Da aber bedauerlicherweise die Krankheitsursache bis heute nicht gefunden werden konnte, werden die angesprochenen Behandlungsansätze mit unterschiedlichem Erfolg durchgeführt.

Kein Wort von Verhaltenstherapie und Strukturierung, dafür viele unseriöse Methoden. Die Botschaft lautet somit: „Wenn sie von bisherigen unseriösen Methoden enttäuscht sind, probieren Sie doch mal unsere unseriöse Methode. Wir spritzen ihrem Kind dafür ein Mischung unbekannter Substanzen mit unbekannter Wirkung ins Blut und ins Rückenmark. Wenn das nicht hilft, wissen wir auch nicht weiter.“

Gut auch, dass bis heute keine Ursache gefunden wurde, wir aber fröhlich drauflos injizieren. Immerhin, im Preis ist sogar der Flughafentransfer (nicht der Flug) enthalten:

Die Kosten für eine Behandlung liegen bei $17,500 bis zu $30,000. Die meisten Behandlungen kosten zwischen $18,000 und $26,000. Der Preis schließt neben der Injektion der Stammzellen auch den Flughafentransfer, alle bei Ankunft im Krankenhaus vorzunehmenden Tests und Untersuchungen, ein Krankenhauszimmer mit einem zusätzlichen Bett für den Betreuer des Patienten (…).

Alles was ich zu Stammzellen und Autismus finden konnte, ist Grundlagenforschung, die noch nicht den Sprung aus der Petrischale ins Tiermodell geschafft hat. Wer möchte, dass etwas für 20 000 Euro an seinem Kind ausprobiert wird, was seriöse ForscherInnen noch nicht mal Ratten zumuten, für den ist China das Land der Träume.

[Da Verlinkungen das Google-Ranking einer Seite verbessern, habe ich darauf verzichtet. Wer die Seite sehen will, nehme einfach eines der Zitate und kopiere sie in einer Suchmaschine seiner oder ihrer Wahl]

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Ärzte Zeitung präsentiert: Quatschmedizin

Manchmal frage ich mich, ob ich die ganzen Newsletter nicht wieder abbestellen sollte, das Meiste lese ich sowieso nicht. Aber manchmal stolpere ich doch über ein paar Zeilen die mich am sofortigen löschen hindern:

Newslettertext

„Infektion
Alternativen zu Antibiotika
Antibiotika-Resistenzen nehmen zu. Über Alternativen zu Antibiotika bei Rhinosinusitis informiert eine Fortbildung von Hevert-Arzneimittel. mehr »“

Infektiologie ist für mich ein Hobby, so dass das Thema schon meine Aufmerksamkeit erregt hat. Antibiotika sind immer ein heißes Thema und an Alternativen wird ganz wild geforscht. „Hevert-Arzneimittel“ kannte ich bisher jedoch eher als Hersteller von Glaubuli und Komplexhomöopathika und nicht als Unternehmen an vorderster Front der infektiologischen (oder antiinfektiologischen Forschung). Ich war also mindestens gespannt und habe mich zum Artikel geklickt:

NEU-ISENBURG. 8,5 Millionen Mal wird in Deutschland jedes Jahr für Patienten mit akuter Rhinosinusitis (Anm.: Nasennebenhöhlenenzündung oder „fetter Schnupfen“) der Rezeptblock gezückt – in 70 bis 90 Prozent der Fälle werden Antibiotika verschrieben.

Und das, obwohl die Primärinfektion meist viraler Natur ist. Eine der Folgen: eine bedenkliche Antibiotika-Resistenzentwicklung.

