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Sinupret in der Kritik

Das pflanzliche Arzneimittel Sinupret® ist bei akuter und chronischer Entzündung der Nasennebenhöhlen zugelassen. Die meisten Menschen nehmen es, wenn sie „Schnupfen“ haben. Ich habe als Kind auch so einiges an Sinupret® verstoffwechselt, geschadet hat es mir (wahrscheinlich) nicht.

Der Nutzen von Sinupret® ist laut „arznei-telegramm“ nicht belegt. Sinupret® warb vor einigen Jahren mal mit einer Reihe von Studien, deren Methoden eher fragwürdig waren.

Für mich gehört Sinupret® zu den Arzneimitteln, die im Rahmen einer Krankheitskultur bei banalen Infekten und Männergrippe eingenommen werden können. So eine Art „Placebo-Plus“: Es ist ein Arzneimittel mit schwacher Evidenz, dass seine Wirkung aber nicht mit Magie begründet. Also ein „normales“, wahrscheinlich nicht wirksames Mittel. Eigentlich gehört es vom Markt genommen, aber es gibt andere Medikamente, die deutlich mehr Schaden anrichten. Zumindest sah es bisher so aus.

In der aktuellen Ausgabe des „arznei-telegramm“ (11/16) wird von einer Überempfindlichkeitsreaktion nach der Einnahme von Sinupret Extract ® berichtet. Bei der Patientin mit einem bekannten Asthma bronchiale führte das zu einem schweren Asthmaanfall (Status asthmaticus).

Pflanzliche Arzneimittel haben bei vielen Menschen einen guten Ruf, weil sie „natürlich“ sind. Dass viele Pflanzen „natürliche“ Abwehrstoffe gegen Fraßfeinde (dazu gehört auch der Mensch) produzieren, die auch tödlich sein können, wird dabei gern vergessen. Nebenwirkungen sprechen nicht grundsätzlich gegen die Einnahme eines Medikamentes, sie müssen jedoch durch die positive Wirkung aufgehoben werden.

Bei Sinupret® scheint die positive Wirkung überwiegend subjektiver Natur zu sein. Man muss also entscheiden, ob dieser Nutzen die Gefahr von Schadwirkung aufhebt. Leider gibt es immer noch nicht die Transparenz, von Seiten der Pharmaindustrie, auf die Patienten ein Recht haben. Im Gegenteil. In derselben Ausgabe des „Arznei-telegramm“ wird davon berichtet, dass die chinesische Behörde, die die Pharmaindustrie überwachen soll, 80% (!) der Studienergebnisse in China als Fälschung nachweisen konnte. Wir brauchen ALLE DATEN!!!

Weiterlesen:

Tod durch Intransparenz – 1:0 für die Pharmariesen

The Heat Is On For The Chinese Pharmaceutical Industry

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Achtsamkeit am Sonntag

[Alternativer Titel: Die sieben Höllen der Achtsamkeit]

Es gibt nur wenige Momente in denen ich nicht mit irgendwas beschäftigt bin. Ich habe einen recht unruhigen Geist und neige dazu, schnell angespannt zu sein. Das nervt mich bisweilen sehr und manchmal spiele ich mit dem Gedanken, ob ich vielleicht eine AD(H)S haben könnte. Das würde mich aber zum einen noch mehr nerven und zum andere habe ich ein ausreichend hohes Funktionsniveau, also verwerfe ich diesen Gedanken wieder und entscheide mich für „Ist halt so“. Es wäre aber schon schön, wenn ich mal (EINMAL!) zur Ruhe kommen könnte: „Ist halt so, muss aber nicht“.

Als Sohn von Hippie-Eltern fand ich buddhistische Mönche (gemeint ist die Idee von buddhistischen Mönchen, die jungen Menschen typischerweise in einem kleinen norddeutschen Dorf vermittelt werden) immer toll. Diese Ruhe, diese Ausgeglichenheit, dieses achtsame Sein. Achtsamkeit! Das ist der Begriff der Zeit. Alle wollen achtsam sein: achtsam essen, sitzen, liegen, schlafen. Achtsam kaufen, investieren, traden. Mindfullness ist ein anderer Begriff für Achtsamkeit. Wir. Alle. Sind. Nicht. Achtsam. N.O.T. M.I.N.D.F.U.L.L.

Das sei, so höre ich immer wieder, eine Krankheit unserer Zeit, auf uns prasselten so viele Informationen ein, da könne ja niemand zur Ruhe kommen. Wir Armen! Wir wünschen uns in eine Zeit zurück, in der wir, frei von Smartphone und Email, durch stille Wälder streichen, auf der Suche nach Nahrung und Unterschlupf. In der wir, auf der Fährte eines Tieres durch die Savanne wandern und nur das rascheln des Grases hören. Lauschen auf jedes Geräusch, entscheiden blitzschnell, ob es eine Bedrohung unserer materiellen Existenz bedeutet oder die nächste Mahlzeit. In letzterem Fall müssen wir blitzschnell dafür sorgen, die Beute nicht zu verscheuchen und die richtige Taktik anwenden, sie zu erlegen, ohne dass sie dabei unsere materielle Existenz bedroht. Wenn wir sie erlegt haben, verspeisen wir sie am Feuer, immer ein Auge und ein Ohr in der Umgebung, um Futterneidern gewahr zu werden, die unsere materielle Existenz bedrohen könnten. Um dann, wenn wir satt sind, in einen unruhigen Schlaf zu fallen. Was wären wir achtsam!

Am heutigen Sonntag, während der körperlichen Ertüchtigung im Freien, schalt ich mich: „Du bist noch immer nicht achtsam! Schäme Dich dieses Mangels!“ Und plötzlich war ich trotz des schönen Wetters und der prächtigen Umgebung angespannt und unzufrieden mit mir. Da war er wieder, der mindfull Stress.

