Archiv der Kategorie: Vorläufig

Doch, es war auch Sexismus

Es gibt die Hypothese, dass ein Teil der Ursache für die Wahlniederlage Hillary Clintons Sexismus war. Um diese Hypothese zu widerlegen wird dann gesagt, Hillary wäre nicht eine so schlimme Politikerin, weil sie eine Frau ist, sondern weil so furchtbare Sachen gemacht hat. Schaut man sich diese „Sachen“ aber genauer an, erscheinen sie als relativ undramatische Ereignisse in einem Politikerleben. Das entschuldigt sie nicht, das heißt nur, sie gehören zum Geschäft. Ich glaube den meisten Menschen, dass sie tatsächlich meinen, wenn sie sagen, dass sie Hillary im Prinzip wählen würden, wenn sie eben nicht so schrecklich wäre.

Aber warum erscheint sie so schrecklich, obwohl sie eine normale Politikerin ist? Sexismus. Es gibt kaum einen Politiker (!), der seit Jahrzehnten dermaßen angegriffen wurde, für im Grunde alles. Bevor ich das selbst versuche zu erklären, werde ich ein paar Videos und Texte verlinken, die meine Hypothese stützen.

Video: Let Hillary be Hillary – Wie wurde aus Hillary Rodham Hillary Clinton. Der zweite Teile lohnt sich auch (Emails!!!)

Video: Scandals – John Oliver über den Unterschied zwischen Clinton und Trump

Text: How Hillary became Hillary

Text: „War on“ – Trumps schrille und stille Helfer – Schön herausgearbeitet wie subtil Sexismus in dieser Kampagne gewirkt hat.

Text: How Hillary Clinton met Satan

 

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Trump. We have to talk.

Zu viel Politik. Stephen Colbert hat es gesagt. Zu einem Zeitpunkt als noch nicht definitiv war, dass Donald Trump US-Präsident wird, es jedoch schon ziemlich danach aussah. Vielleicht beschäftigen „wir“ (wer auch immer das ist) uns zuviel mit Politik und nicht zuwenig. Eigentlich hatte ich mir diese Worte zu Herzen genommen und mir vorgenommen meinen Konsum von Texten und Videos über die Folgen der Wahlen in den USA zu meiden. Leider habe ich dafür die falschen Freunde in sozialen Netzwerken.

Mit den Folgen der Wahlen in den USA müssen jetzt die Bürger dort fertig werden. Leider zeichnet sich ab, dass, um Stephanie zu zitieren „Frauen, LGBTI, brown/black/Latino, immigrants, Muslime“ die ersten sind die direkte Folgen zu tragen haben. Ähnlich wie es nach dem Brexit in Großbritannien war. Es bleibt zu hoffen, dass das nur ein Phase ist. Und zwar aus individueller und nicht aus historischer Perspektive. Trotzdem fällt es schwer, die Augen von den USA zu nehmen. Es ist wie ein Unfall, man kann einfach nicht wegschauen.

Dabei haben wir in Europa ähnliche Probleme. In Frankreich hat Frau Le Pen Chancen gewählt zu werden und die AfD schlägt sich bei uns auch wacker. „Wir“ haben jetzt die Aufgabe aus den Fehlern der Amerikaner zu lernen. Zumindest sollten wir es versuchen.

Mir kam dazu folgender Gedanke:

Als Mensch der für sich in Anspruch nimmt, kritisch zu denken, muss ich zumindest in Betracht ziehen, dass Mr. Trump nicht die Katastrophe ist, für die ihn halte. Ich muss in Betracht ziehen, dass Meine Wahrnehmung seiner Aussagen durch mein Weltbild, meine Ideologie verzerrt ist. Es gibt Millionen Menschen die genauso überzeugt Davon sind, dass er ein guter Präsident wird. Ich denke, dass sie sich irren. Ich hoffe allerdings, dass ich mich geirrt habe.

Kritik kam von Johannes:

Dann muss man aber erst mal bei der Ideologie des Rassenwahns, des Nationalismus, des Kreationismus und dem ganzen Kram anfangen, den Trump so raushaut.

