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Filmkritik – A Man Made epidemic

[Ich habe ein Vorurteil. Dieses Vorurteil lautet: Hebammen sind gegen das Impfen. Die einen mehr, die anderen weniger. Die weniger radikalen sprechen sich für die „individuelle Impfentscheidung aus. Die radikalen wollen der Natur vollkommen ihren Lauf lassen (dabei unterscheidet sich die individuelle Impfentscheidung nur marginal von diesem Konzept, doch ich vermute das wissen die weniger radikalen Hebammen nicht). Darum geht vermutlich, neben „Vaxxed“ auch „A Man Made Epidemic“ durch die Hände der Hebammen und damit wiederum durch die Hände werdender Eltern. Den Schaden, den Frau Beer mit dieser Aneinanderreihung von Missinformation anrichten kann, überblickt sie vermutlich selbst nicht. Aufgrund dieses Vorurteils schreibe ich einen offenen Brief an alle Hebammen, die Eltern, die sich ihnen anvertrauen diesen Film ans Herz gelegt haben.]

Liebe Hebammen,

es hat einige Zeit gedauert, doch jetzt habe ich endlich die Gelegenheit, über den Film zu schreiben. Bevor ich mich den Einzelheiten widme, ist es mir wichtig, noch etwas Grundsätzliches zu sagen: Ich denke im Kern geht es bei der Frage „Wie stehe ich zu Impfungen“ um Vertrauen. Viele der Quellen die ich nutze, stammen von staatlich initiierten oder finanzierten Institutionen oder Ämtern. Deren Aufgabe ist es, Gefahren für die Bürger frühzeitig abzuwenden. Irrtümer immer vorbehalten, geht es um die Frage, ob wir diesen Institutionen vertrauen. Ob man grundsätzlich der Meinung ist, dass die Menschen, die dort arbeiten, sich im Kern nicht von uns allen unterscheiden und gute Intentionen haben. Oder ob man der Ansicht ist, dort arbeiten (1000e) sinistre Gestalten, die über Leichen gehen. Ob man davon ausgeht, dass sie ihre Arbeit gut machen wollen und ihre Arbeit darin sehen, uns alle vor unnötigen Gefahren zu bewahren (soweit möglich). Für mich geht diese Frage an den Kern unserer Demokratie. Diese Institutionen basieren letztlich auf Entscheidungen von Menschen, die wir gewählt haben. Mir liegt fern, Entscheidungen dieser Institution kritiklos hinzunehmen, doch wenn ich kein grundsätzliches Vertrauen in sie habe, fällt jegliche Diskussionsgrundlage weg und damit ein Teil des Fundaments unserer Gesellschaft. Dann ist alles Meinung und jedeR auf sich gestellt. Insofern ist die Diskussion über den Nutzen oder Schaden vom Impfungen auch immer politisch.

Und jetzt zum Film:

Einleitung

Die Grundthese des Filmes würde ich so beschreiben: Einflüsse denen wir aufgrund unseres „modernen“ Lebens ausgesetzt sind, verursachen Autismus. Diese These hat ihren Ursprung in der Beobachtung steigender Anzahl von Autismus. Im Film wird die Behauptung aufgestellt, aktuell hätte eines von 35 Kinder Autismus. Im Jahre 2025 hätte jedes zweite Kind Autismus. Die postulierte Steigerung der Fallzahlen wird auf Impfungen, Glyphosat, Handystrahlung und GMO zurückgeführt, wobei den größten Teil des Filmes das Thema Impfungen beansprucht.

Ein Großteil der Steigerung lässt sich jedoch allein durch bessere Diagnostik und Erweiterung der Diagnosekriterien erklären 1. Bekannte Faktoren für die Erhöhung des Autismusrisikos sind, neben genetischen Faktoren, hohes Alter der Eltern, Infektionen in der Schwangerschaft (u.a. Röteln), Frühgeburtlichkeit und bestimmte Medikamente2. Im Grunde wäre damit der Rest des Filmes hinfällig und es spricht nicht für die Recherche von Natalie Beer, dass sie diese Überlegungen im Film nicht mal erwähnt.

Wakefield

Da Andrew Wakefield viel Raum in dem Film bekommt, werde ich auch noch einmal auf ihn eingehen. Insbesondere hinterfrage ich seine Glaubwürdigkeit. Er glaubt sicher mittlerweile was er sagt aber, wenn auf die Interessenskonflikte, von Mitgliedern der STIKO thematisiert wurden (insbesondere im Zusammenhang mit der Einführung der HPV-Impfung), in Diskussionen über Impfungen hingewiesen wird, sollte auch Interessenkonflikte von Wakefield hingewiesen werden. Und die sind enorm. Wakefield hat seine Studiendaten gefälscht: In den Gewebeproben, die er den Kindern im Rahmen einer Darmspiegelung entnahm, waren keine Masernviren zu finden (Aussage eines Laborassistenten, der die Proben direkt danach bearbeitet hatte). Trotzdem wird das in der – mittlerweile zurückgezogenen Arbeit – behauptet. In der Arbeit steht, die Symptome des Autismus seien maximal 7 Tage nach der Impfung aufgetaucht. Es gibt jedoch nachweislich Fälle in denen die Symptome erst mehrere Monate nach der Impfung auftauchten sowie mindestens einen Fall in dem die Symptome bereits vorher vorhanden waren. Ein Kind taucht in der Studie gar nicht auf (mindestens 13 Kinder wurden untersucht, 12 werden in der Studie erwähnt). Wakefield hat bereits seit 1993  zu einem Zusammenhang zwischen Masernimpfung und Magen-Darm-Erkrankungen geforscht. Das ist an sich vollkommen legitim. Allerdings hatte er ein Patent für einen diagnostischen Test sowie ein Patent für einen Einzelimpfstoff für Masern (er behauptete immer, nur die Dreifachimpfung Masern/Mumps/Röteln mache die Probleme). Das bedeutet, dass zukünftige Einnahmen (die von Wakefield auf mehrere Millionen geschätzt wurden) von den Ergebnissen der Studie abhingen. Das ist ein Interessenkonflikt, den Wakefield nicht öffentlich gemacht hat und bis heute als unproblematisch bewertet. Wakefield stellt es in dem Film so dar, als sei er ein Einzelkämpfer gewesen und hätte keine Unterstützung bei seinen Forschungen erhalten. Die Universität hat Wakefield jedoch lange unterstützt. Für die Reaktion nach der ersten Pressekonferenz, in der die Ergebnisse („MMR-Impfung macht autistische Enterokolitis) vorgestellt wurde, wurden extra Telefone geschaltet, um Anfragen bewältigen zu können. Im Film behauptet Wakefield, er habe nur Geld aus einem Forschungsfond erhalten. Das ist nur teilweise richtig. Wakefield arbeitete mit einem Anwalt zusammen, der Eltern vertrat, welche Impfhersteller verklagen wollten. Der Anwalt brauchte Belege für den Schaden von Impfstoffen um den Prozess zu gewinnen. Für die Forschung, um diese Belege zu liefern, zahlte er Wakefield Geld. Weil diese direkte Art der Bezahlung problematisch ist (Interessenkonflikt) wurde das Geld an die Universität gezahlt, die es wiederum über den Forschungsfond an Wakefield weiter gab. Nach der Veröffentlichung der Studie erhielt Wakefield weitere Gelder. Wakefield wirft Unternehmen vor, Kinder zu impfen um Profit zu machen und deren Schaden in Kauf zu nehmen. Er hat jedoch nachweislich durch seine Studie (unnötigen Untersuchungen) Kindern geschadet und wollte Geld mit seiner Forschung verdienen (was prinzipiell ebenfalls legitim ist, wenn es sich nicht um „alternative Ergebnisse“ handelt). Heute verdient er seinen Lebensunterhalt trotzdem mit der Behandlung und Beratung von Kindern mit Autismus. Nur eben aufgrund falscher Behauptungen. Die „Behandlungen“ die aus den Hypothesen von Wakefield und anderen in dem Film resultieren sind wirkungslos und gefährlich, es gibt nachgewiesene Todesfälle.

Wakefield trägt die Verantwortung für den Rückgang der Impfraten in Teilen Großbritanniens von 95% auf 80% und damit für 10 000e Masernfälle inklusive Todesfällen. Von unnötigen und grausamen „Behandlungen“ von Kindern mit Autismus ganz zu schweigen. Ihn als Anwalt für die Kinder auftreten zu lassen, ist an Zynismus kaum zu toppen.