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Wahn oder nicht Wahn?

In der Zeit gibt es diese Woche ein Sonderheft zum Thema Psychotherapie. Da habe ich qua Profession zugegriffen. Den allgemeinen Text über Psychotherapie finde ich insgesamt gelungen, gestolpert bin ich jedoch über folgenden Absatz:

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In meinem Text zu den Reichsbürgern habe genau das Gegenteil behauptet und mich gegen eine Pathologisierung politischer Ansichten gewandt. Auch in meinem Vortrag zum Zusammenhang zwischen der Zustimmung zu irrationalen Glaubenssystemen und psychischer Gesundheit, habe ich die Ansicht vertreten, dass es ein Zeichen psychischer Gesundheit sein kann, irrational sein handeln oder denken.

Nun würden mich die Quelle dieser „Erkenntnisse“ interessieren und was KollegInnen zu dieser Aussage denken. Ich halte die Aussage für Quatsch. Damit will ich nicht ausschließen, dass ein Mensch, der an einem Wahn leidet dies durch krude politische Ansichten zeigt. Aber nur weil ein Mensch nicht zu überzeugen ist (von den Argumenten, die ihm präsentiert werden, in der Form in der sie ihm präsentiert werden), ihm oder ihr einen Wahn anzudichten, erscheint mir doch als sehr psychiatrische Perspektive. Psychologische Faktoren werden dabei ignoriert. Oder irre ich mich und halte an einer irrationalen Überzeugung fest?

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Mein Energiefeld – Aktiv und Vital

Eines meiner Ziele im Leben ist es, mich vollumfänglich ganzheitlich, metaganzheitlich sozusagen, untersuchen zu lassen. Dazu war ich erneut auf der „aktiv und vital Messe“ in Dresden. Dort hatte ich letztes Jahr eine Irisdiagnostik machen lassen. Dieses Mal war mein Energiefeld an der Reihe! Dazu wurde die GDV Methode benutzt. Niemand am Messestand , an dem die Abkürzung in großen weißen Buchstaben als Methode angepriesen wurde, wusste, wofür „GDV“ steht. Aber dafür wusste man, wie ich das Problem lösen kann „googeln Sie doch mal“. Kompetenz! Das mag ich in meinen Heilern.

Bei diesem Verfahren werden die Fingerkuppen auf ein Gerät gelegt und das den Körper umgebene Energiefeld wird gemessen. Eine nette Dame am Computer sagt einem, welchen Finger man wann auf das Messfeld, welches unter einem schwarzen Tuch liegt, drücken soll. Das funktioniert, weil die Meridiane der Fingerkuppen durch das Messgerät gemessen werden. So klärte man mich auf Nachfrage auf.

Da eine Messung mit Ausdruck genauso viel kostete, wie eine Messung, eine bioenergetische Massage nach Viktor Philippi und eine erneute Messung, habe ich die bioenergetische Massage gleich mitgenommen. Also Messung, Massage, Messung.

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Im Bereich der unteren Extremitäten zeigen sich bei frontaler und rechtslateraler Ansicht deutliche heterogen verteilte hypokirlianische Bereiche.

Die Massage beschränkt sich darauf, dass jemand erst neben und dann hinter mir stand und seiner Hände entweder auf den Brustkorb und zwischen die Schulterblätter legte oder auf meine Schultern. Jeweils für 7 Minuten. Nach der ganzen Prozedur wurden meine Messungen ausgewertet. Toll, was da raus kam!

Der Herr, der die Auswertung machte, gab sich alle Mühe freundlich zu sein, wirkte aber irgendwie…wie eine leere Hülle, fahl. Das mag daran gelegen haben, dass der Messetag fast vorbei war. Trotzdem gab er sich alle Mühe durch Cold Reading Informationen aus mir herauszubekommen, um seine Aussagen zu meinem Energiefeld auf mich abstimmen zu können. Er stürzte sich auf jede konkrete Information die ich ihm gab. So interpretierte er die Lücken des Energiefeldes an den Beinen als Ausdruck von Problemen mit meiner Familie (ich hatte energisch genickt, als er „Probleme mit der Familie“ zur Auswahl gab). Denn, so seine Erklärung, so wie die Beine uns stützen, stützt uns auch die Familie.

Dass ich ein leichtes Druckgefühl spürte, als mir der bioenergetische Masseur die Hände auf die Brust legte, interpretierte der Herr als Angst. Weil, so seine vulgärpsychosomatische Erklärung, einem Angst die Kehle zuschnürt. Nur, dass die Kehle sehr weit vom Brustkorb entfernt liegt, anatomisch betrachtet.

Angst. Angst? Angst! Das war die Diagnose, ich habe Angst. Eine Angst, die ich selbst nicht spüre, die erst durch die fragwürdige Interpretation eines erwartbaren Symptoms im Rahmen einer bioenergetischen Massage erkennbar wird. Doch bevor ich das jetzt auf die leichte Schulter nahm, wurde mir deutlich gemacht, dass alle Erkrankungen durch seelische Probleme verursacht werden. „Alle?“ frage ich, „auch Krebs!?“. „Auch Krebs!“ sagt er, sanft lächelnd. Großer Hamer bewahre! Kann man da nicht was gegen machen?
Kann man! Eine Heilung könne er natürlich nicht versprechen – Zwinker, Zwinker – aber man könne da was machen. Und dass müsse man auch, denn Angst, bewusst oder unbewusst, mache krank.

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Die Behandlung hat die Symmetrisierung um 14% erhöht, jedoch deutliche Lücken im Bereich des Wurzelchakras aufgezeigt.