Der Einwand zeigt, dass meine Äußerung sich vielleicht nett anhört, aber völlig unklar ist, was das konkret für meine Handeln bedeutet. Man könnte es als leeres Gewäsch bezeichnen. Was ist also mein Ziel?

Heute morgen schrieb ich, dass es nicht unwichtig ist, zumindest in Betracht zu ziehen, dass die eigene Ansicht nicht die richtige ist. Wäre die Wahl anders ausgefallen, wären fast genausoviele Menschen in Amerika traurig und verzweifelt und genauso viele würden triumphieren. Es wären nur andere. Und beide Gruppen wären genauso überzeugt, dass der Sieg verdient und die Zukunft gut oder die Niederlage ungerecht und die Zukunft dunkel sein würde.
Natürlich halte ich den Sieg Trumps für eine Katastrophe, insbesondere aufgrund der Werte die ihm fehlen. Aber eben weil ich das für eine Katastrophe halte, muss ich mir die Frage stellen, wie ein ähnliches Szenario für Deutschland (Le Pen gratuliert dem designierten Kanzler Höcke) verhindern lässt. Und das geht nur, wenn „wir“ Menschen davon überzeugen, dass „unsere“ Idee (Humanismus, Aufklärung, Demokratie, Menschenrechte und so) die besseren sind. Und dafür muss ich mit anderem Menschen sprechen, Menschen, die nicht meiner Meinung sind. Das ist aber nicht möglich, wenn ich nicht wenigstens in Betracht ziehe, dass ich mich irre.

Seit Tagen denke ich darüber nach, was für mich nicht verhandelbar ist. Bei welcher Ansicht ziehe ich nicht in Betracht mich evtl. zu irren. Welche Ansicht die ich habe, ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit richtig, wahr, ein Dogma. Im Moment sind das die Menschenrechte. Die Menschenrechte sind meine Rote Linie. Die Menschenrechte sind das Fundament auf dem ich bereit bin mit jeder und jedem zu diskutieren. Jemand der die Menschenrechte in Frage stellt, macht es schwer mit ihm oder ihr eine gemeinsame Basis zu finden.

Dabei ist für mich wichtig, nicht jeder Person, die für Trump, AfD oder Le Pen wählt zu unterstellen, sie würde dies tun. Michael Moore hat in einer amerikanischen Frühstücksshow sehr nachvollziehbar erklärt (das Video ist 44 Minuten lang), warum so viele Menschen für Trump gewählt haben, die vor vier Jahren für Obama gestimmt haben und warum so viele Menschen nicht wählen gegangen sind. An der Art, wie Moore versucht hat Trump-Anhänger von Hillary Clinton zu überzeugen, können „wir“ uns eine Scheibe abschneiden. In „Michael Moore in Trumpland“ war er emphatisch für die Bedürfnisse der Menschen und trotzdem leidenschaftlich für seine Position ohne belehrend zu sein (meistens zumindest). Dass er gegen GMO polemisiert verzeihe ich ihm dann auch.

…Fortsetzung folgt.

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Verwirrung über Pirinccis Rede

Mittlerweile ist sicher allgemein bekannt, dass Akif Pirinçci gestern bei PEGIDA eine Rede gehalten hatte, die ihm heute bereits erste Schwierigkeiten bereitete. Lutz Bachmann hat sich auf der Facebook-Seite von PEGIDA (‚Ami Go Home‘) mittlerweile für die Rede entschuldigt. Beziehungsweise dafür, nicht früher eingeschritten zu sein. Er schreibt:

Einen gravierenden Fehler habe ich gestern begangen, als unser Gastredner Akif Pirinçci ans Mikrofon trat und seine ersten Sätze verlas, dass er eigentlich aus seinem Buch „Umvolkung“ lesen wollte, auf einmal aber stattdessen eine eigene Rede für den besonderen Anlass ankündigte.

Dies geschah ohne Absprache mit uns und wir waren völlig überrumpelt. Ich hätte in diesem Moment die einzig richtige Entscheidung treffen müssen und sofort das Mikro abschalten. Im Regelfall lesen wir die Vorträge unserer Gäste quer, um derartige Vorfälle zu verhindern. Das von Herrn Pirinçci Vorgetragene lag uns so nicht vor, sonst hätten wir von vornherein abgesagt.

Ich nehme diese Entschuldigung nicht an.

