Archiv der Kategorie: Kolumne

Nazimilch

Es ist toll, weiß zu sein! Louis CK hat eine Nummer in der erklärt, wie großartig es ist, ein weißer Mann zu sein. Er meint damit, dass man als weißer Mann zu beinahe jedem Zeitpunkt der Geschichte, an beinahe jedem Punkt der Erde zu der Gruppe von Menschen gehört hätte, der es besser ging als dem Rest. Er meint das als Beschreibung der Wirklichkeit, nicht als ihre Rechtfertigung. Es gibt jedoch Menschen, die meinen das genau so. Die sind der Ansicht, ihre spärlich ausgeprägte Pigmentierung sei äußeres Zeichen einer inneren Überlegenheit gegenüber Menschen mit stärker ausgeprägter Pigmentierung. Bar jeder Kenntnis in Biologie sprechen diese Menschen gern von „Rassen“.

Und, so erfuhr ich kürzlich, sie, die weißen Überlegenen, trinken gerne Milch. Denn Milch ist auch weiß! Und weiß sein ist toll.

In New York hatte Shia LaBeouf, ein Schauspieler, eine Kamera eingerichtet, die eigentlich dazu dienen soll, zu zeigen, dass wir alle Schwestern und Brüder sind. Nackte Affen auf einem kleinen blauen Planeten. Der Platz vor der Kamera wurde von „White Supremasists“ dazu genutzt, ihre spärlich pigmentierten (jedoch Stellenweise künstlich nachpigmentierten) Oberkörper zu präsentieren, um ihrer politischen Botschaft Ausdruck zu verleihen: „Wir sind die besten. Und zwar nicht, weil wir irgendwas besser können als weniger Pigmentierte, sondern WEIL wir spärlich pigmentiert sind.“ Und welches Getränk könnte besser dazu dienen, dieses differenzierte Weltbild zu transportieren als Milch.

Die Herren trinken Milch vor der Kamera. Denn, so die Ansicht dieser Herren, die Tatsache, dass sie als Erwachsene ein Enzym besitzen, welches Laktose in Galactose und Glukose spaltet (Lactaste-Persistenz), sei Beleg dafür, dass sie an der Spitze der Evolution stünden. Prost!

In einem Paper aus Nature ist zu erfahren, dass die Fähigkeit Lactase auch als Erwachsener zu bilden (Kinder können es ohnehin) mit der Mutation einer DNA-Base in der Nähe des Gens für Lactase zu tun hat. Dabei wurde die DNA-Base Cytosin durch Thymin ausgetauscht. Es geht also, bei der Überlegenheit der weißen „Rasse“ um ein (EIN!) Molekül. Ein fragiles Konzept, will beherzt verteidigt sein.

Im selben Paper ist auch zu lesen, dass auch Menschen ohne Lactase-Persistenz Milchprodukte zu sich genommen hätten. Sie hätten lediglich dafür sorgen müssen, den Lactoseanteil in der Nahrung zu reduzieren. Dazu wurde Milch unter anderem zu Käse verarbeitet. Käse herzustellen ist gar nicht so einfach, diese Menschen konnten es bereits vor 8000 Jahren. Damit hatten sie diese Fähigkeit vor dem Zeitpunkt als die Lactase-Persistenz erstmals auftrat (ca. 7500 Jahre).

Man könnte also sagen, Menschen mit Lactase-Persistenz müssen sich weniger Gedanken machen wenn sie etwas essen wollen. Und sie sind zu faul, sich leckeren Käse zu machen. Sie trinken die Milch einfach aus dem Kanister.

Und wie das so ist, mit zufälligen Mutationen einzelner DNA-Basen, entstehen diese auch woanders. So zum Beispiel in Westafrika und Südasien. Auch dort gibt es Lactase-Persistenz. Zufällige Mutationen einzelner DNA-Basen entstehen auch bei Menschen mit stärker ausgeprägter Pigmentierung.

Es ist toll, weiß zu sein. Du denkst, du übernimmst die Herrschaft aber die Milch macht’s.

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Achtsamkeit am Sonntag

[Alternativer Titel: Die sieben Höllen der Achtsamkeit]

Es gibt nur wenige Momente in denen ich nicht mit irgendwas beschäftigt bin. Ich habe einen recht unruhigen Geist und neige dazu, schnell angespannt zu sein. Das nervt mich bisweilen sehr und manchmal spiele ich mit dem Gedanken, ob ich vielleicht eine AD(H)S haben könnte. Das würde mich aber zum einen noch mehr nerven und zum andere habe ich ein ausreichend hohes Funktionsniveau, also verwerfe ich diesen Gedanken wieder und entscheide mich für „Ist halt so“. Es wäre aber schon schön, wenn ich mal (EINMAL!) zur Ruhe kommen könnte: „Ist halt so, muss aber nicht“.