Ich bin gespannt auf die Behandlung. Psychotherapie? Exposition? Geburtstrauma verarbeiten? Reinkarnationstherapie? Öfter mal eine bioenergetische Massage?
Nein, eine Kerze. Ein Teelicht um genau zu sein. Das soll ich jeden Abend in der Wohnung anzünden und ausbrennen lassen. Denn Angst „geht ins Feuer“ und ist dann weg.
Also entweder macht mir meine unbewusste Angst Krebs oder ich zünde ein Teelicht an. Da fällt mir die Wahl nicht schwer. Doch vorher sollte ich vielleicht noch etwas über diese GDV Methode erfahren, vielleicht ist das ja alles Bullshit.

Das GDV Verfahren wurde von Dr. Konstantin Korotkov, einem Spezialisten des menschlichen Energiefeldes erfunden. Das Verfahren diene der „wissenschaftlichen Untersuchung“ des Energiefeldes und beruhe auf dem Kirlian-Effekt. Das GDV-Verfahren „erlaubt direkte, Echtzeitaufnahmen von Veränderungen“ im Energiefeld. Die „Information der Fingerspitzenkorona wird gemessen, sichtbar gemacht“ und mit einer Software analysiert. GDV demonstriere „den objektiven Einfluss mentaler und physischer Aktivität auf des menschliche Energiefeld.“

Ein tolles Verfahren. Irgendwie hat aber niemand gemerkt, dass ich meine Finger in der falschen Reihenfolge auf das Messfeld gedrückt hatte.

 

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Wissen zum Abgewöhnen

Sterben ist nicht so leicht wie man denkt. Wenn man es nicht aktiv versucht, sind die Chance in unseren Breiten, die 6. Dekade nicht zu erleben ziemlich gut. Und wenn man ein bisschen was dagegen macht, sind auch die 7. und 8. Dekade ein realistisches Ziel. Die Regeln dafür sind mittlerweile bekannt und Allgemeinplätze: Regelmäßige Bewegung, Alkohol in Maßen und nicht Rauchen. Trotzdem sind die Zeitungen voll von Ratschlägen, die behaupten, diese oder jene Aktion sorge dafür, dass man gesund bleibt und Alt wird. Besonders Essen wird dabei gerne mythisch aufgeladen.

Aber nicht nur über die Prävention eines vorzeitigen Todes wird in den Medien geschrieben, auch für Alltagsleiden werden „Behandlungen“ angeboten. Meist sind diese Berichte schlecht und schlicht falsch. Das sage nicht nur ich, das wurde nun auch systematisch untersucht. 11% ist die magische Nummer. 11% der Berichte zu Gesundheitsthemen in den Medien entsprechen dem aktuellen wissenschaftlichen Stand. Der Wetterbericht ist genauer, das Horoskop hat mehr Informationsgehalt als Berichte über Gesundheitsthemen. Dabei ist es fast egal, ob man eine Illustrierte liest oder eine „Qualitätszeitung“. Man kann es sich also sparen diese Berichte zu lesen und unter Umständen deren unsinnige Ratschläge zu umzusetzen und die Zeit anders nutzen. Hier wäre ein Vorschlag:

Weiterlesen:

Nur 11% der Gesundheits-Nachrichten stimmen

Medizin Transparent – Wissen was stimmt

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Essen ist nicht ungesund

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Prunkstillleben Abraham van Beijeren 1640–80 (Wikipedia)

In unsere Gesellschaft, legt ein tonangebender Teil sehr viel Wert darauf, möglichst „natürlich“ zu leben, sich „der Natur“ nahe zu fühlen. Ein Focus der Bemühungen liegt dabei auf dem Essen. Vergessen wird oft jedoch, dass Essen vor allem eines ist: lebensnotwendig. Wer nichts isst, stirbt. Der Zusammenhang ist dabei nicht so unmittelbar wie beim atmen, weil es länger dauert bis man verhungert ist als bis man erstickt ist. Doch er ist unbestreitbar, Lichtnahrung hin oder her.

Noch nie hatten so viele Menschen über einen so langen Zeitraum, eine so große Auswahl sicherer Lebensmittel wie heute in den Industrienationen. Den Wert der Nahrung, nämlich uns am Leben zu erhalten, scheinen dabei viele vergessen zu haben. Essen muss heute mehr sein. Öko, bio, regional, die Begriffe sind austauschbar und haben über Marketing hinaus keine Bedeutung. Natürlich ist auch diese Nahrung so wenig, wie alles andere was wir heute zu uns nehmen. Wichtig ist auch, dass Nahrung „gesund“ ist, wobei, wie gesagt, ignoriert wird, dass es am ungesundesten ist, keine Nahrung zu sich zu nehmen. Was es bedeutet, wenn Nahrung „gesund“ ist, kann oft ohnehin niemand sagen. Ob Nahrung in Zusammenhang mit der Entstehung von Krebs steht oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen begünstigen soll, irgendwas ist ja immer.

Und meistens ist es falsch. Gelegentlich dauert es nur wenige Monate, manchmal aber auch Jahre oder Jahrzehnte bis falsche Informationen über gesundheitliche Effekte von Nahrungsmitteln im öffentlichen Bewusstsein richtig gestellt werden. Darum geht es in einem Artikel von „Mayo Clinic Proceedings“. Darin wird erklärt, warum die meisten Studien zu den gesundheitlichen Effekten falsche Ergebnisse liefern und oft so konstruiert sind, dass es auch gar nicht anders geht. Der Autor fordert, weniger Studien zum Thema Nahrung und Gesundheit zu machen, diese dafür jedoch vernünftig.

Nicht, dass dieser Artikel irgendetwas ändern würde. Nahrung wird weiter nahezu religiös betrachtet und aufgeladen werden. Über den moralischen Aspekt, der auch zunehmend anstrengend wird, habe ich dabei noch nicht mal etwas gesagt.