Natasha Campbell-McBride

Natasha Campbell-McBride tritt in dem Film auf und behauptet, Substanzen die in der Landwirtschaft als Insektizide eingesetzt werden, würden für Autismus verantwortlich sein. Sie ist auch diejenige, die die Zahl 1/35 Kindern habe heute Autismus in die Welt setzt. Sie steht mit ihren im Film gemachten Behauptungen nicht auf dem Boden der Realität. Sie behauptet, dass Substanzen, die für Insekten schädlich sind, auch für Menschen gefährlich sind. Das ist in der Form falsch. Nikotin ist zum Beispiel für Insekten schnell tödlich, Menschen vertragen höhere Dosen. Andere Substanzen haben bei Menschen gar keine Wirkung, wieder andere sind in geringer Dosis tödlich. Die Aussage von Frau Campbell-McBride zeigen eine geringe Sachkenntnis auf. Woher sie ihre Zahlen zu Autismus nimmt (1/35 Kindern) ist unklar, sie ist falsch. Auch die Aussage, dass das Immunsystem nach der Geburt noch nicht richtig funktioniert ist nicht richtig, wenn das so wäre, wären Kinder nicht lebensfähig. Die von Frau Campbell-McBride empfohlene Diät ist nachweislich nicht wirksam für die Kernsymptomatik von Autismus. Was im Film nicht erwähnt wird, ist dass Frau Campbell-McBride selbst Nahrungsmittel verkauft, die als Behandlung der von ihre postulierten Behandlung dienen. Sie profitiert also direkt von der Angst (und der vermeintlichen Lösung, die sie anbieten), die sie schürt. Frau Campbell-McBride behauptet, es gebe kaum Forschung zum angeblichen Zusammenhang von Impfen und Autismus. Das ist glücklicherweise falsch. Es gibt Forschung und die hat gezeigt (PDF), dass es keinen Zusammenhang gibt. Dasselbe gilt für den fehlenden  Zusammenhang von Impfungen (PDF) und weiteren chronischen Erkrankungen.

Herr Troschke

Herr Troschke von der Initiative für Individuellen Impfentscheid behauptet, ebenfalls, das kindliche Immunsystem sei bei Geburt noch unreif. Wissenschaftliche Belege bleibt er schuldig. In einem Interview gab er zu, dass es sich um eine „weltanschauliche“ Ansicht handele. Im Film erwähnt er das nicht. Dort stellt er das so dar, als wäre das ein wissenschaftlicher Fakt. Herr Troschke beurteilt die Reife des kindlichen Immunsystems jedoch als Anthroposoph und nicht als Arzt. Anthroposophie ist eine Weltanschauung die unter anderem davon ausgeht, dass Menschen nicht nur einen „stofflichen“ Körper haben. Laut Rudolf Steiner, dem Gründer der Anthroposophie, bilden sich im Laufe des Lebens bestimmte „feinstoffliche“ Körper (Wesensleiber: Physischer Leib, Astralleib, Etherleib, Ich-Leib). Bis zum siebten Lebensjahr haben Kinder nur den „physischen Leib“, dann bildet sich der Astralleib, mit 14 der Etherleib und mit 21 der Ich-leib. Nach Anthroposophischer Sicht ist man erst dann ein Mensch. Die Reife menschlicher Biologie wird von einem anthroposophischen Arzt darum immer vor allem spirituell eingeschätzt. Und spirituell ist das Immunsystem eines Säuglings eben unreif. Das hat aber keinen Einfluss auf den Erfolg von Impfungen. Ich muss noch ein wenig ausholen, um den Blick von Anthroposophen auf Impfungen und „Kinderkrankheiten“ deutlich zu machen. Ebenfalls Teil der anthroposophischen Lehre ist die Annahme, Menschen würde wiedergeboren. Handlungen und Gedanken und aus einem früheren Leben können Einfluss auf das Karma (und damit auf die Wesensleiber und das Leben des Menschen) haben. Um das Karma wieder in Ordnung (meine Beschreibung) zu bringen, sind bestimmte Erkrankungen aus anthroposophischer Sicht notwendig! Unter anderem Masern. Aus anthroposophischer Sicht können Menschen, die sich im früheren Leben zuviel mit sich selbst beschäftigt haben und zuwenig mit der äußeren Welt, durch Masern wieder „heilen“. Darum sind anthroposophische Ärzte dagegen, Kinder vor dem Jugendalter zu impfen, weil Impfungen die Entwicklung Kinder behindern. Dabei meinen sie jedoch nicht die psychologische Entwicklung sondern die spirituelle. Das wird leider selten von anthroposophischen Ärzten erwähnt.

Auch in diesem Film werden Aussagen von Ärzten, die wissenschaftliche Erkenntnisse darlegen, Aussagen von Ärzten gegenüber gestellt, die sich auf die Aussagen eines 1925 verstorbenen Hellsehers berufen. Ich finde, die Aussagen, sollte man durchaus unterschiedlich bewerten.

Gericht und Autismus

Im Film wird eine Familie aus Italien gezeigt, deren Sohn Autismus hat. Die Eltern haben versucht, per Gericht eine Entschädigung für den Autismus ihres Sohnes zu erhalten. Im Rahmen des Gerichtsverfahrens sollte nachgewiesen werden, dass ihr Sohn (Valentino Bocca) durch eine Impfung Autismus bekommen habe. Dieses Urteil beruhte jedoch vor allem auf den Aussagen von Experten, die sich auf die Arbeit von Wakefield bezogen. Da die Ergebnisse von Wakefield gefälscht waren können die Aussagen der „Experten“ als widerlegt gelten. Das Urteil wurde mittlerweile von einem Gericht in einer höheren Instanz widerrufen.

Aluminium

Im Film wurde die Aussage gemacht, es gebe keinen Grenzwert für Aluminium. Das ist falsch. Das Paul Ehrlich Institut hat zu Aluminiumverbindungen in Impfstoffen letztmalig 2014 Stellung genommen. Es könne an der Einstichstelle in seltenen Fällen zu „Verhärtungen“ kommen, die in der Regel wieder zurückgehen.  Es wird aktuell diskutiert, ob elementares Aluminium an der Entstehung von Alzheimer-Demenz beteiligt ist. Eine Diskussion über eine solange Zeit bedeutet mit hoher Wahrscheinlichkeit, dass ein möglicher Effekt nicht groß ist. Große Effekte lassen sich leicht messen und werden dann nicht mehr diskutiert. Die Symptome bei einer akuten Vergiftung mit elementarem Aluminium haben nur sehr entfernt etwas mit Autismus zu tun. Auch die Symptome einer Demenz sind von Autismus gut zu unterscheiden. Wenn man zur Sicherheit die Aufnahme von Aluminium reduzieren will, sollten aluminiumfreie Pflegeprodukte verwendet und auf Alufolie sowie Alukochgeschirr verzichtet werden. Die Menge an Aluminium in Impfungen ist im Gegensatz dazu äußerst gering.

Thiomersal

Thiomersal ist eine Quecksilberverbindung. Das klingt erst mal beängstigend, dabei vergisst man jedoch schnell, dass Elemente in Molekülen vollkommen andere Eigenschaften haben können als als Element. Auch hat vermutlich niemand Angst vor Meditonsin, worin ebenfalls eine Quecksilberverbindung vorhanden ist. Thiomersal wurde bereits 2001 aus allen Impfstoffen für Kinder entfernt. Dies geschah als Vorsichtsmaßnahme, weil T. seit 1930 in Impfungen verwendet wurde und damals keine Studien gemacht wurden, die heutigen Standards entsprechen. Thiomersal wurde zur Konservierung der Impfstoffe eingeführt. Damals entnahm man den Impfstoff noch aus großen Ampullen. Wenn die Kühlkette unterbrochen wurde, kam es gelegentlich zu Bakterienwachstum in den Ampullen. Die Bakterien wurden dann Kindern injiziert. Außerdem muss gesagt werden, dass die Grenzwerte für Thiomersal (Ethylquecksilber) an denen von Methylquecksilber angelehnt waren. Methylquecksilber ist die Substanz die mit Fisch aufgenommen wird und Menschen vergiften kann. Methylquecksilber bleibt lange im Körper und reichert sich an. Ethylquecksilber hingegen ist nach wenigen Stunden aus dem Körper entfernt und ist darum deutlich weniger schädlich. Doch aufgrund der fehlenden Studien wurde es entfernt.

Wenn (!) Thiomersal mit Autismus zusammenhängen würde, hätte es in den USA nach der Entfernung einen Rückgang von Diagnosen geben müssen. Den gab es nicht.

Unplausible Thesen im Film

Im Film wird behauptet, beim Impfen gehe es nur darum, möglichst viel Geld zu verdienen: Wenn Profit das vorrangige Ziel wäre, würde dieses Ziel besser erreicht werden, wenn nicht mehr geimpft würde. Früher waren die Kinderkliniken voll mit Kindern, die an Keuchhusten, Diphtherie, Maserenzephalitis, Meningokokkensepsis u. v. a. erkrankt waren und zum Teil Wochen im Krankenhaus bleiben mussten (oder dort starben). Eine Erkrankung zieht viele Behandlungen nach sich, die – wenn das das einzige Ziel wäre – deutlich höhere Gewinne bringen würden als Impfungen. Die Gewinne waren in den USA in den 1980ern so gering, dass die Hersteller, nachdem sie einige Klagen verloren hatten (es ging dabei um einen Impfstoff mit relativ hoher Komplikationsrate, der heute nicht mehr hergestellt wird), aufhörten Impfstoffe herzustellen. Darum wurde ein besonderes Gesetz verabschiedet, welches dazu dient, die Hersteller vor übermäßigen Klagerisiken zu schützen und Menschen die durch Impfungen geschädigt wurden zu kompensieren3.