Er hat also von nichts gewusst. Das hat in Deutschland Tradition, hinterher „von nichts gewusst“ zu haben. Dabei hätte beispielsweise Frau Festerling Herrn Pirincci ja einfach mal fragen können, was er denn so erzählen wird? Kaum vorstellbar, dass sich die beiden RednerInnen nicht im Vorfeld über ihre Reden ausgetauscht haben. Sie scheinen sich ja gut zu verstehen, wenn man Pirinccis Twitter-Account glauben darf. Doch bereits am Tag vorher hätte Bachmann einfach mal auf die Website seines Redners (mittlerweile offline*) schauen müssen. Der schrieb da bereits:

Morgen, also Montag (19. 10. 2015), werde ich anläßlich des einjährigen Bestehens von PEGIDA in Dresden auftreten und einen hübschen Text vorlesen, der in Sachen Wutrede in diesem Lande Maßstäbe setzen wird. Es wird um die Verbrechen gehen, die man diesem Volk gegenwärtig antut. Man erwartet bis zu 30.000 Leute, ich glaube, daß es mehr werden. Ach, Herr Staatsanwalt…

Gruß und Kuß!

Euer kleiner Akif

Das klingt nicht nach Buchlesung. Das klingt nach eigens geschriebener „Wutrede“. Eine „Wutrede“ auf die Lutz Bachmann seinen Redner im Vorfeld hätte ansprechen können. Entweder wusste also Bachmann Bescheid, dann lügt er. Oder er war tatsächlich ahnungslos, dann ist er unfähig. Ich denke, er hatte nichts konkretes abgesprochen und damit gerechnet, dass der kleine Akif das Ding sauber über die Bühne bringt. Der hat nun leider über das Ziel hinausgeschossen. Allerdings anders als die PEGIDA jetzt glauben machen wollen. Er hat einfach zu lange gebraucht und ist kein guter Redner. Die Masse auf dem Theaterplatz war nicht empört. Sie war gelangweilt. Deswegen wird nächsten Montag frische Hetze geliefert.

Ergänzung:

Am Anfang seiner Rede sagt Herr Pirincci, er habe eigentlich aus seinem Buch „Umvolkung“ lesen wollen. Der Teil der Aussage Bachmanns scheint also wahr zu sein. Bleibt, die öffentliche Ankündigung Pirinccis und die Vermutung, dass Frau Festerling Bescheid wusste. Vielleicht zeigen sich hier erste Risse in der aktuellen PEGIDA-Führung?

*Teilweise im Google-Cache einsehbar.

Update 21.10.15 13 Uhr:

Auf Freitag.de ergänzt Magda:

„Es ist in der Tat so, dass Pirincci nicht intendiert hat, dass man Flüchtlinge ins KZ’s stecken sollte, sondern dem Landrat Lübcke ironisch untestellt, er könne ja leider die KZ’s – gegen Deutsche – nicht in Betrieb nehmen.“

Das macht die Rede von ihm nicht weniger übelkeiterregend, soll aber der Vollständigkeit halber erwähnt werden.

Auf Dame von Welt hat sich ein paar Gedanken zum „kleinen Akif“ gemacht.

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Wenn die Zahnfee zweimal klingelt.

Dr. Johannes ist Arzt in Weiterbildung in Hamburg, hatten einen ziemlich beeindruckenden Lebenslauf und ist ein Workaholic. Letzteres ist meine Vermutung, wenn ich mir seine Produktion an Tweets und Videos anschaue. Ich schaffe es gar nicht alle Videos zu schauen, die er dreht. Letztens ab doch und das unter anderem auch, weil ich ob des Titels etwas skeptisch war:

Warum immer im Urlaub krank?

Darin versucht Dr. Johannes zu erklären, woran es liegt, dass man ständig vor dem Urlaub krank wird. Wen die Erklärung interessiert, sei auf das Video verwiesen (Spoiler: Immunsystem). Als Beleg, dass dieses Phänomen existiert erwähnt er auch den Begriff „Leisure Sickness“ aus dem englischsprachigen Raum. Dazu später. Nun gibt es ja viele Hypothesen zum Zusammenhang zwischen Psyche und Immunsystem. Eine nannte der Hohepriester der Vulgärpsychosomatik Rüdiger Dahlke (auch Arzt) auf seinem von mir besuchten Vortrag: „Wer (frisch) verliebt ist, wird nicht krank.“ Alle nicken. Ich auch, bis ich a) Medizin studierte und b) frisch verliebt einen fetten Schnupfen bekam. Das war wohl die Ausnahme von der Regel?