Weiterlesen: Why Everything We ‚Know‘ About Diet and Nutrition Is Wrong

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Mahlzeitstillleben Willem Claesz. Heda Stillleben mit Brombeerpastete, 1631 (Wikipedia)

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Esoterik und psychische Gesundheit

Durch die fleißige Arbeit von Andreas Weimann im Hintergrund, ist nun auch mein Vortrag der diesjährigen Skepkon auf Youtube verfügbar. Ich versuchte darzulegen, warum Menschen, die irrationalen Ideen anhängen nicht „verrückt“ sein müssen. Unabhängig davon, wie abgefahren anderen die Idee erscheinen kann. Im kommenden Skeptiker (03/15) ist ein Text zum Thema geplant.

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Impfen, in Fachkreisen unumstritten

Heute mal etwas Zweitverwertung. Da es ein äußerst vernünftiger Zeitvertreib ist, online mit Menschen zu diskutieren und da gerade auf Facebook das Diskussionsniveau so hoch ist, verbringe ich, als äußerst vernünftiger Mensch, damit viel Zeit. Und so habe ich auf der beliebten Plattform darüber diskutiert, ob die Praxis des Impfens* in „Fachkreisen“ seit Jahren umstritten ist. Das ist natürlich Unsinn und ich habe hier eine klitzeklitzekleine Sammlung, von Textausschnitten, die das schön belegt:

Der Bundesverband der Kinder- und Jugendärzte schreibt auf seiner Website:


„Impfungen sind wichtig, damit ein Kind frühzeitig einen ausreichenden Schutz gegen schwere Infektionen aufbauen kann. Impfungen verhindern den Ausbruch gefährlicher Krankheiten, die häufig mit Komplikationen verbunden sind und für die es zum Teil auch heute noch keine geeignete Therapie gibt. „

Auf der Website des Bundesverbandes Deutscher Internisten ist unter anderem zu lesen:

„Impfpass überprüfen – „Schütze Deine Welt – lass Dich impfen“, ist das Motto der diesjährigen 8. Europäischen Impfwoche, die vom 22. bis zum 27. April 2013 stattfindet. „Impfungen sind ein wichtiger Schutz gegen übertragbare Krankheiten“, erklärt Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr.“

Der Bundesgerichtshof schrieb in einem Urteil (.pdf) zu einem Prozess in dem es um einen Impfschaden ging, am 15.02.2000 das die von der StIKo empfohlenen Impfungen medizinischer Standard sind.

In der AWMF-Leitlinie (.pdf) zum Thema „Kindesmisshandlung und Vernachlässigung“ steht unter dem Punkt „Vernachlässigung“:

„Es kann sich um vermeidbare Gesundheitsschäden durch mangelnde Fürsorge, z.B. fehlende Impfungen, Vitamin-D-Mangel-Rachitis, unzureichende Unterkunft und Kleidung oder vermeidbare Unfälle durch mangelnde Aufsicht handeln.“

Sowohl die Deutsche Gesellschaft für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin eV (DGSPJ), die wissenschaftliche Fachgesellschaft der Kinder- und Jugendmedizin in Deutschland (DGKJ) und die Deutsche Gesellschaft für Kinderchirurgie (DGKCh) denken, ein Kind nicht lege artis zu impfen ist so, als würde man ihm nichts richtiges zum Anziehen geben. Das Wort was in den Sinn kommt ist „fahrlässig“ (nicht schimpfen, ich bin kein Jurist).

Auf den Seiten vom Robert-Koch-Institut findet man zum Thema impfen „20 Einwände und Antworten des Robert Koch-Instituts und des Paul-Ehrlich-Instituts„. Das RKI ist ein Bundesinstitut und hat u.a. folgende Aufgabe:

„Der Auftrag des Robert-Koch-Instituts umfasst sowohl die Beobachtung des Auftretens von Krankheiten und relevanter Gesundheitsgefahren in der Bevölkerung als auch das Ableiten und wissenschaftliche Begründen der erforderlichen Maßnahmen zum wirkungsvollen Schutz der Gesundheit der Bevölkerung.“ (Wikipedia)

Das Paul-Ehrlich-Institut spricht sich ebenfalls für die, zugelassenen, Impfungen aus (wenn die jeweilige Indikation eingehalten wird):

„Das Paul-Ehrlich-Institut ist zuständig für die Zulassung und staatliche Chargenfreigabe von biomedizinischen Arzneimitteln (siehe deutsches Arzneimittelgesetz, Gesetz zur Errichtung eines Bundesamtes für Sera und Impfstoffe) und trägt wesentlich zur Sicherheit dieser Arzneimittel bei.“ (Wikipedia)

Ich weiß nicht, wie man das anders nennen kann als Einigkeit.

Natürlich steht es jedem Menschen frei, sich oder seine/ihre Kinder zu impfen zu lassen. Es muss einem dabei nur bewusst sein, dass man fahrlässig handelt.

*Natürlich ist es absoluter Unsinn zu schreiben „Impfen ist gut“ oder etwas in die Richtung. Es sind immer spezielle Impfungen gemeint, die indiziert sein müssen. Nur damit keine Missverständnisse verstehen…

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Rüdiger Dahlke – Der sanfte Erlöser

[Vor der Leinwand auf der sonst das bürgerliche Publikum mit anspruchsvoller cineastischer Kost bedient wird, steht Rüdiger Dahlke. Das Licht schummrig, an der Seite ein Tisch mit Unterlagen auf dem eine Kerze brennt. Es wird ruhiger, das murmeln des Publikums leiser. Dahlke dieser schmale Mann mit dem eiförmigen Kopf und der randlosen Brille, gekleidet in elegantes aber nicht pompöses Gewand, klappt Fallblätter auf und legt Einlegeblätter hinein. Er ist ganz bei sich, nichts deutet darauf hin, dass es eine wichtigere oder drängender Aufgabe gäbe als diese Broschüren zu vervollständigen. Das ist gelebte Achtsamkeit.

