Archiv der Kategorie: MEINung

Omas Tasche

„Was ist das denn?“ fragt mich ein junges Mitglied der Familie, 1. Kind meiner Schwester und noch nicht in der Schule. Es muss komisch aussehen, dieses hässliche rote Packet aus Kunstleder.

„Das ist eine Tasche von Oma.“ antworte ich und noch bevor mir ein ungläubiges „Oma!?“ entgegenkommt, fällt mir ein, dass das Kind seine Oma meint, die meine Mutter ist und ich meine Oma, die… „Ich meinte von Uroma, die kennst Du gar nicht mehr, die lebt schon lange nicht mehr.“ Nach ein paar kurzen Fragen zu Zeiträumen und Vergänglichkeit, was ja Hand in Hand geht, widmet sich das Kind anderen, wichtigeren Fragen: Wie weit fliegt dieser Papierflieger.

Ich bleibe noch ein wenig an der Tasche hängen und mir wird bewusst, dass ich diese Tasche seit 30 Jahren kenne und seit 20 Jahren nutze. Vermutlich hat meine Oma sie von der Sparkasse zum Weltspartag erhalten. Weltspartag. Das war mal ein wichtiges Datum in unserer Familie. Wenn ich sie früher besucht habe, sind wir mit der roten Tasche einkaufen gegangen. Manchmal war ich auch alleine unterwegs. Und dann war mir dieser fiese Lappen peinlich. Vielleicht könnte die Tasche eine Renaissance in der Hipsterkultur (ist man noch Hipster oder ist das schon vorbei?) erleben.

Wenn meine Oma uns besucht hat, ging sie immer einkaufen. Im beigen Mantel immer die rote Tasche verborgen. Meine Oma hatte die Einkaufstaschen immer zum bersten voll und meine Mutter hat sich immer geärgert, dass „alles verschimmelt“. Ich fand die vollen Taschen nicht so schlimm. Denn der Inhalt der Taschen, der mich interessierte, ist nie verschimmelt. Das hat meine Mutter auch gestört. Süßigkeiten hatten in Deutschland schon immer einen schlechten Leumund.

Als wäre die Tasche nicht schon peinlich genug, hat meine Oma sie eines Tages repariert als die Henkel herausgerissen waren. Die Reparatur hat mein Oma mittlerweile 25 Jahre überlebt. Das ist deutsche Wertarbeit. Diese merkwürdige Mischung aus Sparsamkeit und Verschwendung hatte ihre Wurzel wahrscheinlich im Krieg. Zumindest war das die Begründung meiner Mutter, wenn es um das Verhalten meiner Oma ging. Wenn ich das heute schreibe, klingt das merkwürdig. Unvorstellbar, dass in Deutschland Krieg geherrscht haben soll. Schaue ich mir an, was man heute in Sachsen wieder vertreten kann, ohne sich sofort ins gesellschaftliche Abseits zu katapultieren, bin ich mit diesem Gefühl anscheinend nicht allein. Nur sind meine Konsequenzen andere.

Irgendwann, ich weiß nicht mehr genau wann, habe ich die rote Tasche in meinen Rucksack gesteckt und hatte sie immer dabei. Wenn der Rucksack meinem Einkauf nicht genug Platz bot, habe ich einfach Omas rote Tasche rausgeholt und befüllt. Ich bin jedes Mal erstaunt, was diese, von meiner Oma hergestellten Nähte aushalten. Und so wie mir die Tasche früher peinlich war, bin ich heute ein wenig stolz darauf, diesen häßlichen Lappen aus meinem Rucksack zu pulen und den Reißverschluss zu öffnen. Ich könnte das Ding der Sparkasse anbieten, damit können die Werbung machen, für Beständigkeit oder so.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Fragment

Morgenandacht – Achtung Logikfalle

Ein zugleich humoristischer und aufregender Start in den Tag ist die Morgenandacht im Radio. Beglückt werden damit täglich Menschen jeglicher Weltanschauung (außer Sonntag, da ist Messe). Die beiden großen christlichen Konfessionen teilen sich den Sendeplatz.

Am Samstag sinnierte Pfarrer Markus Karsch aus St. Wendel über Ostern und wie das Leben so spielt. „Was wäre“, fragt er seine Frau, „wenn wir damals nicht zusammengekommen wären?“ “Dann wäre ich heute glücklich verheiratet“ antwortet diese. Witzig.

Nach diesem einleitenden Scherz macht sich der Gottesmann ernsthafte Gedanken. Er überlegt, welche Folgen das Leben Jesu hatte. Insbesondere macht er sich Gedanken darüber, wie es wohl gekommen wäre, wenn Joseph und Maria nicht nach dem Hinweis eines Engels als Flüchtlinge ihr Kind vor der Ermordung durch Herodes Schergen in Sicherheit gebracht hätten. Flüchtling zu sein, sei bereits damals sicher nicht leicht gewesen, hätte doch jeder an Moses Flucht aus Ägypten gedacht.

„Auch damals wird es MisstrauenFlüchtlingen gegenüber gegeben haben. Schon aus der Geschichte heraus: der Auszug von Gottes Volk aus der Sklaverei im Ägyptenland. Damals schon eine alte Legende. Aber sie verursachte bestimmt noch immer Unbehagen vor umherziehenden Menschen, stelle ich mir vor.“

Moses wird in der populären Kultur häufig in der Zeit Ramses II. verortet. Das wären 1300 Jahre vor Jesu Geburt. Da haben also die Menschen in einer römischen Provinz nichts besseres zu tun als über ein Ereignis nachzudenken, welches 1300 Jahre vorher stattgefunden haben soll? In der Zwischenzeit ist vermutlich sonst nicht viel passiert. Steht ja nicht in der Bibel.