Eher nicht, ein Schnupfen ist eine Infektionskrankheit und ein Virus kümmert es nicht, ob ich verliebt bin oder nicht. Und meine Immunsystem bildet nicht extra Antikörper, nur weil ich verliebt bin (nur die durch den Austausch von Körperflüssigkeit bedingten). Alles in allem, klingt das also eher unplausibel.

Bevor ich untersuche, wie ein Phänomen entsteht, muss ich erst mal feststellen, ob es das Phänomen überhaupt gibt. Alles andere ist „Toothfairyscience„. Also habe ich Google Scholar angeschmissen und nach „Leisure Sickness“ gesucht. Viel gab es nicht, einigermaßen aktuell schien mir: „Leisure Sickness“ von Vingerhoets et. al, 2002 veröffentlicht in „Psychotherapy and Psychosomatics“. Ca. 3% (1) gaben an (2), sich am Wochenende und im Urlaub häufiger krank zu fühlen (3) als in der Woche.

(1) 3% erscheint mir nicht sehr viel, wenn man sich überlegt, dass Wochenende und Urlaub zusammen ca, 30% des Jahres ausmachen. Wenn man davon ausgeht, dass an jedem Tag die Wahrscheinlichkeit krank zu werden ungefähr gleich ist, ist es nicht anders zu erwarten, dass einige Menschen durch Zufall an arbeitsfreien Tagen eher krank werden, als an Arbeitstagen. Die Frage ist, ob das ein Statistisch signifikanter Unterschied ist? Dazu kann ich nichts finden und bin selbst leider nicht bewandert genug, um das auszurechnen 🙂

(2) Die Personen wurden retrospektiv befragt, ob sie sich krank gefühlt hätten. Es ist nicht unplausibel, dass ein Kopfschmerz, den man beim arbeiten gut ignorieren kann, einem das Wochenende „versaut“. Tendenziell wird man sich dann eher an das versaute Wochenende erinnern als an die Arbeit. „Confirmation Bias“ nennt man das auch.

(3) Sie gaben eine ganze Reihe von Symptomen und Krankheiten an, die meisten ziemlich unspezifisch.: Kopfschmerzen, Schwäche, Muskelschmerzen, Mangel an Energie, Übelkeit, Rückenprobleme. Das sind ziemlich alltägliche Symptome. Die Frage wäre auch, ob man schon als „krank“ gilt, wenn man eines dieser Symptome hat. Das Problem ist, dass jeder sich ab einem unterschiedlichen Grad „krank“ fühlt. Das müsste erst mal definiert werden. Dazu schreiben die Autoren aber nichts.

Bevor wir das Problem besprechen, warum man „immer“ vor dem Urlaub krank wird, sollten wir erst mal herausfinden, ob das überhaupt stimmt. Aber solche Mythen (ich traue mich jetzt mal, das so zu nennen) sind sehr langlebig. In jeder Notaufnahme/Geburtsabteilung wird man Personal finden, welches davon überzeugt ist, bei Vollmond sei das Patientenaufkommen höher, obwohl das nicht so ist (und es leicht zu überprüfen wäre :-))

Das alles ändert nichts daran, dass die Hinweise zur Stressreduktion am Video sicher nicht die schlechtesten sind.

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Chinesischer Selbstmordhoax – Das kommt davon

Vor einigen Tagen habe ich eine Nachricht über einen jungen Mann in China verbreitet, der Selbstmord begangen habe soll, nachdem seine Freundin weiter shoppen wollte. Hach, das war zu gut um es nicht zu verbreiten: beliebte Klischees und ein tragisches Ende. Und totaler Unsinn.

No, a Guy Didn’t Kill Himself Because His Girlfriend Wouldn’t Stop Shopping

Ups!

Aber es stand doch in der Zeitung!

Ich gelobe Besserung.

