Archiv der Kategorie: Kontrovers

Filmkritik – A Man Made epidemic

[Ich habe ein Vorurteil. Dieses Vorurteil lautet: Hebammen sind gegen das Impfen. Die einen mehr, die anderen weniger. Die weniger radikalen sprechen sich für die „individuelle Impfentscheidung aus. Die radikalen wollen der Natur vollkommen ihren Lauf lassen (dabei unterscheidet sich die individuelle Impfentscheidung nur marginal von diesem Konzept, doch ich vermute das wissen die weniger radikalen Hebammen nicht). Darum geht vermutlich, neben „Vaxxed“ auch „A Man Made Epidemic“ durch die Hände der Hebammen und damit wiederum durch die Hände werdender Eltern. Den Schaden, den Frau Beer mit dieser Aneinanderreihung von Missinformation anrichten kann, überblickt sie vermutlich selbst nicht. Aufgrund dieses Vorurteils schreibe ich einen offenen Brief an alle Hebammen, die Eltern, die sich ihnen anvertrauen diesen Film ans Herz gelegt haben.]

Liebe Hebammen,

es hat einige Zeit gedauert, doch jetzt habe ich endlich die Gelegenheit, über den Film zu schreiben. Bevor ich mich den Einzelheiten widme, ist es mir wichtig, noch etwas Grundsätzliches zu sagen: Ich denke im Kern geht es bei der Frage „Wie stehe ich zu Impfungen“ um Vertrauen. Viele der Quellen die ich nutze, stammen von staatlich initiierten oder finanzierten Institutionen oder Ämtern. Deren Aufgabe ist es, Gefahren für die Bürger frühzeitig abzuwenden. Irrtümer immer vorbehalten, geht es um die Frage, ob wir diesen Institutionen vertrauen. Ob man grundsätzlich der Meinung ist, dass die Menschen, die dort arbeiten, sich im Kern nicht von uns allen unterscheiden und gute Intentionen haben. Oder ob man der Ansicht ist, dort arbeiten (1000e) sinistre Gestalten, die über Leichen gehen. Ob man davon ausgeht, dass sie ihre Arbeit gut machen wollen und ihre Arbeit darin sehen, uns alle vor unnötigen Gefahren zu bewahren (soweit möglich). Für mich geht diese Frage an den Kern unserer Demokratie. Diese Institutionen basieren letztlich auf Entscheidungen von Menschen, die wir gewählt haben. Mir liegt fern, Entscheidungen dieser Institution kritiklos hinzunehmen, doch wenn ich kein grundsätzliches Vertrauen in sie habe, fällt jegliche Diskussionsgrundlage weg und damit ein Teil des Fundaments unserer Gesellschaft. Dann ist alles Meinung und jedeR auf sich gestellt. Insofern ist die Diskussion über den Nutzen oder Schaden vom Impfungen auch immer politisch.

Und jetzt zum Film:

Einleitung

Die Grundthese des Filmes würde ich so beschreiben: Einflüsse denen wir aufgrund unseres „modernen“ Lebens ausgesetzt sind, verursachen Autismus. Diese These hat ihren Ursprung in der Beobachtung steigender Anzahl von Autismus. Im Film wird die Behauptung aufgestellt, aktuell hätte eines von 35 Kinder Autismus. Im Jahre 2025 hätte jedes zweite Kind Autismus. Die postulierte Steigerung der Fallzahlen wird auf Impfungen, Glyphosat, Handystrahlung und GMO zurückgeführt, wobei den größten Teil des Filmes das Thema Impfungen beansprucht.

Ein Großteil der Steigerung lässt sich jedoch allein durch bessere Diagnostik und Erweiterung der Diagnosekriterien erklären 1. Bekannte Faktoren für die Erhöhung des Autismusrisikos sind, neben genetischen Faktoren, hohes Alter der Eltern, Infektionen in der Schwangerschaft (u.a. Röteln), Frühgeburtlichkeit und bestimmte Medikamente2. Im Grunde wäre damit der Rest des Filmes hinfällig und es spricht nicht für die Recherche von Natalie Beer, dass sie diese Überlegungen im Film nicht mal erwähnt.

Wakefield

Da Andrew Wakefield viel Raum in dem Film bekommt, werde ich auch noch einmal auf ihn eingehen. Insbesondere hinterfrage ich seine Glaubwürdigkeit. Er glaubt sicher mittlerweile was er sagt aber, wenn auf die Interessenskonflikte, von Mitgliedern der STIKO thematisiert wurden (insbesondere im Zusammenhang mit der Einführung der HPV-Impfung), in Diskussionen über Impfungen hingewiesen wird, sollte auch Interessenkonflikte von Wakefield hingewiesen werden. Und die sind enorm. Wakefield hat seine Studiendaten gefälscht: In den Gewebeproben, die er den Kindern im Rahmen einer Darmspiegelung entnahm, waren keine Masernviren zu finden (Aussage eines Laborassistenten, der die Proben direkt danach bearbeitet hatte). Trotzdem wird das in der – mittlerweile zurückgezogenen Arbeit – behauptet. In der Arbeit steht, die Symptome des Autismus seien maximal 7 Tage nach der Impfung aufgetaucht. Es gibt jedoch nachweislich Fälle in denen die Symptome erst mehrere Monate nach der Impfung auftauchten sowie mindestens einen Fall in dem die Symptome bereits vorher vorhanden waren. Ein Kind taucht in der Studie gar nicht auf (mindestens 13 Kinder wurden untersucht, 12 werden in der Studie erwähnt). Wakefield hat bereits seit 1993  zu einem Zusammenhang zwischen Masernimpfung und Magen-Darm-Erkrankungen geforscht. Das ist an sich vollkommen legitim. Allerdings hatte er ein Patent für einen diagnostischen Test sowie ein Patent für einen Einzelimpfstoff für Masern (er behauptete immer, nur die Dreifachimpfung Masern/Mumps/Röteln mache die Probleme). Das bedeutet, dass zukünftige Einnahmen (die von Wakefield auf mehrere Millionen geschätzt wurden) von den Ergebnissen der Studie abhingen. Das ist ein Interessenkonflikt, den Wakefield nicht öffentlich gemacht hat und bis heute als unproblematisch bewertet. Wakefield stellt es in dem Film so dar, als sei er ein Einzelkämpfer gewesen und hätte keine Unterstützung bei seinen Forschungen erhalten. Die Universität hat Wakefield jedoch lange unterstützt. Für die Reaktion nach der ersten Pressekonferenz, in der die Ergebnisse („MMR-Impfung macht autistische Enterokolitis) vorgestellt wurde, wurden extra Telefone geschaltet, um Anfragen bewältigen zu können. Im Film behauptet Wakefield, er habe nur Geld aus einem Forschungsfond erhalten. Das ist nur teilweise richtig. Wakefield arbeitete mit einem Anwalt zusammen, der Eltern vertrat, welche Impfhersteller verklagen wollten. Der Anwalt brauchte Belege für den Schaden von Impfstoffen um den Prozess zu gewinnen. Für die Forschung, um diese Belege zu liefern, zahlte er Wakefield Geld. Weil diese direkte Art der Bezahlung problematisch ist (Interessenkonflikt) wurde das Geld an die Universität gezahlt, die es wiederum über den Forschungsfond an Wakefield weiter gab. Nach der Veröffentlichung der Studie erhielt Wakefield weitere Gelder. Wakefield wirft Unternehmen vor, Kinder zu impfen um Profit zu machen und deren Schaden in Kauf zu nehmen. Er hat jedoch nachweislich durch seine Studie (unnötigen Untersuchungen) Kindern geschadet und wollte Geld mit seiner Forschung verdienen (was prinzipiell ebenfalls legitim ist, wenn es sich nicht um „alternative Ergebnisse“ handelt). Heute verdient er seinen Lebensunterhalt trotzdem mit der Behandlung und Beratung von Kindern mit Autismus. Nur eben aufgrund falscher Behauptungen. Die „Behandlungen“ die aus den Hypothesen von Wakefield und anderen in dem Film resultieren sind wirkungslos und gefährlich, es gibt nachgewiesene Todesfälle.

Wakefield trägt die Verantwortung für den Rückgang der Impfraten in Teilen Großbritanniens von 95% auf 80% und damit für 10 000e Masernfälle inklusive Todesfällen. Von unnötigen und grausamen „Behandlungen“ von Kindern mit Autismus ganz zu schweigen. Ihn als Anwalt für die Kinder auftreten zu lassen, ist an Zynismus kaum zu toppen.