Seht her! Wie ich hier stehe. Ein einfacher Mann, bodenständig und arbeitsam. Ich sortiere hier meine eigenen Broschüren ein, obwohl mein Vortrag in wenigen Minuten beginnt. Genau vor Eurer Nase, so dass ihr es alle seht, sehen müsst. ‚Dieser Dahlke ist wirklich ein ganz sympathischer Mensch, der ist sich auch für einfache Arbeiten nicht zu schade.‘ Diese einfache Arbeit mache ich selbst, wenn das nicht sympathisch ist, weiß ich auch nicht, was.“]

Rüdiger Dahlke war zum Vortrag in Dresden. Dieser Stadt bleibt wirklich nichts erspart. Bereits vor Beginn des Abends stand dessen Ergebnis fest: Dahlke hat Recht. Immer. Auf dem Weg zu diesem Ergebnis macht er keine Gefangenen und hinterlässt intellektuelle Kollateralschäden apokalyptischen Ausmaßes. Er nimmt sich einen Fakt nach dem anderen vor und lässt sie schneller ausbluten als George R.R. Martin seine Protagonisten in Game of Thrones.

Dahlke ist Arzt und Psychotherapeut. Was liegt da näher als seine, in der Ausbildung erhaltenen, Werkzeuge zu nutzen. Zumindest einen Teil davon. Einen kleinen Teil. Die Soft-Skills. Hard-Skills würden heute nur stören.

Bevor es ans Eingemachte geht, holt Dahlke uns, seine Jünger, ins Boot. Er erzählt von sich. Er kommt aus einfachen Verhältnissen (wie sich das gehört für einen Erlöser). Aufgewachsen ist er in Berlin und hat dort in Bombenkratern gespielt. Das war zu einer Zeit als Kinder noch die Chance hatten, sich durch Diphtherie karmisch zu reinigen; die gute alte Zeit. Dahlke spricht ruhig, lächelt, hält die Hände auf Höhe der Mitte seines Torsos. Eine Abwehrhaltung. Zur Schule musste er nicht gehen, solange er immer Einsen hatte. Ob dieser fragwürdigen Aussage geht kein Raunen durch das Publikum. Niemand tuschelt: „Kann das sein?“ Klar kann das sein, Dahlke ist Dahlke; grobstofflicher, materialistisch geprägter Unterricht ist seiner nicht würdig. Man kann sich nur vorstellen, wie eine solche Aussage heute in einer Gruppe von Jugendlichen aufgefasst worden wäre: ‚Deine Mutter musste nicht zu Schule gehen, Du Opfer.‘ Ob Dahlke oft verhauen wurde, damals im Bombenkrater?

Man muss Dahlke einfach mögen und Dahlke mag sein Publikum. Bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit schafft er Gelegenheit zum Othering. Outgroups von denen Abgrenzung lohnt, findet er genug: Dicke, Autofahrer, Diabetiker, Pillenschlucker, Männer. Dahlke lästert so viel über Männer, dass dem überwiegend weiblichen Publikum nicht auffällt, was für eine paternalistische Kackscheisse dieser Mann eigentlich vertritt.

Hier werden Frauen sanft an ihren Platz bugsiert, den Herd. Denn kochen ist Frauensache. Und Essen ist für Dahlke der Schlüssel zu Gesundheit, das Grundübel. Darum hat er „Peace-Food“ erfunden, eine Form veganer Rohkosternährung, nur besser, ganzheitlicher, sanfter. Indem er Frauen für die Ernährung Verantwortung gibt, schreibt er die biblische Idee der Ursünde fort. Seine Vorliebe für Esoterisches hindert Dahlke nicht, auch Gott für seine Sache zu vereinnahmen.

Um sich von allem Übel frei zu machen, hilft nur der Verzicht. Dabei verzichten fromme Patienten Dahlkes gleich mehrfach. Auf tierische Produkte, so sie Nahrung zu sich nehmen. Auf jegliche Nahrung, wenn sie es wirklich ernst meinen. Dahlke spricht vom Fasten, wie von einer Liebhaberin. Verzichtet wird auch auf Wirkstoffe, denn ohne Homöopathie kommt man bei Dahlke nicht aus. Wenn er das Wort „homöopathisch“ säuselt, wird die Nase gleich ein bisschen freier, der Schmerz lässt nach.

Dahlke ist der Mensch-gewordene Placeboeffekt. Er heißt, sieht aus und spricht wie ein ausgebildeter Mediziner, doch die Botschaft ist leer. Wenn die Sanftheit geht, bleibt Nichts übrig. Dahlkes warme Worte versprechen Halt. Wer dieses Versprechen einlösen will, bleibt jedoch allein zurück, in der vernebelten Wirklichkeit, die Dahlke hinterlassen hat. Orientierungslos, im freien Fall, ganzheitliche Einsamkeit. Was passiert, wenn Menschen Dahlkes zusammenfantasierten Ratschlägen folgen? Diese können, im Ausmaß ihrer Ignoranz, lebensgefährlich sein. So solle man zum Beispiel laut Dahlke lieber Rauchen als Milchprodukte zu sich zu nehmen. Letztere seien viieehhl gefährlicher. Wer vollständig auf Milchprodukte verzichte, könne die „Verkalkung der Herzkranzgefäße rückgängig“ (sic!) machen. Medikamente seien dann nicht mehr nötig. Rest In Peace Food.