Kurz: Maria und Joseph hatten es schwer und haben Jesus in Sicherheit gebracht. Wenn sie das nicht gemacht hätten, wäre er nie gekreuzigt worden und nie auferstanden. Es gäbe keine Christen! Und Pfarrer Karsch hätte uns nicht mit seinen Gedanken beglücken dürfen. Er wäre auch kein Pfarrer, denn es gäbe keine Kirche, wenn es Jesus nicht gegeben hätte.

Dass es keine historischen Belege für den Kindermordenden Herodes gibt, ist geschenkt, es gibt genug Gründe zu flüchten. Dass niemand weiß, ob Moses je existiert hat und es keine Hinweise auf den Auszug der „Israelisten“ aus Ägypten gibt, kann mal passieren. Blöd ist allerdings, dass es wahrscheinlich ist, dass es die historische Figur „Jesus von Nazareth“ nie gegeben hat. Es scheint also, dass genau das zutrifft, was Pfarrer Karsch so froh abstreitet. Trotzdem gibt es die Kirche. Trotzdem darf mir ein Pfarrer am Samstag Morgen die Zeit stehlen.

Wenn ich erfahren, dass Menschen, deren Ansichten ich schätze, nicht existiert hätten, bringt mich das nicht in eine tiefe Sinnkrise. Ich wäre höchstens verwundert, welcher Schauspieler Christopher Hitchens wohl dargestellt hat. Die Ideen dieser Personen wären aber nicht mehr oder weniger wertvoll für mich. Die von Ihnen vertretenden Werte wären mir genauso wichtig.

Bei Pfarrer Karsch scheint das anders zu sein. Zieht doch Jesus seine Autorität daraus, der „Sohn Gottes“ zu sein. Wichtig sind nicht die Idee, sondern wer sie gesagt hat. Ich finde das beunruhigend. Was passiert, wenn heute jemand eine Mehrzahl von Christen davon überzeugen könnte, er (oder sie? eher nicht) sei der Sohn Gottes und die großen Kirchen hätten seine Botschaft missverstanden? Was, wenn er sagt, wer ins Himmelreich will, müsse alle gottlosen Personen aus dem Leben befördern? Wer von Gottes Weisheit und Größe überzeugt ist, müsste danach handeln. Ich müsste nicht anders handeln, wenn Hitchens zurück kommt und sagt, ich hätte ihn falsch verstanden.

Wenn also Jesus zurückkommt und alle ihn missverstanden haben, dann Gnade uns Gott.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Atheismus

Nazis schlagen

Im letzten Jahr wurde von einigen Menschen in meiner Filterblase ein Video geteilt, auf dem Nazis von der Polizei in Luxemburg verprügelt werden, als sie dort eine Kundgebung veranstalten. Das Verhalten der Polizei wurde goutiert und oft mit „So muss man mit Nazis umgehen“ abgenickt. Ich habe nirgendwo etwas gefunden, was den Ausschnitt in einen Kontext stellt, der Gewalt in der gezeigten Form legitimiert.

Im Rahmen von Gegenprotesten zur Vereidigung von Donald Trump wurde Richard Spencer, der die USA zu einer arischen Nation machen möchte, von einem Demonstranten geschlagen.

Es ist nicht so, dass ich nicht emotional nachvollziehen kann, warum man sich darüber freut, wenn Faschisten vermöbelt werden. Besonders wenn sie öffentlich auftreten. Ich kann sogar das rationale Argument nachvollziehen, dass Faschisten wissen sollen, dass sie eine Preis zahlen müssen, wenn sie ihre Ansichten öffentlich vertreten. Und doch bin ich dagegen, Nazis zu schlagen. Ich bin dagegen irgendjemanden zu schlagen weil er bestimmte politische Ansichten hat.

„Gewalt ist die letzte Zuflucht der Unfähigen.“

Isaac Asimov

So befriedigt der nackte Affe in mir durch diese Impulsdurchbrüche meiner Artgenossen auch sein mag, so sehr bezweifelt der Humanist in mir, damit meinem Ziel näher gekommen zu sein. Eher im Gegenteil. Durch Gewalt gegen Nazis, erreichen sie viel mehr ihre Ziele als „wir“ unsere.

Wann ist es ok einen Nazi zu schlagen? Die beiden oben verlinkten Videos verschaffen dem nackten Affen Befriedigung. Was wäre, wenn Spencer vom nächsten Demonstranten geschlagen worden wäre und vom nächsten und vom nächsten? Wäre ein Tritt auch ok? Dürften Knochen brechen oder offene Wunden entstehen? Wäre die Grenze erreicht, wenn er ins Krankenhaus gemusst hätte oder wäre auch eine Reha im Anschluss noch angebracht gewesen?

Reicht es, einen rassistischen Witz zu erzählen, um es verdient zu haben, geschlagen zu werden? Oder muss man auch der NPD angehören? Ab welchem Alter darf man Nazis schlagen? Müssen sie volljährig sein oder ist es auch bei Jugendlichen ok? Wie ist es mit Menschen die Aufseher im KZ waren? Sind die zu alt um geschlagen zu werden? Ist es ok, wenn sie am Schlag sterben? Wie sieht es aus, wenn sie bereuen, was sie getan haben?

Ich habe bei Reddit einen Kommentar gelesen, in dem eine Dame, die schrieb, sie sei früher Nazi gewesen, sie wünscht sich heute, jemand hätte sie damals geschlagen. Dann wäre sie früher „da rausgekommen“.

Machen wir unsere Zustimmung, ob man Nazis schlagen darf vom Ergebnis abhängig? Wie lange darf man einen Nazi verprügeln, bis man aufgibt, weil man es nicht schafft in „da rauszubringen“ (oder sie)? Und wie weit nach links muss er gewandert sein, damit man aufhören kann?