Natasha Campbell-McBride

Natasha Campbell-McBride tritt in dem Film auf und behauptet, Substanzen die in der Landwirtschaft als Insektizide eingesetzt werden, würden für Autismus verantwortlich sein. Sie ist auch diejenige, die die Zahl 1/35 Kindern habe heute Autismus in die Welt setzt. Sie steht mit ihren im Film gemachten Behauptungen nicht auf dem Boden der Realität. Sie behauptet, dass Substanzen, die für Insekten schädlich sind, auch für Menschen gefährlich sind. Das ist in der Form falsch. Nikotin ist zum Beispiel für Insekten schnell tödlich, Menschen vertragen höhere Dosen. Andere Substanzen haben bei Menschen gar keine Wirkung, wieder andere sind in geringer Dosis tödlich. Die Aussage von Frau Campbell-McBride zeigen eine geringe Sachkenntnis auf. Woher sie ihre Zahlen zu Autismus nimmt (1/35 Kindern) ist unklar, sie ist falsch. Auch die Aussage, dass das Immunsystem nach der Geburt noch nicht richtig funktioniert ist nicht richtig, wenn das so wäre, wären Kinder nicht lebensfähig. Die von Frau Campbell-McBride empfohlene Diät ist nachweislich nicht wirksam für die Kernsymptomatik von Autismus. Was im Film nicht erwähnt wird, ist dass Frau Campbell-McBride selbst Nahrungsmittel verkauft, die als Behandlung der von ihre postulierten Behandlung dienen. Sie profitiert also direkt von der Angst (und der vermeintlichen Lösung, die sie anbieten), die sie schürt. Frau Campbell-McBride behauptet, es gebe kaum Forschung zum angeblichen Zusammenhang von Impfen und Autismus. Das ist glücklicherweise falsch. Es gibt Forschung und die hat gezeigt (PDF), dass es keinen Zusammenhang gibt. Dasselbe gilt für den fehlenden  Zusammenhang von Impfungen (PDF) und weiteren chronischen Erkrankungen.

Herr Troschke

Herr Troschke von der Initiative für Individuellen Impfentscheid behauptet, ebenfalls, das kindliche Immunsystem sei bei Geburt noch unreif. Wissenschaftliche Belege bleibt er schuldig. In einem Interview gab er zu, dass es sich um eine „weltanschauliche“ Ansicht handele. Im Film erwähnt er das nicht. Dort stellt er das so dar, als wäre das ein wissenschaftlicher Fakt. Herr Troschke beurteilt die Reife des kindlichen Immunsystems jedoch als Anthroposoph und nicht als Arzt. Anthroposophie ist eine Weltanschauung die unter anderem davon ausgeht, dass Menschen nicht nur einen „stofflichen“ Körper haben. Laut Rudolf Steiner, dem Gründer der Anthroposophie, bilden sich im Laufe des Lebens bestimmte „feinstoffliche“ Körper (Wesensleiber: Physischer Leib, Astralleib, Etherleib, Ich-Leib). Bis zum siebten Lebensjahr haben Kinder nur den „physischen Leib“, dann bildet sich der Astralleib, mit 14 der Etherleib und mit 21 der Ich-leib. Nach Anthroposophischer Sicht ist man erst dann ein Mensch. Die Reife menschlicher Biologie wird von einem anthroposophischen Arzt darum immer vor allem spirituell eingeschätzt. Und spirituell ist das Immunsystem eines Säuglings eben unreif. Das hat aber keinen Einfluss auf den Erfolg von Impfungen. Ich muss noch ein wenig ausholen, um den Blick von Anthroposophen auf Impfungen und „Kinderkrankheiten“ deutlich zu machen. Ebenfalls Teil der anthroposophischen Lehre ist die Annahme, Menschen würde wiedergeboren. Handlungen und Gedanken und aus einem früheren Leben können Einfluss auf das Karma (und damit auf die Wesensleiber und das Leben des Menschen) haben. Um das Karma wieder in Ordnung (meine Beschreibung) zu bringen, sind bestimmte Erkrankungen aus anthroposophischer Sicht notwendig! Unter anderem Masern. Aus anthroposophischer Sicht können Menschen, die sich im früheren Leben zuviel mit sich selbst beschäftigt haben und zuwenig mit der äußeren Welt, durch Masern wieder „heilen“. Darum sind anthroposophische Ärzte dagegen, Kinder vor dem Jugendalter zu impfen, weil Impfungen die Entwicklung Kinder behindern. Dabei meinen sie jedoch nicht die psychologische Entwicklung sondern die spirituelle. Das wird leider selten von anthroposophischen Ärzten erwähnt.

Auch in diesem Film werden Aussagen von Ärzten, die wissenschaftliche Erkenntnisse darlegen, Aussagen von Ärzten gegenüber gestellt, die sich auf die Aussagen eines 1925 verstorbenen Hellsehers berufen. Ich finde, die Aussagen, sollte man durchaus unterschiedlich bewerten.

Gericht und Autismus

Im Film wird eine Familie aus Italien gezeigt, deren Sohn Autismus hat. Die Eltern haben versucht, per Gericht eine Entschädigung für den Autismus ihres Sohnes zu erhalten. Im Rahmen des Gerichtsverfahrens sollte nachgewiesen werden, dass ihr Sohn (Valentino Bocca) durch eine Impfung Autismus bekommen habe. Dieses Urteil beruhte jedoch vor allem auf den Aussagen von Experten, die sich auf die Arbeit von Wakefield bezogen. Da die Ergebnisse von Wakefield gefälscht waren können die Aussagen der „Experten“ als widerlegt gelten. Das Urteil wurde mittlerweile von einem Gericht in einer höheren Instanz widerrufen.

Aluminium

Im Film wurde die Aussage gemacht, es gebe keinen Grenzwert für Aluminium. Das ist falsch. Das Paul Ehrlich Institut hat zu Aluminiumverbindungen in Impfstoffen letztmalig 2014 Stellung genommen. Es könne an der Einstichstelle in seltenen Fällen zu „Verhärtungen“ kommen, die in der Regel wieder zurückgehen.  Es wird aktuell diskutiert, ob elementares Aluminium an der Entstehung von Alzheimer-Demenz beteiligt ist. Eine Diskussion über eine solange Zeit bedeutet mit hoher Wahrscheinlichkeit, dass ein möglicher Effekt nicht groß ist. Große Effekte lassen sich leicht messen und werden dann nicht mehr diskutiert. Die Symptome bei einer akuten Vergiftung mit elementarem Aluminium haben nur sehr entfernt etwas mit Autismus zu tun. Auch die Symptome einer Demenz sind von Autismus gut zu unterscheiden. Wenn man zur Sicherheit die Aufnahme von Aluminium reduzieren will, sollten aluminiumfreie Pflegeprodukte verwendet und auf Alufolie sowie Alukochgeschirr verzichtet werden. Die Menge an Aluminium in Impfungen ist im Gegensatz dazu äußerst gering.

Thiomersal

Thiomersal ist eine Quecksilberverbindung. Das klingt erst mal beängstigend, dabei vergisst man jedoch schnell, dass Elemente in Molekülen vollkommen andere Eigenschaften haben können als als Element. Auch hat vermutlich niemand Angst vor Meditonsin, worin ebenfalls eine Quecksilberverbindung vorhanden ist. Thiomersal wurde bereits 2001 aus allen Impfstoffen für Kinder entfernt. Dies geschah als Vorsichtsmaßnahme, weil T. seit 1930 in Impfungen verwendet wurde und damals keine Studien gemacht wurden, die heutigen Standards entsprechen. Thiomersal wurde zur Konservierung der Impfstoffe eingeführt. Damals entnahm man den Impfstoff noch aus großen Ampullen. Wenn die Kühlkette unterbrochen wurde, kam es gelegentlich zu Bakterienwachstum in den Ampullen. Die Bakterien wurden dann Kindern injiziert. Außerdem muss gesagt werden, dass die Grenzwerte für Thiomersal (Ethylquecksilber) an denen von Methylquecksilber angelehnt waren. Methylquecksilber ist die Substanz die mit Fisch aufgenommen wird und Menschen vergiften kann. Methylquecksilber bleibt lange im Körper und reichert sich an. Ethylquecksilber hingegen ist nach wenigen Stunden aus dem Körper entfernt und ist darum deutlich weniger schädlich. Doch aufgrund der fehlenden Studien wurde es entfernt.

Wenn (!) Thiomersal mit Autismus zusammenhängen würde, hätte es in den USA nach der Entfernung einen Rückgang von Diagnosen geben müssen. Den gab es nicht.