Wenn Dahlke erklärt, wie Krankheiten entstehen, ist seine geistige Nähe zu Ryke Geerd Hamer unüberhörbar. Im Grunde ist alles psychisch bedingt und bei Krebs geht es immer (sic!) um Selbstverwirklichung. Lediglich von Planeten, Tierkreiszeichen und, natürlich, dem Karma beeinflusst. Dabei scheut Dahlke auch nicht davor, sich in der Bibel zu bedienen. Für ihn ist sie im Grunde ein Psychosomatikbuch, wahrscheinlich in einer Reihe mit Harry Potter und der Twilight-Saga. So kann Dahlke im Falle von Brustkrebs anhand der betroffenen Seite den „Ursprung“ oder das „Thema“ des Traumas erklären. Links Mondtematik, rechts Venustematik. Irgendwas mit Mutter und Liebhaberin. Für die genaue Bedeutung fragen Sie den lokalen Vulgärpsychosomatiker.

In einem Land mit dem Recht auf freie Meinungsäußerung ist im Prinzip nichts dagegen zu sagen, wenn jemand sich in ein Kino stellt und Bullshit von sich gibt. Dass sich Standesorganisationen gefallen lassen, dass dieser Bullshit im Namen einer Profession verbreitet wird, ist allerdings problematisch. Dahlke schimpft zwar auf Ärzte, sonnt sich aber selbst im Glanze des Berufsstandes. Das ist symptomatisch für alles was er sagt. Wissenschaft ist für Dahlke zwar zum abgewöhnen, wenn es jedoch darum geht, seine hanebüchenen Hypothesen zu belegen, ist ihm keine Studie zu schade. Ärzte verstehen nichts von Ernährung. Er als Arzt hingegen äußert sich zu Themenbereichen wie Gesundheit (dabei bedient er jede Fachrichtung), Ernährung, Kinder, Achtsamkeit, Philosophie, Psychologie und Gärtnern, um nur eine Auswahl zu nennen. Zu einigen Themen scheint ihn die Ärztekammer Niedersachsen sogar Fortbildungen geben zu lassen, zumindest behauptet er das in seinem Vortrag. Und das sind doch mal gute Nachrichten! Wer den Vortrag in Dresden verpasst hat, fragt einfach bei der Ärztekammer vor Ort nach, ob die nicht einen öffentlichen Vortrag von Dahlke organisiert. Der örtliche Globulivertreiber serviert vielleicht ein paar Schnittchen Peace Food. Oder das örtliche Solarium einen Happen Lichtnahrung.

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Vom Leben und dem Sterben meines Vaters

[Am Ende meines Studiums, während des PJ (Praktisches Jahr) saßen meine KommilitonInnen und ich im Besprechungsraum der Inneren Klinik und hatten eine Fortbildung beim Chefarzt. Einem Mann, der als Kind mit einem Flüchtlingsboot nach Deutschland gekommen war. Am Ende sagte er, das Studium mache uns zu Medizinern, doch zu Ärzten forme erst das Leben.]

Vor etwas mehr als einer Woche ist mein Vater an den Folgen eines Schlaganfalls von Ende Januar gestorben…zumindest so ungefähr.

Mitte Dezember war ich bei meinem Vater zu Besuch, ich habe ihn 3-4 mal im Jahr gesehen seit ich in Dresden wohne. Kurzatmig war mein Vater bereits seit einigen Jahren und so überraschte mich nicht, dass ich zwei Sprays bei ihm in der Küche liegen sah und er auf meine Nachfrage sagte, er habe eine COPD (Chronisch Obstruktive Lungenerkrankung). Überraschend war das nicht, war er doch seit fast fünf Dekaden starker Raucher. Beinahe amüsant, in jedem Falle jedoch faszinierend war, dass er nach einem Umzug vor ca. 2 Jahren eine Verbesserung seiner Kurzatmigkeit erlebte und es damit erklärt, dass seine vorherige Wohnung wohl mit Pilzsporen belastet gewesen sein musste. Ob er im Umzugsstress vielleicht weniger Gelegenheit zum Rauchen gehabt hatte, hatte ich nicht gefragt, war auch nicht wichtig. Im Dezember, bei meinem Besuch schienen die Pilzsporen zurückgekehrt zu sein, denn mein Vater schnaufte bereits im Sitzen, schwitzte beim Essen und hatte geschwollene Knöchel. Alles nicht unbedingt Zeichen für ein leistungsfähiges Herz, einem Organ das ziemlich an der Lunge hängt. Nebenbei berichtete er etwas lakonisch über einen erhöhten Blutdruck und dass man ihm habe Marcumar verschreiben wollen, was darauf hindeutet, dass er auch Vorhofflimmern hatte. Eigentlich hätte ich ihn einpacken und ins Krankenhaus bringen müssen, damit er dort auf die notwendigen Medikamente hätte eingestellt werden können. Nur wusste ich zum einen, dass er nicht mitgekommen wäre und zum anderen die Medikamente ohnehin nicht dauerhaft genommen hätte. Eine Einschränkung seiner Autonomie durch die regelmäßige Einnahme von ’Pillen’, das Achten auf die passenden Begleitumstände und das Hinnehmen von Nebenwirkungen hätte er nicht akzeptiert. Also schluckte ich die Medizinerkommentare runter und sagte ihm, er solle möglichst bald mal zu seinem Hausarzt und sein Herz untersuchen lassen. Außerdem hoffte ich, dass ich mich irrte und vielleicht alles gar nicht so schlimm war. Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Es ist faszinierend, dass mein Vater, der sich über den Nachweis des Higgs-Bosons mehr freute als andere Menschen über den Weltmeistertitel der Fussball-Nationalmannschaft, der ein Raumschiff bauen wollte und mir bereits von supraleitenden Keramiken erzählte als ich in Physik das erste Mal von Newton hörte, dass dieser mein Vater sich entschied, seine medizinische Versorgung auf die Standards der Steinzeit zu beschränken. Das ist eine ungünstige Voraussetzung wenn man das seit 45 Jahren mit dem Lebensstil eines 20 jährigen kombiniert, eines 20 jährigen, der trinkt, raucht, zuviel wiegt und sich wenig bewegt.