Ich habe gezweifelt, ob ich es nicht doch ok finde, Nazis zu schlagen. Insbesondere, wenn ich an einen Abend vor einigen Wochen zurückdenke, als ein Mann laut grölend an unserer Wohnung vorbeilief und übelste rassistische Parolen von sich gab. Als er merkte, dass er beobachtet wird, entfernte er sich und drohte, unsere Wohnung anzuzünden. Danach rief er, die SA und die SS würden bald marschieren und dann…

Das macht mich ängstlich und wütend. Das ruft niedere Instinkte in mir wach. Das macht mich ihm ähnlicher. Das will ich nicht. Das sollten wir nicht wollen.

Es ist nicht richtig, Nazis zu schlagen. Es ist richtig sich gegen Nazis zu wehren, ihnen zu widersprechen, sich ihnen in den Weg zu stellen und zu setzen und ihnen das Leben und vor allem die politische Aktivität schwer zu machen. Doch es ist nicht richtig, sie zu schlagen, egal wie schön das Gefühl ist, wenn man sich das wieder und wieder ansieht.

Anmerkung I:

Im Rahmen von legitimer Selbstverteidigung sieht das natürlich anders aus, nur um Missverständnisse zu vermeiden. Ich bin weder Gandhi noch Märtyrer.

Anmerkung II:

Wer im Einsatz für eine demokratische und offene Gesellschaft die Grenze zur Gewalt überschreitet und Konsequenzen (rechtlich, körperlich) zu tragen hat, hat meine Solidarität ohne, dass ich mit seiner oder ihrer Handlung einverstanden sein muss.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Ideologisch, Kontrovers, MEINung

Danke Merkel

Mein Weltbild ist wieder intakt. Das ist ein gutes Gefühl! Als Merkel ihren Parteigenossen und dem Rest der Bevölkerung ihr „Wir schaffen das!!!“ entgegenschleuderte sowie im Zuge einiger Äußerungen, die sie danach machte, erwischte ich mich immer wieder dabei, Frau Merkel zuzustimmen. Das ging so weit, dass ich mir in den letzten Wochen hatte vorstellen können, der CDU bei der Bundestagswahl unter bestimmten Umständen meine Stimme zu geben. Das wäre vor allem eine Stimme für Merkel gewesen. Für ihre Geste der Humanität (vielleicht war es auch nur Realpolitik, doch ich will ihr mal das Beste unterstellen), für ihr Einstehen für die Menschenrechte gegen das Parteiestablishment. Sogar dem Herrn de Maizière musste ich in den letzten Monaten dann und wann zustimmen. Ich hatte bereits Angst, zu werden, wie mein Vater!!1!!

Doch jetzt ist alles wieder gut. Die von Angela Merkel geführte Bundesregierung hat Afghanistan zum sicheren Herkunftsland erklärt und damit die Abschiebung von 1000en Menschen afghanischer Herkunft ermöglicht. Das ist eine Doppelstrategie. Nicht nur kann sich Christenunion mit dieser Form der Law-And-Order Politik auf dem Rücken unserer Mitmenschen bei den Anhängern der AfD anbiedern. Sie machen sich mit der Einschätzung Afghanistans als „sicher“ auch fit für das postfaktische Zeitalter. Da hatte die Union noch großen Nachholbedarf. Die SPD verkauft die Hartz-Reformen und die Riester-Rente als sozial gerecht. Die Grünen halten genetisch modifizierte Organismen für gefährlich. Die Linke sagt, sie geht angemessen mit den Querfronttendenzen in den eigenen Reihen um. Die FDP sagt, sie sei liberal.

Vielen Dank Frau Merkel, dass mein Weltbild wieder intakt ist. Irgendwie hält sich meine Freude aber in Grenzen. Ich frage mich, warum.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Fragment, Ideologisch, Uncategorized

Achtsamkeit am Sonntag

[Alternativer Titel: Die sieben Höllen der Achtsamkeit]

Es gibt nur wenige Momente in denen ich nicht mit irgendwas beschäftigt bin. Ich habe einen recht unruhigen Geist und neige dazu, schnell angespannt zu sein. Das nervt mich bisweilen sehr und manchmal spiele ich mit dem Gedanken, ob ich vielleicht eine AD(H)S haben könnte. Das würde mich aber zum einen noch mehr nerven und zum andere habe ich ein ausreichend hohes Funktionsniveau, also verwerfe ich diesen Gedanken wieder und entscheide mich für „Ist halt so“. Es wäre aber schon schön, wenn ich mal (EINMAL!) zur Ruhe kommen könnte: „Ist halt so, muss aber nicht“.

Als Sohn von Hippie-Eltern fand ich buddhistische Mönche (gemeint ist die Idee von buddhistischen Mönchen, die jungen Menschen typischerweise in einem kleinen norddeutschen Dorf vermittelt werden) immer toll. Diese Ruhe, diese Ausgeglichenheit, dieses achtsame Sein. Achtsamkeit! Das ist der Begriff der Zeit. Alle wollen achtsam sein: achtsam essen, sitzen, liegen, schlafen. Achtsam kaufen, investieren, traden. Mindfullness ist ein anderer Begriff für Achtsamkeit. Wir. Alle. Sind. Nicht. Achtsam. N.O.T. M.I.N.D.F.U.L.L.