Unplausible Thesen im Film

Im Film wird behauptet, beim Impfen gehe es nur darum, möglichst viel Geld zu verdienen: Wenn Profit das vorrangige Ziel wäre, würde dieses Ziel besser erreicht werden, wenn nicht mehr geimpft würde. Früher waren die Kinderkliniken voll mit Kindern, die an Keuchhusten, Diphtherie, Maserenzephalitis, Meningokokkensepsis u. v. a. erkrankt waren und zum Teil Wochen im Krankenhaus bleiben mussten (oder dort starben). Eine Erkrankung zieht viele Behandlungen nach sich, die – wenn das das einzige Ziel wäre – deutlich höhere Gewinne bringen würden als Impfungen. Die Gewinne waren in den USA in den 1980ern so gering, dass die Hersteller, nachdem sie einige Klagen verloren hatten (es ging dabei um einen Impfstoff mit relativ hoher Komplikationsrate, der heute nicht mehr hergestellt wird), aufhörten Impfstoffe herzustellen. Darum wurde ein besonderes Gesetz verabschiedet, welches dazu dient, die Hersteller vor übermäßigen Klagerisiken zu schützen und Menschen die durch Impfungen geschädigt wurden zu kompensieren3.

Es gibt eine „Epidemie“ von Autismus: Die Beschreibung von „Autismus“ ist relativ neu. Erstmals tauchte der Begriff 1911 auf, hatte jedoch noch wenig mit unserem heutigen Verständnis der Störung zu tun. In den 1940ern beschrieb Kanner den nach ihm benannten frühkindlichen Autismus. Alle im Film vorgestellten Kindern würden (wahrscheinlich) in diese Kategorie fallen. Asperger faste die Definition von Autismus weiter. Allerdings wurde diese Definition erst in den 1990er Jahren in die relevanten Diagnosebeschreibungen aufgenommen. Man geht davon aus, dass viele Kinder, die heute die Diagnose „Autismus“ erhalten, früher unter dem Begriff „geistig Behindert“ erfasst wurden oder eben gar nicht erkannt. Es findet also zum Teil eine Verschiebung zwischen Diagnosen statt, teils werden Menschen diagnostiziert, die früher nicht erkannt worden wären. Zum Teil erhalten heute Kinder Hilfe, die früher als „schwierig“ gegolten hätten. Es gibt keine Belege für die behauptete Epidemie die Steigerung der Erkrankungszahlen lässt sich ohne Umweltauslöser gut erklären4.

Ich plane einen zweiten Teil, in dem ich auf ein paar weitere Fragen zum Impfen eingehe, die aber nicht direkt etwas mit dem Film zu tun haben.

  1. Explaining the Increase in the Prevalence of Autism Spectrum Disorders
    The Proportion Attributable to Changes in Reporting Practices, Stefan N. Hansen
  2. Autistische Störungen – State-of-the-Art und neuere EntwicklungenEpidemiologie, Ätiologie, Diagnostik und Therapie, Christine M. Freitag
  3. In Deutschland gibt es ein ähnliches Gesetz. Darin heißt es, dass ein Schaden durch eine Impfung nur „wahrscheinlich“ sein muss, um eine Entschädigung zu erhalten. Von 1972 bis 1999 sind die anerkannten Impfschäden von 191 auf 21 pro Jahr zurückgegangen (PDF). Bei mehreren Millionen gegeben Impfdosen ist das eine sehr geringe (wenn auch immer noch zu hohe) Anzahl.
  4. Es gibt eine Gruppe von Menschen, die der Ansicht sind, Autismus sei die nächste Stufe der menschlichen Evolution.

[Update: 07.05.17: An dieser Stelle stand unter „Rausschmeißer“ noch eine spezielle Kritik, die in der Form nicht gut formuliert war, darum habe ich sie wieder entfernt. Eventuell wird sie überarbeitet und im zweiten Teil noch einmal aufgegriffen.]

Ein Kommentar

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Nazis schlagen

Im letzten Jahr wurde von einigen Menschen in meiner Filterblase ein Video geteilt, auf dem Nazis von der Polizei in Luxemburg verprügelt werden, als sie dort eine Kundgebung veranstalten. Das Verhalten der Polizei wurde goutiert und oft mit „So muss man mit Nazis umgehen“ abgenickt. Ich habe nirgendwo etwas gefunden, was den Ausschnitt in einen Kontext stellt, der Gewalt in der gezeigten Form legitimiert.

Im Rahmen von Gegenprotesten zur Vereidigung von Donald Trump wurde Richard Spencer, der die USA zu einer arischen Nation machen möchte, von einem Demonstranten geschlagen.

Es ist nicht so, dass ich nicht emotional nachvollziehen kann, warum man sich darüber freut, wenn Faschisten vermöbelt werden. Besonders wenn sie öffentlich auftreten. Ich kann sogar das rationale Argument nachvollziehen, dass Faschisten wissen sollen, dass sie eine Preis zahlen müssen, wenn sie ihre Ansichten öffentlich vertreten. Und doch bin ich dagegen, Nazis zu schlagen. Ich bin dagegen irgendjemanden zu schlagen weil er bestimmte politische Ansichten hat.

„Gewalt ist die letzte Zuflucht der Unfähigen.“

Isaac Asimov

So befriedigt der nackte Affe in mir durch diese Impulsdurchbrüche meiner Artgenossen auch sein mag, so sehr bezweifelt der Humanist in mir, damit meinem Ziel näher gekommen zu sein. Eher im Gegenteil. Durch Gewalt gegen Nazis, erreichen sie viel mehr ihre Ziele als „wir“ unsere.

Wann ist es ok einen Nazi zu schlagen? Die beiden oben verlinkten Videos verschaffen dem nackten Affen Befriedigung. Was wäre, wenn Spencer vom nächsten Demonstranten geschlagen worden wäre und vom nächsten und vom nächsten? Wäre ein Tritt auch ok? Dürften Knochen brechen oder offene Wunden entstehen? Wäre die Grenze erreicht, wenn er ins Krankenhaus gemusst hätte oder wäre auch eine Reha im Anschluss noch angebracht gewesen?

Reicht es, einen rassistischen Witz zu erzählen, um es verdient zu haben, geschlagen zu werden? Oder muss man auch der NPD angehören? Ab welchem Alter darf man Nazis schlagen? Müssen sie volljährig sein oder ist es auch bei Jugendlichen ok? Wie ist es mit Menschen die Aufseher im KZ waren? Sind die zu alt um geschlagen zu werden? Ist es ok, wenn sie am Schlag sterben? Wie sieht es aus, wenn sie bereuen, was sie getan haben?

Ich habe bei Reddit einen Kommentar gelesen, in dem eine Dame, die schrieb, sie sei früher Nazi gewesen, sie wünscht sich heute, jemand hätte sie damals geschlagen. Dann wäre sie früher „da rausgekommen“.

Machen wir unsere Zustimmung, ob man Nazis schlagen darf vom Ergebnis abhängig? Wie lange darf man einen Nazi verprügeln, bis man aufgibt, weil man es nicht schafft in „da rauszubringen“ (oder sie)? Und wie weit nach links muss er gewandert sein, damit man aufhören kann?

Ich habe gezweifelt, ob ich es nicht doch ok finde, Nazis zu schlagen. Insbesondere, wenn ich an einen Abend vor einigen Wochen zurückdenke, als ein Mann laut grölend an unserer Wohnung vorbeilief und übelste rassistische Parolen von sich gab. Als er merkte, dass er beobachtet wird, entfernte er sich und drohte, unsere Wohnung anzuzünden. Danach rief er, die SA und die SS würden bald marschieren und dann…

Das macht mich ängstlich und wütend. Das ruft niedere Instinkte in mir wach. Das macht mich ihm ähnlicher. Das will ich nicht. Das sollten wir nicht wollen.

Es ist nicht richtig, Nazis zu schlagen. Es ist richtig sich gegen Nazis zu wehren, ihnen zu widersprechen, sich ihnen in den Weg zu stellen und zu setzen und ihnen das Leben und vor allem die politische Aktivität schwer zu machen. Doch es ist nicht richtig, sie zu schlagen, egal wie schön das Gefühl ist, wenn man sich das wieder und wieder ansieht.

Anmerkung I:

Im Rahmen von legitimer Selbstverteidigung sieht das natürlich anders aus, nur um Missverständnisse zu vermeiden. Ich bin weder Gandhi noch Märtyrer.

Anmerkung II:

Wer im Einsatz für eine demokratische und offene Gesellschaft die Grenze zur Gewalt überschreitet und Konsequenzen (rechtlich, körperlich) zu tragen hat, hat meine Solidarität ohne, dass ich mit seiner oder ihrer Handlung einverstanden sein muss.

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Wahn oder nicht Wahn?