Eine Alternative, auf die in der Fortbildung eingegangen wird, ist das Arzneimittel Sinusitis Hevert® SL. (…)“

Dass in Deutschland (und überall auf der Welt) Antibiotika unkritisch und nicht nach evidenzbasierten Kriterien eingesetzt werden, ist kein Geheimnis. Ebenso die Tatsache, dass Antibiotika nicht gegen Viren wirken. Ob der Einsatz von Antibiotika im Rahmen der Nasennebenhöhlenenzündung einen Relevanten Anteil an der Resistenzentwicklung hat, sei mal dahingestellt (möglich ist es). Richtig ist in jedem Fall, ein Medikament, dass ohne Indikation eingesetzt wird, ist ein falsches Medikament.

Aber hier bietet die Fortbildung von Hevert Abhilfe und verweist auf „Sinusitis Hevert® SL“. Sinusitis heißt „Nebenhöhlenentzündung“ und wird oft synonym mit Rhinosinusitis genutzt. Nach diversen Allgemeinplätzen über Antibiotika und der Erwähnung der Möglichkeit, dass uns ein „postantibiotisches Zeitalter“ drohe, geht es ans Eingemachte. Doch bevor es hier weitergeht ein kurzer Blick auf die Inhaltsstoffe (Übersetzung und ‚Übersetzung‘ der Potenzen von mir):

  • Apis D4 10 mg -Bienengift 1:10000
  • Baptisia D4 5 mg – Indigolupine 1:10000
  • Cinnabaris D3 5 mg – Zinnober 1:1000
  • Echinacea D2 30 mg – 1:100
  • Hepar sulfuris D3 10 mg – Gemisch aus gleichen Teilen Austernschalenkalk (Calcium carbonicum) und Schwefelblumen (Sulfur), die durch Einwirkung großer Hitze miteinander verschmelzen und dabei eine weiche Masse (von leberartiger Konsistenz) ergeben. 1:1000
  • Kalium bichromicum D8 30 mg – Kaliumdichromat 1:100000000
  • Lachesis D8 10 mg –  Sekret der Buschmeister, eine Schlangengattung aus der Unterfamilie der Grubenottern 1:100000000
  • Luffa D4 60 mg – Luffa ist eine Gattung der Kürbisgewächse (Cucurbitaceae), die in den Tropen beheimatet ist. 1:10000
  • Mercurius bijodatus D9 70 mg – Quecksilber(II)-iodid ist eine chemische Verbindung und gehört zu den Halogeniden des Schwermetalls Quecksilber. Direkten Kontakt sollte man wegen seiner hohen Toxizität meiden. 1:1000000000
  • Silicea D2 5 mg – Silizium 1:100
  • Spongia D6 10 mg – Meerschwamm 1: 1000000

Zur Erinnerung: 1g entspricht 1000mg. Da ist zwar nicht mehr viel drin aber das Eine oder Andere sollte noch nachweisbar sein.

Das Produkt ist regelrecht omnipotent. Abschwellend und Entzündungshemmend sind nur zwei der Eigenschaften, die genannt werden und Sinusitis nur eine der Indikationen. Das Ganze wird mit einer Quellenangabe versehen und die sind ja das eigentlich Interessante: Auf welcher Basis empfiehlt Hevert sein Produkt als Alternative zu Antibiotika*.

An erster Stelle steht da „Schnupfen und Sinusitis – Natürlich und effektiv behandeln„, von J.C. Wollmann, einem bei Hevert angestellten Arzt. An zweiter Stelle findet man „Das Sinubronchiale Syndrom. Ganzheitliche Therapie bei Erkrankungen der oberen und unteren Atemwege. Leitfaden für Fachkreise„. Die dritte Quelle behandelt das Thema Antibiotikaresistenz und stammt aus dem Ärzteblatt. Die Vierte Quelle ist die AWMF Kurzfassung der Leitlinie „Rhinosinusitis“ der Deutschen Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde (die echte Leitlinie, wenn man so will). Und am Schluss wird noch aus der „Fachs- und Gebrauchsinformation Sinusitis Hevert SL“ zitiert, also dem Beipackzettel. Drei Quellen (1,2 und 5) sind aus dem Hause des Herstellers, wobei 1 nicht auffindbar ist und 2 eine Werbebroschüre ohne jegliche Quellenangaben. Eine Quelle ist nicht relevant für die Fragestellung (3). Schauen wir also in die Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde und finden heraus, welchen Stellenwert man dort dem Komplexhomöopathikum Sinusitis SL zuspricht:

In einer doppelblinden, placebo-kontrollierten Studie wurde ein homoopathisches Kombinationspräparat bei der akuten Rhinosinusitis untersucht. Diese Publikation spricht von signifikanten Verbesserungen. Eine generelle Empfehlung für den Einsatz homöopathischer Arzneimittel bei der akuten Rhinosinusitis kann nicht gegeben werden.

So steht es in der Kurzfassung.  In der Langfassung (abgelaufen) findet sich folgendes:

Aufgrund der vorliegenden Studien (Wiesenauer 1989, Weiser 1994) kann eine wirksame ärztliche Einflussnahme auf die akute Sinusitis mit homöopathischen Medikamenten als nicht bzw. nicht ausreichend belegt angenommen werden.

Wie ein „wirkungsvoller Therapieweg bei Erkältungskrankheiten“ (Hevert) hört sich das nicht an.

Ich weiß ja, dass diese Form von Werbung in vielen Zeitschriften mittlerweile die Regel ist, abfinden möchte ich mich damit aber nicht wirklich. Was kann ich denn von einer, an medizinisches Fachpersonal gerichteten Publikation noch erwarten, wenn nicht kritische Berichterstattung? In diesem Fall war es recht einfach herauszufinden, wie dünn die Evidenz hinter dem gemachten Behauptungen ist. Bei neuartigen Produkten, über die es wenige Studien und Veröffentlichungen gibt, sieht das ganz anders aus. Ben Goldacre schreibt in seinem Buch, dass es nicht mehr möglich ist, für einen einzelnen jede Aussage zu prüfen und jedes Paper zu lesen. Wenn die Ärzte Zeitung diesen Job nicht für mich übernimmt, ist sie nutzlos, warum sollte ich sie lesen? Und dass ich die Aussagen in einer „Fortbildung“ vom Hersteller, egal welches Medikaments, nicht ernst nehmen kann, ist klar. Aber durch den Einleitungstext auf Seiten der Ärzte Zeitung wird dem ganzen eine gewisse Kredibilität gegeben. Die Frage ist, ob sich dadurch die Glaubwürdigkeit für die Fortbildung erhöht oder die der Ärzte Zeitung verringert.

*Eine „Alternative“ zu Antibiotika ist bei einer viralen Infektion sinnlos, weil Antibiotika in dem Fall die falsche Therapie darstellt. So wie das in der Fortbildung formuliert wird, kann die Alternative nur eine andere falsche Therapie sein.

Anmerkung: Ich hätte den Beitrag gerne mit ein paar Bildern von der Fortbildung aufgelockert. Da viele Unternehmen bei kritischer Berichterstattung aber ziemlich garstig werden können, wollte ich dem Vorwand der Copyrightverletzung nicht Tür und Tor öffnen.

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Impfterror im Dresdner Familienmagazin

Das Blatt ‚Eltern, Kind und Kegel‚, laut Eigenbeschreibung ‚Das Familienmagazin für Dresden und Umgebung‘, bietet neben Massen an Werbung und einem Veranstaltungskalender auch den einen oder anderen redaktionellen Text. In der Juli/August-Ausgabe trauten sich die AutorInnen mit dem Kürzel „vf“ und „sr“ zu, einen Text über das Pro und Contra des Impfens zu schreiben. Der erste Blick als Leser fällt jedoch nicht auf den Text, sondern die Buchempfehlung auf derselben Doppelseite.