Das sei, so höre ich immer wieder, eine Krankheit unserer Zeit, auf uns prasselten so viele Informationen ein, da könne ja niemand zur Ruhe kommen. Wir Armen! Wir wünschen uns in eine Zeit zurück, in der wir, frei von Smartphone und Email, durch stille Wälder streichen, auf der Suche nach Nahrung und Unterschlupf. In der wir, auf der Fährte eines Tieres durch die Savanne wandern und nur das rascheln des Grases hören. Lauschen auf jedes Geräusch, entscheiden blitzschnell, ob es eine Bedrohung unserer materiellen Existenz bedeutet oder die nächste Mahlzeit. In letzterem Fall müssen wir blitzschnell dafür sorgen, die Beute nicht zu verscheuchen und die richtige Taktik anwenden, sie zu erlegen, ohne dass sie dabei unsere materielle Existenz bedroht. Wenn wir sie erlegt haben, verspeisen wir sie am Feuer, immer ein Auge und ein Ohr in der Umgebung, um Futterneidern gewahr zu werden, die unsere materielle Existenz bedrohen könnten. Um dann, wenn wir satt sind, in einen unruhigen Schlaf zu fallen. Was wären wir achtsam!

Am heutigen Sonntag, während der körperlichen Ertüchtigung im Freien, schalt ich mich: „Du bist noch immer nicht achtsam! Schäme Dich dieses Mangels!“ Und plötzlich war ich trotz des schönen Wetters und der prächtigen Umgebung angespannt und unzufrieden mit mir. Da war er wieder, der mindfull Stress.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Fragment, Kolumne, Medizin und Wirklichkeit, Uncategorized

Herrenwitze

Wahrscheinlich im Grundschulalter habe ich das erste mal gehört, dass die ersten Siedler die „Indianer“ mit Glasperlen bezahlt haben. Irgendwie habe ich nicht gedacht, wie doof die „Indianer“ gewesen sein müssen, sondern hatte eher das Gefühl, mir fehlt ein Stück Information. So könnte es auch Harald Lesch und David Precht in „Herrschaft der Zahlen“ gegangen sein“ als sie unter anderem über Geld sprachen und an der falschen Stelle lachten.

Ich lese gerade „Schulden“  von David Graeber. Leider bin ich weit davon entfernt, alle von ihm vorgestellten Konzepte durchdrungen zu haben. Aber das Rätsel mit den Glasperlen hat sich aufgelöst. Es gab viele Gesellschaften in der Geschichte, in denen Objekte als „Währung“ genutzt wurden, die keinen anderen Zweck erfüllen konnten. Diese Währungen wurden nicht im Alltag benutzt sondern für besonders wichtige Ereignisse. Ein sinnloses Objekt wie eine Glasperle als Zahlungsmittel anzuerkennen, ist demnach nicht so weit hergeholt wie es sich für einen mitteleuropäischen Grundschüler anhören mag.

Harald Lesch spricht darüber, dass Geld heute nur noch aus Nullen und Einsen besteht, nur noch virtuell vorhanden ist. Es sei nicht genug Geld da, um all das virtuelle Geld auszuzahlen. Lesch und Precht sind sich darüber einig, dass das total lächerlich ist, mit dem virtuellen Geld. Eine Tollheit der Moderne.

Geld hatte in der großen Mehrzahl der Gesellschaften in denen es genutzt wurde auch einen virtuellen Wert. In den wenigsten Fällen war eine Münze soviel Wert, wie das Material aus dem sie gemacht wurde. Das Geld war soviel Wert, wie die Gesellschaft gemeinsam beschloss, dass es Wert war. Lesch und Precht sind sich in ihrer Lustigkeit einig, dass Bargeld etwas wert ist, virtuelles Geld, also die Nullen und Einsen auf unseren Konten hingegen nicht.

Dabei ist der Wert eines 500 Euroscheines fast nur virtuell. Denn es handelt sich um ein Stück aufwendig verarbeitetes Papier, dessen Materialwert sich nur darum rechtfertigen lässt, weil sein virtueller Wert so hoch ist.

Herr Precht und Herr Prof. Lesch waren sich einig. Unsinn überall Unsinn. Ich bin mir uneins, immer noch, ob ich den Herrn Prof. Lesch vor allem langweilig oder vor allem pastoral finde.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Fragment, Lachhaft, MEINung

Doch, es war auch Sexismus

Es gibt die Hypothese, dass ein Teil der Ursache für die Wahlniederlage Hillary Clintons Sexismus war. Um diese Hypothese zu widerlegen wird dann gesagt, Hillary wäre nicht eine so schlimme Politikerin, weil sie eine Frau ist, sondern weil so furchtbare Sachen gemacht hat. Schaut man sich diese „Sachen“ aber genauer an, erscheinen sie als relativ undramatische Ereignisse in einem Politikerleben. Das entschuldigt sie nicht, das heißt nur, sie gehören zum Geschäft. Ich glaube den meisten Menschen, dass sie tatsächlich meinen, wenn sie sagen, dass sie Hillary im Prinzip wählen würden, wenn sie eben nicht so schrecklich wäre.

Aber warum erscheint sie so schrecklich, obwohl sie eine normale Politikerin ist? Sexismus. Es gibt kaum einen Politiker (!), der seit Jahrzehnten dermaßen angegriffen wurde, für im Grunde alles. Bevor ich das selbst versuche zu erklären, werde ich ein paar Videos und Texte verlinken, die meine Hypothese stützen.

Video: Let Hillary be Hillary – Wie wurde aus Hillary Rodham Hillary Clinton. Der zweite Teile lohnt sich auch (Emails!!!)

Video: Scandals – John Oliver über den Unterschied zwischen Clinton und Trump

Text: How Hillary became Hillary

Text: „War on“ – Trumps schrille und stille Helfer – Schön herausgearbeitet wie subtil Sexismus in dieser Kampagne gewirkt hat.

Text: How Hillary Clinton met Satan

 

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Fragment, Ideologisch, Vorläufig

Trump. We have to talk.

Zu viel Politik. Stephen Colbert hat es gesagt. Zu einem Zeitpunkt als noch nicht definitiv war, dass Donald Trump US-Präsident wird, es jedoch schon ziemlich danach aussah. Vielleicht beschäftigen „wir“ (wer auch immer das ist) uns zuviel mit Politik und nicht zuwenig. Eigentlich hatte ich mir diese Worte zu Herzen genommen und mir vorgenommen meinen Konsum von Texten und Videos über die Folgen der Wahlen in den USA zu meiden. Leider habe ich dafür die falschen Freunde in sozialen Netzwerken.