In der Zeit gibt es diese Woche ein Sonderheft zum Thema Psychotherapie. Da habe ich qua Profession zugegriffen. Den allgemeinen Text über Psychotherapie finde ich insgesamt gelungen, gestolpert bin ich jedoch über folgenden Absatz:

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In meinem Text zu den Reichsbürgern habe genau das Gegenteil behauptet und mich gegen eine Pathologisierung politischer Ansichten gewandt. Auch in meinem Vortrag zum Zusammenhang zwischen der Zustimmung zu irrationalen Glaubenssystemen und psychischer Gesundheit, habe ich die Ansicht vertreten, dass es ein Zeichen psychischer Gesundheit sein kann, irrational sein handeln oder denken.

Nun würden mich die Quelle dieser „Erkenntnisse“ interessieren und was KollegInnen zu dieser Aussage denken. Ich halte die Aussage für Quatsch. Damit will ich nicht ausschließen, dass ein Mensch, der an einem Wahn leidet dies durch krude politische Ansichten zeigt. Aber nur weil ein Mensch nicht zu überzeugen ist (von den Argumenten, die ihm präsentiert werden, in der Form in der sie ihm präsentiert werden), ihm oder ihr einen Wahn anzudichten, erscheint mir doch als sehr psychiatrische Perspektive. Psychologische Faktoren werden dabei ignoriert. Oder irre ich mich und halte an einer irrationalen Überzeugung fest?

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BH Verbot – Was nach der Burka kommt

[In diesem Text geht es nicht um die politische Bedeutung der Vollverschleierung. Es geht nicht um ihren symbolischen und tatsächlichen Stellenwert in Bezug auf die Gleichstelltung der Rechte von Frauen. Es geht um Menschen und deren Bedürfnisse.]

Prolog:
Vor 20 Jahren ging ich durch die Fußgängerzone einer norddeutschen Kleinstadt. Als mir ein paar junge Männer entgegenkamen und abwertende sowie drohende Gesten in meine Richtung machten, versuchte ich, meine Verunsicherung hinter ein paar Scherzen zu verbergen und mutiger zu wirken, als ich mich fühlte. Ein paar Monate spater versuchte ich in einer Diskothek in einer Kleinstadt in Westfalen zu tanzen, während mich der düstere Blick eines Hünen fixierte, der wohl nur deshalb keine Auseinandersetzung suchte, weil ich kein Gegner für ihn gewesen wäre. Auf der Abschlussfeier meiner Schullaufbahn spürte ich den Frust meines Vaters, der sich von seinem Sohne etwas anderes gewünscht hätte. Mich unterschied von meinen Geschlechtsgenossen,dass ich keine Hose trug. Ich trug einen Rock. Keinen „Schottenrock“ oder ein langes Lederteil auf einer Szeneparty, sondern ein modisches Kleidungsstück (oder was ich dafür hielt), wie es auch einen weiblichen Unterleib verhüllen könnte.

Heute
Im Sommer 2016 wird in Deutschland darüber debattiert, ein Kleidungsstück zu illegalisieren. Denn, so heißt es, dieses Kleidungsstück gefährde unsere freie, offene Gesellschaft. Es stehe nicht für die Werte unserer Gesellschaft. Menschen aus ideologischen oder kulturellen Gründen dazu zu zwingen, sich einem bestimmten Kleidungskodex zu unterwerfen, ist nicht, was wir uns in Deutschland wünschen. Natürlich wird nicht in solch abstrakter Form diskutiert, sonder man diskutiert über die Burka. Oder das, was wir dafür halten.

Einige JournalistInnen haben Menschen interviewt, die Kleidungsstücke tragen, welche die Kriterien von Vollverschleierung erfüllen. Einige dieser Menschen haben angegeben, es würde ihnen Sicherheit geben, sich nicht allen Blicken aussetzen zu müssen. Es dauerte nicht lange, bis hämische Kommentare abgesetzt wurden. Von „ausgedacht“ bis „die wissen es halt nicht besser“ war alles dabei. Es scheint für einige Menschen schwer vorstellbar zu sein, dass ein Kleidungsstück Sicherheit geben kann.
Das Gefühl von Sicherheit ist eines der Grundbedürfnisse von Menschen. Dabei können der subjektive Eindruck von Sicherheit und die tatsächliche Sicherheit durchaus im Missverhältnis stehen. So ist Autofahren deutlich weniger sicher als fliegen, doch deutlich mehr Menschen haben Angst davor zu fliegen, als Angst davor Auto zu fahren. Wenn Menschen Auto fahren, haben sie die Illusion von Kontrolle und fühlen sich sicher.

Wie dieses Grundbedürfnis befriedigt wird, ist individuell sowiedurch unsere Kultur geprägt. So ist es möglich, dass ein Kleidungsstück, welches mit einer unemanzipatorischen Intention eingeführt wurde, einem Menschen das Gefühl von Sicherheit gibt. ‚Die Burka‘ kann ein menschliches Grundbedürfnis erfüllen. Wenn wir als Gesellschaft dieses Kleidungsstück verbieten, bleibt das Bedürfnis nach Sicherheit trotzdem bestehen. Wenn wir als Gesellschaft die Bedürfnisse von Menschen ignorieren werden wir als Bedrohung wahrgenommen. Dabei sind unsere Intentionen (aufklärerisch oder rassistisch) egal. Zumindest aus Sicht der Menschen, denen wir das Gefühl von Sicherheit nehmen

Es gibt Menschen, die eigene Gewohnheiten so wenig hinterfragen, dass sie gar nicht auf die Idee kommen, diese könnten ebenfalls nicht in den kühlen Höhlen der Ratio entstanden sein. Schauen wir uns mal so ein Kleidungsstück an, welches ein Gefühl von Sicherheit geben kann.

Der Büstenhalter oder BH erfüllt, schenkt man Studien glauben, seinen Zweck nicht. Anstatt dafür zu sorgen, die Brüste von Frauen für Männer möglichst ansehnlich und die Folgen von Schwangerschaft und Schwerkraft klein zu halten, scheint er das Gegenteil zu bewirken. Trotzdem entscheiden die meisten Frauen sich dafür, dieses Kleidungsstück zu tragen. Die Motivation mag unterschiedlich sein. Eine Motivation dürfte sein, dass viele Frauen sich wohler fühlen, wenn sie einen BH tragen. Auch wenn sie darüber schimpfen, dass diese unbequem, warm und teuer sind.

In unserer Kultur ‚gehört es sich‘ heute einfach für Frauen, einen BH zu tragen. Entscheiden Frauen sich dagegen, wird das bemerkt. Man(n) spricht darüber oder – wenn ich an meine Schulzeit denke – macht sich darüber lustig. Frauen, die sich entscheiden, keinen BH zu tragen, zahlen einen Preis. Der mag, so weit sind wir als Gesellschaft immerhin, gering sein, doch er ist vorhanden.

Ein Kleidungsstück, welches seinen Sinn nicht erfüllt, wird aufgrund kultureller Normen getragen. Bei den aktuellen Temperaturen gilt das für so ziemlich jedes Kleidungsstück. Wieso trägt noch jemand Kleidung, bei Temperaturen jenseits der 30°C? Weil wir uns als Gesellschaft darauf geeinigt haben. Wir sind kulturell so geprägt, dass wir uns unwohl fühlen, wenn wir nackt durch die Straßen laufen, egal wie schön das wäre. Ich weiß nicht, ob es Gesetze gibt, die das verbieten, ich bin aber sicher, dass sie für die meisten Menschen nicht nötig wären.

Wenn es jedoch um die Verschleierung des Gesichtes geht, gestehen wir Menschen nicht zu, dass sie kulturell so geprägt sind, sich mit mehr oder weniger ausgeprägter Verschleierung wohler fühlen. In den letzten zwei Jahren scheint mir der Kampf für eine humanistische Gesellschaft dadurch geprägt zu sein, dass ich für die Rechte der Menschen eintreten muss, die Ideen anhängen, die, konsequent zuende gedacht, nicht mit einer humanistischen Gesellschaft vereinbar wären. Dabei muss ich mich gegen Menschen stellen, die angeben, für diese humanistische Gesellschaft einzutreten. In ihrem Eifer vergessen sie dabei immer öfter, was eine humanistische Gesellschaft so lebenswert macht: die Menschen darin und deren unterschiedliche Sicht auf die Welt.

Epilog

Mein Vater hatte sich bereits seit den 80er Jahren mit dem Klimawandel und dem Ozonloch beschäftigt. Im Fernsehen wurde über die Zuhnahme von Hautkrebs in Australien berichtet. Neben dem Ozonloch, so die Hypothese meines Vaters, gebe es einen weiteren Grund für den Anstieg. Ein Rückgang der prüden Kleidungsvorschriften die in britisch geprägten Gesellschaften lange vorherrschten. Es ist noch nicht so lange her, dass es in ‚unserem‘ Kulturkreis angemessen war sich bedeckt zu halten. Und nicht jeder fühlt sich heute wohl, sich ausführlich zu zeigen.