Es gibt eine „Epidemie“ von Autismus: Die Beschreibung von „Autismus“ ist relativ neu. Erstmals tauchte der Begriff 1911 auf, hatte jedoch noch wenig mit unserem heutigen Verständnis der Störung zu tun. In den 1940ern beschrieb Kanner den nach ihm benannten frühkindlichen Autismus. Alle im Film vorgestellten Kindern würden (wahrscheinlich) in diese Kategorie fallen. Asperger faste die Definition von Autismus weiter. Allerdings wurde diese Definition erst in den 1990er Jahren in die relevanten Diagnosebeschreibungen aufgenommen. Man geht davon aus, dass viele Kinder, die heute die Diagnose „Autismus“ erhalten, früher unter dem Begriff „geistig Behindert“ erfasst wurden oder eben gar nicht erkannt. Es findet also zum Teil eine Verschiebung zwischen Diagnosen statt, teils werden Menschen diagnostiziert, die früher nicht erkannt worden wären. Zum Teil erhalten heute Kinder Hilfe, die früher als „schwierig“ gegolten hätten. Es gibt keine Belege für die behauptete Epidemie die Steigerung der Erkrankungszahlen lässt sich ohne Umweltauslöser gut erklären4.

Ich plane einen zweiten Teil, in dem ich auf ein paar weitere Fragen zum Impfen eingehe, die aber nicht direkt etwas mit dem Film zu tun haben.

  1. Explaining the Increase in the Prevalence of Autism Spectrum Disorders
    The Proportion Attributable to Changes in Reporting Practices, Stefan N. Hansen
  2. Autistische Störungen – State-of-the-Art und neuere EntwicklungenEpidemiologie, Ätiologie, Diagnostik und Therapie, Christine M. Freitag
  3. In Deutschland gibt es ein ähnliches Gesetz. Darin heißt es, dass ein Schaden durch eine Impfung nur „wahrscheinlich“ sein muss, um eine Entschädigung zu erhalten. Von 1972 bis 1999 sind die anerkannten Impfschäden von 191 auf 21 pro Jahr zurückgegangen (PDF). Bei mehreren Millionen gegeben Impfdosen ist das eine sehr geringe (wenn auch immer noch zu hohe) Anzahl.
  4. Es gibt eine Gruppe von Menschen, die der Ansicht sind, Autismus sei die nächste Stufe der menschlichen Evolution.

[Update: 07.05.17: An dieser Stelle stand unter „Rausschmeißer“ noch eine spezielle Kritik, die in der Form nicht gut formuliert war, darum habe ich sie wieder entfernt. Eventuell wird sie überarbeitet und im zweiten Teil noch einmal aufgegriffen.]

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Eingeordnet unter Ideologisch, Medizin und Wirklichkeit, Skeptizismus

Essen ist nicht ungesund

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/9/96/Abraham_van_Beijeren_004.jpg

Prunkstillleben Abraham van Beijeren 1640–80 (Wikipedia)

In unsere Gesellschaft, legt ein tonangebender Teil sehr viel Wert darauf, möglichst „natürlich“ zu leben, sich „der Natur“ nahe zu fühlen. Ein Focus der Bemühungen liegt dabei auf dem Essen. Vergessen wird oft jedoch, dass Essen vor allem eines ist: lebensnotwendig. Wer nichts isst, stirbt. Der Zusammenhang ist dabei nicht so unmittelbar wie beim atmen, weil es länger dauert bis man verhungert ist als bis man erstickt ist. Doch er ist unbestreitbar, Lichtnahrung hin oder her.

Noch nie hatten so viele Menschen über einen so langen Zeitraum, eine so große Auswahl sicherer Lebensmittel wie heute in den Industrienationen. Den Wert der Nahrung, nämlich uns am Leben zu erhalten, scheinen dabei viele vergessen zu haben. Essen muss heute mehr sein. Öko, bio, regional, die Begriffe sind austauschbar und haben über Marketing hinaus keine Bedeutung. Natürlich ist auch diese Nahrung so wenig, wie alles andere was wir heute zu uns nehmen. Wichtig ist auch, dass Nahrung „gesund“ ist, wobei, wie gesagt, ignoriert wird, dass es am ungesundesten ist, keine Nahrung zu sich zu nehmen. Was es bedeutet, wenn Nahrung „gesund“ ist, kann oft ohnehin niemand sagen. Ob Nahrung in Zusammenhang mit der Entstehung von Krebs steht oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen begünstigen soll, irgendwas ist ja immer.

Und meistens ist es falsch. Gelegentlich dauert es nur wenige Monate, manchmal aber auch Jahre oder Jahrzehnte bis falsche Informationen über gesundheitliche Effekte von Nahrungsmitteln im öffentlichen Bewusstsein richtig gestellt werden. Darum geht es in einem Artikel von „Mayo Clinic Proceedings“. Darin wird erklärt, warum die meisten Studien zu den gesundheitlichen Effekten falsche Ergebnisse liefern und oft so konstruiert sind, dass es auch gar nicht anders geht. Der Autor fordert, weniger Studien zum Thema Nahrung und Gesundheit zu machen, diese dafür jedoch vernünftig.

Nicht, dass dieser Artikel irgendetwas ändern würde. Nahrung wird weiter nahezu religiös betrachtet und aufgeladen werden. Über den moralischen Aspekt, der auch zunehmend anstrengend wird, habe ich dabei noch nicht mal etwas gesagt.

Weiterlesen: Why Everything We ‚Know‘ About Diet and Nutrition Is Wrong

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/4/4a/Heda%2C_Willem_Claeszoon_-_Breakfast_Table_with_Blackberry_Pie_-_WGA.jpg

Mahlzeitstillleben Willem Claesz. Heda Stillleben mit Brombeerpastete, 1631 (Wikipedia)

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Autoskeptizismus – Skepkon 2015

#Skepkon 2015 – Allgemein
Dieses Jahr fand in Frankfurt die Skeptiker-Konferenz – Skepkon – statt, welche jedes Jahr durch die Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP) veranstaltet wird. Auf dem beeindruckenden Campus der Goethe-Universität gab es drei Tage mit skeptischem Allerlei und einiger Improvisation.

Die Vorträge werden hier schön zusammengefasst und sicher bald im GWUP-Blog thematisiert, daher werde ich darauf nicht so sehr eingehen. Ich rede lieber, wie es sich für einen selbstreferentiellen Blogger gehört, über mich. Mein Vortrag handelte davon, dass Menschen, die irrationalen Glaubenssystemen anhängen keine psychische Störung haben müssen, um diesen anzuhängen. Im Gegenteil gibt es physiologische psychologische Mechanismen, die selbst sehr außergewöhnliche Ansichten erklären können und auch die Vehemenz mit der an diesen festgehalten wird. Im Skeptiker wird dazu noch ein Text von mir erscheinen, darum gehe ich an dieser Stelle nicht ins Detail.

An dieser Stelle interessieren mich die Reaktionen auf meinen Vortrag. Und diese haben mir gezeigt, warum ich die Menschen und deren Weltsicht, die sich in diesem Verein versammelt haben, bei allen Meinungsverschiedenheiten in Detailfragen, so schätze. Nach dem Vortrag wurde ich angesprochen und diverse Teilnehmer bedankten sich, für die im Vortrag gegebenen Informationen und Perspektiven. Denn als „SkeptikerInnen“ waren sie bereit, bei neuen Informationen ihre Ansichten zu ändern. Das ist der Kern von Skeptizismus, wie ich ihn verstehe.

Über Twitter wurde mir nach dem Vortrag ein Link zu einer Studie geschickt, die auch einige der von mir gemachten Aussagen im Vortrag relativiert. Ich denke nicht, dass mein Kernargument davon berührt wird aber die eine oder andere Aussage werde ich evtl. etwas differenzieren müssen. Schade, ich mag undifferenzierte Aussagen. Dummerweise scheint es, als müsste ich noch etwas zum Thema Religion/Spiritualität und psychischer Gesundheit recherchieren, um mir ein umfassenderes Bild zu machen. Glauben wäre irgendwie einfacher….

Wie immer blieb zu wenig Zeit, sich ausführlich mit allen zu Unterhalten, mit denen ich mich gerne unterhalten hätte. Dafür habe ich meine Twitter-Timeline ordentlich aufgestockt und ein paar neue Facebook-Freunde hinzugefügt. Das ist ja auch nicht schlecht.

Es folgt ein weiterer Text mit ein paar Gedanken eine Frage zu meinem Vortrag betreffend.