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22. Dezember 2013 · 12:25

Konditionierte Beißreflexe nach der Rote Flora-Demo

Weltbilder sind etwas Schönes. Sie geben Halt, Boden unter den Füßen. Darum versuchen Menschen einiges, um Weltbilder aufrecht zu erhalten. Da man im Bezug auf die Weltbilder der anderen ziemlich machtlos ist, nimmt man sich des Eigenen an. Und so haben gestern „gewaltbereite“ Demonstranten in Hamburg 84 Polizisten verletzt und sich Straßenschlachten geliefert. Klarer Fall von linkem Rabaukentum und eine Tatsache die politisch den Unterstützer der Schließung des Kulturzentrums in die Hände spielt.

Unstrittig ist, dass es gestern zu Ausschreitungen kam. Strittig ist, wie es dazu kam, wer die Verantwortung für eine Eskalation trägt. Dabei sollte klar sein, dass beinahe jeder Menschen, ab einer gewissen Schwelle „gewaltbereit“ ist. Eine Möglichkeit die Schwelle für Gewaltbereitschaft zu überschreiten ist, ein Bedrohungsszenario aufzubauen. Und wenn ich die Berichterstattung und das Videomaterial richtig deute, wurde von Seiten der Einsatzkräfte einiges dafür getan, dass sich Demonstranten bedroht fühlten und zwar bereits kurz nach Beginn der Demonstration. In den etablierten Medien ist davon bisher wenig zu lesen. Es lohnt sich vielleicht ein Blick zurück.

Der Jenaer Lothar König musste sich in einem Verfahren gegen den Vorwurf des Landfriedensbruchs im Rahmen einer Gegendemonstration in Dresden 2011 verteidigen. Im Rahmen des Prozesses stellten sich die Vorwürfe von Seiten der Polizei nicht nur als unhaltbar, sondern einige Aussagen scheinbar als schlicht gelogen dar. König hatte das Glück viele Unterstützer zu haben, viel Aufmerksamkeit zu bekommen und für die Polizei kompromittierendes Videomaterial zur Verfügung zu haben. Was von dem Prozess blieb ist der Eindruck, dass von Vertretern des Gewaltmonopols, mit welcher Motivation auch immer, vor Gericht die Unwahrheit gesagt wird.

Frisch in Erinnerung aus diesem Jahr dürften die Vorkommnisse im Rahmen der „Blockupy“-Demo in Frankfurt am Main sein. Dabei wurden als „gewaltbereit“ eingeschätzte Demonstranten eingekesselt und durch einige Medien hatten das Bild schwer bewaffneter Krawallnasen verbreitet. Dass die Realität anders aussah war da uninteressant, sie passte nicht ins Narrativ. Im Nachhinein fanden sich eher Hinweise, dass die Einkesselung der Demonstranten geplant und politisch erwünscht war. Was den meisten jedoch in Erinnerung bleiben dürfte, sind die „gewaltbereiten Demonstranten“. Die geben Halt.

Ein anderes Bild bot sich nach dem Polizeieinsatz auf Schalke. Da war allen schnell klar, dass es sich um unverhältnismäßige Härte gehandelt hatte. Fussballfans, diese Ausgeburten an Friedfertigkeit, mit Polizeigewalt zu traktieren, das geht gar nicht. Da waren auch schnell Leute empört, die sonst gerne „linken Chaoten“ vorwerfen ohne Grund auf Polizisten loszugehen. Aber wenn man sich selbst als potentiell Betroffenen sieht, ändert sich die Richtung der Empörung plötzlich und man kann sich durchaus vorstellen, dass von Seiten der Einsatzkräfte unverhältnismäßig vorgegangen wird. Man gehört in dem Fall zur „Ingroup“.

Das könnte auch ein Grund dafür sein, dass die Vorkommnisse in Frankfurt im Nachhinein in ein anderes Licht gerückt wurden. Dort wurden im Rahmen des Polizeieinsatzes auch Journalisten Opfer von Polizeiwillkür und Kollegen machten aus der Pressekonferenz der Einsatzleitung ein Tribunal anstatt die Aussagen 1:1 an die Redaktionen weiterzuleiten (in meinem Weltbild kommen viele Journalisten zur Zeit nicht gut weg ;)).