Ich hatte befürchtet, im Falle eines Verbotes aus Protest selbst einen Burkini tragen zu müssen. Doch meine wunderbare Familie war mir einen Schritt vorraus. Einige Mitglieder erkannten im Burkini eine Möglichkeit sich an öffentlichen Badeplätzen aufzuhalten, ohne den eigenen Körper öffentlich zur Schau zu stellen. In meiner Familie trägt man Burkini und das macht mich stolz.

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Ein paar Gedanken zu Gewalt

[Wer nicht zwischen einer Erklärung (oder einem Erklärungsversuch) und einer Rechtfertigung unterscheiden kann, sollte nicht erwarten, dass es zu einem konstruktiven Austausch mit mir über diesen Text kommt.]

Gewalt geht gar nicht. Und doch gehört sie zu unserem Leben. Um die Folgen von Gewalt für Einzelne möglichst klein zu halten, gibt es ein Gewaltmonopol, welches vom Staat ausgeht. Da dieses Gewaltmonopol für Missbrauch sehr anfällig ist, muss der Staat sich für das ausüben von Gewalt rechtfertigen. Wenn ein Staat nicht nachvollziehbar begründen kann, warum er in einem bestimmten Ausmaß Gewalt gegen seine Bürger ausübt, droht eine Willkürherrschaft. So wie in Sachsen.

In Leipzig kam es am 12.12.15 im Rahmen von Protesten gegen einen Naziaufmarsch zu Ausschreitungen von Gegendemonstranten mit der Polizei. Um es an dieser Stelle noch einmal deutlich zu sagen: Ich halte es für falsch, öffentliches oder privates Eigentum zu zerstören oder PolizeibeamtInnen tätlich anzugreifen. Aber ich kann den Impuls unter bestimmten Umständen verstehen.

In Sachsen wird oft von „sächsischen Verhältnissen“ gesprochen, wenn man sich zivilgesellschaftlich links der Mitte (die in Sachsen auch schon recht weit rechts ist) engagiert. Damit ist gemeint, dass dieses Engagement von Seiten der Behörden nicht nur nicht unterstützt, sondern oftmals behindert wird. Insbesondere die Polizei Sachsen spielt in dieser Hinsicht oft eine unrühmliche Rolle. Wenn es um den direkten Protest gegen rechtsextreme oder rechtspopulistische Veranstaltungen geht, sorgt die Polizeitaktik nicht selten für Frust und Wut bei Gegendemonstranten (dabei ziehe ich                                                                               bei der Bewertung bereits in Betracht, dass die Aufgabe der Polizei in ihrer Natur immer dazu führt, dass es nicht allen Recht gemacht werden kann). Ich erinnere mich zum Beispiel an den Besuch von Geert Wilders in Dresden, als die PEGIDA-Kundgebung weiträumig von  Gegenprotest in Hör- und Sichtweite abgeschirmt wurde.

Wut und Frust sind keine Rechtfertigung dafür, Straßenzüge zu zerlegen. Sie erklären jedoch ein insgesamt erhöhtes Gewaltpotenzial. Wenn wir nicht erklären können, warum etwas passiert, wird es uns schwer fallen, zu verhindern, dass es wieder passiert. Es wird immer Menschen geben, die ihrer Frustration mit Gewalt Ausdruck verleihen. Wut und Frust senken die Aggressionsschwelle. Wenn der Staat sein Gewaltmonopol so nutzt, dass es bei Menschen zu Wut und Frust kommt, besteht die Gefahr, dass diese eher Gewalttätig werden.

Natürlich waren die meisten Gegendemonstranten friedlich. Aber frustriert waren sie auch, darum waren diese Gegendemonstranten wenig motiviert die GewalttäterInnen in ihren Reihen zur Räson zu rufen. Ich erinnere mich an eine Szene vom 9.11.15 in Dresden als ein junger Mann aus der Gegendemo einen (!) Böller in Richtung PEGIDA warf (der Teil von PEGIDA der gerne zupackt) und von allen Seiten unmissverständlich zu verstehen bekam, dass diese Art der Auseinandersetzung nicht geduldet wird.

In Leipzig wurde die Nazidemonstration nach Medienberichten von der Polizei weiträumig abgeschirmt, ein Protest in Hör- und Sichtweite war nicht möglich. Der Frust darüber und über mehr als ein Jahr Staatsversagen bei der Auseinandersetzung mit PEGIDA & Co entlud sich. Das ist nicht nur ärgerlich wegen der direkten Folgen, sondern auch, weil es sich für die Rechtspopulisten hervorragend eignet, von sich abzulenken.

Es ist bekannt, dass in Menschenmengen eine Dynamik entsteht, wenn diese das Gefühl haben, Opfer einer ungerechtfertigten Machtausübung zu sein. Das konnte man bei einer Demonstration in Hamburg Ende 2013 beobachten als eine Demonstration bereits nach wenigen Metern von der Polizei gestoppt wurde, woraufhin es zu schweren Ausschreitungen kam.

Es gibt Forschung zu Deeskalation. Es gibt bekannte Maßnahmen zur Deeskalation. In Sachsen werden diese jedoch selten eingesetzt. Das mag auch daran liegen, dass Deeskalation nicht nur ein Ziel sondern eine Haltung ist. Da reicht es nicht, einfach ein Paar „Kommunikationsbeamte“ in die Demo zu schicken. Die Polizei und ihre Art zu arbeiten in Sachsen sind nur ein Symptom für die sächsischen Verhältnisse.    Für Deeskalation benötigt man Personal. Personal das geschult und ausreichend erholt ist. In Sachsen sind die Beamten seit einem Jahr im Dauereinsatz. Und wo ich den einzelnen Demonstrierenden Frust zugestehe, muss ich das auch bei den PolizeibeamtInnen machen. Allerdings habe ich an diese auch höhere Ansprüche.

Ein Kommentar

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Der Terrorist, das missverstandene Wesen

Ups! Ich haben mich auf Twitter gestritten. In diesem Fall ging es um das Zitat aus einem Artikel in Psychologie-Heute:

Atrans Forschung zeigt, dass die meisten, die sich dem Dschihad anschließen, eine gemäßigte und vorwiegend säkulare Erziehung hatten. Muslime, die religiös aufwachsen, scheinen sogar eher gegen eine Radikalisierung gefeit zu sein. Die meisten Gotteskrieger, so Atran, werden als ältere Teenager oder mit Anfang zwanzig „wiedergeboren“ und wissen wenig über den Islam.

Der Versuch, die Motive von Terroristen zu entschlüsseln, indem man sich mit dem Islam beschäftigt und den Koran studiert, ist nach Atrans Meinung nutzlos. Die Bemühungen, gemäßigte Imame zu fördern, bezeichnet er in seinem Buch als „irrelevant“. Schließlich wird nur selten jemand in einer Moschee zum Terroristen. Einige wurden im Gegenteil aus der Gemeinde ausgeschlossen, weil sie zu radikal waren.

Darauf wurde geantwortet:

„Wo sind die christl. oder buddhist. Selbstmordattentäter? Siehe Scott Atran vs Sam Harris“

Sam Harris vertritt, wie viel „New Atheists“ die Ansicht, Gewalt sei „dem Islam“ immanent. Harris fordert eine Reformation aus dem Islam heraus um diese Tendenz zu Gewalttätigkeit zu beenden.

Auf meine Frage, was der Einwurf mit dem Zitat aus dem Artikel zu habe, wurde geantwortet:

(Weil)… „dort behauptet wird, dass der Koran keine zentrale Rolle für die Motivation der Attentäter spielt.“

Wenn man den Artikel liest, wird schnell klar, dass es sich dabei nicht um eine Behauptung handelt, sondern um eine auf Evidenz begründete Aussage. Harris interpretiert die Daten jedoch anders als deren Urheber. Dafür muss er sich, auch von Seiten vieler Atheisten, Kritik gefallen lassen.

Harris ist Neurowissenschaftler, veröffentlicht Bücher zum Thema Glauben und debattiert ausgiebig zum Thema. Wenn er eine weniger polarisierende Sicht auf den Islam einnehmen würde, dürfte es für ihn schwerer werden, weiterhin in der Form aufzutreten und Bücher zu verkaufen. Dass heißt nicht, dass er falsch liegt. Das heißt nur, dass die Schwelle, ihn zu überzeugen höher liegen dürfte, als bei jemandem, dessen Einkommen weniger von seiner Meinung abhängt.