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Osteopathie im Dialog

[Durch meinen Artikel in der Sächsischen Zeitung habe ich ein paar Zuschriften bekommen. Einige davon werde ich an dieser Stelle, mit Erlaubnis, veröffentlichen und Kommentieren. Die Mail habe ich (fast) ungekürzt veröffentlicht aber nicht auf jeden Punkt geantwortet. Hier schreibt jemand der/die osteopathisch Tätig ist]

vielen Dank für Ihren kürzlich erschienenen Artikel aus der SZ.Ich begann ihn mit großem Interesse zu lesen, doch im laufe des Lesens verebbte es und für den Schluss musste ich mich regelrecht durchringen den Artikel nicht aus der Hand zu legen.Es ist das schüren der alten Feindschaft zwischen Schul,- und Alternativ,- oder Komplementärmedizinern was bei mir Unverständnis und die Frage nach dem Warum aufwirft.

Es veranlasst mich diese Mail an sie zu verfassen.

Ich hege keine Feindschaft. Viele Menschen die Methoden anbieten, die ich ablehne sind mir sehr sympathisch. Mir geht es um die Kritik an Ideen, die bei mir in diesem Fall mit einer gewissen Leidenschaft angebracht wird. Eine kleine Anmerkung: Es gibt keine Schulmedizin. Es gibt Medizin die wirkt. Schulmedizin in als abwertender Begriff eingeführt worden.

Ich bin Osteopath, also eine der Berufsgruppen die Sie mit Geistheilern und Schamanen in einem Atemzug in Ihrem Artikel erwähnen.

Das ist eher dem Format geschuldet. Die Themen wurden durch die Zeitung vorgeben und ich hatte nur einen Text in dem ich alles unterbringen musste. Osteopathen sehe ich differenzierter als Geistheiler.

Sie sprechen von Aternativmedizin, ich sehe mich eher als der Komplementärmedizin angehörig.

Da es keine Definition von Alternativmedizin oder Complementärmedizin gibt und die eigenbezeichnung oft Complementary and alternative medicine (CAM) ist, hat das lediglich für ihr therapeutisches Selbstverständnis Relevanz.

In meiner Praxis behandle ich regelmäßig recht erfolgreich Patienten, deren Leiden zum Teil von der Schulmedizin nicht oder nur ungenügend erkannt oder einer erfolgreichen Behandlung zugeführt werden können.

Dazu nur kurz ein Link zu einer Sammlung von Möglichkeiten, warum, eine Behandlung zu wirken scheint obwohl sie nicht wirkt. Damit möchte ich nicht sagen, dass das auf ihre Behandlungen zutrifft, dazu habe ich weder den Anlass, noch die Kompetenz noch die Daten 🙂

Be – hand – lung schon im Wortstamm spielt die Hand eine große Rolle, die allerdings in der heutigen medizinischen Praxis eine weniger wichtige Position einnimmt da kaum ein Patient sich entkleiden braucht respektive manuell exploriert werden wird.

In meinem Studium habe ich gelernt, die körperliche Untersuchung gehört zu einer Behandlung. Das wird sicher aus ökonomischen Gründen in der Praxis eher pragmatisch gehandhabt. Allerdings möchte ich mich auch nicht bei jedem Schnupfen ausziehen. Letztlich ist das ihre Ansicht, ich wäre interessiert, ob das mit Daten zu unterfüttern ist.

Warum auch, in einem Zeitalter in dem die medizinische Diagnostik sich größtenteils auf Apparate stützt und die „Behandlung“ entweder iatrochemisch medikamentös oder Iatromechanisch per Operation erfolgt ist die Hand als Diagnostikum auch nicht von Nöten.

Die Diagnostik stützt sich auf verschiedene Säulen: Anamnese (!!!), klinische Untersuchung, Laboruntersuchungen und Bildgebung. Oft in der Reihenfolge. Dabei geht man pragmatisch und nach Dringlichkeit vor. Bei Verdacht auf einen Herzinfarkt mache ich keine vollständige klinische Untersuchung, weil die Gefahr besteht, dass der Patient deren Ende nicht mehr erlebt.

Unsere Sinne wie Hören, Sehen, Fühlen, unsere Stärke Erfahrung in den Untersuchungsprozess mit einzubinden, eine Hypothese zu erstellen sie weiter bin zu einer Diagnose zu verfolgen, das ist es doch was den Mediziner ausmachen sollte.

So wurde es mich gelehrt und so erlebe ich es.

Zeit, spielt dabei eine wesentliche Rolle und nicht nur das vergleichen von Werten.

Zeit spielt eine Rolle, manchmal hat man keine.

Mir begegnen immer häufiger Patienten die sich von Ihrem Arzt nicht wahrgenommen, ungenügend untersucht oder auch nicht ernst genommen fühlen.

Das ist ein Problem. Aber, dass sich jemand ungenügend xxx fühlt, bedeutet nicht, dass das der Wirklichkeit entspricht. Es bedeutet in jedem Fall, dass es ein Kommunikationsproblem zwischen Arzt und Patient gibt.

Die Bemerkung „er hat gar nicht mit mir geredet“ ist nichts neues.

Das glaube ich Ihnen gern. Das hat allerdings keinen Einfluss auf die Wirkung oder Nichtwirkung von Alternativmedizin. Probleme im Medizinbetrieb können nicht als Rechtfertigung für wirkungslose Methoden dienen.

Kann es sein das sich die Ärzteschaft selbst abschafft?

Ich glaube nicht.

Gold Standards in der apparativen Diagnostik,

Wenn die eingehalten würden, gäbe es nicht so viele unnötige Untersuchungen.

Behandlungsregime auf Medikamentöser oder Operativer Ebene,

Standards retten leben, dass „jeder“ macht, was er will, es besser weiß, ist das Problem.

 ein Betriebswirt an der Spitze eines Krankenhauses der den pekuniären Aspekt fest im Blick behält. 

In der Tat, das stört mich ebenfalls sehr. Aber auch das spricht nicht für die Wirkung oder Nichtwirkung irgendeiner Methode. Es ist vielmehr eine komplexe gesellschaftliche und politische Aufgabe.

Da brauch es lediglich noch den Diagnostik Roboter.der dem Patienten seine Diagnose stellt die dann behandelt wird.so wie es heut auch in den meisten Praxen gehandhabt wird. Warum verliert denn die Schulmedizin in den Augen der Patienten an Wert, lesen sie doch einmal aktuelle Umfragen. 

http://www.aerzteblatt.de/archiv/162906/Umfrage-der-Techniker-Krankenkasse-Die-meisten-Versicherten-sind-mit-ihren-Aerzten-zufrieden?src=search (zugeben, das ist ein schwache Quelle ;-))

Handlanger der Pharmaindustrie, der Medizingerätehersteller und unter der Knute der Betriebswirtschaft.ich möchte kein Arzt in der heutigen Zeit sein. Wo bleibt die Selbstbestimmung? Den wachsenden Unmut bekommen dann die Patienten zu spüren.

Die meisten KollegInnen sind mit der Situation ähnlich unzufrieden und können dies den Patienten gegenüber auch artikulieren. Die meisten Patienten lasten die Verhältnisse weder ihrem Arzt, noch der „Schulmedizin“ an.

Ich würde mir wünschen das die Schulmedizin sich runderneuert, Ihren Stellenwert wieder herstellt, wieder gesundet und sich von den Parasiten befreit. Selbstbestimmt und sicher Ihren Weg geht, denn dann kann man auch andere „Alternative“ oder Komplementäre Heilverfahren neben Ihr stehen lassen ohne sie und sich verbal in Zeitungsartikeln zu disqualifizieren.

Alternativmedizin stellt für mich und die meisten KollegInnen keine Bedrohung dar. Wenn ich keine besseren Ergebnisse erziele als ein Placeboverfahren, sollte ich mir ohnehin ernsthaft fragen stellen. Wieso sollte ich mich durch etwas bedroht fühlen, was ich in Dresden von diversen Anbietern in wenigen Stunden lernen kann? Ich könnte mir das leben deutlich einfacher machen, wenn ich einfach Globuli verabreiche, wenn jemand das wünscht.

Ich arbeite im übrigen recht gut mit einer Handvoll Medizinern zusammen, Voraussetzung ist natürlich der respektvolle Umgang, die Anerkennung der eigenen Grenzen und ein gemeinsames Ziel. Es würde allen gut tun sich etwas weniger wichtig zu nehmen und dafür den Focus wieder auf den Patienten zu legen.

Da wir uns nicht persönlich kennen und sie mich nicht gefragt haben, halte ich es für angebracht, wenn Sie über mein Innenleben keine Spekulationen anstellen.

In diesem Sinne, wünsche ich eine gesunde Meinungsfindung wenn es wieder einmal heisst, die Schulmedizin im Kontext der Heilverfahren.

Danke, es handelt sich aber nicht um eine Meinung (auch wenn die Rubrik in der SZ das suggeriert) sondern um den Stand der aktuellen Forschung in dem Bereich. Sollte die sich ändern, ändert sich auch meine Meinung.


Und ich habe auch eine Antwort bekommen:

vielen Dank für Ihre prompte Reaktion auf meine Mail.
Es ist wie ich es befürchtet hatte, in der Sicht auf die Dinge teilen wir leider kein Alphabet.

Sie sind einfach nur Arzt, ich bin einfach nur Osteopath.