Als Sohn von Hippie-Eltern fand ich buddhistische Mönche (gemeint ist die Idee von buddhistischen Mönchen, die jungen Menschen typischerweise in einem kleinen norddeutschen Dorf vermittelt werden) immer toll. Diese Ruhe, diese Ausgeglichenheit, dieses achtsame Sein. Achtsamkeit! Das ist der Begriff der Zeit. Alle wollen achtsam sein: achtsam essen, sitzen, liegen, schlafen. Achtsam kaufen, investieren, traden. Mindfullness ist ein anderer Begriff für Achtsamkeit. Wir. Alle. Sind. Nicht. Achtsam. N.O.T. M.I.N.D.F.U.L.L.

Das sei, so höre ich immer wieder, eine Krankheit unserer Zeit, auf uns prasselten so viele Informationen ein, da könne ja niemand zur Ruhe kommen. Wir Armen! Wir wünschen uns in eine Zeit zurück, in der wir, frei von Smartphone und Email, durch stille Wälder streichen, auf der Suche nach Nahrung und Unterschlupf. In der wir, auf der Fährte eines Tieres durch die Savanne wandern und nur das rascheln des Grases hören. Lauschen auf jedes Geräusch, entscheiden blitzschnell, ob es eine Bedrohung unserer materiellen Existenz bedeutet oder die nächste Mahlzeit. In letzterem Fall müssen wir blitzschnell dafür sorgen, die Beute nicht zu verscheuchen und die richtige Taktik anwenden, sie zu erlegen, ohne dass sie dabei unsere materielle Existenz bedroht. Wenn wir sie erlegt haben, verspeisen wir sie am Feuer, immer ein Auge und ein Ohr in der Umgebung, um Futterneidern gewahr zu werden, die unsere materielle Existenz bedrohen könnten. Um dann, wenn wir satt sind, in einen unruhigen Schlaf zu fallen. Was wären wir achtsam!

Am heutigen Sonntag, während der körperlichen Ertüchtigung im Freien, schalt ich mich: „Du bist noch immer nicht achtsam! Schäme Dich dieses Mangels!“ Und plötzlich war ich trotz des schönen Wetters und der prächtigen Umgebung angespannt und unzufrieden mit mir. Da war er wieder, der mindfull Stress.

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Alter Käse – Die lieben Kollegen

Die lieben Kollegen. Immer auf das Wohl der Patienten bedacht. Darum ist es ihnen auch so wichtig, das medizinische Wissen durch Forschung zu vermehren. Wissenschaft! Um so besser, wenn man das auch noch bezahlt bekommt. Während das akademische Prekariat mit Erdnüssen und Zeitverträgen abgespeist wird, klotzen die Pharmaunternehmen bei den niedergelassenen KollegInnen richtig ran. 100 000 000 Euro haben sie sich beispielsweise „Anwendungsbeobachtungen“ kosten lassen. Die Aufregung der Presse ist mal wieder groß. Man wirft Medizinern und Industrie vor, diese nur als Tarnung zum Verschreiben unnützer und/oder überteuerter Medikamente zu verwenden. Das wäre im besten Fall kreatives Marketing und im schlechtesten Falle nicht justiziable Bestechung.

Dabei ist es doch logisch, warum Verschreiber und Hersteller hier eng zusammenarbeiten müssen! Dass es keine (Zusatz-)Nutzen gibt, liegt doch nur daran, dass BISHER noch niemand den Nutzen der Medikamente bei bestimmten Erkrankung herausgefunden hat! Darum nehmen Hersteller und Verschreiber die mühsame Arbeit auf sich und machen aus jeder Behandlung ein Experiment. Das ist gelebter Altruismus auf Seiten der Patienten. Die Patienten wären stolz auf sich, wenn sie denn wüssten, was da mit Ihnen passiert.

Und es ist immerhin besser, wenn man ein bereits am Menschen erprobtes Medikament nimmt, als ein vollkommen Unbekanntes. Denn trotz (mindestens) zweier katastrophal verlaufender Phase-I Tests von Wirkstoffen in Industrieländern, schaffen es die Regulierungsbehörden nicht, die Unternehmen dazu zu bringen, alle Daten herauszurücken. So weiß manchmal das eine Unternehmen nicht, was das andere schon herausgefunden hat, Probanden riskieren unnötig ihre Gesundheit oder ihr Leben.

Und deswegen sollte man die niedergelassenen KollegInnen auch verstehen! Wenn nicht mal führende Pharmaunternehmen sich human verhalten, wieso sollten sie dann mit gutem Beispiel voran gehen und sich an eigene ethische Standards halten? Noch dazu, wenn der Status Quo so gut bezahlt wird.

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