Scott Atran ist Anthropologe und scheint zu versuchen, Gewalt die von Islamisten ausgeht dort zu verstehen, wo sie entsteht: bei den Menschen. Einige Belege für seine Thesen werden in dem zitierten Artikel angeführt. Das heißt nicht, dass er Recht hat. Aber es bedarf mehr als eines „aber trotzdem“ um die Belege zu entkräften.

Wenn ich Harris (und vielen „Islamkritikern“ in Deutschland) etwas vorwerfe, dann, dass sie implizieren, dass Menschen, die dem Islam anhängen, anders sind als die Gruppe von Menschen, der sich die Kritiker gerade zugehörig fühlen. Wir werden aber nicht verstehen, warum Menschen handeln, wie sie handeln, wenn wir uns im „Othering“ üben. Atran macht die Selbstmordatentäter und Djiahdisten wieder zu Menschen. Menschen mit Gefühlen, Sehnsüchten, Freunden. Menschen wie „wir“. Das kann natürlich nicht sein, sonst würden sie ja nicht solch monströse Handlungen begehen.

Atrans Ergebnisse bedeuten nicht, dass der Koran und eine bestimmte Kultur innerhalb des Islam nicht dazu beitragen können, dass Menschen durch Paris laufen und ihre Artgenossen abknallen. Religionen können dazu genutzt werden, dass „gute“ Menschen „böse“ Taten begehen. So wie jede Ideologie. An anderer Stelle zitierte ich bereits Hitchens:

“Name one ethical statement made, or one ethical action performed, by a believer that could not have been uttered or done by a nonbeliever. Think of a wicked statement made, or an evil action performed, precisely because of religious faith?”

Mir scheint jedoch, dass Religion (oder andere Ideologien) eine notwendige aber keine hinreichende Bedingung dafür ist. Nun haben wir „den Islam“ als eine mögliche notwendige Bedingung identifiziert. Wenn wir eine Lösung wollen, müssen wir auch den Rest rausfinden. Auf Harris und andere „besorgte“ Islamkritiker scheinen wir da nicht zählen zu können.

Ein ähnliche Dämonisierung von Menschen kennen wir aus der Verarbeitung der deutschen Geschichte. Die Täter des Nazireiches wurden zu Monstern erklärt. Dabei waren es Väter und Söhne, Mütter und Töchter. Ganz „normale“ Menschen. Denn gerade weil sie Menschen sind, wie wir, begingen und begehen sie monströse Taten. Das Monster schlummert in jedem von uns. Das einzusehen befreit und nimmt die Angst.

Roooaahhhhhrrrrrr!

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MDR an der Volksfront

Folgende Geschichte erzählte der MDR, mit dramatischem Anstrich:

Ein allein erziehender Vater verlegt den Wohnsitz der Familie von Kassel nach Leipzig. Die 15 Jahre alte Tochter muss mit. Soweit, so normal. Die Tochter lässt neben allen Freunden auch ihren Freund in Kassel zurück. Sie will nicht beim Vater bleiben und wendet sich ans Jugendamt. Das Jugendamt stellt den Willen der jungen Frau über den des Vaters und gewährt ihr die Möglichkeit in Kassel in eine WG zu ziehen. Der Freund scheint Schwierigkeiten zu haben, sich an die Regeln der Gesellschaft zu halten und gerät wiederholt mit dem Gesetz in Konflikt. Außerdem ist er Anhänger einer buddhistischen Glaubensgemeinschaft, denen bestimmte Glaubensregeln wichtig sind und die ihr Leben danach ausrichten. Auch die Tochter schließt sich dieser Glaubensgemeinschaft an und verändert ihr Äußeres. In der Familie ihres Freundes fühlt sie sich aufgenommen. Der Vater macht sich Sorgen wegen die Veränderung seiner Tochter. Er hatte nie etwas mit Buddhismus am Hut und versteht nicht, was sein Tochter daran findet. Außerdem hat er Angst, dass sich die Tochter noch weiter den Glaubenssätzen der Glaubensgemeinschaft unterwirft, sich womöglich radikalisiert (es gibt radikale Buddhisten die Gewalt gegen Andersgläubige ausüben). Die Tochter sagt, mit diesen Radikalen Kreisen habe sie nichts zu tun.

Der Versuch, ohne den Vater in Kassel zu leben, funktioniert nicht. Unter anderem, weil der Vater Himmel und Hölle in Bewegung setzt, um seine Tochter wieder nach Hause zu holen. Die Tochter sagt sich vom Vater los, will nichts mehr mit ihm zu tun haben. Doch der Vater findet in einem CDU-Politiker einen verständnisvollen Gehilfen und befreit die Tochter aus den Fängen des Jugendamtes und die Tochter kehrt zum Vater zurück. Der Freund der Tochter muss währenddessen die Konsequenzen seines Handelns tragen und geht ins Gefängnis.

Ein Versuch, die Tochter durch einen gemäßigten buddhistischen Mönch davon zu überzeugen, ihren Vater wieder zu lieben scheitert. Sie muss trotzdem bei ihm wohnen. So ist das manchmal. Kinder, die zu Erwachsenen werden lehnen die Eltern und deren Werte ab, manchmal sehr intensiv. So entwickelt sich Autonomie.

Und warum berichtet der MDR über einen solchen Fall in einem dramatisch inszenierten Beitrag? Wieso wird die Geschichte einer Jugendlichen die dabei ist, ihren Platz in der Welt zu finden, mit allen Risiken die diese Suche birgt, zur besten Sendezeit ausgeschlachtet? Weil die Glaubensgemeinschaft nicht buddhistisch ist, sondern muslimisch. Weil die junge Dame jetzt Kopftuch trägt. Kopftuch!!! Unglaublich! Vielen Dank MDR-Sachsen, Du hast nichts verstanden und bist, zumindest in diesem Beitrag, Teil der sächsischen Verhältnisse.

Und die junge Frau? Die wird sich durch kaum etwas so bestätigt fühlen, wie die durch die Ablehnung der Erwachsenenwelt. Herzlichen Glückwunsch MDR, dank Dir sind Moslems die neuen Punks. Wer heute seine Eltern schockieren will, konvertiert.

[Fairerweise möchte ich anmerken, dass die anderen Beiträge durchaus differenziert über geflüchtete Menschen und ihr Leben in Sachsen berichteten. Unter anderem dieser hier, der auch ein wenig Hoffnung macht.]

Mehr zu Religion (und was ich dazu denke) auf Diaphanoskopie:

Gottes Stimme an der Türschwelle

Zeugen im Kreuzverhör

Das ist nicht der wahre…

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Essen ist nicht ungesund

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/9/96/Abraham_van_Beijeren_004.jpg

Prunkstillleben Abraham van Beijeren 1640–80 (Wikipedia)

In unsere Gesellschaft, legt ein tonangebender Teil sehr viel Wert darauf, möglichst „natürlich“ zu leben, sich „der Natur“ nahe zu fühlen. Ein Focus der Bemühungen liegt dabei auf dem Essen. Vergessen wird oft jedoch, dass Essen vor allem eines ist: lebensnotwendig. Wer nichts isst, stirbt. Der Zusammenhang ist dabei nicht so unmittelbar wie beim atmen, weil es länger dauert bis man verhungert ist als bis man erstickt ist. Doch er ist unbestreitbar, Lichtnahrung hin oder her.

Noch nie hatten so viele Menschen über einen so langen Zeitraum, eine so große Auswahl sicherer Lebensmittel wie heute in den Industrienationen. Den Wert der Nahrung, nämlich uns am Leben zu erhalten, scheinen dabei viele vergessen zu haben. Essen muss heute mehr sein. Öko, bio, regional, die Begriffe sind austauschbar und haben über Marketing hinaus keine Bedeutung. Natürlich ist auch diese Nahrung so wenig, wie alles andere was wir heute zu uns nehmen. Wichtig ist auch, dass Nahrung „gesund“ ist, wobei, wie gesagt, ignoriert wird, dass es am ungesundesten ist, keine Nahrung zu sich zu nehmen. Was es bedeutet, wenn Nahrung „gesund“ ist, kann oft ohnehin niemand sagen. Ob Nahrung in Zusammenhang mit der Entstehung von Krebs steht oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen begünstigen soll, irgendwas ist ja immer.

Und meistens ist es falsch. Gelegentlich dauert es nur wenige Monate, manchmal aber auch Jahre oder Jahrzehnte bis falsche Informationen über gesundheitliche Effekte von Nahrungsmitteln im öffentlichen Bewusstsein richtig gestellt werden. Darum geht es in einem Artikel von „Mayo Clinic Proceedings“. Darin wird erklärt, warum die meisten Studien zu den gesundheitlichen Effekten falsche Ergebnisse liefern und oft so konstruiert sind, dass es auch gar nicht anders geht. Der Autor fordert, weniger Studien zum Thema Nahrung und Gesundheit zu machen, diese dafür jedoch vernünftig.

