Archiv der Kategorie: Medikamente

Sinupret in der Kritik

Das pflanzliche Arzneimittel Sinupret® ist bei akuter und chronischer Entzündung der Nasennebenhöhlen zugelassen. Die meisten Menschen nehmen es, wenn sie „Schnupfen“ haben. Ich habe als Kind auch so einiges an Sinupret® verstoffwechselt, geschadet hat es mir (wahrscheinlich) nicht.

Der Nutzen von Sinupret® ist laut „arznei-telegramm“ nicht belegt. Sinupret® warb vor einigen Jahren mal mit einer Reihe von Studien, deren Methoden eher fragwürdig waren.

Für mich gehört Sinupret® zu den Arzneimitteln, die im Rahmen einer Krankheitskultur bei banalen Infekten und Männergrippe eingenommen werden können. So eine Art „Placebo-Plus“: Es ist ein Arzneimittel mit schwacher Evidenz, dass seine Wirkung aber nicht mit Magie begründet. Also ein „normales“, wahrscheinlich nicht wirksames Mittel. Eigentlich gehört es vom Markt genommen, aber es gibt andere Medikamente, die deutlich mehr Schaden anrichten. Zumindest sah es bisher so aus.

In der aktuellen Ausgabe des „arznei-telegramm“ (11/16) wird von einer Überempfindlichkeitsreaktion nach der Einnahme von Sinupret Extract ® berichtet. Bei der Patientin mit einem bekannten Asthma bronchiale führte das zu einem schweren Asthmaanfall (Status asthmaticus).

Pflanzliche Arzneimittel haben bei vielen Menschen einen guten Ruf, weil sie „natürlich“ sind. Dass viele Pflanzen „natürliche“ Abwehrstoffe gegen Fraßfeinde (dazu gehört auch der Mensch) produzieren, die auch tödlich sein können, wird dabei gern vergessen. Nebenwirkungen sprechen nicht grundsätzlich gegen die Einnahme eines Medikamentes, sie müssen jedoch durch die positive Wirkung aufgehoben werden.

Bei Sinupret® scheint die positive Wirkung überwiegend subjektiver Natur zu sein. Man muss also entscheiden, ob dieser Nutzen die Gefahr von Schadwirkung aufhebt. Leider gibt es immer noch nicht die Transparenz, von Seiten der Pharmaindustrie, auf die Patienten ein Recht haben. Im Gegenteil. In derselben Ausgabe des „Arznei-telegramm“ wird davon berichtet, dass die chinesische Behörde, die die Pharmaindustrie überwachen soll, 80% (!) der Studienergebnisse in China als Fälschung nachweisen konnte. Wir brauchen ALLE DATEN!!!

Weiterlesen:

Tod durch Intransparenz – 1:0 für die Pharmariesen

The Heat Is On For The Chinese Pharmaceutical Industry

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Globuli gegen Krebs?

Natürlich würden vernünftig arbeitende ÄrztInnen Homöopathie niemals gegen Krebs einsetzen. Ich würde ja sagen, sie würden Homöopathie gegen Nichts einsetzen aber das ist ein anderes Thema. Und wie wäre es mit ein paar Globuli gegen ein Virus, dass das Krebsrisiko deutlich erhöht? So wie das Humane Papilloma Virus (HPV) zum Beispiel? Eine Infektion damit erhöht das Risiko für Gebärmutterhalskrebs. Dazu sagt die Autorin einer Seite, die sich „Homöopathie Online – honatur“ nennt:

“Generell gibt es bisher noch keine wirksame Therapie gegen den Papillomavirus. Das betrifft sämtliche mögliche Behandlungsmethoden. Allerdings gibt es verschiedene Möglichkeiten von der Allopathie bis zur Naturmedizin und der Homöopathie, welche die negativen Auswirkungen dieser Infektion lindern können”

Interessant. Unser Virologie-Professor sagte uns, wir sollten niemals dem fachlichen Urteil von Menschen trauen, die „der Virus“ sagen. Zumindest wenn es um biologische Viren geht. Suche ich nach der Autorin Clara Garcia werde ich denn auch nicht enttäuscht. Sie scheint einzig auf Honatur zu veröffentlichen. Sie schreibt im weiteren Text wenig qualifiziert über HP-Viren und schwärmt von diversen Methoden, die den Infektionsverlauf positiv beeinflussen sollen.

Nur über die einzige Methode, mit der man eine Infektion mit (Hochrisikotypen von) HPV verhindern kann, nennt sie nicht. Die Impfung. Dabei verlinkt sie sogar auf eine Seite, die ausführlich Studien zitiert, welche die Sicherheit und Wirksamkeit der Impfung belegen.

