Alter Käse 4/2013 – Kryon Polizei

Omar Ta Satt! Im Nachtcafé des SWR zum Thema „Wer heilt, hat Recht“ musste der Mediziner und Akupunktur-Kritiker Benedikt Matanear unlängst die Fassung bewahren, als Barbara Rütting behauptete, eine ihre bekannte Person habe sich von ihrer Querschnittslähmung „mental“ geheilt. Ich dagegen finde das plausibel, man muss nur mit seinen Beinen telepathisch kommunizieren…

Eine andere Form der Kommunikation habe ich kürzlich in meiner Nähe entdeckt, dort kann man Engelseminare besuchen. Das muss erst einmal wirken. Engelseminare. Wer noch keinen Zugang zu Engeln hat, kann ihn dort erlangen. Und in der Praxis nebenan arbeiten eine Psychotherapeutin – eine mit so einer langjährigen Ausbildung – und ihr Patient daran, den Anweisungen halluzinierter Stimmen zu widerstehen. In der Drogerie um die Ecke begegnen sich die Seminar- und Therapieab- solventen; der eine wäre gern die Stimme los, auf die der andere sehnsüchtig wartet.

125 Euro kostet ein Seminar und bewegt sich damit preislich im selben Bereich wie die Kryonschule, deren Anhänger sich tatsächlich den Gruß „Omar Ta Satt!“ verwenden. Der wiederum erzeugt die Energie des Willkommens – haben Sie es auch schon gemerkt? Praktischerweise lässt sich diese Energie auch zum Channeln nutzen. Channeln, das ist wie Telepathie und Hellsehen zusammen, der Energieausgleich von 125 Euro damit auch durchaus gerechtfertigt. Per Channeling kommuniziert man mit „Kryon“ vom magnetischen Dienst, einem Energiewesen und wirklich knorke Typen. Der kommuniziert nicht mit jedem.

Das hat er mit den Mitgliedern der Zwölf Stämme gemeinsam, die jetzt weniger mit den eigenen Kindern kommunizieren. Die christliche Sekte zwang die Behörden zum Eingreifen, weil sie sich bei der Erziehung nicht auf Piaget und Psychologie verließen, sondern auf Newton und die Gesetze der Mechanik vertrauten, heißt es. Kindesmissbrauch nennt man das grobstofflich, und der führte zum Entzug des Sorgerechts. Bei solchen Geschichten kommt immer meine Tendenz zum magischen Denken durch. Denn entgegen meiner Erfahrung mit Menschen, die in Glaubenssy- stemen stecken, hoffe ich, die Eltern kommen soweit zur Besinnung, dass man ihnen ihre Kinder wieder anvertrauen kann. Aber so kollidierte die weltliche Macht wieder einmal mit den Ideen zur überirdischen.

Das muss auch dem Staatsanwalt Umberto Pajarola aus dem Kanton Zürich aufgefallen sein, will er doch übersinnliche Phänomene zur Verbrechensbekämpfung einsetzen. Er denkt an Hellseher. Telepathie und Pendeln, zum Beispiel,
um vermisste Menschen wieder zu finden. Solche Forderungen sollte man nicht auf die leichte Schulter nehmen. Gerade als Demokraten sind wir hier gefordert! Wenn das Schule macht, könnte das ein Dammbruch sein, dessen Folgen kaum auszumalen sind. Die Nachahmer dürften nicht weit sein. Dann wäre es nicht nur am Telefon mit unserer Freiheit vorbei, sondern auch im Denken: Was wir wissen, weiß Kryon schon lange! Nicht auszudenken, wenn die Kryonschule erst die NSA schult. 125 Euro Energieausgleich sind für die doch ein Schnäppchen!

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