Nicht, dass dieser Artikel irgendetwas ändern würde. Nahrung wird weiter nahezu religiös betrachtet und aufgeladen werden. Über den moralischen Aspekt, der auch zunehmend anstrengend wird, habe ich dabei noch nicht mal etwas gesagt.

Weiterlesen: Why Everything We ‚Know‘ About Diet and Nutrition Is Wrong

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/4/4a/Heda%2C_Willem_Claeszoon_-_Breakfast_Table_with_Blackberry_Pie_-_WGA.jpg

Mahlzeitstillleben Willem Claesz. Heda Stillleben mit Brombeerpastete, 1631 (Wikipedia)

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Autoskeptizismus – Skepkon 2015

#Skepkon 2015 – Allgemein
Dieses Jahr fand in Frankfurt die Skeptiker-Konferenz – Skepkon – statt, welche jedes Jahr durch die Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP) veranstaltet wird. Auf dem beeindruckenden Campus der Goethe-Universität gab es drei Tage mit skeptischem Allerlei und einiger Improvisation.

Die Vorträge werden hier schön zusammengefasst und sicher bald im GWUP-Blog thematisiert, daher werde ich darauf nicht so sehr eingehen. Ich rede lieber, wie es sich für einen selbstreferentiellen Blogger gehört, über mich. Mein Vortrag handelte davon, dass Menschen, die irrationalen Glaubenssystemen anhängen keine psychische Störung haben müssen, um diesen anzuhängen. Im Gegenteil gibt es physiologische psychologische Mechanismen, die selbst sehr außergewöhnliche Ansichten erklären können und auch die Vehemenz mit der an diesen festgehalten wird. Im Skeptiker wird dazu noch ein Text von mir erscheinen, darum gehe ich an dieser Stelle nicht ins Detail.

An dieser Stelle interessieren mich die Reaktionen auf meinen Vortrag. Und diese haben mir gezeigt, warum ich die Menschen und deren Weltsicht, die sich in diesem Verein versammelt haben, bei allen Meinungsverschiedenheiten in Detailfragen, so schätze. Nach dem Vortrag wurde ich angesprochen und diverse Teilnehmer bedankten sich, für die im Vortrag gegebenen Informationen und Perspektiven. Denn als „SkeptikerInnen“ waren sie bereit, bei neuen Informationen ihre Ansichten zu ändern. Das ist der Kern von Skeptizismus, wie ich ihn verstehe.

Über Twitter wurde mir nach dem Vortrag ein Link zu einer Studie geschickt, die auch einige der von mir gemachten Aussagen im Vortrag relativiert. Ich denke nicht, dass mein Kernargument davon berührt wird aber die eine oder andere Aussage werde ich evtl. etwas differenzieren müssen. Schade, ich mag undifferenzierte Aussagen. Dummerweise scheint es, als müsste ich noch etwas zum Thema Religion/Spiritualität und psychischer Gesundheit recherchieren, um mir ein umfassenderes Bild zu machen. Glauben wäre irgendwie einfacher….

Wie immer blieb zu wenig Zeit, sich ausführlich mit allen zu Unterhalten, mit denen ich mich gerne unterhalten hätte. Dafür habe ich meine Twitter-Timeline ordentlich aufgestockt und ein paar neue Facebook-Freunde hinzugefügt. Das ist ja auch nicht schlecht.

Es folgt ein weiterer Text mit ein paar Gedanken eine Frage zu meinem Vortrag betreffend.

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Osteopathie im Dialog

[Durch meinen Artikel in der Sächsischen Zeitung habe ich ein paar Zuschriften bekommen. Einige davon werde ich an dieser Stelle, mit Erlaubnis, veröffentlichen und Kommentieren. Die Mail habe ich (fast) ungekürzt veröffentlicht aber nicht auf jeden Punkt geantwortet. Hier schreibt jemand der/die osteopathisch Tätig ist]

vielen Dank für Ihren kürzlich erschienenen Artikel aus der SZ.Ich begann ihn mit großem Interesse zu lesen, doch im laufe des Lesens verebbte es und für den Schluss musste ich mich regelrecht durchringen den Artikel nicht aus der Hand zu legen.Es ist das schüren der alten Feindschaft zwischen Schul,- und Alternativ,- oder Komplementärmedizinern was bei mir Unverständnis und die Frage nach dem Warum aufwirft.

Es veranlasst mich diese Mail an sie zu verfassen.

Ich hege keine Feindschaft. Viele Menschen die Methoden anbieten, die ich ablehne sind mir sehr sympathisch. Mir geht es um die Kritik an Ideen, die bei mir in diesem Fall mit einer gewissen Leidenschaft angebracht wird. Eine kleine Anmerkung: Es gibt keine Schulmedizin. Es gibt Medizin die wirkt. Schulmedizin in als abwertender Begriff eingeführt worden.

Ich bin Osteopath, also eine der Berufsgruppen die Sie mit Geistheilern und Schamanen in einem Atemzug in Ihrem Artikel erwähnen.

Das ist eher dem Format geschuldet. Die Themen wurden durch die Zeitung vorgeben und ich hatte nur einen Text in dem ich alles unterbringen musste. Osteopathen sehe ich differenzierter als Geistheiler.

Sie sprechen von Aternativmedizin, ich sehe mich eher als der Komplementärmedizin angehörig.

Da es keine Definition von Alternativmedizin oder Complementärmedizin gibt und die eigenbezeichnung oft Complementary and alternative medicine (CAM) ist, hat das lediglich für ihr therapeutisches Selbstverständnis Relevanz.

In meiner Praxis behandle ich regelmäßig recht erfolgreich Patienten, deren Leiden zum Teil von der Schulmedizin nicht oder nur ungenügend erkannt oder einer erfolgreichen Behandlung zugeführt werden können.

Dazu nur kurz ein Link zu einer Sammlung von Möglichkeiten, warum, eine Behandlung zu wirken scheint obwohl sie nicht wirkt. Damit möchte ich nicht sagen, dass das auf ihre Behandlungen zutrifft, dazu habe ich weder den Anlass, noch die Kompetenz noch die Daten 🙂

Be – hand – lung schon im Wortstamm spielt die Hand eine große Rolle, die allerdings in der heutigen medizinischen Praxis eine weniger wichtige Position einnimmt da kaum ein Patient sich entkleiden braucht respektive manuell exploriert werden wird.

In meinem Studium habe ich gelernt, die körperliche Untersuchung gehört zu einer Behandlung. Das wird sicher aus ökonomischen Gründen in der Praxis eher pragmatisch gehandhabt. Allerdings möchte ich mich auch nicht bei jedem Schnupfen ausziehen. Letztlich ist das ihre Ansicht, ich wäre interessiert, ob das mit Daten zu unterfüttern ist.

Warum auch, in einem Zeitalter in dem die medizinische Diagnostik sich größtenteils auf Apparate stützt und die „Behandlung“ entweder iatrochemisch medikamentös oder Iatromechanisch per Operation erfolgt ist die Hand als Diagnostikum auch nicht von Nöten.

Die Diagnostik stützt sich auf verschiedene Säulen: Anamnese (!!!), klinische Untersuchung, Laboruntersuchungen und Bildgebung. Oft in der Reihenfolge. Dabei geht man pragmatisch und nach Dringlichkeit vor. Bei Verdacht auf einen Herzinfarkt mache ich keine vollständige klinische Untersuchung, weil die Gefahr besteht, dass der Patient deren Ende nicht mehr erlebt.

Unsere Sinne wie Hören, Sehen, Fühlen, unsere Stärke Erfahrung in den Untersuchungsprozess mit einzubinden, eine Hypothese zu erstellen sie weiter bin zu einer Diagnose zu verfolgen, das ist es doch was den Mediziner ausmachen sollte.

So wurde es mich gelehrt und so erlebe ich es.

Zeit, spielt dabei eine wesentliche Rolle und nicht nur das vergleichen von Werten.

Zeit spielt eine Rolle, manchmal hat man keine.

Mir begegnen immer häufiger Patienten die sich von Ihrem Arzt nicht wahrgenommen, ungenügend untersucht oder auch nicht ernst genommen fühlen.

Das ist ein Problem. Aber, dass sich jemand ungenügend xxx fühlt, bedeutet nicht, dass das der Wirklichkeit entspricht. Es bedeutet in jedem Fall, dass es ein Kommunikationsproblem zwischen Arzt und Patient gibt.

Die Bemerkung „er hat gar nicht mit mir geredet“ ist nichts neues.

Das glaube ich Ihnen gern. Das hat allerdings keinen Einfluss auf die Wirkung oder Nichtwirkung von Alternativmedizin. Probleme im Medizinbetrieb können nicht als Rechtfertigung für wirkungslose Methoden dienen.