Ich denke, es ist unnötig zu sagen, dass ich Gewalt gegen Menschen, egal ob sie eine Uniform tragen oder nicht, inakzeptabel finde. Ich bin jedoch der Ansicht, dass an Polizisten andere Maßstäbe angesetzt werden müssen als an Demonstranten. Polizisten sind Profis, von ihnen dürfen wir erwarten, dass sie ihren Job überlegt und geplant ausführen. Wir dürfen erwarten, dass sie verhältnismäßig reagieren. Wir dürfen von der Einsatzleitung erwarten, dass ihnen klar ist, welche Reaktion sie bei engagierten Demonstranten hervorrufen, wenn sie eine Demonstration nach wenigen Metern stoppen und auflösen. Kleiner Tipp: Wenig erfreut.

Ich bin gespannt, wie sich Ereignisse von Gestern darstellen werden, wenn sich der Rauch gelegt hat, ob sich die Vorwürfe der Polizei als wahr herausstellen (wogegen zu Zeit einiges spricht) oder ob PolizistInnen in Gefahr gebracht wurden, um ein politisches Ziel durchzusetzen. Das wäre mal ein Fall für deren Gewerkschaftsvertreter. Von „gewaltbereiten“ Politikern habe ich in diesem Zusammenhang komischerweise noch nichts gelesen.

Weiterlesen:

Gedanken zur Polizeigewalt

Hier noch aktuelles zur Forschung in dem Bereich (danke an Feuerwächter für den Hinweis)

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Gedanken zu Polizeigewalt

Gewalt durch Polizisten ist wahrscheinlich kein neues Phänomen. Immerhin ist ihnen das Monopol dafür übertragen worden, bisher möchte ich sagen: Zum Glück. Vor allem wenn ich die eine oder andere Phantasie einiger meiner MitbürgerInnen höre, was man mit wem mal machen sollte.

Aber irgendwie scheint in letzter Zeit etwas nicht zu stimmen mit diesem Monopol, man hat manchmal den Eindruck, ihm sei der Kompass abhanden gekommen. Oder, um im Bild zu bleiben, der Kompass ist kaputt und zeigt oft in die falsche Richtung. Immer öfter lese ich von offensichtlich ungerechtfertigter Nutzung des Gewaltmonopols durch…tja durch wen? Bereitschaftspolizisten (und Innen)? Vorgesetzte? Innenminister? An der einen oder anderen Stelle mag Kalkül „von ganz oben“ dahinter stecken und damit die Hoffnung, Gewalt eskalieren zu lassen, damit Freiheit beschränkt werden und Sicherheit ein bisschen größer geschrieben werden kann. Aber schmeckt Ihr das auch? Hinten im Hals? Schmeckt nach Verschwörungstheorie. Vielleicht gibt es also einen wahren Kern aber vermutlich ist das Phänomen etwas komplizierter. Und einen Teilaspekt picke ich mir mal heraus.

Ich gehe davon aus, dass die allermeisten Menschen, die in den Polizeidienst treten dies aus ehrbaren Motiven machen. Ein paar sind sicher angezogen von der Machtposition (wie in vielen anderen Berufen wahrscheinlich auch). Was ist, wenn durch aggressives Vorgehen gegen DemonstrantInnen die falschen selektiert werden? In einem Bericht vom Humanistischen Pressedienst wurde von geschockten Polizisten berichtet, die nicht fassen konnten, was die Kollegen gerade vor Ihren Augen treiben.

Ich kann mir denken, so ein Anblick ist ein ziemlich aversiver Reiz für jemanden, der sich als Staatsdiener im besten Sinne versteht…eigentlich jeden, dessen Empathiefähigkeit in dem Moment intakt ist.

Für jemanden, der machtafin ist und vielleicht auch einen Kick erlebt, wenn er seine Macht physisch unter Beweis stellen kann, dürfte eine Situation ziemlich berauschend sein. Und wenn man die Beschreibung in den Zeitungen liest, ist das nicht ganz unwahrscheinlich.