Die Impfung verschweigt sie, nennt dafür jedoch den Shiitake-Pilz als möglichen Heilsbringer. Zu dem und seinen Inhaltsstoffen gibt es zwar ein paar Studien, belastbare Ergebnisse gibt es jedoch noch nicht. Dafür gibt es aber Produkte! Pulver, Pillen und die ganze Frucht. Und der Pilz hilft eigentlich gegen alles. Vor dem Shiitake-Pilz hat das Bundesamt für Risikobewertung empfindlich gewarnt. In Einzelfällen (genaueres ließ sich nicht sagen) kommt es zu allergischen Hautreaktionen nach dem Verzehr. Das ist bei Nahrungsmitteln natürlich weder ungewöhnlich, noch an sich skandalös. Auf der Seite wird das jedoch mit keinem Wort erwähnt.

Dass auf einer anderen, von der Autorin verlinkten, Seite die HPV-Impfung skandalisiert wird, muss ich sicher nicht erwähnen? Falls sich jemand darüber aufregen sollte, dass solche Halbwahrheiten und Falschinformationen verbreitet werden, gibt es dazu jedoch keinen Grund! Denn auf der Seite findet sich dieser (Pflicht-)Hinweis.

„Die Informationen dürfen auf keinen Fall als Ersatz für professionelle Beratung oder Behandlung durch ausgebildete und anerkannte Ärzte angesehen werden. Der Inhalt von honatur.com kann und darf nicht verwendet werden, um eigenständig Diagnosen zu stellen oder Behandlungen anzufangen.“

Na, dann ist ja gut. Fehlt nur noch der Satz:

„Die Kompetenz unserer Autoren darf in keinem Falle als gegeben angenommen werden! Dies ist eine reine Werbeplattform.“

Das nennt man „conflict of interest“.

 

[Übrigens, schon für eine bessere Medizin unterschrieben?]

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Hurra, wir dürfen Leben!

Da sag noch einer, es brächte nichts, wenn man sich beschwert. Wie es aussieht hat die EMA es sich anders überlegt und ihre sinnfreie Idee, man dürfe Studiendaten nur am Bildschirm anschauen, beerdigt. Das zumindest twitterte das IQWiG.

Nun bin ich gespannt, was daraus wird. Im besten Falle fallen für jeden ein paar Monate durchschnittliche Lebenszeit ab!

Hier der Text der EMA:

(…)

In light of discussions at the Board, the wording of the policy, including practical arrangements for academic and non-commercial research users, will now be finalised with a view to its adoption by the Board through written procedure by mid-July 2014, and will be effective from 1 October 2014. Importantly, the Agency will ensure that the policy will not prejudice citizens’ rights under existing access to documents legislation and the new clinical trials regulation.

(…)

Ich weiß das ist ein sehr kurzer Text. Aber ich freu mich so!

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Tod durch Intransparenz – 1:0 für die Pharmariesen

Wenn ich es mir richtig überlege, retten heute vielleicht gar nicht Mediziner die meisten Menschenleben, sondern Mathematiker. Ohne die systematische Auswertung von Daten ist es nicht möglich, die Wirksamkeit und den möglichen Schaden eines neuen Medikaments zu bewerten. Wenn ein Medikament Schrott ist, werden die Daten das ergeben. Schadet ein Medikament mehr als es nutzt, ebenso. Das kann geschäftsschädigend sein. Darum fürchten Pharmaunternehmen wohl nichts so sehr wie MathematikerInnen. Die und Transparenz.

Mit den neuen Regularien der europäische Zulassungsbehörde EMA (European Medicines Agency) dürfte die Industrie hochzufrieden sein. Angetreten mit dem Ziel, Daten aus Zulassungsstudien vollständig (!)* zu veröffentlichen, läuft es jetzt auf den Erhalt alter Schutzwälle der Industrie hinaus anstatt diese einzureißen, um den Horizont zu erweitern. Die EMA möchte am 12 Juni beschließen, dass „Interessenten die klinischen Studiendaten lediglich am Bildschirm betrachten . Untersagt sind dagegen das Herunterladen, das Abspeichern, die Bearbeitung, das Abfotografieren, das Ausdrucken, die Verteilung und die Übertragung der Informationen.“ Die ist auf der Seite des IQWiG unter dem Titel „Nur gucken, nicht anfassen“ zu finden.