Dort wird das Buch des Arztes Martin Hirte empfohlen. Laut seiner Website ist Herr Hirte Mitbegründer des Vereins für eine individuelle Impfentscheidung, außerdem Homöopath und Anhänger der anthroposophischen Medizin. Also jemand, der sich aus der realitätsbasierten Medizin verabschiedet hat. Da ich für Werbung sehr empfänglich bin, habe ich der Empfehlung gleich Folge geleistet und mir das Buch gekauft. Die ersten Stichproben haben gezeigt: Ganz genau nimmt es Herr Hirte mit den Fakten nicht, dazu ein anderes Mal mehr.

Zurück zum Text aus „dem Familienmagazin für Dresden und Umgebung“. Der Textanteil für „Pro“ und „Contra“ ist ungefähr gleich, was auf den ersten Blick nach journalistischer Ausgewogenheit aussieht, jedoch bei genauerer Analyse von der Ahnungslosigkeit der AutorInnen zeugt. Wissenschaftlich gibt es bei den von der STIKO empfohlenen Impfungen keine zwei Seiten. Zwei Seiten gibt es nur ideologisch. Das wäre jedem auch sofort klar, wenn es in dem Text zum Beispiel um die biblische Schöpfungsgeschichte ginge und die Frage, ob die Erde erst 6000 Jahre alt ist (ist sie nicht). Da gibt es kein „Pro“ und „Contra“, sondern wissenschaftlich erarbeitete Fakten, egal wie sehr einige Menschen diese Fakten ablehnen.

Die Sprache des Textes macht deutlich, dass es den AutorInnen nicht darum geht, aufzuklären. Der Text ist so formuliert, dass er eben jene Verunsicherung hervorruft, die er beklagt. So wird behauptet, Anlass der Kampagne „Deutschland sucht den Impfpass“ sei eine in Europa grassierende Impfmüdigkeit. Den Begriff sucht man jedoch auf der Website zur Kampagne vergeblich. Im Gegenteil:
„Über 90 Prozent der Kinder werden in Deutschland geimpft. Die Impfbereitschaft ist also hoch.“

Vorher schreiben die AutorInnen, die Kampagne „suggeriere (…), dass es völlig normal ist, einen Impfpass zu haben“ und suggeriert damit das Gegenteil. Wer sich impfen lässt, bekommt einen Impfpass, 90% der Kinder sind geimpft, also ist es „völlig normal“, einen Impfpass zu haben. Genauso wie es normal ist, nicht zu wissen, wo er ist.

Die AutorInnen stellen unter anderem die Frage:

„Warum hört man in den Medien soviel von Impfschäden, aber beim Kinderarzt oder der Kinderärztin wird das kaum besprochen.“

In „den Medien“ hört man nicht „soviel“ über Impfschäden, sondern vor allem auf einschlägigen Websites. Deren Inhalt wird oft bestimmt von Menschen, deren medizinisches Wissen äußerst lückenhaft ist. Indem sie Dinge in Frage stellen, die zum Teil seit Jahrzehnten geklärt sind, nutzen die AutorInnen eine Strategie, mit der die Tabaklobby in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts versucht hat, den Zusammenhang zwischen Rauchen und Lungenkrebs zu leugnen. So werden Mediziner erwähnt, die an der Wirksamkeit von Impfungen zweifelten. Spätestens hier betreten die AutorInnen das Feld von Verschwörungstheorien, die zum Beispiel auch die Existenz von krankmachenden Mikroorganismen bestreiten. Auch die Idee, Impfstoffe würden an der Bevölkerung „getestet“, erinnert eher an Gedanken aus der Chemtrailszene als an seriösen Journalismus. Eine kurze Recherche hätte ergeben, dass Impfschäden so selten sind, dass sie in der Regel erst auffallen, wenn mehrere 100 000 oder sogar Millionen Menschen geimpft sind (Wenn etwas bei einem von einer Millionen Menschen passiert noch später). Das ist in klinischen Studien nicht realisierbar, für kein Medikament und auch kein anderes Produkt. Die „Alltagstauglichkeit“ kann erst im Alltag geprüft werden, die Risiken werden soweit wie möglich minimiert, ausschließen kann man sie nie…bei nichts.