Mit den Folgen der Wahlen in den USA müssen jetzt die Bürger dort fertig werden. Leider zeichnet sich ab, dass, um Stephanie zu zitieren „Frauen, LGBTI, brown/black/Latino, immigrants, Muslime“ die ersten sind die direkte Folgen zu tragen haben. Ähnlich wie es nach dem Brexit in Großbritannien war. Es bleibt zu hoffen, dass das nur ein Phase ist. Und zwar aus individueller und nicht aus historischer Perspektive. Trotzdem fällt es schwer, die Augen von den USA zu nehmen. Es ist wie ein Unfall, man kann einfach nicht wegschauen.

Dabei haben wir in Europa ähnliche Probleme. In Frankreich hat Frau Le Pen Chancen gewählt zu werden und die AfD schlägt sich bei uns auch wacker. „Wir“ haben jetzt die Aufgabe aus den Fehlern der Amerikaner zu lernen. Zumindest sollten wir es versuchen.

Mir kam dazu folgender Gedanke:

Als Mensch der für sich in Anspruch nimmt, kritisch zu denken, muss ich zumindest in Betracht ziehen, dass Mr. Trump nicht die Katastrophe ist, für die ihn halte. Ich muss in Betracht ziehen, dass Meine Wahrnehmung seiner Aussagen durch mein Weltbild, meine Ideologie verzerrt ist. Es gibt Millionen Menschen die genauso überzeugt Davon sind, dass er ein guter Präsident wird. Ich denke, dass sie sich irren. Ich hoffe allerdings, dass ich mich geirrt habe.

Kritik kam von Johannes:

Dann muss man aber erst mal bei der Ideologie des Rassenwahns, des Nationalismus, des Kreationismus und dem ganzen Kram anfangen, den Trump so raushaut.

Der Einwand zeigt, dass meine Äußerung sich vielleicht nett anhört, aber völlig unklar ist, was das konkret für meine Handeln bedeutet. Man könnte es als leeres Gewäsch bezeichnen. Was ist also mein Ziel?

Heute morgen schrieb ich, dass es nicht unwichtig ist, zumindest in Betracht zu ziehen, dass die eigene Ansicht nicht die richtige ist. Wäre die Wahl anders ausgefallen, wären fast genausoviele Menschen in Amerika traurig und verzweifelt und genauso viele würden triumphieren. Es wären nur andere. Und beide Gruppen wären genauso überzeugt, dass der Sieg verdient und die Zukunft gut oder die Niederlage ungerecht und die Zukunft dunkel sein würde.
Natürlich halte ich den Sieg Trumps für eine Katastrophe, insbesondere aufgrund der Werte die ihm fehlen. Aber eben weil ich das für eine Katastrophe halte, muss ich mir die Frage stellen, wie ein ähnliches Szenario für Deutschland (Le Pen gratuliert dem designierten Kanzler Höcke) verhindern lässt. Und das geht nur, wenn „wir“ Menschen davon überzeugen, dass „unsere“ Idee (Humanismus, Aufklärung, Demokratie, Menschenrechte und so) die besseren sind. Und dafür muss ich mit anderem Menschen sprechen, Menschen, die nicht meiner Meinung sind. Das ist aber nicht möglich, wenn ich nicht wenigstens in Betracht ziehe, dass ich mich irre.

Seit Tagen denke ich darüber nach, was für mich nicht verhandelbar ist. Bei welcher Ansicht ziehe ich nicht in Betracht mich evtl. zu irren. Welche Ansicht die ich habe, ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit richtig, wahr, ein Dogma. Im Moment sind das die Menschenrechte. Die Menschenrechte sind meine Rote Linie. Die Menschenrechte sind das Fundament auf dem ich bereit bin mit jeder und jedem zu diskutieren. Jemand der die Menschenrechte in Frage stellt, macht es schwer mit ihm oder ihr eine gemeinsame Basis zu finden.

Dabei ist für mich wichtig, nicht jeder Person, die für Trump, AfD oder Le Pen wählt zu unterstellen, sie würde dies tun. Michael Moore hat in einer amerikanischen Frühstücksshow sehr nachvollziehbar erklärt (das Video ist 44 Minuten lang), warum so viele Menschen für Trump gewählt haben, die vor vier Jahren für Obama gestimmt haben und warum so viele Menschen nicht wählen gegangen sind. An der Art, wie Moore versucht hat Trump-Anhänger von Hillary Clinton zu überzeugen, können „wir“ uns eine Scheibe abschneiden. In „Michael Moore in Trumpland“ war er emphatisch für die Bedürfnisse der Menschen und trotzdem leidenschaftlich für seine Position ohne belehrend zu sein (meistens zumindest). Dass er gegen GMO polemisiert verzeihe ich ihm dann auch.

…Fortsetzung folgt.

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Ideologisch, MEINung, Vorläufig

Ich im Trumpland

img_6522

Vor 200 Jahren muss die Straße, die ich gerade mit meinem Mietwagen entlangfahre, schwer vorstellbar gewesen sein. Links der Straße fällt die Küste steil ab, geformt von flüssigem Gestein, welches auf dem Weg zum Pazifik erkaltete. Rechts dicht bewachsene Hänge, die ebenso steil in den Himmel ragen. Dazwischen, ein dünner Streifen Zivilisation, die Straße. Auch die Geschwindigkeit mit der ich das Land bereise, dürften auf Menschen, die hier vor 200 Jahren lebten, unrealistisch wirken. Ganz zu schweigen von der unanständigen Menge an Energie, die benötigt wurde, mich hierher zu bringen. Liebe Enkel, die Dörfer auf den Nordseeinseln mögen nur noch bei Ebbe sichtbar sein, aber meine Reise war wirklich ein tolles Erlebnis.