Als Dozent in der Ausbildung von Osteopathen habe ich auch gelegentlich Studenten aus Ihrer Profession (frische oder gestandene Mediziner) vor mir sitzen, es ist erstaunlich welche Entwicklung in den fünf Jahren Osteopathiestudium sie durchmachen.
Anfangs recht reserviert, sich eine Meinung bildend, später mehr und mehr hinterfragend und auch sich selbst und das eigene Tun mit dem neuen Wissen vergleichend und entdeckend das die Wahrheit doch irgendwo
dazwischen liegt.
Schwer zu verstehen das die Hand als Werkzeug so filigran agieren kann, ja das selbst kleinste Unterschiede in der Konsistenz von Geweben, Bewegungen und Rhythmen wahrgenommen werden können.
Das erfordert lange lange Übung, vor allem aber das Vertrauen in das eigene Tun, die genaue Kenntnis der Anatomie und der Physiologie, das verstehen von Adaptation, Ontogenese und Phylogenese des Menschen.

George Finet und Christian Willame haben in einer Studie die seit den 80er Jahren Patienten untersucht und noch immer andauert, nachgewiesen das Organe sich bewegen, einem Atemrhytmus folgen (Lungenatmung)
einer Körperbewegung folgen, aber auch ein embryologisches Bewegungsgedächtniss haben.

Matrix, Grundsubstanz, Kommunikation des neuronalen Netzwerkes, Faszien die von glatten Muskelfasern durchzogen, Organe, Muskeln, Gefäßstrassen bildend immunologisch arbeitend und auf das autonome Nervensystem hörend…alles Dinge
die in der Ausbildung von Medizinern nur am Rande wenn überhaupt behandelt werden…aber nachgewiesen wurden und existieren.( Robert Schleipp)

Nein es tut mir nicht leid Ihnen geschrieben zu haben, es hat seinen Grund und es wird seine Wirkung entfalten.
Ach und bitte führen sie nicht das Ärzteblatt an, das ist wie die Betriebszeitung für Siemens Angehörige, wenn eine Krankenkasse eine Befragung startet und sie den Leuten vorlegt denen sie im nächsten Quartal evtl. Regresszahlungen aufmacht…das ist
für mich nicht Seriös, sorry.
Hm und war nicht die TKK die erste Kasse die ihren Versicherten osteopathische Behandlungen subventionierte? Auch wenn es ein klasse Marketing Streich war….

Gut, ob ein Link zur Ärztezeitung zu einer Umfrage nun „unseriös“ ist, weiß ich nicht. Wenn man sich die Daten betrachtet, muss man auf jeden Fall Interessenskonflikte bedenken. Allerdings wäre die angemessene Antwort gewesen, eine Quelle zu bieten, welche die Angaben der TKK-Umfrage widerlegen kann.

Das Fach Osteopathie muss man sicher differenziert betrachten. Edzard Ernst schreibt in seinem Buch „Was kann die Alternativmedizin?“, dass es in der Osteopathie Gruppen gibt, die sich eher dogmatisch an die reine Lehre halten und andere, die Versuchen, die Methoden empirisch zu belegen. Letztere Gruppe kann das Fach sicher weiter bringen und Patienten nutzen. Langfristig wird sich die eine Gruppe entscheiden müssen, ob sie noch mit der anderen Gruppe gemeinsam betrachtet werden möchte. Sicher zu den magischen Methoden kann man die Craniosacraltherapie zählen. Achtung, jetzt kommt ein Eigenzitat:

Craniosacrale-Therapie
Vorwissenschaftliche Methode der Osteopathie. Schädelnähte erinnerten den Osteopathen Sutherland Anfang des 20. Jahrhunderts an Fischkie- men und er postulierte, sie dienten der Atmung. Dieses als „craniosacraler Rhythmus“ bezeichnete Phänomen wollen Therapeuten anhand von Bewegungen der Schädelknochen gegeneinander spüren. Diese sind möglich, jedoch so gering, dass menschliche Sinneszellen sie nicht „auflösen“ können. Bei einem Test 1994 waren die von Therapeuten getroffenen Aussagen nicht replizierbar, nicht einmal vom selben Therapeuten, beim selben Patienten.“ Quelle

Ich war übrigens selbst schon bei einer Osteopathin und ich denke, ihre Behandlung und Beratung hat mir geholfen. Allerdings war sie auch Physiotherapeutin. Und das wäre mein Rat an jeden, der zu einem Osteopathen geht, nämlich darauf zu achten, dass es sich um eineN PhysiotherapeutIn handelt.

Vielen Dank an den/die AutorIn für die Rückmeldung.

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Nichts wirkt so gut wie Homöopathie*

In der Sächsischen Zeitung läuft gerade unter dem Titel „Anders heilen“ eine Serie zum Thema Alternativmedizin. Ich durfte dort auch ein paar Zeilen zum Thema schreiben. Unter den einzelnen Themen ist ebenfalls der eine oder andere Kommentar von mir zu finden. Im Rahmen der Irisdiagnostik hatte ich das bereits thematisiert. Auch der Text zur Homöopathie bedarf einiger Erläuterungen.

Homöopathie ist ein pseudomedizinisches Verfahren, dass auf diversen magischen Annahmen beruht. Ich werde mir eine Einführung an dieser Stelle sparen, Interessierte seien auf den Wikipedia-Artikel verwiesen.

Im Artikel wird Frau Dr. Tost, eine homöopathische tätige Kollegin, mit dem Satz zitiert: „Es (anm.:Homöopathie) ist keine Religion, und ich kann es nicht erklären – aber nicht nehme es dankend an.“ Ob Homöopathie sich für die Bezeichnung „Religion“ qualifiziert, mögen andere bewerten. Es handelt sich jedoch mit Sicherheit um einen Glauben. Beispielhaft dafür steht die Aussage der 1. Vorsitzenden der homöopathischen Ärzte in Deutschland, Cornelia Bajic, ihr sei egal, welches Ergebnis Studien hätten, sie sehe jeden Tag, dass Homöopathie funktioniere. Das heißt, keine Belege werden genügen, um ihre Einstellung zu ändern. Damit handelt es sich um einen Glauben.

Die Tatsache, dass Homöopathie trotz fehlendem Wirkstoff wirke, erklärte Frau Dr. Tost mit einer „Energieübertragung“ im Rahmen der Potenzierung. Energie bezeichnet die Fähigkeit eines Systems Arbeit zu verrichten. Da in der Homöopathie Wasser und Zucker (früher Lactose, heute Sacharrose) die heilende Wirkung transportieren sollen, muss die Energie irgendwie auf die Wasser- und Zuckermoleküle übertragen und dort gespeichert werden. Nicht nur das, mit jedem Potenzierungsschritt (also mit jeder Verdünnung), wird der Effekt stärker, wenn es nach den Homöopathen geht. In welcher Form die Energie gespeichert wird, hat bisher niemand erklären können. Insgesamt scheint es, als hätten Vertreter der Homöopathie ein anderes Verständnis von „Energie“ als der Rest der Welt. Abgesehen davon, dass Energie an sich noch keine heilende Wirkung hat.

Ich musste mir etwas die Augen reiben aber die Kollegin wird sogar mit der Aussage zitiert, mit Homöopathie könne man Krebs heilen. Das ist nicht nur falsch, sondern auch mutig, um nicht zu sagen, fahrlässig. Allerdings ist diese Aussage, innerhalb der Homöopathie eine logische Schlussfolgerung.

Machtlos sei Homöopathie bei „strukturellen“ Schäden, so steht es in dem Artikel. Beispielhaft werden Narben und Typ I Diabetes (bestimmte Zellen der Bauchspeicheldrüse gehen zugrunde) genannt. Interessanterweise zwei Phänomene, die sich kaum durch Placebo-Effekte beeinflussen lassen, und bei denen es auch nicht zu einer Spontanheilung kommt. Komischerweise lese ich an anderer Stelle, für Knochenbrüche sei Homöopathie ganz hervorragend geeignet. Wenn dass kein struktureller Schaden ist, dann weiß ich auch nicht.

Als letztes finde ich die Äußerung erwähnenswert, es gebe keine Placebowirkung bei kleinen Kindern und Tieren. Mit diesem Argument „wischen Fachleute“ wie sie das Argument weg, bei Homöopathie handele es sich um Placebomedizin. Seit langem gibt es jedoch Belege für Placebo-Effekte bei Tieren und Kindern. Man müsste sie nur suchen.