Wir haben also zwei Individuen, die ziemlich unterschiedlich auf eine Gewalteskalation reagieren, eine offensichtlich von der Polizei ausgehende allemal. Beim nächsten Einsatz dürfte ziemlich klar sein, wer sich meldet irgendwo am Rand den Verkehr zu regeln und wer sich meldet in die erste Reihe zu gehen. Mit der Zeit dürften sich vor allem PolizistInnen in der ersten Reihe finden, denen ich als Demonstrant nicht begegnen möchte. Da reicht wahrscheinlich bereits ein Zwinkern eines Innenministers und die Hand wandert zum Pfefferspray.

Ich habe natürlich keine Ahnung, ob die Strukturen bei der Polizei eine solche Verdichtung von Problempolizisten erlaubt. Sollte dem so sein, wäre es an der Zeit, etwas daran zu ändern.

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Autisten an die Rechner

Wenn ich mir anschaue, wie viele Medien in den letzten 48 Stunden über den Plan von SAP berichtet haben, muss ich leider als Erstes an eine PR-Aktion denken. Das Thema quillt aus allen Newstickern. Es wäre natürlich toll, in erster Linie für Menschen mit einer Autismusspektrumsstörung, wenn SAP tatsächlich 650 von ihnen einstellen würde. Trotzdem lässt mich diese Ankündigung ein wenig skeptisch zurück.

Ob sich SAP der Verantwortung bewusst, ist, die ein solcher Schritt bedeutet? Kai Vogeley gibt im Ärzteblatt 5 Antworten zum Thema Autismus und SAP.

Die Patienten brauchen in meiner Einschätzung eine persönliche Betreuung auf zwei Ebenen: Nötig sind einmal Jobcoaches oder Arbeitstrainer, die in der Lage sind, konkrete Schwierigkeiten im Arbeitsalltag konkret aufzulösen. Das können auch Psycho­logen oder Sozialarbeiter sein. Außerdem brauchen die Patienten eine psychiatrische Betreuung, um die möglichen Belastungssituationen am Arbeitsplatz zu begleiten und um Begleiterkrankungen zu erkennen und zu behandeln. Viele Autisten leiden zum Beispiel zusätzlich unter Depressionen.

Natürlich sind die SAP-Spezialisten dann in erster Linie Arbeitnehmer und nicht Patienten. Doch es sind Arbeitnehmer mit besonderen Bedürfnissen, die besondere Rahmenbedingungen benötigen. Ist SAP bereit diese Rahmenbedingungen zu schaffen und, was entscheidend ist, dafür zu zahlen?

In der Berichterstattung zu dem Thema und auch in der Pressemitteilung fällt auf, dass mit Klischees nur so um sich geworfen wird. SAP schreibt von „einzigartigen Talenten von Menschen mit Autismus“ als seien die „ein Prozent der Weltbevölkerung“ mit Autismus damit ausreichend beschrieben. Folgt man Simon Baron Cohen, haben Menschen mit Autismus ein besonderes Talent zu systematisieren. Also müssen (!) sie einfach ideal für Informatik und Zahlen sein. Doch ob man es glaubt oder nicht, es gibt Menschen mit Autismus, die haben keine Interesse an und keinen Sinn für Zahlen. Viele können nicht einmal rechnen*…das heißt natürlich nicht, dass sie nicht trotzdem besondere Fähigkeiten hätten, nur ist SAP an denen wahrscheinlich nicht interessiert.

Wenn von einem Prozent an Menschen mit Autismus gesprochen wird, erfüllt davon nur der geringste Teil überhaupt die Grundvorraussetzungen für eine Tätigkeit bei einem Unternehmen. Meine Befürchtung ist, dass SAP hier einen PR-Coup landet und vielen Menschen Hoffnungen macht, die nicht erfüllt werden.

Was ist, wenn SAP mit diesen „besonderen Fähigkeiten“ einem Mythos aufsitzt. Dem Mythos vom genialen Autisten, dessen Talent nur nicht in richtige Bahnen gelenkt wurde. Das vermittelt ein sehr einfaches Bild von Autismus und Menschen die eine Autismusspektrumsstörung haben. So als wäre das einzige Problem, dass noch niemand auf die Idee gekommen ist, die Besonderen Fähigkeiten von Menschen mit Autismus zu nutzen.