Und so war ich irgendwie auf den Anruf vorbereitet, wenn das überhaupt geht, der mich an einem Sonntagmorgen aus dem Schlaf riss. Seine Lebensgefährtin sagte mir, sie müsste jetzt ins Krankenhaus, weil mein Vater einen Schlaganfall gehabt hätte. Glücklicherweise hatte ich Geschwister, die ich anrufen musste um sie zu informieren, ich weiß nicht, wie es mir ergangen wäre, wäre ich mit dieser Situation allein gewesen. Mediziner gehen mit Ihrer Arbeit unter anderem um, indem sie abstrahieren und so erklärte ich bei mehreren Gelegenheiten, was meinem Vater passiert war. Die wiederholten Erklärungen was ein Schlaganfall ist, wie es vielleicht weiter geht und die Bewertung der spärlichen Informationen aus mittlerweile zwei Anrufen aus Köln, sorgten für eine gewisse rationale Benommenheit, die Trauer und Angst in den Hintergrund rückte. Im Laufe des Tages schien es ihm schon wieder besser zu gehen und ich dachte: „Da hat der Alte aber Glück gehabt.“ Und war froh, denn ich wollte nicht daran denken, was es mit ihm gemacht hätte, wenn er schwere Folgen davon getragen hätte.

Am nächsten Tag klingelte mein Handy auf der Arbeit, normalerweise habe ich es dort nicht in der Hosentasche, in Anbetracht der Umstände war das anders. Es war irgendwann nach dem Mittagessen und auf Station war, dank Myrphys Gesetz, die Hölle los. Meine Kolleginnen hatte ich morgens informiert, lief ein wenig rum wie Falschgeld und übernahm Arbeiten, bei denen man nicht viel falsch machen konnte, die aber trotzdem Zeit kosteten. Dann klingelte das Telefon und ich stand im Behandlungszimmer und weinte. Die Lebensgefährtin meines Vaters hatte mir gesagt, innerhalb der nächsten Stunde müssten wir entscheiden, ob mein Vater „entdeckelt“ werden sollte. Dabei wird ein Teil des Schädelknochens entfernt, um dem Hirn bei Hirndruck Raum zu geben. Ich weinte nicht, weil ich nicht wusste, was ich tun sollte, sondern weil ich wusste, was ich tun musste. Mein Vater hätte dieser Prozedur niemals zugestimmt und mir war klar, dass ich ihn mit dieser Entscheidung zum Tode verurteilen konnte. Glücklicherweise waren seine Lebensgefährtin und ich uns einig über das Vorgehen und entschieden gegen die OP. An Arbeiten war nicht mehr wirklich zu denken und die Worte eines Freundes am Telefon weckten mich aus meiner Trance: „Dein Vater stirbt, Du musst da hin!“ manchmal muss jemand anders aussprechen, was man selbst schon weiß, damit man entsprechend handelt.

Abends war ich in Köln.

Am nächsten Tag auf der Stroke Unit sprach die Oberärztin mit uns, noch bevor ich meinen Vater gesehen hatte. Sie sagte, es sei doch nicht so schlimm, die OP vielleicht ohnehin nicht nötig, der Infarkt jedoch ziemlich groß. Als ich das CT-Bild sah spürte ich keine Emotionen, sah nur einen Mediainfarkt, der große Teile einer Hemisphäre betraf. Die Oberärztin sagte, unter den gegebenen Umständen hätte sie Bauchschmerzen, meinen Vater nur palliativ zu versorgen, mit Reha sei noch ’einiges an Lebensqualität’ möglich. Als Mediziner konnte ich sie gut verstehen, als Sohn war mir klar, dem Mann hinter dem CT-Bild würde ‚einiges an Lebensqualität‘ niemals ausreichen; wer sich seinen Zeitplan nicht von Pillen vorschreiben lassen wollte, für den war ein, im besten Falle, Rollstuhl eine inakzeptable Option. Glücklicherweise war er an diesem Tag in der Lage sich an der Entscheidung zu beteiligen…bzw. sie selbst zu treffen.

Ich wusste, noch bevor wir das Zimmer betraten, was mich erwartet. Ich wusste wie Menschen nach einem Schlaganfall aussehen, Menschen in Krankenbetten sind ein für mich vertrauter Anblick. Mein Vater trug die untrüglichen Zeichen eines Menschen der plötzlich eines großen Teils seiner Autonomie beraubt wurde. Der hängende Mundwinkel nur eines davon. Die Haare trugen den Glanz, den man oft sehen kann, wenn man morgens ungekämmt und ungewaschen in den Spiegel schaut oder wenn man im Krankenhaus liegt. Der Mediziner abstrahierte die Situation, vollkommen automatisch, der Sohn wollte geschockt sein und konnte nicht.

Ich zeigte ihm sein CT-Bild, erklärte ihm, welche Hirnregionen betroffen waren, was das für seine Wiederherstellung bedeutete, wo deren Grenzen lagen und wo ihre Möglichkeiten.

„Kein Rollstuhl!“

Damit war die Entscheidung mit der ich gerechnet hatte, ausgesprochen und meine Aufgabe klar.

„Ich will eine Murmmelbahn für meinen Enkel bauen, dafür muss ich Stöcker im Wald sammeln, das geht mit Rollstuhl nicht.“

Logik die begeistert. Diesen Satz sagte mein Vater mit sichtlichen Schwierigkeiten einem jungen Arzt in Weiterbildung, der noch einmal versucht hatte, meinen Vater mit ‚einiges an Lebensqualität‘ zu locken. Damit war der Fahrplan klar, mein Vater würde die Stroke Unit verlassen und möglichst bald nach Hause verlegt werden um dort, so sein Wunsch, zu sterben, „aufgehört zu leben habe ich schon“.