*Den Text aus dem Titel habe ich irgendwo auf Twitter gelesen, er ist also nicht von mir…leider. Ich weiß aber auch nicht wo die Quelle ist :-/

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Science Slams PEGIDA

[Die Polizei hat für morgen in Dresden alle Veranstaltungen unter freiem Himmel untersagt. Damit fallen sowohl die Versammlung der PEGIDA als auch jeglicher Gegenprotest ins Wasser. Geplant war auch ein Science Slam, zu dem ich einen Beitrag vorbereitet hatte. Da ich nicht weiß ob und wann die Veranstaltung nachgeholt wird, veröffentliche ich den Text an dieser Stelle. Falls die Veranstaltung nachgeholt wird, ist die Gefahr relativ gering, dass allzu viele Zuschauer ihn bereits kennen 🙂 ]

Die ersten Flüchtlinge waren wahrscheinlich das, was PEGIDA heute als Wirtschaftsflüchtlinge bezeichnen würde. Sie machten sich vor ca. 160 000 Jahren auf den Weg, den afrikanischen Kontinent zu verlassen. Ohne ihren Mut und ihre Entbehrungen wären wir vielleicht heute nicht hier in Dresden. Nicht nur niemand von uns, auch keine Artgenossen, kein Homo sapiens. Diese ersten Wirtschaftsflüchtlinge sind also Schuld an PEGIDA. Hätten sie sich ihrem Schicksal ergeben und wären einfach verhungert als sich das Klima ihrer Umwelt veränderte, wäre Dresden einiges erspart geblieben.

Vor circa 80 000 Jahren gab es einen gigantischen Vulkanausbruch. Dessen Folgen löschten einen Großteil der auf der Erde lebenden Menschen aus und brachte unsere Art an den Rand der Ausrottung. Auch in Pompeji vernichtete ein Vulkan Teile der „abendländischen“ Kultur und vor einigen Jahren legte ein Vulkan Teile des Flugverkehrs auf der nördlichen Hemisphäre lahm. Vulkane sind gefährlich! Dafür haben wir Belege. Für die Islamisierung des Abendlandes gibt es keine ernsthaften Belege. Warum demonstrieren die PEGIDA nicht gegen Vulkane?! Patriotische Europäer gegen die Vulkanisierung des Abendlandes.

Das schöne an Wissenschaft ist, dass man sich irren darf. Irren gehört zum System. Wer sich nicht irrt, macht nicht etwa Alles richtig, sondern irgendetwas falsch.

Als Menschen der Wissenschaft, der Kunst und als Menschen, die sich den Werten der Aufklärung verpflichtet fühlen, haben wir nicht nur das Recht, sondern geradezu die Pflicht, alles zu hinterfragen. Darum haben AnhängerInnen dogmatischer Weltanschauungen oft auch so ein Problem mit Wissenschaft, freier Kunst, kritischem Denken und dem beharrlichen Hinterfragen der eigenen Annahmen. So wie Kreationisten. Diese lehnen Evolution ab, weil deren Annahmen den Aussagen der Bibel widersprechen. Egal wieviele Belege man diesen Menschen zeigt, wie genau man es ihnen erklärt, sie werden ihre Meinung nicht ändern. Es ist ein Glaube. Glaube ist äußerst faktenresistent. Das ist nicht schlimm, solange man nicht von anderen Menschen verlangt, dem eigenen Glauben nach zu handeln. Doch genau das wollen die PEGIDA!

Kritisches Denken ist dem Homo sapiens nicht in die Wiege gelegt, wir müssen es lernen. Dummerweise haben Menschen die eine bescheuerte Theorie glauben, ein erhöhtes Risiko weitere bescheuerte Theorien zu glauben. Ein prominentes Beispiel ist der Reichskanzler von 1933-1945. Adolf Hitler war zum Beispiel Anhänger der Welteislehre.

Diese besagt, vor Millionen von Jahren sei ein „riesiger Planet“ aus Eis und Metall in einen „gigantischen Stern mit der millionenfachen Masse unserer Sonne“ eingedrungen. Eine „Schmutzschicht“ verhinderte das Verdampfen des Wassers. Sein Inneres heizte sich auf und überhitzter Wasserdampf wurde erzeugt. Schließlich „zerbarst der Planet in einer gewaltigen Explosion“. Seine Bestandteile wurden aus der Sonne in den Weltraum gestoßen. Die leichtesten Bruchstücke bildeten eine „Glutmilchstraße“. Aus dem Rest und gefrierendem Wasserdampf wurde unser Sonnensystem sowie eine „Eismilchstraße“ in „dreifacher Entfernung des Planeten Neptun gebildet“.

Was heute skurril wirkt, stand auch schon damals bekanntem Wissen entgegen. Trotzdem stürmten Anhänger der Lehre sogar astronomische Vorlesungen und forderten die Absetzung der klassischen Astronomie.

Da u.a. Hitler so ein Fan war, sollte im Zweig Wetterkunde der SS-Forschungsgemeinschaft Ahnenerbe eine Wirkung des ewigen Welteises auf das Germanentum nachgewiesen werden.

Früher hieß es Germanentum, heute heißt es Abendland.

Außerdem glaubte Hitler, die Erde sei entweder hohl und wir lebten auf deren Innenseite oder sie sei eine Art Halbkugel auf deren Innenseite wir alle kopfüber herumspazieren. Darum ließ er Werner von Braun Raketen im 45°Grad Winkel in den Himmel schießen, um zu sehen, ob man Australien trifft. Man traf nicht. Werner von Braun, darauf bedacht, Hitlers Glauben nicht zu beleidigen, erklärte das damit, dass die Raketen einfach nicht genug Reichweite hätten.

Die Nationalsozialisten und Hitler wären vor allem empört gewesen, zu erfahren, dass sie von den zu Beginn erwähnten „Wirtschaftsflüchtlingen aus Afrika“ abstammen sollten. Man war der Ansicht, Nachfahre von Übermenschen zu sein: den Ariern. Die Nazis glaubten, der Atlantismythos sei real. Sie glaubten, die Arier hätten sich von Atlantis retten können. Sie waren der Meinung, deren direkte Nachfahren würden noch in Tibet leben. Eine von Hitler und Himmler dorthin geschickte Expedition fand jedoch nichts. Himmler sagte daraufhin zum Expeditionsleiter: „Dann haben sie wohl nicht richtig geguckt“. Der Mythos von den Germanen als Nachfahren der Arier, vom Deutschen als Übermenschen, war Teil des Fundaments des Nationalsozialismus und seiner Folgen.

Die Islamisierung des Abendlandes findet nicht statt. Trotz Zahlen die das zeigen und die Behauptungen der PEGIDA widerlegen, halten diese daran fest. Man hat, nicht erst seit PEGIDA, einen Mythos geschaffen. Den Mythos von der Islamisierung des Abendlandes. Mithilfe dieses Mythos gelingt es, sehr unterschiedliche Menschen zusammenzubringen, die normalerweise nie etwas miteinander zu hätten. Die Angst verbindet. Der Mythos ist der Kit, der die Bewegung zusammenhält. Heute ist es die Islamisierung. Zu einer anderen Zeit, war es der Mythos einer überlegenen Rasse. Dieser Mythos hat Menschen dazu bewegt, andere Menschen als minderwertig zu sehen und in einen Krieg, den Endkampf, zu ziehen. Dieser Mythos hat getötet. Und vielleicht hat der Mythos von der Islamisierung des Abendlandes auch schon sein erstes Opfer gefordert. Lasst uns dafür sorgen, dass es sein letztes bleibt.

Ich bin kein Teil eines Volkes. Ich bin Teil einer Spezies nackter Affen, die Schuhe tragen. Ich heiße alle meine Artgenossen willkommen!

Weiterlesen:

Mehr Texte über PEGIDA (es sind schon viel zu viele).

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ADHS und Ginkgo biloba

Die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) ist eine recht häufige Erkrankung bei Kindern. Es gibt evidenzbasierte pharmakologische Behandlungen, am Besten ist wahrscheinlich Methylphenidat (MPH) bekannt. MPH hat leider einen sehr schlechten Ruf, ist jedoch gut wirksam und ziemlich sicher. Es gibt daneben natürlich noch einen bunten Strauß „alternativer Therapiemethoden“ (Cam-Methoden), sowohl pharmakologische als auch andere. Einige werden noch erforscht, andere sind in ihrer Wirkung nicht be- viele auch schon widerlegt. Ich habe mich also nicht gewundert, als ich eine Studie las, in der die Wirkung von Ginkgo bei ADHS untersucht wurde. Gewundert habe ich mich über den Ort der Veröffentlichung, nämlich die Zeitschrift der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, dem offiziellen Organ eben dieser. In den Richtlinien der Zeitschrift kann man lesen, dass dort veröffentlichte Arbeiten neue wissenschaftliche Ergebnisse liefern sollten.

Die Studie heißt “Ginkgo biloba Extract EGb 761® in Children with ADHD“. EGb 761® ist Hauptinhaltsstoff von „Tebonin“ ®, einem Phytotherapeutikum, hergestellt von der „Dr. Wilma Schwabe GmbH“. Im Abstract kann man lesen:

“One possible treatment, at least for cognitive problems, might be the administration of Ginkgo biloba, though evidence is rare.This study tests the clinical efficacy of a Ginkgo biloba special extract (EGb 761®) (…) in children with ADHD (…).“

“Eine erfolgversprechende, bislang kaum untersuchte Möglichkeit zur Behandlung kognitiver Aspekte ist die Gabe von Ginkgo biloba. Ziel der vorliegenden Studie war die Prüfung klinischer Wirksamkeit (…) von Ginkgo biloba-Extrakt Egb 761® bei Kindern mit ADHS.“ (Aus der deutschen und englischen Version des Abstracts.)