Die durch den Arzt und Journalisten Ben Goldacre mitinitiierte Plattform „alltrials.net“ machte vor zwei Tagen ebenfalls auf dieses Desaster aufmerksam und forderte dazu auf, Paola Testori Coggi, Leiterin des Direktorats der EMA,  zu schreiben:

„The Agency is due to agree the policy on Thursday 12th June. Before then we need you to write to Paola Testori Coggi, the head of the directorate of the European Commission which oversees the EMA, asking her to tell the EMA not to finalise the policy until the concerns are satisfactorily addressed. Email her today.“

Auf der Seite ist unter anderem auch ein Vorschlag für eine Email zu finden, die man an Testori Coggi senden kann.

Goldacre hat ein Buch, auf Deutsch „Die Pharmalüge„, geschrieben. Darin legt er, entgegen dem etwas reißerischen Titel, eloquent dar, wo die Probleme bei der Entwicklung von Medikamenten heute liegen (Spoiler: es ist keine Verschwörung mit dem Ziel uns alle krank zu machen).  Das Buch ist 100mal spannender als jede Verschwörungstheorie. Leider, und hier liegt die Krux, sind die Probleme auch 1000mal komplexer und darum nur langfristig und mit harter Arbeit zu lösen. Transparenz ist dabei nur ein erster, jedoch notwendiger Schritt.

Mittlerweile habe ich bereits einige Beiträge zu diesem Thema geschrieben und bin immer etwas Fassungslos, wie wenig Leser dieses Thema findet. Wenn ich bedenke, wie viel Empörung eine in der Form nicht Existente EU-Heilpflanzenverordnung hervorgerufen hat, kann ich nicht verstehen, wieso hier soviel ruhig bleiben. Ich bin sogar bereit, Caps Lock zu nutzen: DIESE REGELUNG WIRD MENSCHENLEBEN KOSTEN!!! Es kann Deine Oma, Dein Kind oder Dich treffen. Also schreib eine verfickte Email!!!1elf!!

 

Transparenz rettet leben!**

 

 

*Ausnahme wären Daten, die Rückschlüsse auf die Identität von Patienten ermöglichen.

** Von Lebensqualität und geringeren Kosten gar nicht zu reden.

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Psychopharmaka bei Kindern

Ritalin ist ja mittlerweile mehr ein Reizstoff, als ein Medikament. Dabei steht es für eine ganze Gruppe von Medikamenten, so genannte Stimulanzien im Allgemeinen und Methylphenidat (MPH) im Besonderen. Ich weiß gar nicht, über welche Gruppe von Medikamenten die meisten Falschinformationen kursieren aber MPH gehört sicher zu den Top drei (Neben Impfungen und Chemotherapeutika). MPH wird für die ADHS verschrieben (etwas, was man wahrscheinlich nicht mehr erwähnen muss).

Viel diskutiert wird beim Thema ADHS der, wahlweise explosionsartige oder exponentielle, Anstieg der Verschreibungsmengen. Oft werden düstere Absichten von „Pharmakonzernen“ als Ursache gesehen, die, zum eigenen Profit, möglichst vielen Kindern „Ritalin“ verschrieben sehen wollen (von den ärztlichen Profiteuren der „Pharmaindustrie ganz zu schweigen). Wenn ich auch meine Hand nicht für Intentionen irgendeines Unternehmens ins Feuer halten werde, ist diese Darstellung doch arg vereinfacht. Ich würde sagen, sie ist soweit vereinfacht, dass sie falsch ist.

Und vielleicht argumentieren viele „ADHS-Kritiker“ (gibt es auch Gastroenteritiskritiker?) mit veralteten Argumenten. Und das nicht nur, wie auf der Facebookseite von ADHS Deutschland gerade hübsch dargestellt wird, wenn es um die Entstehung, Ursachen und Behandlung der ADHS geht. Auch die Menge an Psychopharmaka, die Kinder bekommen, scheint, entgegen der oft kolportierten Meinung, zu sinken. Ich schreibe das gerne nochmal: Eine kürzlich herausgekommene Studie zeigt, dass, im ganzen, die Menge an verschriebenen Psychopharmaka sinkt. Und das obwohl die Anzahl von Kindern, die eine psychische Störung diagnostiziert bekommen steigt.

Nun mag man von letztgenanntem Fakt halten, was man will, beide Befunde zusammen sprechen zumindest gegen eine „Medikalisierung unserer Kinder“, von der hier und da öfter mal etwas zu hören ist. Wenn es einen unkritischen Einsatz von Psychopharmaka bei Kindern gab, scheint sich ein Bewusstseinswandel ergeben zu haben. Es wird interessant, ob diese Zahlen sich auch in weiteren Studien, in weiteren Ländern bestätigen lassen.

Wie auch immer, „ADHS-Kritiker“ wird das wohl nicht zum Schweigen bringen.

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