Der Text „Impfen das Für und das Wider“ hat den Untertitel „Verantwortungsvolle Entscheidungen selbstbewusst treffen“. Das ist natürlich ein tolles Motto, nur leider hilft der Text dabei in keinster Weise weiter. Er scheint ohne einen Hauch an Recherche, zum Beispiel auf den Seiten den Robert-Koch-Instituts, ausgekommen zu sein.

Quellen nennen die AutorInnen dabei übrigens nicht, wir sollen ihren Worten Vertrauen und damit, das lässt die Werbung für Herrn Hirtes Buch vermuten, seinen. Danke, ich vertraue weiter auf Experten.

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Mehr Autismus aus dem Darm

Es ist gerade mal eine Woche her, dass ich auf der GWUP-Konferenz über Pseudomedizin und Autismus gesprochen habe. Den Schwerpunkt habe ich dabei auf eine postulierte „Darm-Hirn-Achse“ gelegt. Und gestern lese ich bei sciencebasedmedicine von der „GAPS Diet„. GAPS steht für „Gut and Psychology Syndrome“ und ist damit ein noch weitreichenderes Konzept als Prof. Montagnier und andere postulieren. Aber es schließt Autismus mit ein, was die Quarks sicher beruhigen wird. Die „Therapie“ besteht, in groben Zügen aus hungern, Eigelb (roh) und Entgiftung. Entgiftet wird u.a. mit Saft, Bädern und Pro-Biotika.

Das Konzept passt zu einem Thema, welches mir in letzter Zeit immer öfter auffällt. Neue Erkenntnisse zeigen, dass wir die Rolle der Darmflora auf unsere Gesundheit in der Vergangenheit unterschätzt haben und die Riege der Pseudotherapeuten fängt an, sie zu überschätzen. Immerhin können sie sich auf Hippokrates berufen, der hat auch schon gesagt, alle Krankheit komme aus dem Bauch, na dann!

Wenn ich mir vorstelle, wie ein Kind mit Autismus auf so eine Hunger-Kur reagiert, wird mir ganz anders. Perfekt ist natürlich, dass eine Verhaltensverschlechterung (die ziemlich sicher eintreten wird) zeigt, dass die Therapie wirkt. Das schlechte muss eben erst raus und richtet dabei allerlei Schaden an. Hört sich an wie Säftelehre mit iPhone-App (kein Link!)

Und soeben sehe ich, dass der Kram auch in Deutschland schon Fuß gefasst hat (ebenfalls kein Link). Argh!

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Schneller sterben mit Vitaminen

Für Vitamine wird es eng. Mittel Dezember berichtet die Ärztezeitung, Vitamine erhöhten das Schlaganfallrisiko [1]. Die Vitamine A, C und E waren besonders…ungesund. Das bestätigt diverse andere Metastudien der letzten Jahre.

Die Verbraucherzentrale NRW hat eine Übersicht zu Nahrungsergänzungsmitteln. Dort gibt es einen Unterpunkt „Vitamine“ [2], wo nochmal darauf hingewiesen wird, eine normale Ernährung reiche vollkommen aus, um seinen Bedarf an Vitaminen zu decken. Außerdem ein wenig frische Luft am Tag, für das Vitamin D (vergleiche auch hier).

Im Guardian war in diesem Jahr zu lesen, die Einnahme von Vitaminpräparaten verleite Menschen dazu Gesundheitsrisiken einzugehen [3].

Und dann noch ein neues Forschungsergebnis an Fruchtfliegen, das darauf hinweisen könnte, dass oxidativer Stress nicht zur Achse des Bösen gehört [4].