Die Versuchsgruppe bestand aus 20 Teilnehmern(!), die kein MPH nehmen wollten oder es nicht vertragen hatten (“did not tolerate or were unwilling“). Die Tatsache, dass einige Teilnehmer MPH nicht nehmen wollten, finde ich problematisch. Ich denke, es ist ziemlich wahrscheinlich, dass eher die Eltern ihren Kindern kein MPH geben wollten, als das diese es nicht nehmen wollten (sonst hätten sie wahrscheinlich auch kein Ginkgo genommen). Unter diesen Bedingungen besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit für Selektionsfehler,  so dass Eltern, die alternativmedizinischen Methoden (CAM-Methoden) ohnehin positiv gegenüber stehen ausgewählt werden.

Die Autoren geben drei Hauptfragen Phytotherapie betreffend an, für deren Beantwortung empirische Belege benötigt werden. An erster Stelle stellen sie die Frage nach Nebenwirkungen, die ihrer Aussage nach in 1% der Fälle bei einigen CAM-Methoden auftreten (wobei CAM-Methoden nicht mit Phytotherpie gleichzusetzen sind!). Zweitens die Frage nach Arzneimittelinteraktionen und drittens die Frage, ob Eltern mit die behandelnden ÄrztInnen ihrer Kinder über benutzte CAM-Methoden informieren.

Ein großer Teil der Studie beschäftigt sich außerdem mit den Ergebnissen eines EEG-Protokolls. Den Teil habe ich ignoriert, weil die klinischen Ergebnisse so mäßig sind, dass die sekundären EEG-Ergebnisse wahrscheinlich unerheblich sind.

Bevor ich mich jedoch der Studie selbst widme, ist es wichtig, sich einmal anzuschauen, was über die Verwendung von Ginkgo bereits bekannt war. Ginkgo ist am besten bekannt für seinen Einsatz bei Demenz, kognitiven Einschränkungen und Tinnitus. Die Cochrane-Collaboration hat 2009 über die Einsatz im Rahmen dieser Erkrankungen geschrieben:

„Es gibt keine Überzeugenden Belege, dass Ginkgo biloba bei Demenz oder kognitiven Einschränkungen wirksam ist.“ (Übersetzung von mir)

“There is no convincing evidence that Ginkgo biloba is efficacious for dementia and cognitive impairment“ [1].

Die Autoren unserer Studie zitieren Sarris et al. (2011), ein systematisches Review von CAM-Methoden bei ADHS. Sarris et al. erwähnen darin Salehi et al. (2010), die Ginkgo gegen MPH testeten. MPH war deutlich besser als Ginkgo, aber Sarris et al. weisen darauf hin, dass Gingko seine volle Wirkung vielleicht erst nach mehr als 6 Wochen entfaltet (solange hatte die Studie gedauert). In der vorliegenden Studie wurde Ginkgo über 3-5 Wochen verabreicht.

Die oben genannten Informationen im Hinterkopf ist mir unklar, warum die Autoren von einer „möglichen“ (englischer Abstract „possible“), bzw von einem erfolgversprechenden Behandlungsansatz sprechen. Auch warum sie schreiben, Gingko sei kaum untersucht ist mir nicht klar.

In einer unverblindeten, unkontrollierten Studie, mit einer Versuchsgruppe, die wahrscheinlich durch einen Selektionsfehler verzerrt ist, wäre alles andere als ein positives Ergebnis merkwürdig. Bei der Behandlung von Autismus gibt es diverse Beispiel von unplausiblen Behandlungsansätzen, die wirksam erschienen, solange Eltern wussten, dass ihre Kinder die Therapie erhielten. Sie wurden jedoch unwirksam, sobald verblindet wurden (z.B. Sekretin).

Das Ziel der Studie war, die klinische Wirksamkeit zu testen. Doch die Zusammenfassung beginnt mit der Aussage, wie gut Ginkgo toleriert wurde. Die Wirkung wurde dann wie folgt beschrieben:

„Nach der Verabreichung von Ginkgo wurden Verbesserungen von miteinander zusammenhängenden Verhaltensskalen detektiert“ (Übersetzung von mir)

“Following administration, interrelated improvements on behavioral ratings of ADHD symptoms (…) were detected (…).“

Dabei ist vor allem interessant, wie diese Verbesserungen detektiert wurden. Die Autoren nutzten einen etablierten Fragebogen (FBB-HKS) um die Eltern das Verhalten ihrer Kinder einschätzen zu lassen. Nur die Eltern. Den Kindern oder Lehrern wurden keine FBB-HKS gegeben, obwohl das Standard in der ADHS-Diagnostik ist (und obwohl den Kindern Fragebögen zur Lebensqualität gegeben wurden, die, nebenbei, keine signifikante Veränderung zeigten).

Keine der eingangs gestellten Hauptfragen (Nebenwirkung, Medikamenteninteraktion, Information des Arztes) können mit der vorliegenden Studie beantwortet werden. Ich bin kein Statistikerxperte, aber es erscheint mir unwahrscheinlich, mit 20 Patienten die Frage nach Nebenwirkungen, die in 1% der Fälle auftreten sollen, sinnvoll beantworten zu können. Dennoch schreiben die Autoren, sie hätten Nebenwirkungen an „700 Beobachtungstagen“ mit einer Rate von 0,004% feststellen können.

Die Autoren schließen mit:

„Zusammenfassend bietet die vorliegende Studie einige vorläufige Evidenz, dass Gingko biloba EGb 761® kurzfristig gut toleriert zu werden scheint und eine klinisch nützliche Therapie bei ADHS sein könnte. Doppelt-verblindete randomisierte Studien werden benötigt um den Wert der vorliegenden Daten einschätzen zu können.“ (Übersetzung von mir)

“Taken together, the current study provides some preliminary evidence that Ginkgo biloba Egb 761® seems to be well tolerated in the short term and may be a clinically useful treatment for children with ADHD. Double-blind randomized trials are required to clarify the value of the presented data.“

Zieht man die oben erwähnten, im Prinzip bereits vor Beginn der Studie vorliegenden, Informationen in Betracht, könnte man mit diesem Schluss begonnen haben um gleich eine doppelt-verblindete randomisierte Studie durchzuführen.

„Klinische Signifikanz:
Die Trends dieser vorläufigen offenen Studie können suggerieren, dass Ginkgo biloba EGb 761® als komplementäre oder alternative Therapie für die Behandlung von Kindern mit ADHS in Erwägung gezogen werden könnte.“ (Übersetzung von mir)

“Clinical Significance
The trends of this preliminary open study may suggest that Ginkgo biloba Egb 761® might be considered as a complementary or alternative medicine for treating children with ADHD.“

Und? Warum ist mir das wichtig genug, um einen Text dazu zu verfassen, wenn vorläufige Evidenz „suggerieren könnte“, dass etwas als Behandlung „erwogen werden könnte“? Weil ich denke, dass diese Studie keine wichtige Frage beantwortet oder irgendeine nützliche Information liefert. Ich denke, den Richtlinien der Zeitschrift folgend, hätte die Studie gar nicht veröffentlicht werden dürfen. Außerdem halte ich die Studie für eine Stück „Bad Science“. Nicht nur wegen des Mangels an kritischem Denken, sondern auch, weil es ein weiteres Stück verwirrende Information ist, welches über die ADHS und ihre Behandlung durch das Netz geistert. Die Studie wurde im September veröffentlicht und im November habe ich eine Website gefunden, auf der diese Studie fälschlicherweise als „klinischer Beweis“ („clinical proof“) für die Wirksamkeit von Gingko bei der ADHS angeführt wurde. Warum das Unsinn ist, dürfen dann Kinder- und JugendpsychiaterInnen und PädiaterInnen Eltern von betroffenen Kindern ausführlich erklären, anstatt sich um die Probleme der Patienten zu kümmern.

Irgendwie habe ich das ungute Gefühl bei dieser Studien ging es eher um Marketing als um Wissenschaft. Ich frage mich, ob Schwabe auch helfen wird, die notwendige doppelt-verblindete randomisierte Studien zu finanzieren…

[Dieser Text ist eine Übersetzung des englischen Text, der zuerst auf dem Blog von Edzard Ernst veröffentlicht wurde. An dieser Stelle noch einmal vielen Dank für diese Möglichkeit!]