Und beim „nutzen“ bekomme ich auch ein wenig Bauchschmerzen. Natürlich nutzt jeder Arbeitgeber die Fähigkeiten seiner Angestellten. Nur kann es bei Menschen mit einer ASS dazu führen, dass andere Bereiche darunter leiden. Natürlich kann sich SAP nur Angestellte wünschen, die sich 16 Stunden am Tag in ihre Arbeit vertiefen und nichts anderes machen**. Ob das für die langfristige Entwicklung der Autonomie seiner Angestellten hilfreich ist, sei einmal dahingestellt.

[Edit: 26.05.2013 12 Uhr]

Vielleicht bin ich doch zu pessimistisch? Bei RP-online ist gestern eine Meldung veröffentlicht worden. Darin wird über Menschen mit einer ASS berichtet, die bei Vodafone arbeiten. Besonders der letzte Absatz ist sehr positiv:

Das erste Fazit hat alle Beteiligten verblüfft. Marc Ruckebier beobachtet, wie sich das soziale Klima in den Abteilungen, in denen Autisten eingesetzt werden, verbessert hat. Fabian Hoff berichtet, seine Zukunftsängste hätten sich in Luft aufgelöst. Nina Dohle war letztes Wochenende mit Kollegen auf der Jazz-Rallye – mit einigen tausend anderen Gästen. Allein der Gedanke wäre ihr vor ein paar Monaten unerträglich gewesen. Die Kooperationspartner von Vodafone und Auticon möchten die Erkenntnis weiter geben, „dass nur ein bisschen Umdenken notwendig ist, um eine Situation grundlegend zu verbessern“. Nach ihrer Einschätzung stehen alle Zeichen dafür, dass dies eine Erfolgsgeschichte „made in Düsseldorf“ wird.

Ein schaler Beigeschmack bleibt, denn das Timing erweckt bei mir den Eindruck einer Werbeaktion „Wir haben auch Autisten“. Es bleibt zu hoffen, dass bei all der Berichterstattung über Menschen mit hochfunktionalem Autismus die anderen nicht vergessen werden.

*Zwischen 25 und 50% von Menschen mit einer ASS weisen eine geistige Behinderung auf, also einen IQ unter 70.

** Klischees kann ich auch.

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HPV-Impfung erfolgreich

Im BMJ ist Mitte April eine Studie erschienen, in der die Rate an Infektionen mit dem Humanen Pappiloma Virus (HPV) untersucht wurde. Diese ist bei den geimpften Frauen ( unter 30 Jahre) von 11% auf 0,85% zurückgegangen. Wenn sich das, zumindest ungefähr, auf die Rate der Erkrankungen von Gebärmutterhalskrebs überträgt, wäre das ziemlich beeindruckend. In Australien sind 87% der Zielgruppe geimpft, Deutschland hängt mit 30% ziemlich zurück. Das könnte auch mit der zum Teil aggressiven Werbung zusammen hängen, mit der die Impfung eingeführt wurde und die misstrauisch machte. Die Gemeinde der Impfgegner hatte leichtes Spiel.

Interessant an der Studie ist ein Anstieg der Infektionen mit Clamydien. Das könnte auf eine falsches Sicherheitsgefühl bei Geimpften hinweisen, was sie dazu verleitet ungeschützt Sex zu haben.

Auch in der SZ wird berichtet.

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Herzensbrecher Marathon?

Ausdauersport ist, so wird es einem überall gesagt, gesund. Man hat, so man regelmäßig Ausdauersport betreibt, größere Chancen länger auf diesem Planeten zu verweilen. Ob diese Aussage uneingeschränkt auch für Marathonläufer gilt? Gerade haben einige Ketzer unter den Kardiologen herausgefunden, dass ein Marathon, zumindest vorübergehend, einige Funktionswerte des rechten Herzens verschlechtern und einige „Herzenzyme“ steigen lässt  [1,2]. Bei Menschen mit gesundem Herz bilden sich all diese Phänomene jedoch wieder zurück, nach ausreichender Erholung.

[1] http://eurheartj.oxfordjournals.org/content/early/2011/12/05/eurheartj.ehr397.abstract

[2] http://www.aerztezeitung.de/medizin/krankheiten/herzkreislauf/article/683656/marathon-gift-rechten-ventrikel.html

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