Nur um das nochmal klar zu machen: Es geht dabei immer nur um die zusätzliche Einnahme von Vitamin (oder anderen Nahrungsergänzungsmitteln).

[1] http://www.aerztezeitung.de/news/article/683672/vitaminpillen-foerdern-schlaganfall.html

[2] http://www.guardian.co.uk/commentisfree/2011/aug/26/bad-science-vitamin-pills-lead-you-to-take-risks?mobile-redirect=false

[3] http://www.vz-nrw.de/UNIQ132500244526575/link20419A.html

[4] http://www.deutsche-apotheker-zeitung.de/spektrum/news/2011/12/23/keine-belege-fuer-schaedliche-wirkung/6099.html

 

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Die Strümpfe bleiben an!

Antithrombosestrümpfe sind nicht das beliebteste Accessoire im Krankenhaus. Sie sind schwer anzuziehen, jucken und sind nicht sehr hübsch. Aber sie schützen vor Thrombose! Und das gar nicht mal schlecht, wie eine Analyse bei NNT zeigt [1]. Tja, ich hätte gerne bessere Nachrichten gebracht, doch wie bereits gesagt:

Die Strümpfe bleiben an!

[1] http://www.thennt.com/elastic-stockings-plus-medical-therapy-for-deep-vein-thrombosis-prevention-after-surgery/

 

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Masern und Party: Schlechte Mischung

Auf den Scienceblogs berichtet Joseph Kuhn, warum es keine gute Idee ist, Kinder nicht (oder nicht ohne sehr guten Grund) gegen Masern impfen zu lassen [1].

Manche Eltern meinen, es sei besser, die Kinder nicht impfen zu lassen, z.B. weil angeblich eine natürlich durchgemachte Masernerkrankung die Entwicklung des Kindes fördern würde oder die Impfung erhebliche Risiken mit sich bringen würde. Für viel Verunsicherung hat 1998 ein Bericht des britischen Arztes Andrew Wakefield in der angesehenen Fachzeitschrift Lancet geführt, in dem ein Zusammenhang zwischen der Kombinationsimpfung gegen Mumps, Masern und Röteln (MMR-Impfung) und Autismus hergestellt wurde. Das hat sich in den folgenden Jahren als falsch herausgestellt, mysteriöse Geldzahlungen an Wakefield wurden bekannt, 2010 hat Lancet den Wakefield-Bericht offiziell zurückgezogen und 2011 war im Deutschen Ärzteblatt zu lesen, dass Wakefield seine Daten wohl gefälscht hat.

Anlass für den Bericht ist der Fall eines jungen Mädchens, das an den Spätfolgen der Masern gestorben ist.

[1] http://www.scienceblogs.de/gesundheits-check/2011/11/masernimpfung-statt-masernparty-wissen-ist-gesund.php

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Teure Medizin – Rosiglitazon

Mit einer Zahlung von 2,2,Mrd Euro legte GlaxoSmithKline einen Rechtsstreit mit der USA bei [1]. Nachdem sich herausgestellt hatte, dass Rosiglitazon zu einer erhöhten Rate von Herz-Kreislauf-Ereignissen führt, wurde die Indikation deutlich eingeschränkt. Angeblich hatte GSK der FDA Daten vorenthalten [2]. Rosiglitazon ist in Deutschland nicht mehr erhältlich.

 

[1] NZZ

[2] Wiki

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Bevacizumab, Brustkrebs und die FDA

Die FDA zieht die Zulassung von Bevacizumab für die Behandlung von Brustkrebs zurück [1]. In Europa versucht Roche Kliniken mit satten Rabatten zum Einsatz von Bevacizumab zu bewegen [2]. Bisher hat die europäische Arzneimittelbehörde keine Anstalten gemacht, die Indikation von Bevacizumab bei Brustkrebs ebenfalls zu hinterfragen.

[1] Deutsche Apothekerzeitung
[2] Badische Zeitung

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