In diesen Wäldern soll Bigfoot wohnen. Doch zur Zeit wohnt hier ein anderes Schreckgespenst. Seine Anhängerschaft ist mindestens so Leidenschaftlich, wie die des mythischen Affenmenschen der pazifischen Regenwälder. Und genauso in der Realität verhaftet. Oregon ist ein „blauer Staat“, relativ fest in der Hand der Demokraten, doch Schilder auf auf dem Land werben ausschließlich für „Trump Pence 2016“. Hillary findet kaum statt, nur in den Städten sind vereinzelt „Stronger Together“ Schilder zu sehen. Die einzige rationale und demokratische Kandidatin in diesem Rennen bekommt weniger Werbung als Bigfoot. Weibliche Ambitionen sind uns immer noch suspekt: „What is she up to?“

img_6616

Lewis und Clark erschlossen vor 200 Jahren den pazifischen Nordwesten der USA und machten damit den Rest des amerikanischen Kontinents der Zivilisation -damals „dem weißen Mann“- zugänglich. Vorher waren einige unzivilisierte Taten notwendig, deren Echo noch widerhallt. Die Eroberung des Kontinents durch den Menschen haben Narben hinterlassen. Sie erzählen, wie überall auf diesem Planeten, die Geschichte unserer Spezies. Den Pfad von Lewis und Clark können wir noch heute nachvollziehen, wenn wir das Quecksilber nachweisen, welches sie als Medikament einnahmen und als Sondermüll ausschieden.

img_7505

Hinter mir liegt meine erste direkte Beobachtung von Grauwalen und ein regnerischer Abend an der unruhigen Pazifikküste. Geschlafen habe ich in einem Motel in der Tsunamizone. Der politische Tsunami der auf die USA in Form der Kandidatur Donald Trumps zurollt, hinterlässt im Alltag bisher wenige sichtbare Spuren, in Oregon. Die Schilder am Rande der Straße wirken wie Menetekel. Kaum vorstellbar, wer die aufgestellt hat. Bisher bringt sich niemand in Sicherheit. Wohin auch? Dies ist „the greatest country on earth.“

Überall in den USA werden Menschen am 8.11.16 nicht nur über ihr nächstes Staatsoberhaupt abstimmen, sondern auch über Gesetze in ihren Bundesstaaten. Was in Amerika „Wahl“ genannt wird, heißt bei uns „direkte Demokratie“, als wäre es etwas Besonderes. Im Vorfeld erhalten die BürgerInnen dafür ein Heft, in dem Gegner und Befürworter ihre Argumente darlegen können. In Wahlkampfzeiten ist spürbar, wie tief die Demokratie in den USA verwurzelt ist. So unperfekt ihre Ergebnisse zuweilen auch sein mögen. So unperfekt wie die Menschen, die sie hervorbringen. Donald Trump ist so ein Ergebnis. So wie das Bild von Hillary Clinton als eine besonders verlogene und korrupte Politikerin: „What is she up to?“

img_7260

Illegaler Import aus Japan. Nicht in Trumps AMERICA!!!

Für die erste Debatte der beiden BewerberInnen bin ich in Deutschland noch am frühen Morgen aufgestanden. Ich sah ein souveräne Kandidatin, die ihren Widersacher dahin lockte, wo sie ihn haben wollte. Eine Woche ging Trump danach mithilfe von Tweets und Interviews auf Alicia Machado los. Die zweite Debatte sah ich bei Burger und Bier in einer Bar mit dunklem Holz und tiefen Decken. Am Tisch neben uns saß ein Musiker, der schon mal in Chemnitz gespielt hatte und nach der Debatte hier das Publikum unterhalten sollte. Auch hier Ratlosigkeit und Fatalismus. In Oregon wohnen auf ⅔ der Fläche von Deutschland knapp 4 Millionen Menschen. Da kann man sich auch 4 Jahre im Wald verstecken. Bigfoot gelingt das seit Jahrzehnten.

img_6584

Einem Tsunami gehen ein oder mehre Erdbeben voraus. Die Erdbebenserie der Stärke „Trump“ auf der nach rechts offenen Faschismusskala entstand aus einer gemeinsamen Anstrengung führender Vertreter der republikanischen Partei. Die hatten vermutlich nicht damit gerechnet, selbst von der Wucht der Welle weggespült zu werden drohen. Im Gegensatz zu den Bürgern, die das mögliche Unheil mit stoischer Ruhe und Sarkasmus erwarten, laufen die Parteioberen Hügel hinauf, halten Ausschau, kommen wieder herunter, versuchen Alltag zu spielen und können sich nicht entscheiden, ob es auf dem Hügel nicht doch besser ist.

Mein Vater hat auf die amerikanische „Kultur“ (seine Anführungszeichen, nicht meine) geschimpft und für meine „Comicsprache“ (meine Anführungszeichen, nicht seine) verantwortlich gemacht. Als ich in der 5. Klasse war, haben 4 Klassenkameraden und ich zu fünft gegen den 1. Irakkrieg demonstriert. Ich bin, aus heutiger Sicht, mit latentem Antiamerikanismus aufgewachsen und so war es beinahe ein Schock, wie deutlich dieses Land aus jeder Pore Demokratie ausdünstet. In Deutschland wird Wahlkampf für die Bürger gemacht. In den USA machen die Bürger Wahlkampf. Bei uns kommt davon nur die Pompöse Getöse der Wahlkampfmaschinerie der Präsidentschaftskandidaten an. Hier stehen in „jedem“ Vorgarten Schilder, mit denen die jeweiligen Menschen ihre Meinung deutlich machen. Nicht nur für Kandidaten (Bürgermeister, Senat, Präsident), sondern auch für Gesetze.