English version

[1] http://summaries.cochrane.org/CD003120/DEMENTIA_there-is-no-convincing-evidence-that-ginkgo-biloba-is-efficacious-for-dementia-and-cognitive-impairment#sthash.oqKFrSCC.dpuf

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Impfen, in Fachkreisen unumstritten

Heute mal etwas Zweitverwertung. Da es ein äußerst vernünftiger Zeitvertreib ist, online mit Menschen zu diskutieren und da gerade auf Facebook das Diskussionsniveau so hoch ist, verbringe ich, als äußerst vernünftiger Mensch, damit viel Zeit. Und so habe ich auf der beliebten Plattform darüber diskutiert, ob die Praxis des Impfens* in „Fachkreisen“ seit Jahren umstritten ist. Das ist natürlich Unsinn und ich habe hier eine klitzeklitzekleine Sammlung, von Textausschnitten, die das schön belegt:

Der Bundesverband der Kinder- und Jugendärzte schreibt auf seiner Website:


„Impfungen sind wichtig, damit ein Kind frühzeitig einen ausreichenden Schutz gegen schwere Infektionen aufbauen kann. Impfungen verhindern den Ausbruch gefährlicher Krankheiten, die häufig mit Komplikationen verbunden sind und für die es zum Teil auch heute noch keine geeignete Therapie gibt. „

Auf der Website des Bundesverbandes Deutscher Internisten ist unter anderem zu lesen:

„Impfpass überprüfen – „Schütze Deine Welt – lass Dich impfen“, ist das Motto der diesjährigen 8. Europäischen Impfwoche, die vom 22. bis zum 27. April 2013 stattfindet. „Impfungen sind ein wichtiger Schutz gegen übertragbare Krankheiten“, erklärt Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr.“

Der Bundesgerichtshof schrieb in einem Urteil (.pdf) zu einem Prozess in dem es um einen Impfschaden ging, am 15.02.2000 das die von der StIKo empfohlenen Impfungen medizinischer Standard sind.

In der AWMF-Leitlinie (.pdf) zum Thema „Kindesmisshandlung und Vernachlässigung“ steht unter dem Punkt „Vernachlässigung“:

„Es kann sich um vermeidbare Gesundheitsschäden durch mangelnde Fürsorge, z.B. fehlende Impfungen, Vitamin-D-Mangel-Rachitis, unzureichende Unterkunft und Kleidung oder vermeidbare Unfälle durch mangelnde Aufsicht handeln.“

Sowohl die Deutsche Gesellschaft für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin eV (DGSPJ), die wissenschaftliche Fachgesellschaft der Kinder- und Jugendmedizin in Deutschland (DGKJ) und die Deutsche Gesellschaft für Kinderchirurgie (DGKCh) denken, ein Kind nicht lege artis zu impfen ist so, als würde man ihm nichts richtiges zum Anziehen geben. Das Wort was in den Sinn kommt ist „fahrlässig“ (nicht schimpfen, ich bin kein Jurist).

Auf den Seiten vom Robert-Koch-Institut findet man zum Thema impfen „20 Einwände und Antworten des Robert Koch-Instituts und des Paul-Ehrlich-Instituts„. Das RKI ist ein Bundesinstitut und hat u.a. folgende Aufgabe:

„Der Auftrag des Robert-Koch-Instituts umfasst sowohl die Beobachtung des Auftretens von Krankheiten und relevanter Gesundheitsgefahren in der Bevölkerung als auch das Ableiten und wissenschaftliche Begründen der erforderlichen Maßnahmen zum wirkungsvollen Schutz der Gesundheit der Bevölkerung.“ (Wikipedia)

Das Paul-Ehrlich-Institut spricht sich ebenfalls für die, zugelassenen, Impfungen aus (wenn die jeweilige Indikation eingehalten wird):

„Das Paul-Ehrlich-Institut ist zuständig für die Zulassung und staatliche Chargenfreigabe von biomedizinischen Arzneimitteln (siehe deutsches Arzneimittelgesetz, Gesetz zur Errichtung eines Bundesamtes für Sera und Impfstoffe) und trägt wesentlich zur Sicherheit dieser Arzneimittel bei.“ (Wikipedia)

Ich weiß nicht, wie man das anders nennen kann als Einigkeit.

Natürlich steht es jedem Menschen frei, sich oder seine/ihre Kinder zu impfen zu lassen. Es muss einem dabei nur bewusst sein, dass man fahrlässig handelt.

*Natürlich ist es absoluter Unsinn zu schreiben „Impfen ist gut“ oder etwas in die Richtung. Es sind immer spezielle Impfungen gemeint, die indiziert sein müssen. Nur damit keine Missverständnisse verstehen…

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Korrelation oder Kausalität?

Bildschirmfoto einer Webseite mit dem Titel „15 Gründe zum Heilpraktiker zu gehen“ vom 18. Okt. 2014 08:03:12:

15 Gründe - Herz

Markierung durch mich

Ein Tweet vom 23.10.2014 von mir:

Bildschirmfoto 2014-10-29 um 21.39.34

Bildschirmfoto einer Webseite mit dem Titel „14 (sic) Gründe zum Heilpraktiker zu gehen“ vom 29. Okt. 2014 21:30:

Bildschirmfoto 2014-10-29 um 21.31.21

Ist wahrscheinlich Zufall.

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Eingeordnet unter Berichterstattung, Fragment, Skeptizismus

Dem ‚Wahnsinn‘ verfallen?

Der neue Skeptiker ist da. Das freut mich immer sehr, ich lese den Skeptiker gern. Um so mehr ärgert es mich, wenn wieder ein psychopathologisierender Begriff in der Besprechung von Pseudomedizin genutzt wird.

Titel Skeptiker 3/2014

Titel Skeptiker 3/2014

Natürlich wird „Wahnsinn“ heute selten im eigentlichen Wortsinn genutzt, doch die Implikation ist, dass es sich um etwas Krankhaftes handelt. Und im Zusammenhang mit Globuli ist nicht gemeint, dass die Anwender sich „krank fühlen“. Die Praxis der Homöopathie wird, mithilfe eines abwertenden Begriffs, in die Nähe eine Geisteskrankheit gerückt. Das wird zum Einen Menschen nicht gerecht, die sich durch eine homöopathische Behandlung Hilfe versprechen. Zum Anderen sorgt es (mit) dafür, dass Menschen mit psychiatrischen Erkrankungen weiterhin nicht so offen mit ihrer Erkrankung umgehen können, wie z.B. Menschen mit Diabetes Mellitus.

Homöopathie eine spezifische Wirkung zuzusprechen ist natürlich definitiv Unsinn, hat jedoch ebenfalls definitiv nichts mit Wahnsinn zu tun. Menschen die Globuli einnehmen und deren Umwelt, können eine Heilung erleben und diese Kausal der Homöopathie zuschreiben. Damit geht für diese Menschen UND deren Umwelt eine wahrnehmbare und (je nach Erkrankung mehr oder weniger)  objektivierbare Veränderung von den Globuli aus. Wahn ist jedoch als „objektiv falsche, mit der Realität nicht vereinbarende Überzeugung“ definiert. Die Veränderung des Zustandes der Anwender ist, das bestreiten auch KritikerInnen nicht, real. Die Veränderung ist jedoch nicht auf eine spezifische Wirkung der Globuli zurückzuführen, möglicherweise jedoch auf eine unspezifische („Placebo-Effekte“). „Wahn“ als Erklärungsmodell ist in jedem Fall fehl am Platz.

Dass man Korrelation mit Kausalität verwechselt und nicht jedes Erleben mit naturwissenschaftlichen Erkenntnissen abgleicht, ist menschlich und in der Regel nicht wahnhaft. Zumindest finde ich nichts davon in der ICD-10. Wenn wir die Nutzung von Homöopathie mit „Wahnsinn“ in Verbindung bringen, sollten wir uns vorher überlegen, auf wie viele Dinge dieselben Kriterien ebenfalls zutreffen, vielleicht sogar die eine oder andere von uns selbst liebgewonnene Überzeugung.

Dr. Aust mache ich in diesem Fall am wenigsten verantwortlich. Er selbst gibt an, sein medizinisches Wissen aus der Wikipedia zu haben und macht das Feld seiner Expertise transparent. Und im Gespräch immer auf trennscharfe Formulierungen zu achten, würde ich von niemandem verlangen, ich kann das selbst nicht. Aber das Interview ist gedruckt worden, da hätte also die Möglichkeit bestanden, dass „Wahn“ gegen ein „Un“ auszutauschen und der Satz wäre eine Punktlandung gewesen. So ist er für mich ein Ärgernis. Noch dazu, weil er auf der Titelseite gelandet ist, dabei hätte das Interview, welches ich sehr gerne gelesen habe, anderes hergegeben.

Ich weiß, dass man Leser dazu bekommen muss, Texte zu lesen und dafür passende Überschriften findet. Aber es sollte doch einen Weg geben, sich dabei nicht der Methoden zu bedienen, die „wir“ in der „unskeptischen“ Presse kritisieren, wenn es um wissenschaftliche Themen geht. Dr. Aust selbst erzählt sehr empathisch von seinen Bekannten, die, in der vergeblichen Hoffnung auf spezifische Wirkung, Globuli schlucken. Warum muss durch den „Wahnsinn mit Methode“ Othering betrieben werden? Wenn meine skeptischen MitstreiterInnen auf solche Feinheiten in Zukunft mehr achteten, würde mich das wirklich wahnsinnig freuen.

[Edit 14.09.2014 18 Uhr: Nach dem Hinweis von Bernd Harder habe ich den Satz: „Impliziert wird eine Geisteskrankheit, die durch den abwertenden Begriff auch gleich in ein passendes Licht gerückt wird.“ verändert.]

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