Ich bin ja einer der Ersten, der sich über die Praxis der heutigen Medizin beschwert aber das Personal im St. Marien Krankenhaus in Bergisch Gladbach war einfach unglaublich gut. Wahrscheinlich wurden viele Dinge alleine dadurch möglich, dass mein Vater als „palliativ“ geführt wurde, am Ende der Woche war er auf jeden Fall zu Hause.

Ich hatte ihm gesagt, was ihn wahrscheinlich erwartete. Von seinem Schlaganfall ging keine Lebensgefahr mehr aus und theoretisch hätte er mit dessen Folgen lange leben können. Das war auch die Aussage der Oberärztin. Niemand würde vorhersagen können, wie lange „es“ noch dauern würde. Ich versprach ihm, dafür zu sorgen, dass keine lebensverlängernden Maßnahmen durchgeführt werden würden, jedoch dafür gesorgt werden würde, dass er nicht leidet. Das letzte Versprechen würde ich nicht ganz einhalten können, das wusste ich zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht. Ich riet der Lebensgefährtin meines Vaters im Falle einer Verschlechterung seines Zustands nicht den Notarzt zu rufen, weil der ihn dann vielleicht mitnehmen würde. Notfallmedizin und Palliativmedizin sind nicht gut kompatibel.

Was sagt man seinem Vater, der nicht mehr leben möchte, wenn man ihn vielleicht das letzte Mal sieht? Die letzte Umarmung, die ich von meinem Vater bekam war eine einarmige und für einen Mann der in einem Krankenhausbett lag, eine erstaunlich kräftige. Ich sagte ihm, seine Enkel würden sein Raumschiff bauen, weil er in seinen Kindern Wissensdurst und Neugier geweckt hatte. Ich sagte ihm, dass ich ihn liebe. Und dann wünschte ich ihm eine gute Reise und sah ihn zum letzten Mal lebendig. Als ich aus dem Zimmer ging winkte er mit seinem gesunden Arm, hielt seinen Kopf schief, wahrscheinlich um mich trotz eingeschränkter Sicht zu erkennen und schaute mich, mit dieser asymmetrischen Mimik sehnsüchtig an. Vielleicht war es die Sehnsucht nach vielen unausgesprochenen Worten, die Sehnsucht nach mehr Zeit, Zeit mit seinen Kindern und Enkeln, leiblich und angenommen. Zeit auf diesem Planeten voller Wunder, die nur darauf warten noch entdeckt zu werden.

Wir hatten dafür gesorgt, dass nicht nur ein herkömmlicher, sondern auch ein palliativer Pflegedienst die Versorgung meines Vaters sicherstellen würde, letzterer sollte dafür sorgen, dass die Phase, die dem Tod voraus geht eine für meinen Vater würdige sein würde.

Am Wochenende schien mein Vater, so wurde mir zumindest berichtet, noch einmal aufzublühen, wurde sogar in den Rollstuhl gesetzt, trank Bier (alkoholfreies, wegen der Gesundheit) und rauchte die eine oder andere Zigarette. Die Hoffnung stirbt zuletzt. Wenn sich seine Umgebung auch erhoffte, er würde noch einmal Lebenswillen finden, konnte ich mir das nicht Recht vorstellen. Ich wusste, das ein System das aus der Balance geraten war wie der Körper meines Vaters, Ungleichgewichte noch einige Tage kompensieren konnte, dann jedoch ein kleiner Anlass genügte um es zum kollabieren zu bringen. Doch ich hielt mich zurück meine Ansicht allzu offen zu vertreten, das Wissen eines Mediziners kann auch grausam sein.

Anfang der Woche bekam ich einen Anruf der Lebensgefährtin meines Vaters in dem sie sagte, er habe morgens eine „Panikattacke“ gehabt und schon den ganzen Tag Atemprobleme. Sie habe ihm bereits etwas zur Beruhigung gegeben, der Palliativpflegedienst habe jedoch gesagt, sie solle den Hausarzt anrufen, welcher gesagt habe, sie solle den Notarzt anrufen, was keine Option war. Sie hielt den Hörer an den Mund meines Vaters und der Mediziner hörte den Atem eines Menschen der respiratorisch dekompensierte und Beatmungspflichtig wurde. Ich hörte meinen Vater, wie er um Atem und mit dem Tode rang. Ich fragte mich, wieso es einen Palliativpflegedienst gibt, der nicht kommt, wenn man ihn benötigt? Ich sagte, seine Lebensgefährtin solle beim Kassenärztlichen Notdienst anrufen, die Situation schildern und einen Hausbesuch verlangen. Ich war über 500 Kilometer weit weg und konnte nur darauf hoffen, dass irgendjemand noch das Versprechen einlösen würde, dass ich meinem Vater gegeben hatte. Im Rückblick hätte ich diese Anrufe machen müssen.

Die Nachrichten meiner Geschwister an diesem Abend waren geteilt zwischen Unsicherheit, wegen der Geschehnisse des Tages und Hoffnung, mit Blick auf die guten Phasen vom Wochenende. Ich schwieg.

Am nächsten Morgen um kurz vor sechs klingelte mein Telefon und die Lebensgefährtin meines Vaters sagte, der Hausarzt sei da gewesen und habe Morphin gespritzt, worauf es meinem Vater besser gegangen sei, um Mitternacht sei eine weitere Spritze gegeben worden und jetzt schlafe er.

Um neun klingelte auf der Arbeit mein Telefon: Mein Vater hatte aufgehört zu atmen. Seine Reise war zu Ende. Das Ziel war immer klar gewesen, doch den Weg hat er bis zum Schluss selbst bestimmt.

Zwei Tage später träumte ich von meinem Vater in seinem Krankenhauszimmer. Er und sein Bett im goldenen Licht der Abendsonne, die Vorhänge wehten leicht im Wind, der durch die geöffneten Fenster kam. Er schaute zu mir, winkte mir zu und lächelte, beide Mundwinkel waren oben.

[…to be continued]

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