img_0914

Mount St. Helens

Am Morgen des 18.05.1980 rutschte in Washington der Berghang des Mount St. Helens erst ab und explodierte dann. Ich stehe auf einem Hügel, dessen Hänge noch heute kahl sind. Der spärliche Bewuchs duckt sich unter dem kalten, trocken Wind, der hier weht. Der Explosion war eine Serie von Erdbeben vorangegangen. Die Gegend war zur Sicherheit evakuiert worden. Soweit man schauen kann, sind nur die Überreste des Waldes zu sehen, der diese Hügel bis vor fast 40 Jahren bedeckt hatte. In den Wochen vor der Explosion hatte sich reger Tourismus um den Berg gebildet. Wir Menschen haben manchmal Schwierigkeiten, die langfristigen Folgen unserer Handlungen abzusehen. Tragen müssen wir sie trotzdem. Der Hügel auf dem ich stehen, befindet sich in der „Todeszone“. Der Berghang, der ca. 6 Km vor mir abgerutscht war, hatte genug Geschwindigkeit, um meinen sicheren Hügel hochzurutschen. Mount St. Helens ist noch immer nicht zur Ruhe gekommen. Im Krater bildet sich bereits eine neue Bergspitze, die von glühendem Gestein aus dem inneren der Erde gespeist wird.

img_7596

Reste eines umgeknickten Baumes am Mt. St. Helens.

Trump ist überall und reißt sicher Geglaubtes hinweg. Trump fördert Dinge zutage, über die seit Jahren Gras wachsen soll. Wenn es etwas gutes am Tsunami Trump gibt, dann, dass er zeigt, wie weit der Weg zu einer inklusive Gesellschaft noch ist. Wie tief Ressentiments z. T. sitzen. Das hat er mit der AfD gemeinsam. Auch wenn der Tsunami nicht auf die Küste treffen sollte, wird das Erdbeben eine Trümmerlandschaft hinterlassen. Es bleibt zu hoffen, dass „die Amerikaner“ den Neuaufbau klug gestalten. Die Ressourcen dafür sind da. Und mit dem „Big One“ rechnet man seit Jahren. Nach dem 8. November wird die Welt sehen, wie gut die Amerikaner vorbereitet waren.

img_7538

Viele Menschen die ich treffen durfte, wirkten, auf Trump angesprochen, wie in einem Zustand zwischen Schock und Fatalismus. Eine Art demokratischer Fatalismus, mit dem vollen Bewusstsein, dass wenn die Amerikaner Trump wollen, sie Trump bekommen. Im Zuge der Weigerung Frankreichs, dem 2. Irakkrieg zuzustimmen, sollten French Fries, Freedom Fries genannt werden. Als eurozentrischer Pazifist fand ich das damals zum einen anmaßend und zum anderen albern. Heute stimme ich mir von 2003 zu, kann aber mittlerweile nachvollziehen, welche Einstellung dahintersteht. Ich denke, die USA sind „The Greatest Contra On Earth“. Und damit zeigen sie uns, wie weit die Menschheit gekommen ist, und dass unsere Spezies noch einen langen Weg vor sich hat, bis wir stolz auf unsere Zivilisation sein können.

img_7297

2 Kommentare

Eingeordnet unter Fragment, Uncategorized

BH Verbot – Was nach der Burka kommt

[In diesem Text geht es nicht um die politische Bedeutung der Vollverschleierung. Es geht nicht um ihren symbolischen und tatsächlichen Stellenwert in Bezug auf die Gleichstelltung der Rechte von Frauen. Es geht um Menschen und deren Bedürfnisse.]

Prolog:
Vor 20 Jahren ging ich durch die Fußgängerzone einer norddeutschen Kleinstadt. Als mir ein paar junge Männer entgegenkamen und abwertende sowie drohende Gesten in meine Richtung machten, versuchte ich, meine Verunsicherung hinter ein paar Scherzen zu verbergen und mutiger zu wirken, als ich mich fühlte. Ein paar Monate spater versuchte ich in einer Diskothek in einer Kleinstadt in Westfalen zu tanzen, während mich der düstere Blick eines Hünen fixierte, der wohl nur deshalb keine Auseinandersetzung suchte, weil ich kein Gegner für ihn gewesen wäre. Auf der Abschlussfeier meiner Schullaufbahn spürte ich den Frust meines Vaters, der sich von seinem Sohne etwas anderes gewünscht hätte. Mich unterschied von meinen Geschlechtsgenossen,dass ich keine Hose trug. Ich trug einen Rock. Keinen „Schottenrock“ oder ein langes Lederteil auf einer Szeneparty, sondern ein modisches Kleidungsstück (oder was ich dafür hielt), wie es auch einen weiblichen Unterleib verhüllen könnte.

Heute
Im Sommer 2016 wird in Deutschland darüber debattiert, ein Kleidungsstück zu illegalisieren. Denn, so heißt es, dieses Kleidungsstück gefährde unsere freie, offene Gesellschaft. Es stehe nicht für die Werte unserer Gesellschaft. Menschen aus ideologischen oder kulturellen Gründen dazu zu zwingen, sich einem bestimmten Kleidungskodex zu unterwerfen, ist nicht, was wir uns in Deutschland wünschen. Natürlich wird nicht in solch abstrakter Form diskutiert, sonder man diskutiert über die Burka. Oder das, was wir dafür halten.