Kann es sein das sich die Ärzteschaft selbst abschafft?

Ich glaube nicht.

Gold Standards in der apparativen Diagnostik,

Wenn die eingehalten würden, gäbe es nicht so viele unnötige Untersuchungen.

Behandlungsregime auf Medikamentöser oder Operativer Ebene,

Standards retten leben, dass „jeder“ macht, was er will, es besser weiß, ist das Problem.

 ein Betriebswirt an der Spitze eines Krankenhauses der den pekuniären Aspekt fest im Blick behält. 

In der Tat, das stört mich ebenfalls sehr. Aber auch das spricht nicht für die Wirkung oder Nichtwirkung irgendeiner Methode. Es ist vielmehr eine komplexe gesellschaftliche und politische Aufgabe.

Da brauch es lediglich noch den Diagnostik Roboter.der dem Patienten seine Diagnose stellt die dann behandelt wird.so wie es heut auch in den meisten Praxen gehandhabt wird. Warum verliert denn die Schulmedizin in den Augen der Patienten an Wert, lesen sie doch einmal aktuelle Umfragen. 

http://www.aerzteblatt.de/archiv/162906/Umfrage-der-Techniker-Krankenkasse-Die-meisten-Versicherten-sind-mit-ihren-Aerzten-zufrieden?src=search (zugeben, das ist ein schwache Quelle ;-))

Handlanger der Pharmaindustrie, der Medizingerätehersteller und unter der Knute der Betriebswirtschaft.ich möchte kein Arzt in der heutigen Zeit sein. Wo bleibt die Selbstbestimmung? Den wachsenden Unmut bekommen dann die Patienten zu spüren.

Die meisten KollegInnen sind mit der Situation ähnlich unzufrieden und können dies den Patienten gegenüber auch artikulieren. Die meisten Patienten lasten die Verhältnisse weder ihrem Arzt, noch der „Schulmedizin“ an.

Ich würde mir wünschen das die Schulmedizin sich runderneuert, Ihren Stellenwert wieder herstellt, wieder gesundet und sich von den Parasiten befreit. Selbstbestimmt und sicher Ihren Weg geht, denn dann kann man auch andere „Alternative“ oder Komplementäre Heilverfahren neben Ihr stehen lassen ohne sie und sich verbal in Zeitungsartikeln zu disqualifizieren.

Alternativmedizin stellt für mich und die meisten KollegInnen keine Bedrohung dar. Wenn ich keine besseren Ergebnisse erziele als ein Placeboverfahren, sollte ich mir ohnehin ernsthaft fragen stellen. Wieso sollte ich mich durch etwas bedroht fühlen, was ich in Dresden von diversen Anbietern in wenigen Stunden lernen kann? Ich könnte mir das leben deutlich einfacher machen, wenn ich einfach Globuli verabreiche, wenn jemand das wünscht.

Ich arbeite im übrigen recht gut mit einer Handvoll Medizinern zusammen, Voraussetzung ist natürlich der respektvolle Umgang, die Anerkennung der eigenen Grenzen und ein gemeinsames Ziel. Es würde allen gut tun sich etwas weniger wichtig zu nehmen und dafür den Focus wieder auf den Patienten zu legen.

Da wir uns nicht persönlich kennen und sie mich nicht gefragt haben, halte ich es für angebracht, wenn Sie über mein Innenleben keine Spekulationen anstellen.

In diesem Sinne, wünsche ich eine gesunde Meinungsfindung wenn es wieder einmal heisst, die Schulmedizin im Kontext der Heilverfahren.

Danke, es handelt sich aber nicht um eine Meinung (auch wenn die Rubrik in der SZ das suggeriert) sondern um den Stand der aktuellen Forschung in dem Bereich. Sollte die sich ändern, ändert sich auch meine Meinung.


Und ich habe auch eine Antwort bekommen:

vielen Dank für Ihre prompte Reaktion auf meine Mail.
Es ist wie ich es befürchtet hatte, in der Sicht auf die Dinge teilen wir leider kein Alphabet.

Sie sind einfach nur Arzt, ich bin einfach nur Osteopath.

Als Dozent in der Ausbildung von Osteopathen habe ich auch gelegentlich Studenten aus Ihrer Profession (frische oder gestandene Mediziner) vor mir sitzen, es ist erstaunlich welche Entwicklung in den fünf Jahren Osteopathiestudium sie durchmachen.
Anfangs recht reserviert, sich eine Meinung bildend, später mehr und mehr hinterfragend und auch sich selbst und das eigene Tun mit dem neuen Wissen vergleichend und entdeckend das die Wahrheit doch irgendwo
dazwischen liegt.
Schwer zu verstehen das die Hand als Werkzeug so filigran agieren kann, ja das selbst kleinste Unterschiede in der Konsistenz von Geweben, Bewegungen und Rhythmen wahrgenommen werden können.
Das erfordert lange lange Übung, vor allem aber das Vertrauen in das eigene Tun, die genaue Kenntnis der Anatomie und der Physiologie, das verstehen von Adaptation, Ontogenese und Phylogenese des Menschen.

George Finet und Christian Willame haben in einer Studie die seit den 80er Jahren Patienten untersucht und noch immer andauert, nachgewiesen das Organe sich bewegen, einem Atemrhytmus folgen (Lungenatmung)
einer Körperbewegung folgen, aber auch ein embryologisches Bewegungsgedächtniss haben.

Matrix, Grundsubstanz, Kommunikation des neuronalen Netzwerkes, Faszien die von glatten Muskelfasern durchzogen, Organe, Muskeln, Gefäßstrassen bildend immunologisch arbeitend und auf das autonome Nervensystem hörend…alles Dinge
die in der Ausbildung von Medizinern nur am Rande wenn überhaupt behandelt werden…aber nachgewiesen wurden und existieren.( Robert Schleipp)

Nein es tut mir nicht leid Ihnen geschrieben zu haben, es hat seinen Grund und es wird seine Wirkung entfalten.
Ach und bitte führen sie nicht das Ärzteblatt an, das ist wie die Betriebszeitung für Siemens Angehörige, wenn eine Krankenkasse eine Befragung startet und sie den Leuten vorlegt denen sie im nächsten Quartal evtl. Regresszahlungen aufmacht…das ist
für mich nicht Seriös, sorry.
Hm und war nicht die TKK die erste Kasse die ihren Versicherten osteopathische Behandlungen subventionierte? Auch wenn es ein klasse Marketing Streich war….

Gut, ob ein Link zur Ärztezeitung zu einer Umfrage nun „unseriös“ ist, weiß ich nicht. Wenn man sich die Daten betrachtet, muss man auf jeden Fall Interessenskonflikte bedenken. Allerdings wäre die angemessene Antwort gewesen, eine Quelle zu bieten, welche die Angaben der TKK-Umfrage widerlegen kann.

Das Fach Osteopathie muss man sicher differenziert betrachten. Edzard Ernst schreibt in seinem Buch „Was kann die Alternativmedizin?“, dass es in der Osteopathie Gruppen gibt, die sich eher dogmatisch an die reine Lehre halten und andere, die Versuchen, die Methoden empirisch zu belegen. Letztere Gruppe kann das Fach sicher weiter bringen und Patienten nutzen. Langfristig wird sich die eine Gruppe entscheiden müssen, ob sie noch mit der anderen Gruppe gemeinsam betrachtet werden möchte. Sicher zu den magischen Methoden kann man die Craniosacraltherapie zählen. Achtung, jetzt kommt ein Eigenzitat:

Craniosacrale-Therapie
Vorwissenschaftliche Methode der Osteopathie. Schädelnähte erinnerten den Osteopathen Sutherland Anfang des 20. Jahrhunderts an Fischkie- men und er postulierte, sie dienten der Atmung. Dieses als „craniosacraler Rhythmus“ bezeichnete Phänomen wollen Therapeuten anhand von Bewegungen der Schädelknochen gegeneinander spüren. Diese sind möglich, jedoch so gering, dass menschliche Sinneszellen sie nicht „auflösen“ können. Bei einem Test 1994 waren die von Therapeuten getroffenen Aussagen nicht replizierbar, nicht einmal vom selben Therapeuten, beim selben Patienten.“ Quelle

Ich war übrigens selbst schon bei einer Osteopathin und ich denke, ihre Behandlung und Beratung hat mir geholfen. Allerdings war sie auch Physiotherapeutin. Und das wäre mein Rat an jeden, der zu einem Osteopathen geht, nämlich darauf zu achten, dass es sich um eineN PhysiotherapeutIn handelt.

Vielen Dank an den/die AutorIn für die Rückmeldung.

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