Einige JournalistInnen haben Menschen interviewt, die Kleidungsstücke tragen, welche die Kriterien von Vollverschleierung erfüllen. Einige dieser Menschen haben angegeben, es würde ihnen Sicherheit geben, sich nicht allen Blicken aussetzen zu müssen. Es dauerte nicht lange, bis hämische Kommentare abgesetzt wurden. Von „ausgedacht“ bis „die wissen es halt nicht besser“ war alles dabei. Es scheint für einige Menschen schwer vorstellbar zu sein, dass ein Kleidungsstück Sicherheit geben kann.
Das Gefühl von Sicherheit ist eines der Grundbedürfnisse von Menschen. Dabei können der subjektive Eindruck von Sicherheit und die tatsächliche Sicherheit durchaus im Missverhältnis stehen. So ist Autofahren deutlich weniger sicher als fliegen, doch deutlich mehr Menschen haben Angst davor zu fliegen, als Angst davor Auto zu fahren. Wenn Menschen Auto fahren, haben sie die Illusion von Kontrolle und fühlen sich sicher.

Wie dieses Grundbedürfnis befriedigt wird, ist individuell sowiedurch unsere Kultur geprägt. So ist es möglich, dass ein Kleidungsstück, welches mit einer unemanzipatorischen Intention eingeführt wurde, einem Menschen das Gefühl von Sicherheit gibt. ‚Die Burka‘ kann ein menschliches Grundbedürfnis erfüllen. Wenn wir als Gesellschaft dieses Kleidungsstück verbieten, bleibt das Bedürfnis nach Sicherheit trotzdem bestehen. Wenn wir als Gesellschaft die Bedürfnisse von Menschen ignorieren werden wir als Bedrohung wahrgenommen. Dabei sind unsere Intentionen (aufklärerisch oder rassistisch) egal. Zumindest aus Sicht der Menschen, denen wir das Gefühl von Sicherheit nehmen

Es gibt Menschen, die eigene Gewohnheiten so wenig hinterfragen, dass sie gar nicht auf die Idee kommen, diese könnten ebenfalls nicht in den kühlen Höhlen der Ratio entstanden sein. Schauen wir uns mal so ein Kleidungsstück an, welches ein Gefühl von Sicherheit geben kann.

Der Büstenhalter oder BH erfüllt, schenkt man Studien glauben, seinen Zweck nicht. Anstatt dafür zu sorgen, die Brüste von Frauen für Männer möglichst ansehnlich und die Folgen von Schwangerschaft und Schwerkraft klein zu halten, scheint er das Gegenteil zu bewirken. Trotzdem entscheiden die meisten Frauen sich dafür, dieses Kleidungsstück zu tragen. Die Motivation mag unterschiedlich sein. Eine Motivation dürfte sein, dass viele Frauen sich wohler fühlen, wenn sie einen BH tragen. Auch wenn sie darüber schimpfen, dass diese unbequem, warm und teuer sind.

In unserer Kultur ‚gehört es sich‘ heute einfach für Frauen, einen BH zu tragen. Entscheiden Frauen sich dagegen, wird das bemerkt. Man(n) spricht darüber oder – wenn ich an meine Schulzeit denke – macht sich darüber lustig. Frauen, die sich entscheiden, keinen BH zu tragen, zahlen einen Preis. Der mag, so weit sind wir als Gesellschaft immerhin, gering sein, doch er ist vorhanden.

Ein Kleidungsstück, welches seinen Sinn nicht erfüllt, wird aufgrund kultureller Normen getragen. Bei den aktuellen Temperaturen gilt das für so ziemlich jedes Kleidungsstück. Wieso trägt noch jemand Kleidung, bei Temperaturen jenseits der 30°C? Weil wir uns als Gesellschaft darauf geeinigt haben. Wir sind kulturell so geprägt, dass wir uns unwohl fühlen, wenn wir nackt durch die Straßen laufen, egal wie schön das wäre. Ich weiß nicht, ob es Gesetze gibt, die das verbieten, ich bin aber sicher, dass sie für die meisten Menschen nicht nötig wären.

Wenn es jedoch um die Verschleierung des Gesichtes geht, gestehen wir Menschen nicht zu, dass sie kulturell so geprägt sind, sich mit mehr oder weniger ausgeprägter Verschleierung wohler fühlen. In den letzten zwei Jahren scheint mir der Kampf für eine humanistische Gesellschaft dadurch geprägt zu sein, dass ich für die Rechte der Menschen eintreten muss, die Ideen anhängen, die, konsequent zuende gedacht, nicht mit einer humanistischen Gesellschaft vereinbar wären. Dabei muss ich mich gegen Menschen stellen, die angeben, für diese humanistische Gesellschaft einzutreten. In ihrem Eifer vergessen sie dabei immer öfter, was eine humanistische Gesellschaft so lebenswert macht: die Menschen darin und deren unterschiedliche Sicht auf die Welt.

Epilog

Mein Vater hatte sich bereits seit den 80er Jahren mit dem Klimawandel und dem Ozonloch beschäftigt. Im Fernsehen wurde über die Zuhnahme von Hautkrebs in Australien berichtet. Neben dem Ozonloch, so die Hypothese meines Vaters, gebe es einen weiteren Grund für den Anstieg. Ein Rückgang der prüden Kleidungsvorschriften die in britisch geprägten Gesellschaften lange vorherrschten. Es ist noch nicht so lange her, dass es in ‚unserem‘ Kulturkreis angemessen war sich bedeckt zu halten. Und nicht jeder fühlt sich heute wohl, sich ausführlich zu zeigen.

Ich hatte befürchtet, im Falle eines Verbotes aus Protest selbst einen Burkini tragen zu müssen. Doch meine wunderbare Familie war mir einen Schritt vorraus. Einige Mitglieder erkannten im Burkini eine Möglichkeit sich an öffentlichen Badeplätzen aufzuhalten, ohne den eigenen Körper öffentlich zur Schau zu stellen. In meiner Familie trägt man Burkini und das macht mich stolz.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Atheismus, Ideologisch, Kontrovers, Uncategorized